Geisteswissenschaften

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Bill Bryson

Eine kurze Geschichte von fast allem

Brysons Rundumschlag halte ich für ein sehr erstaunliches Buch, weshalb ich hier gerne auf die neue Besprechung von Marius Fränzel verweise.

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Von der Literatur”wissenschaft” zur Literaturwissenschaft

Nachdem ich einen guten Teil meines akademischen Lebens der Frage widmete, wie man Literaturwissenschaft methodisch besser betreiben könnte, beobachte ich dieses Thema natürlich nach wie vor. Empfehlenswert dazu ist der Artikel “Measure for Measure” von Jonathan Gottschall, der verstärkt naturwissenschaftliche Methoden zum Einsatz bringen will. Auf sein im Herbst erscheinendes Buch Literature, Science, and a New Humanities können wir gespannt sein.

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Philosophie verständlich

Es herrscht ja speziell im deutschsprachigen Raum in der Öffentlichkeit die Auffassung, Philosophie ist per se dunkel und unverständlich. Schlimmer noch, Dunkelheit wird oft mit geistiger Tiefe assoziert. Das ist ebenso falsch wie schädlich für die Philosophie, weshalb mir das Projekt Philosophie verständlich der Universität Bielefeld sehr sympathisch ist. Man sehe selbst.

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Empfehlungen: The Teaching Company

Diese Entdeckung zähle ich zu meinen wichtigsten der letzten Jahre, gibt sie mir doch die Möglichkeit “nebenbei” einer Menge interessanter Dinge anzuhören oder Bekanntes aufzufrischen. Wie extensiv ich das inzwischen machen, sieht man an meiner Lese- und Hörliste.

Die Teaching Company bietet als Geschäftsmodell Vorlesungen zum Kauf bzw. Laden an. Dazu werden didaktisch begabte amerikanische Professoren gebeten, über ihre Spezialgebiete zu sprechen. Viele dieser Kurse sind achtzehn Stunden und länger und erreichen damit die Länge einer “echten” Univeranstaltung.
Inzwischen gibt es Hunderte von Themen, über die man sich am besten auf der Webseite der TTC einen Überblick verschafft. Der Schwerpunkt liegt auf klassischem Bildungsgut, weshalb erfreulicherweise auch die Antike nicht zu kurz kommt. Man hat die Wahl zwischen Audio/MP3 und DVD Versionen. Meist reicht Audio aus, nur bei Themen wie Kunstgeschichte oder Anatomie sollte man naturgemäß nicht im Dunkeln tappen. Die regulären Preise sind sehr hoch, es wird aber jeder Kurs einmal pro Jahr zum “Sales Price” angeboten und dadurch signifikant billiger.

Im Gegensatz zu ihren deutschsprachigen Kollegen, sind angelsächsische Lehrende meist rhetorisch sehr begabt: Man hört ihnen gerne und mit Spannung zu. Ich höre diese Kurse meist nebenbei, auf dem Weg zur Arbeit, auf Reisen, bei diversen Routinetätigkeiten etwa, und komme so auf durchschnittlich eineinhalb Stunden pro Tag.

Zu einigen der Lehrenden baut man regelrecht eine intellektuelle Beziehung auf. Brillant und geistreich ist etwa alles, was Robert Greenberg über Klassische Musik zu sagen hat. Bart Ehrman leuchtet gedankenreich und kritisch die Zeit des Neuen Testaments aus. Bob Brier ist ein erstklassiger Referent über das Alte Ägypten. Robert Hazen hat mit “Joy of Science” eine beachtliche Einführung in naturwissenschaftliches Denken vorgelegt.

Bis auf wenige Ausnahmen (“Buddhism”) sind mir bisher keine Kurse untergekommen, die nicht hörenswert gewesen wären. Wie so oft ist es sehr schade, dass es nichts Vergleichbares auf Deutsch gibt.

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Empfehlungen: New York Review of Books

Gäbe es eine platonische Idee für “Zeitschrift”, käme die NYRB diesem Ideal wohl ziemlich nahe. Seit etwa 10 Jahren versäume ich keine Ausgabe, und diese Lektüre hat sich inzwischen zu einer unverzichtbaren intellektuellen Grundversorgung entwickelt.

Die zwanzig Ausgaben pro Jahr ergeben einen ausgezeichneten Überblick zu sehr vielen Fachgebieten. Die Artikel sind von bewährten Fachleuten verfasst und überschreiten das Genre der Rezension in mehrerer Hinsicht: Es werden nicht nur neue Bücher vorgestellt, sondern meist auch ein Überblick über den aktuellen Diskussionsstand eines Fachgebiets gegeben. Das setzt natürlich eine entsprechende Textlänge voraus. Die NYRB ist das Gegenmittel zur weit verbreiteten Häppchenpublizistik. Darüberhinaus wird man mit der fundierten Meinung des Verfassers zu einem Thema konfrontiert. Man “erspart” sich dadurch oft die Lektüre vieler Bücher, und wer hat schon Zeit regelmäßig Neuerscheinungen über die Renaissance, die Klimaforschung, Sklaverei in den USA, Biographien über viele Klassiker, den Irakkrieg oder Musikgeschichte zu lesen? Als zusätzlichen Service bekommt man eine Menge Verlagsanzeigen über neue Bücher ins Haus, inserieren in der NYRB doch nicht nur alle führenden “University Presses”.

Analytische und investigative Artikel zu politischen und wirtschaftlichen Angelegenheiten runden die NYRB ab. Die Blattlinie ist in jeder Hinsicht der Aufklärung verpflichtet und läßt sich wohl am besten mit linksliberal beschreiben. Postmoderne Dampfplauderein sucht man auf den Seiten der NYRB (anders als z.B. in der “London Review of Books”) vergeblich. Das passte auch schlecht zur klassischen Gelehrsamkeit der meisten Texte. Die sonst übliche Kluft zwischen Geistes- und Naturwissenschaften kann man ebenfalls nicht konstatieren.

Die NYRB hat eine Reihe von Stammautoren (20-30), die sich regelmäßig zu Wort melden. Diese schreiben nicht nur vorzügliche Artikel, sondern veröffentlichen auch regelmäßig Bücher. Man rutscht auf diese Weise lesend in eine Gemeinschaft vorzüglicher Sach- und Fachbuchautoren hinein, ein angenehmer Nebeneffekt.

Viele Jahre wurde die NYRB von Mäzenen aus New York am Leben erhalten. Seit längerer Zeit trägt sich das Projekt selbst (Auflage jenseits der 100.000 weltweit). Die besten europäischen Zeitschriften (“Lettre”, “Merkur”…) bringen regelmäßig übersetzte NYRB-Artikel. Warum nicht gleich das Original lesen? Abonnements gibt es hier.

[Hier ein weiterer kurzer Text über die NYRB, zuerst publiziert auf koellerer.de]

Entdeckt habe ich die NYRB erst ziemlich spät, 1996 um genau zu sein. Meiner Meinung nach handelt es sich weltweit um die beste Zeitschrift zu intellektuellen Themen, im deutschsprachigen Raum gibt es leider nichts vergleichbares. Ansatzweise die eine oder andere Buch-Zeitschrift. Aber halb- oder vierteljährliche Erscheinungstermine, können mit den 20 NYRB-Ausgaben nicht konkurrieren.

Dabei ist das Rezept denkbar einfach: Man nehme die besten Fachleute zu einem Thema, gebe ihnen viel Platz, und mache keinerlei Kompromisse bezüglich der Qualität. Die meisten Artikel beschäftigen sich mit einem oder mehreren Büchern. Diese sind aber meist nur der Ausgangspunkt für eine intensive und kompetente Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Fachgebiet. Nach der Lektüre weiß man nicht nur vieles über die Neuerscheinung, sondern ist allgemein über die aktuelle Forschung darüber orientiert.

Die Themenführerschaft der NYRB erschließt sich regelmäßigen Lesern dadurch, dass nicht selten längere Zeit nach Erscheinen, bestimmte Themen in den deutschsprachigen Feuilletons auftauchen, oft auch mit expliziter Bezugnahme.

Das Themenspektrum ist weit, Naturwissenschaftler kommen ebenso zu Wort wie politische Publizisten. Der Schwerpunkt liegt jedoch auf diversen (hoch)kulturellen Themen.

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Empfehlungen: Die Philosophiegeschichte des Frederick Copleston

Gute Philosophiegeschichten gibt es nur wenige auf dem Buchmarkt. Eine der mit Abstand besten schrieb Mitte des letzten Jahrhunderts der gelehrte Jesuit Frederick Copleston. Das elf Bände umfassende Werk nötigt Respekt vor dieser gewaltigen Arbeitsleistung ab. Der Forschungsstand ist natürlich inzwischen veraltet. Da sich die aktuellen Debatten aber meist um ähnliche Fragestellungen kreisen, trotzdem interessant. Die Darstellungen der einzelnen Philosophen lesen sich ausgesprochen frisch.
Zwei Aspekte sind besonders hervorzuheben: Seine in bester angelsächsische Manier sehr verständliche Darstellungsweise, die trotzdem komplexe Sachverhalte nicht simplifiziert. Die Ausführlichkeit seiner Darlegung ist weiters hervorzuheben. Die meisten Philosophiegeschichten bestehen aus einem bis drei Bänden, eine lächerliche Anzahl angesichts des gewaltigen Stoffes. Wer also seine Bibliothek philosophisch aufrüsten will, dem sei Coplestons Lebenswerk sehr ans Hirn gelegt. Nebenbei bemerkt ein Beleg, dass man sogar als Jesuit seine Zeit nützlich verbringen kann. Die einzelnen Bände sind:

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Bibliomane Betrachtungen (4)

    Ohne Bücher bleibt die Geschichte stumm, die Literatur sprachlos, die Wissenschaft verkrüppelt, das Denken kommt zum Stillstand, Bücher sind Zeugen des Wandels, Fenster zur Welt, sie sind Banken des Geistes, Bücher sind gedruckte Humanität.
    (Barbara Tuchmann)

Bezüglich der von mir gelobten historischen Differenz bei Klassikern wies mich ein Freund berechtigterweise darauf hin, dass es bei der Gegenwartsliteratur als Ausgleich eine kulturelle Differenz gäbe. Wie könnte man andere Kulturen, seien sie uns näher wie die amerikanische oder ferner wie die arabische, besser verstehen lernen als durch ihre Literatur?
Dem kann ich nicht widersprechen. Ein Teil meiner Reisevorbereitungen besteht immer auch aus literarischer Lektüre, um mich auf andere Kulturen vorzubereiten. Ein Leser Nagib Machfus’ wird Ägypten ebenso besser verstehen, wie ein Kenner der Romane John Updikes die amerikanische Provinz. Wobei die beiden wohl schon das Prädikat “Klassiker” verdienen, allerdings dachte ich bei historischer Differenz an deutlich ältere Büchern (Antike bis frühe Neuzeit).
Eine punktuelle Lektüre in diese Richtung ändert aber nichts an meinem Gesamteindruck, dass die Lektüre der großen Alten in Summe einen größeren Mehrwert hat. Die Umsetzung dieser Erkenntnis in die Praxis war hier unschwer zu übersehen. So beschäftigte ich mich in den letzten Jahren ausführlich (lange) mit Augustinus Gottesstaat, mit Dantes Göttlicher Komödie, mit Thukydides’ Peloponnesischen Krieg, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Gegenwärtig stehen Montaignes “Essais” auf dem Programm.
Mich nun sukzessiv aufmerksam durch diese alten Bücher zu bewegen, erscheint mir eine sehr reizvolle Aussicht zu sein. Ich bin aber davon überzeugt, dass man sich mit einer Auswahl von ihnen immer wieder beschäftigen sollte. Sie verdienen es, regelmäßig aus dem Regal genommen zu werden. Dabei ist es gar nicht notwendig, immer den kompletten Text zu lesen. Ein paar Gesänge des Dante oder einige Kapitel aus dem “Don Quijote” reichen manchmal aus, damit das Werk wieder präsent ist. Aus zeitlichen Gründen muss man leider eine vergleichsweise enge Auswahl treffen. In meinem Fall haben sich bisher folgende Bücher als dauerhafte Begleiter bewährt:

Das sind, ohne Anspruch auf Vollständigkeit, derzeit die Bücher, welche ich regelmäßig in die Hand nehmen und immer wieder einmal lesen werde.
Weil obige Liste keine naturwissenschaftlichen Bücher beeinhaltet, möchte ich betonen, dass sie in meinem Klassikerverständnis enthalten sind. Galilei, Newton, Darwin sind natürlich unverzichtbar. Auszüge aus vielen davon las ich bereits, eine systematischere Lektüre ist geplant.

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“Evangelium des Judas”

Die von der National Geographic Society mit großem Aufwand inszenierte Veröffentlichung dieses neuen Textes ist für Kenner der Materie nicht übermäßig spektakulär. Die NZZ widmet dieser Publikation gestern eine Analyse und eine Rezension. Hier noch die Seite der NGS zum Thema.

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Bibliomane Betrachtungen (3)

Die Lektüre ist aber für mich, wie ich glaube, unbedingt notwendig: erstens, um mich nicht mit mir allein begnügen zu müssen, zweitens, um mit den Erkenntnissen anderer bekannt zu werden, drittens, damit ich mir über das, was sie herausgefunden haben, ein Urteil bilden und über die noch zu lösenden Fragen nachdenken kann.

(L. Annaeus Seneca)

Meine bisherigen Überlegungen haben eine Diskussion im (übrigens meist empfehlenswerten) Klassikerforum ausgelöst. Für mich steht also fest, dass der Lektüreschwerpunkt bei den Klassikern liegen muss. Ist aus Zeitknappheit eine Entscheidung notwendig, wird diese immer zugunsten der Alten gefällt. Selbstverständlich werde ich auch weiterhin aktuelle Autoren zu lesen, zumal ich inzwischen genügend Herausragende kenne, deren Bücher lohnen. Vermutlich macht es Sinn, sich bei vielen auf die Hauptwerke zu beschränken und nicht alles lesen zu wollen. Die Erfahrung zeigt doch sehr deutlich, dass viele gute Autoren nicht immer gute Bücher abliefern. Das gilt sinngemäß auch für Klassiker. Man denke nur an die fragwürdigeren Produktionen Goethes (“Bürgergeneral” und Co.). Insgesamt bin ich eher geneigt, einen Klassiker trotz dieser Einschränkungen komplett zu lesen als einen aktuellen Autor.

En passent sollte ich wohl einige Vertreter der Gegenwartsliteratur nennen, die ich besonders schätze. Dazu zählen (ohne jeden Anspruch auf Vollständigkeit und in zufälliger Reihenfolge): Thomas Bernhard, Elfriede Jelinek, Markus Werner, Agota Kristof, Wilhelm Genazino, Ian McEwan, John Updike, Philip Roth, Antonio Lobo Antunes, Paulus Hochgatterer …

Wenn ich nun ein hervorragendes Werk dieser Autoren nehme und mit einem der großen alten Bücher vergleiche (sagen wir: Aischylos’ Orestie oder Dantes “Göttliche Komödie” oder Cervantes “Don Quijote”), ist die Leseerfahrung bei den letzteren intellektuell und ästhetisch wesentlich zufriedenstellender. Woran mag das liegen? Die Qualität spielt hier sicher eine Rolle. Ich bin überzeugt, dass manche Bücher so gelungen sind, dass es über lange Zeiträume nur wenige von ihnen gibt.

Ebenso wichtig ist wohl die historische Differenz, die für mich immer einen Mehrwert darstellt, den ein neues Buch klarerweise entbehren muss. Faszinierend finde ich daran zweierlei: Zum einen sind diese Klassiker einmalige Gelegenheiten, etwas über die Vergangenheit zu erfahren. Von den oberflächlichen alltäglichen Unterschieden über gesellschaftliche Divergenzen bis hin zu mentalen Veränderungen. Zum anderen sind es die erstaunlichen Kontinuitäten: Je mehr alte Bücher ich lese, speziell aus der Antike, desto häufiger drängt sich der Eindruck auf, dass sich der Mensch in den letzten paar Jahrtausenden im anthropologischen Kern nicht verändert hat. Diese Beschreibung reduziert den komplexen Sachverhalt natürlich übergebührlich, beschreibt aber doch ausreichend, was mich an Klassikern vor allem reizt: Die Vergangenheit und die Natur des Menschen besser zu verstehen. Wenn das mit ästhetischem Vergnügen verbunden ist, desto besser.

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Bibliomane Betrachtungen (2)

Bei meinen Untersuchungen unserer Beweggründe und Verhaltensweisen sind mir jedenfalls die erdichteten Zeugnisse, soweit sie möglich erscheinen, ebenso dienlich wie die wahren. Geschehen oder nicht, in Paris oder Rom, dem Hinz oder Kunz – stets zeigen sie mir, wozu Menschen fähig sind, und das zu wissen ist mir nützlich: Ich sehe mir jedes Beispiel an und ziehe hieraus, ob Wirklichkeit oder deren Schatten, meinen Gewinn; und von den verschiedenen Lesarten, die solche Geschichten oft bieten, bediene ich mich der jeweils ungewöhnlichsten und denkwürdigsten.
(Montaigne, Über die Macht der Phantasie)

Die Frage, warum ich seit ein paar Jahren weniger in die Breite lese, ist gar nicht so einfach zu beantworten. Die mindestens zehn Jahre betriebene extensive Lektüre führten mir wohl vor Augen, wie viele herausragende Werke der Weltliteratur existieren. Mit einer einmaligen Lesen derselben bleibt man selbst bei genauer Lektüre an der Oberfläche. Das Verlangen nach einem besseren Verständnis stellt sich automatisch ein.
Gleichzeitig steigt der Qualitätsanspruch. Man gewöhnt sich schnell an herausragende Bücher. Deshalb scheint es unvernünftig zu sein, fünfzig weitere Bücher zu lesen, um dann im einundfünzigsten ein weiteres Meisterwerk zu entdecken, wenn man auf der anderen Seite schon mehrere Dutzend Titel kennt, deren Lektüre absolut lohneswert ist, die aber mental bereits verblasst sind.
Psychologisch betrachtet, mangelt es mir zunehmend an Geduld. Kam es vor zehn Jahren kaum vor, dass ich ein Buch nicht zu Ende las, erlege ich mir diesbezüglich nun keine Hemmungen mehr auf. Früher mußte ein Werk sehr schlecht sein, damit ich es beiseite legte. Heute kann ich Mittelmaß schon kaum mehr ertragen. Das gilt auch für andere Kunstsparten. Wie erinnerlich verließ ich im Januar “Idomeneo” bereits in der Pause, weil mich die lähmende Durchschnittlichkeit der musikalischen Darbietung deprimierte.
Nun ist es unter Literaturfreunden eine Binsenweisheit, dass gut abgelegene Bücher statistisch gesehen besser sind als Neuerscheinungen. Wenn ein Buch ein paar Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte überlebt und über die Zeit hinweg auf Interesse stieß, spricht das für ungewöhnliche Qualität. Damit will ich nicht sagen, dass alle gemeinhin als “Klassiker” bezeichneten Werke ausgezeichnet sind, noch dass nicht viele Bücher zu Unrecht vergessen wurden. Hier spielen eine Fülle von Faktoren eine Rolle, von denen die ästhetischen wichtig sind, die soziologischen aber nicht vernachlässigt werden dürfen.
Trotzdem sieht meine Leseerfahrung wie folgt aus: Orientiere ich mich an dem sogenannten Kanon, finde ich herausragende Bücher vergleichsweise oft. Alle fünf, sechs Titel werde ich fündig. Lese ich Gegenwartsliteratur ist die Quote mindestens um ein fünf bis zehnfaches schlechter und wirklich angetan von einem Buch bin ich nur selten.
Es scheint also mir also vernünftig zu sein, mein Leseverhalten so zu gestalten, dass ich die Zahl der exzeptionellen Bücher maximiere. Das gelingt mit hoher Wahrscheinlichkeit dadurch, dass ich mich an Klassiker halte oder mit Sicherheit, wenn ich mich meinen persönlichen Favoriten zuwende. Wobei es selbst hier Ausnahmen gibt: Die Zweitlektüre von “Schuld und Sühne” war vor der Folie der enthusiastischen Erstlektüre vor fünfzehn Jahren ernüchternd, um ein Beispiel zu nennen.
Nun lebt aber die Literatur maßgeblich von der Gegenwart. Wenn nicht wir Bücherfreunde die ambitionierten aktuellen Bücher lesen, wer dann? Autoren, Verlage und Buchhändler sind auf uns angewiesen. Läse man nur noch Klassiker, bräche der Literaturbetrieb zusammen und damit auch die Chance für die Klassiker der Zukunft. Aber warum mit großer Wahrscheinlichkeit schlechtere Bücher lesen, wenn die Weltliteratur voll von leicht auffindbaren Sprachkunstwerken ist? Ein schwer zu lösendes Dilemma.

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