Gegenwartsliteratur

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Daniel Kehlmann

Ruhm. Ein Roman in neun Geschichten (Rowohlt)

Die Vermessung der Welt machte Daniel Kehlmann zu einer Literaturberühmtheit. Mich hat der Roman damals enttäuscht, wie man hier nachlesen kann.

Es ist Kehlmann hoch anzurechnen, dass er seiner historischen Erfolgsformel nicht treu geblieben ist, und für sein neues Buch ein komplett anderes literarisches Konzept wählte: Er schrieb einen Episodenroman. Wer dabei an berühmte filmische Beispiele wie Short Cuts denkt, liegt mit dieser Analogie nicht falsch. Dem Autor ist ein Kunststück auf mehreren Ebenen gelungen. Die neun Geschichten spannen einen weiten Bogen über die Gegenwart. Neben den unvermeidlichen Verwicklungen des modernen Beziehungslebens in und außerhalb des Büro-Biotops, verschlägt es den Leser auch nach Lateinamerika, Zentralasien und Afrika. Das ist ein willkommener Kontrapunkt zur sonst in der deutschsprachigen Literatur so beliebten Nabelschau. Das populäre Identitätsthema wird aus Richtung der modernen Medien aufgerollt.

Die Episoden sind so unterhaltsam, dass sich die kunstvolle literarische Verknüpfung zwischen ihnen nicht als störende Virtuosität in den Vordergrund schiebt. Eine Balance, mit der sich viele Schriftsteller sonst schwer tun, zumal noch eine weitere Ebene dazu kommt, die der Metafiktionalität. Der Protagonist in einer der Geschichten, Autor Leo Richter, treibt quer durch den Roman ein raffiniertes Spiel. Romanfiguren fangen mit dem Erzähler über ihre Zukunft zu diskutieren an. Kehlmann betreibt diese nicht erst seit Calvino beliebten narrativen Kunststücke mit demselben ironischen Augenzwinkern mit dem er diverse Sprachstile einsetzt.

Diese ästhetische Überfrachtung hätte böse enden können. Es zeigt das Können des Literaten Kehlmann, dass der Roman trotzdem “funktioniert”. Die Frage, ob die Geschichten strukturell so eng miteinander verknüpft sind, dass man sie als “Roman” bezeichnen kann, stellt sich bei der Lektüre mehrmals. Vom Ende her gesehen, kann man diese Frage aber getrost bejahen.

Meine Einwände gegen den Roman sind nicht ästhetischer Art, sondern richten sich gegen einige Ungenauigkeiten im Inhalt. Denn, wie es der Zufall will, war ich selbst ausführlich in Zentralasien unterwegs (Reisebericht) und arbeite bei einem Mobilfunkunternehmen. So wird einem in Zentralasien, einer trotz der sowjetischen Zeit sehr islamisch geprägten Region, nicht ständig Schweinsbraten mit Mayonnaise serviert. Die in dem Roman servierte Mobilfunktechnik wiederum steht auf ebenso wackeligen Beinen, wie die dort beschriebenen Tätigkeiten. Diese Beispiele ließen sich vermehren.

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Wilhelm Genazino

Falsche Jahre. Roman (Hanser)

Dieser Roman erschien 1979 und schloss die Abschaffel-Trilogie ab. Nach Teil 1 und Teil 2 fällt auf, dass Falsche Jahre auf dem Land spielt. Unser Protagonist unterzieht sich dort einer Kur. Als Großstadtmensch kann er mit der Natur nichts anfangen und diese Landabneigung ist ein amüsantes Grundthema des Buches:

Abschaffel war bisher nur einmal im Wald spazieren gewesen. Die Natur langweilte ihn. In den Bergen gab es nichts als schattige Wege. Es war ihm bis jetzt nicht möglich gewesen, zu diesen Bergen eine brauchbare Einstellung zu finden. [S. 414]

Er versucht seine Beobachtungsgabe auf das Dorf nahe der Klinik anzuwenden, ist ob des sich bietenden Materials aber ebenfalls enttäuscht. Seine Therapiesitzungen nutzt Genazino geschickt, um am Ende der Trilogie wichtige Episoden aus Abschaffels Kindheit nachzuholen.

Die drei Romane sind alle sehr gut zu lesen und zeigen bereits früh die Stärken Genazinos. Es wird ein Rätsel des Literaturbetriebs bleiben, warum sein Durchbruch weitere zwanzig Jahre benötigte. Verdiente hätte er ihn schon mit seiner Abschaffel-Trilogie.

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Philip Roth

The Humbling (Houghton Mifflin)

Roth setzt mit The Humbling die Reihe seiner kleinen Romane fort. Korrekter sollte man eigentlich von einer Erzählung sprechen, zumal das Buch keine Gattungsbezeichnung trägt. Im Mittelpunkt steht Simon Axler, ein prominenter Theaterschauspieler aus New York in seinen Sechzigern, der plötzlich in eine tiefe Schaffenskrise fällt:

He lost his magic. The impulse was spent. He’d never failed the theater, everything he had done had been strong and successful, and then the terrible happened: he couldn’t act. (S. 1)

Axler fällt in ein tiefes schwarzes Loch. Nach vier Wochen in der Psychiatrie zieht er sich auf sein einsames Landhaus zurück, wo er über Monate an seiner Depression laboriert. Eine heftige sexuelle Beziehung mit einer jüngeren Frau reisst ihn aus dieser Lethargie heraus. Damit wäre Roth einmal mehr bei seinem Standardstoff der letzten Schaffensjahre angelangt. Die Geschichte nimmt allerdings ein böses Ende …

Die Erzählung ist realistisch im besten Sinn. Runde Charaktere, sprechende Details. Die scheinbar schlichten Sätze enthalten menschliche Abgründe. Trotzdem fällt es von den besten Büchern Roth ab. Jedes Jahr ein neues Buch ist vielleicht zu viel des Guten. Diese Jahresmanie scheint in New York weit verbreitet zu sein, man denke nur an die Filme des Woody Allen.

P.S. Wer eine wirkliche ausführliche Rezension will, bekommt diese in der New York Review of Books.

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Herta Müller

Herztier. Roman (rororo)

“Herta who?” war der “running gag” nach der Verkündigung des Literaturnobelpreises in der angelsächsischen Welt. Im deutschsprachigen Raum war Herta Müller in literarischen Kreisen auch vorher schon eine feste Größe. Ich selbst hatte nur Herztier in meiner Bibliothek stehen. Hatte es damals auch gelesen, konnte mich aber kaum daran erinnern. Kein gutes Zeichen.

In den letzten Tagen las ich den Roman also ein zweites Mal. Zweifellos handelt es sich um einen Text, der ästhetisch hochgradig bewusst gestaltet ist. Herta Müller schreibt Literatur im engeren Sinn. Jedes Wort, jedes Bild ist klug ausgewählt. Metaphern und andere strukturellen Elemente ziehen sich durch den Roman und tauchen an passenden Stellen immer wieder auf. Kurz: Sie kann schreiben, was man nicht von allen bisherigen Literaturnobelpreisträgern behaupten kann.

Der Roman beschreibt in kurzen Abschnitten mit wechselnder Chronologie die Ereignisse rund um eine kleine Dissidenten-Studentengruppe in Rumänien und deren Verfolgung. Die Atmosphäre ist düster wozu auch die distanzierte Sprache gekonnt beiträgt. Der Literaturwissenschaftler in mir war während der Lektüre also durchaus zufrieden, der Leser in mir war allerdings zunehmend enttäuscht. Die zweite Hälfte las sich allzu vorhersehbar.

Für ein qualifiziertes Urteil über Herta Müller müsste ich noch mehrere ihrer Bücher lesen, wozu mich aber Herztier nicht wirklich motivierte.

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Richard Kapuscinski

Afrikanisches Fieber. Erfahrungen aus vierzig Jahren. (Serie Piper)

Die Kategorisierung “Sachbuch” und “Gegenwartsliteratur” zeigt schon, dass es sich um ein ungewöhnliches Buch handelt. Kapuscinski braucht man nicht mehr vorzustellen, seine Arbeit als polnischer Korrespondent in Afrika ist inzwischen legendär. Seit 1958 war er mehr als vierzig Jahre auf dem Kontinent unterwegs, entwickelte sich zu einem exzellenten Kenner, begleitete oft “live” als viele Staaten ihre Unabhängigkeit erlangten.

Es ist jedoch nicht nur diese Kennerschaft, welche den Ruf Kapuscinskis begründete, sondern seine literarische Begabung. Afrikanisches Fieber zeigt diese Erzählkunst, ein Verdienst, an dem Martin Pollack als Übersetzer natürlich nicht unbeteiligt ist. In 29 kurzen Kapiteln wird uns Lesern Afrika von allen Seiten näher gebracht. Im Mittelpunkt steht die Begegnung mit Menschen (von Slumbewohnern bis zu Regierungschefs), aus denen kulturelle, mentale und politische Informationen extrapoliert werden. Kapuscinski referiert nicht, er zeigt uns den Kontinent.

Eine bessere, spannendere und informativere Hinführung läßt sich nicht denken. Der ideale Gegenpol zur verkürzten medialen Berichterstattung in den reichen Ländern. Die Geschichte Ruandas bis zum Völkermord etwa ist ein verstörend fulminanter Text. Wenn Weltliteratur sich neben ästhetischer Brillanz vor allem dadurch auszeichnet, das grundsätzliche Aspekte des Menschseins hinterfragt werden, darf man Afrikanisches Fieber jederzeit in diese prestigeträchtige Schublade legen.

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Robert Graves

I Claudius

Der Untergang der römischen Republik und der Beginn der Kaiserzeit zählt zu den spannendsten Episoden der antiken Geschichte. Obwohl Graves historischer Roman, einer der erfolgreichsten des letzten Jahrhunderts, hier schon lange liegt, bedurfte es als konkreten Anlass der Lektüre von Thelens fulminantem Buch. Robert Graves ist einer der Protagonisten und schrieb I Claudius auf Mallorca.

Ich “las” den Roman als Hörbuch. Handwerklich ist der Text exzellent geschrieben, Graves beherrscht das Genre. So ist der historische Hintergrund sehr gut recherchiert. Auch die Erzählperspektive ist klug gewählt. Als fiktive Autobiographie angelegt berichtet Claudius, Sohn des Drusus, von den Vorkommnissen. Laut Überlieferung hat dieser Claudius tatsächlich eine (verloren gegangene) Autobiographie verfasst und als “behinderter” Außenseiter und Intellektueller gibt das der Erzählung einen ansprechenden Blickwinkel.

Die Handlung besteht aus den bekannten historischen Ereignissen und wird von Graves mit vielen Vor- und Rückblenden erzählt, was sein Buch über die üblichen Konventionen der Unterhaltungsliteratur deutlich heraushebt. Ich habe das sehr gerne gehört und kann dieses historische Vergnügen empfehlen. Allerding sollte man I Claudius nicht mit einem Fachbuch verwechseln. Augustus Gattin Livia wird von Graves (wie von den historischen Quellen) zu einer römischen Lady Macbeth stilisiert. Die neuere Forschung sieht das wesentlich differenzierter, wenn man Prof. Garrett G. Fagan glauben darf. Auch sonst gibt er Vermutungen der antiken Historiker gerne als (literarisch wirkungsvolle) “Fakten” aus. Sehe mir jetzt noch die viele Stunden dauernde BBC Verfilmung aus den siebziger Jahren an.

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Martin Amanshauser

Die ersten beiden Romane Martin Amanshausers [1998]

Zwei Bücher innerhalb eines Jahres vorzulegen ist für einen jungen Autor eine beachtliche Leistung, vor allem wenn es sich um die ersten beiden Titel, also den eigentlichen Beginn einer literarischen Laufbahn handelt. Der Erstling Martin Amanshausers, Im Magen der Hyäne, ist auch kein normales Debut, sondern ein origineller “Wiener Stadtkrimi”, makaber und grotesk in bester Wiener Tradition. Ratlos hingegen läßt einen sein zweiter – besser wohl: erster – Roman Erdnußbutter zurück.

In seinem ersten Buch nimmt Amanshauser den Leser und die Leserin fürsorglich bei der Hand und führt sie in die dunklen Abgründe der Stadt, dorthin wo Eingeweide in Plastiksackerln transportiert werden, und das skrupellose Billasyndikat vergammelte Embryonen in Fleischkrapferl verarbeitet. In eine Welt, in der ein intelligentes Ozonöferl und die Rasenmäher Christi, eine katholische Sekte, ihr Unwesen treiben und Semmelschmierapparate gesucht werden.

Doch langsam und der Reihe nach. Auslöser der mörderischen Geschichte ist ein in der U-Bahn – absichtlich? – liegengelassenes Krimiheft mit dem ominösen Titel “Der Panegyriker – Ein blutiger Krimi aus Wien in 23 Bezirken”. Darin findet der Ich-Erzähler Martin A. einen Zettel mit der Aufforderung, die 23 Kapitel einzeln im Abstand von einer Woche zu lesen und sich an die jeweiligen Schauplätze des Krimis zu begeben. Damit ist man auch schon mit der Struktur von Amanshausers Roman vertraut, denn natürlich gliedert er sich ebenfalls in 23 Abschnitte, die den Wiener Bezirken entsprechen. Unser Held bricht also auf, um den Panegyriker zu suchen, einen Wiener Miniatur-Mabuse, dessen blutige Spuren sich durch Wien ziehen. Von Bezirk zu Bezirk folgt Martin A. nun diesem Dämon und gerät von einem makaberen Abenteuer ins nächste, nicht ohne den Lesenden en passant ausführlich mit seiner Einstellung zum Leben im allgemeinen und zu Schinkensemmerln im besonderen bekannt zu machen.

Amanshauser schwelgt in düster-grotesken Bildern, etwa wenn sein Romanheld das Kellerabteil seiner Wohnung betritt: “Langsam gewöhnen sich die Augen an die Dunkelheit … da liegen Rattenkadaver in allen Größen, in deren Eingeweiden silbrig glänzende Fledermäuse hocken, die mit schmatzenden Schnabelgeräuschen brettljausnen. Wenn Hieronymus Bosch eine Ratte gewesen wäre, er hätte hier gute Motive gefunden.” Auch Amanshauser findet viele originelle Motive, und treibt seinen Roman von einem spektakulären Höhepunkt zum nächsten, indem er virtuos mit Kolportageelementen spielt. Aber er beläßt es nicht dabei, sondern veranstaltet einen wahren Wirbel mit trivialen Versatzstücken, ohne selbst jedoch ins Triviale abzugleiten. Denn durch den ironischen Grundton und den überbordenden schwarzen Humor werden diese Elemente ausreichend stark verfremdet. Nimmt man noch die Passagen hinzu, die unmerklich ins Surreale und Phantastische hinübergleiten, hat man die wichtigsten Erzählstrategien erfaßt. Fast wäre ich versucht, dem Roman das Etikett “postmodern” anzuhängen, wenn dieses Modewörtchen nicht durch inflationären Gebrauch schon beinahe bedeutungslos geworden wäre. Passend illustriert ist der Band von Dr. Schaupe, ein Pseudonym, hinter dem sich laut Klappentext ein Wiener Grafiker verbirgt.

Amanshauser hat also einen handwerklich sehr soliden Krimi vorgelegt, der wegen seines abgründigen Humors keineswegs eine so düstere Stimmung hervorruft, wie das die erwähnten Motive vielleicht erwarten lassen. Das Buch liest sich im Gegenteil sehr unterhaltend und stellt auch gar nicht den Anspruch, sich mit den Werken anderer literarischer Erforscher seelischer Abgründe, wie Thomas Bernhard oder Elfriede Jelinek, vergleichen zu wollen.

Wendet man sich nun nach diesem durchaus originellen Wurf seinem in diesem Herbst erschienen Roman Erdnußbutter zu, ist die Enttäuschung groß. Erwarten konnte man ein einfallsreiches und schlüssiges ästhetisches Konzept, denn in Amanshausers “Wiener Stadtkrimi” funktionieren die gewählten Erzählstrategien ja ausgezeichnet. Für sein zweites Buch hat er nun jedoch zu einer Art des vorsichtigen Recyclings dieser erzählerischen Mittel gegriffen, anstatt ein neues literarisches Konzept zu suchen, das immanent ebenso schlüssig wäre, wie das für seinen Wiener Stadtkrimi.

Es handelt sich auch diesmal um eine Kriminalgeschichte. Erzählt wird sie aus der Perspektive eines “abgesandelten” Wiener Studenten, der nach ein paar Tagen Obdachlosigkeit von Belenski und dessen amerikanischen Freund “Oklahoma”, zwei zwielichtigen Typen, mietfrei in einer schäbigen WG untergebracht wird. Philanthropische Motive hinter dieser Tat zu erwarten, wäre selbstverständlich naiv, und schon bald wird der neue Mitbewohner von Lydia, deren Beziehung zum Drahtzieher Belenski ihm anfänglich unbekannt ist, zu kleineren dubiosen Aufträgen herangezogen. Sie nimmt ihn zu einer größeren Aktion mit nach Salzburg, geheime Skizzen sollen übergeben werden. Aus einer eifersüchtigen Laune heraus vertauscht er die Dokumente mit einem alten Profil-Heft und löst damit eine Kettenreaktion aus, die mehrere Morde nach sich zieht. Der zweite Handlungsstrang beginnt in Salzburg und schildert die Erlebnisse Ninettes, die dort nach ihrem geisteswissenschaftlichen Studium als Guide arbeitet, und es beruflich mit verdächtigen Asiaten zu tun bekommt, von denen sich einige gegen Ende, nachdem sich die beiden Handlungsstränge vorhersehbar vereinigt haben, als Mafiosi entpuppen.

Nachzutragen bleibt noch, daß der Roman formal am Handlungsende (Kapitel Null) beginnt, mit unserem Studenten und Ninette in einer toskanischen Villa und zwei Leichen in der Tiefkühltruhe. Die Geschichte führt dann langsam auf dieses Finale zu.

Es wäre wenig sinnvoll, eine ausführlichere Inhaltsangabe zu liefern, denn die oben skizzierte Handlung ist selbstverständlich nur der Kern, um den sich eine Reihe von mehr oder weniger abseitigen Geschichten und Figuren ranken. Letztere zeichnen sich durch eine bestechende Eindimensionalität aus, vom Alt-Hippie über Vertreter der “Schönes-Wochenende-Gesellschaft” bis hin zum Salzburger Schnürlregen wird kaum ein Klischee ausgelassen (“Der alte Hecht war ein übler Nazi, die Mutter lieb und dumm.”). Immanent hat das durchaus eine gewisse erzählerische Konsequenz, wird das Geschehen doch ausschließlich aus der Perspektive eines jungen Studenten berichtet, der sich selbst ständig über seine Gedankenarmut beklagt, die sich dann – trotz der offensichtlichen Koketterie dieses Topos – tatsächlich in den Schilderungen des Romans niederschlägt. Deshalb ist auch das Personenregister am Ende des Romans sinnlos, man wird über “Armstrong, Luis” ebensowenig etwas Bemerkenswertes aus dem Buch erfahren, wie über “Warhol, Andy”. Das ist zweifellos ironisch gemeint, kann aber trotzdem nicht überzeugen. Im direkten Zusammenhang mit der Erzählperspektive steht auch die Sprache, ein schnoddriger und flapsiger Erzählton, der für kurze Zeit originell wirkt, aber nicht einmal ansatzweise in der Lage ist, einem fast 350 Seiten langen Roman ein solides sprachliches Fundament zu geben. Einmal gewählt muß dieser Ton von Amanshauser auf Gedeih und Verderb bis zum Ende durchgehalten werden, was die Charakterisierungsmöglichkeiten der übrigen Figuren stark einschränkt. Ninette beispielsweise wird ebenfalls in diesem Stil beschrieben, sogar dann, wenn ihre Gedanken und Gefühle aus der Innenperspektive geschildert werden. Sie “denkt” also trotz des völlig verschiedenen Bildungshintergrundes im selben Ton wie der Ich-Erzähler. Das wirkt auf den Leser einerseits unglaubwürdig, und ist andererseits eine Hauptursache der erwähnten eindimensionalen Charakterzeichnung. Diese setzt sich manchmal aber auch ins Inhaltliche fort. Daß eine studierte Fremdenführerin im Jahr 1998 schwarze Fahnen am Großen Festspielhaus mit dem Tode Karajans in Verbindung bringt, ist nur ein unstimmiges Detail, deren Summe dem Roman aber merklich schadet. Ihm wäre überhaupt ein aufmerksameres Lektorat zu wünschen gewesen: Daß etwa ein Kommentar über das Aufschreiben der Geschichte (Erzählzeit) versehentlich in die Zeitebene der Geschichte (erzählte Zeit) rutscht (S. 164) wäre ein leicht zu korrigierender Flüchtigkeitsfehler gewesen.

Bei der Lektüre hat man den Eindruck, daß sich Amanshauser – ganz anders als bei seinem Erstling – nicht entscheiden konnte, welches Buch er eigentlich schreiben wollte. Einen unterhaltsamen Krimi oder doch eher eine Krimiparodie? Während viele Motive auf parodistische Intentionen hindeuten, sprechen nicht nur gesellschaftskritische Exkurse wieder dagegen. Einen kritischen Gegenwartsroman, verpackt in eine originelle Geschichte? Dafür sprächen die zahlreichen politischen Anspielungen (sogar die Affäre Rosenstingl findet noch Erwähnung) und die Schilderung ausgewählter kultureller Milieus. In diesem Fall müßte sich Amanshauser aber an den Werken seiner Kollegen messen lassen, etwa dem mit großem Kunstverstand geschriebenen Debütroman Wie man‘s nimmt von Norbert Niemann, der in ganz anderen literarischen Regionen angesiedelt ist. Aber ein derartiger Vergleich soll ihm an dieser Stelle erspart bleiben.

Martin Amanshauser: Im Magen einer kranken Hyäne. Wiener Stadtkrimi. Wien/München: Deuticke Verlag 1997. 152 Seiten, broschiert. öS 198.-

Martin Amanshauser: Erdnußbutter. Roman. Wien/München: Deuticke Verlag 1998. 352 Seiten. öS 248.-

[Literatur und Kritik Nr. 329/330, November 1998; © Christian Köllerer]

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Jonathan Littell

Littells Roman “Die Wohlgesinnten” gehört zu den meist diskutierten Romanen der letzten Jahre. In Frankreich mit Preisen überhäuft, in Deutschland meist als Naziporno verrissen, polarisierte seine ebenso empathielose wie ausführliche Beschreibung diverser Grausamkeiten und sexueller Perversionen Kritiker und Leser. Ich entschied mich damals gegen eine Lektüre.

Mit etwas Abstand legt nun der Altphilologie David Mendelssohn die wohl beste Analyse des Romans vor. Geschrieben für die New York Review of Books No. 5 unterscheidet er zwei strukturelle Hauptstränge, die er dann unterschiedlich bewertet:

The Kindly Ones comprises two large structural elements intended to explore these questions. The first is the historical/documentary plot—that is to say, the meticulous chronological recreation of Maximilien Aue’s wartime career from 1941 to 1945, which allows us to track Germany’s career, too: from the mass graves in eastern Poland and the Ukraine, following Operation Barbarossa, to Babi Yar and Kiev, to the Caucasus, and thence (after he irritates a senior officer who punishes him by sending him to the front) to the disaster at Stalingrad, then back to Berlin where he becomes a favorite of Himmler and Eichmann; then a stint in Paris which allows him to catch up with friends from his student days, collaborators who, like many of the characters, are real historical figures (Robert Brasillach, Lucien Rebatet); then a posting to Auschwitz in 1943, and finally, the fall of Berlin itself, which finds the Zelig-like Aue in Hitler’s bunker. This itinerary allows Max to be both eyewitness to and participant in the atrocities—and, because this narrator is an educated, reasonable-seeming man, allows the reader some access to the mentality of a perpetrator.

The second element is the mythic/sexual: that is, the entirety of the Oresteia story, superimposed on the primary narrative and consisting both of flashbacks to Max’s earlier life and events transpiring in the wartime present, which establishes him as a latter-day Orestes. He is obsessed with his soldier father’s disappearance at the end of the Great War, and with what he sees as the unforgivable betrayal of his father by his “odious bitch” mother (“It’s as if they had murdered him…. What a disgrace! For their shameful desires!”). He has an unnatural closeness to his Electra-like twin sister, Una (which turns out to be incestuous—a nod to Chateaubriand, one of the many French novelists who preside over Littell’s text; the sibling incest theme is, too, a notorious element in the work of the 12th century German bard Hartmann von Aue, whose name Littell has borrowed for his hero). He kills his mother and her second husband (in a scene closely modeled on Greek myth, including the mother’s desperate baring of her breast to her axe-wielding son). He is pursued relentlessly by agents of punishment—in this case, a pair of rather noirish detectives given the suggestive names of Weser and Clemens (“Be-er” and “Merciful”). All this is overlaid with increasingly elaborately narrated sexual fantasies and activities, culminating in an onanistic orgy at his sister’s abandoned house as the Russians enter Pomerania.

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Wilhelm Genazino

Das Glück in glücksfernen Zeiten. Roman

Genazino hat seit längerer Zeit seinen literarischen Stil gefunden: Er schreibt kurze Romane, in denen seine Helden aus hellsichtiger Beobachterperspektive ihrem Alltagsleben gegenübertreten. Die Ich-Erzähler schildern ihren oft abstrusen Alltag, der pointenreich beobachtet wird. Das ergibt einen sentenzenreichen Stil, der sehr amüsant zu lesen ist. Einige Zitate waren hier bereits als Fundstücke zu sehen.

Auch der neue Roman ist hier keine Ausnahme. Eine intelligente und unterhaltsame Lektüre, auch wenn ich ihn nicht mehr so hinreissend fand als frühere Bücher. Das mag aber auch daran liegen, dass Genazino keine ästhetischen Überraschungen bietet und eine Art Gewöhnungseffekt eingetreten ist.

Die Hauptfigur des Romans ist ein promovierter Philosoph, der es mangels besserer Berufsaussichten zum Geschäftsführer einer Großwäscherei bringt, diese “Lebensstellung” allerdings verliert und schließlich in der Psychiatrie landet.

Eine Leseempfehlung.

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Belletristisches Fundstück

Ich hatte gerade mein Philosophiestudium beendet, fand weder innerhalb noch außerhalb der Universität eine Stellung, die meinem Bildungsgrad entsprach, mußte aber Geld verdienen [...]

Mit einem gewissen Galgenhumor wurde ich Ausfahrer in einer Wäscherei. Der Mann, der mich damals einstellte, war der Inhaber der Wäscherei, der noch nie etwas von der Krise der Universität und vom Niedergang des Aufstiegsversprechens durch Bildung gehört hatte. Sie sind doch Doktor, rief er aus und wollte mich eine Weile nicht einstellen, weil er mich für hoffnungslos überqualifiziert hielt.

Natürlich bin ich überqualifiziert, sagte ich, deswegen bin ich aber doch nicht unfähig.

Wilhelm Genazino, Das Glück ins glücksfernen Zeiten

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