Gegenwartsliteratur

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Hartmut Lange: Die Reise nach Triest. Novelle

detebe (Amazon Partnerlink)

Mein erstes Werk von Hartmut Lange, eine knapp komponierte Novelle. Ein schwer kranker Philosophieprofessor bemerkt, dass seine Familie bereits begonnen hat, seinen Tod zu planen. Während einer Italienreise “verschwindet” er spurlos. Langes Erzählkunst besteht in der präzisen Knappheit des in kurzen Abschnitten Geschilderten. Der Leser erfährt nur das Notwendigste, um die psychologische Tragweite des Geschehens verstehen zu können. Lange setzt also gezielt Leerstellen ein, weshalb sich viel im Kopf des Lesers abspielt, nicht im Text.

Diese ästhetische Herangehensweise ist plausibel und macht neugierig auf weitere Werke des Autors.

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Antonio Lobo Antunes: Das Handbuch der Inquisitoren

Büchergilde bzw. Fischer TB (Amazon Partnerlink)

Manche Bücher stehen eindeutig zu lange ungelesen im Regal. Hätte ich gewusst, wie souverän Antunes die Möglichkeiten moderner Erzähltechniken einzusetzen weiß, hätte ich es längst gelesen. Der Roman ist aus der Perspektive verschiedenster Figuren erzählt, die wiederum auf knappem Raum ihre Vorgeschichte schildern. Der Wechsel zwischen den Zeitebenen erfolgt oft quasi-musikalisch von einem Satz zum anderen, ohne dass der Leser deshalb die chronologische Orientierung verlöre. Dazu tragen gezielt eingesetzte Wiederholungen bei, manchmal werden halbe Absätze wiederholt, einige Motive ziehen sich durch den gesamten Roman.

Diese Ästhetik bewirkt auch, dass der politische Gehalt des Buches, die Kritik an Salazars Diktatur in Portugal, gespiegelt an den Ereignissen rund um das Landgut eines Ministers und dessen Bewohner, nie auch nur in die Nähe von Tendenzliteratur gerät.

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Eingetroffen: Schreibheft Nr. 56

Schon das Durchblättern der neuen Ausgabe reicht aus, um den besonderen Rang dieser Zeitschrift bestätigt zu finden. Ein Schwerpunkt ist diesmal das Verhältnis von Literatur und Wissenschaft. Als Beispiel seien nur Jan Kjaerstads “Die Spaltung des Romans. Literatur und Quantenphysik” sowie Svend Age Madsens “Der Gen-Spiegel” genannt.

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Agota Kristof: Das große Heft

Rotbuch Verlag bzw. Serie Piper (Amazon Partnerlink)

Eine literarische Entdeckung. In knapper, eigenwilliger Prosa beschreibt Kristof die ruinösen psychologischen und moralischen Auswirkungen des 2. Weltkrieges auf zwei intelligente Jungen, Zwillinge. Der präzise Roman erzählt die Geschehnisse aus der Sicht der beiden (Wir-Roman), wie ich es in dieser Form noch nie gelesen habe.

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Das “Literarische” Quartett

Seit heute wissen wir es endlich, warum MRR, der größte aller großen Literaturkenner, ambitionierte Romane verabscheut: In ihnen fehle bei Dialogen oft “Er sagt” und “Sie sagt”, weshalb man sich nicht auskenne, belehrte er sein Publikum. Liebe Autoren, warum müsst Ihr es denn Euren Lesern SO schwer machen? ;-)

Aber man muss den Mut des ZDF selbstverständlich loben, so anspruchsvolle erzähltheoretische Debatten in sein Programm aufzunehmen …

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Michel Houllebeqc: Ausweitung der Kampfzone

rororo (Amazon Partnerlink)

Ein Informatiker schreibt ein Buch und löst in Frankreich eine heftige Literaturdebatte aus. Der zynische Blick des Protagonisten, der sich von einem kalt-distanzierten im Laufe des Romans in einen verzweifelt-distanzierten verwandelt, ist handwerklich solide konzipiert. Die aus der Innenperspektive kolportierten Klischees passen gut zur Figur und runden das psychologische Portrait glaubwürdig ab. Das Formale passt zum Inhaltlichen: Es ist nicht übermäßig aufregend. Trotzdem ist die Lektüre keine Zeitverschwendung, weshalb ich gelegentlich noch andere Bücher des Autors lesen werde, um mir ein endgültiges Urteil zu bilden.

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Thomas Bernhard und seine Lebensmenschen – Der Nachlass

Ausstellung in der Wiener Nationalbibliothek

Viele interessante Dokumente aus dem Nachlass, nicht zuletzt die bis jetzt nur ansatzweise transkribierten Notizbücher und Korrespondenzen seines Großvaters, Johannes Freumbichler. Darunter befindet sich einiges auch literarhistorisch aufschlussreiches, so ein Brief des Wiener Paul Zsolnay Verlags vom 25. Juni 1938 über ein eingesandtes Manuskript:

Zwar ist man sich wie das bei Ihnen, hochverehrter Freumbichler, ja selbstverständlich ist, völlig einig über die literarische Bedeutung und die stilistischen Schönheiten Ihres neuen Werkes. Doch glauben wir eine ganze Reihe von Stellen, die uns in einer Zeit wie der heutigen, in der man von jedem Schriftsteller gewisse Stellungnahmen zu weltanschaulichen Problemen als abwegig betrachtet, als für den Vertrieb des Werkes schädlich ansehen zu müssen. Wenn z.B. gesagt wird “dass aus der Vermischung der Rassen nicht nur die intelligentesten sondern auch die apartesten Menschenkinder hervorzugehen pflegen” so ist das zweifellos eine Stellungnahme zu einem Thema über das im heutigen Deutschland nicht mehr diskutiert werden kann. [Zitiert nach dem Faksimile des Ausstellungskatalogs, S. 51]

Ansonsten viele klug ausgewählte Fotos und eine sehenswerte Dokumentation, die aus chronologisch zusammengeschnittenen Ausschnitte aus Porträts und Lesungen des Autor besteht. Alles in allem eine der besten Literatur-Ausstellungen, die ich sah. Der Katalog ist eine wichtige eigenständige Publlikation zur Biographie Thomas Bernhards. Als Herausgeber fungieren Martin Huber, Manfred Mittermayer und Peter Karlhuber.

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