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Tahar Ben Jelloun: Zurückkehren

Immer wenn die Rede auf marokkanische Literatur kommt, ist sofort von Tahar Ben Jelloun die Rede, obwohl er auf Französisch schreibt und 1971 nach Frankreich emigrieren musste. Der aktuelle König im Land sieht ihn allerdings nicht mehr als Staatsfeind, weshalb Aufenthalte in Marokko nun möglich sind.
Marokkanisch sind die Inhalte seiner Bücher. Sie setzen sich nicht nur intensiv mit der Lebenswirklichkeit im Land auseinander, sondern bringen vor allem auch stark einen interkulturellen Aspekt hinein: Wie erlebt ein marokkanischer Emigrant Frankreich? Diese Perspektive steht im Mittelpunkt des kurzen Romans Zurückkehren. Mohammed lebt seit Jahrzehnten in Frankreich, steht am Fließband bei Renault und soll nun plötzlich in Rente gehen. Diese Aussicht wirft ihn in ein großes Loch, und er lässt sein Leben Revue passieren. Das ist erzählerisch gut gemacht und man bekommt einen exzellenten Einblick in seine Lebenswelt und die seiner Kinder. Das Unverständnis Mohammeds gegenüber Frankreich und die Sehnsucht nach dem Dorf seiner Herkunft schildert Tahar Ben Jelloun sehr authentisch. Ich las das Buch als Abrundung meiner Marokko-Reise.

Tahar Ben Jelloun: Zurückkehren (Berlin Verlag Taschenbuch)

Literaturnobelpreisträger Mo Yan

Schon lange war kein Literaturnobelpreisträger politisch so umstritten wie Mo Yan. Chinakenner Perry Link beschäftigt sich in der New York Review of Books No. 19/2012 ausführlich mit dem Autor: Does This Writer Deserve the Prize? Die politische Kritik scheint durchaus berechtigt zu sein:

Some criticized the Nobel committee, but their main criticism was of Mo Yan himself, primarily for some of his recent political choices. At the opening ceremonies of the Frankfurt Book Fair in October 2009, he read an officially vetted speech in which he claimed that literature should be above politics; but, when Chinese authorities ordered a boycott of a session where the freethinking writers Dai Qing and Bei Ling appeared, Mo Yan joined the walkout, later explaining that he “had no choice.”

In December 2009, after the announcement of Liu Xiaobo’s unexpectedly harsh prison sentence of eleven years, Cui Weiping, a film scholar, conducted a telephone survey of more than a hundred prominent Chinese intellectuals to get their responses. Many, at personal risk, expressed disgust and told Cui she could publish what they said. Mo Yan, who also gave permission to publish what he said, said, “I’m not clear on the details, and would rather not comment. I have guests at home right now and am busy.”

But most galling to Mo Yan’s critics was his agreement, in June 2012, to join in a state-sponsored project to get famous authors to hand-copy Mao Zedong’s 1942 “Talks at the Yan’an Forum on Literature and Art” in celebration of their seventieth anniversary. These “Talks”—which were the intellectual handcuffs of Chinese writers throughout the Mao era and were almost universally reviled by writers during the years between Mao’s death in 1976 and the Beijing massacre in 1989—were now again being held up for adulation. Some of the writers who were invited to participate declined to do so. Mo Yan not only agreed but has gone further than others to explain that the “Talks,” in their time, had “historical necessity” and “played a positive role.”

Economist: Best Books 2012

Inzwischen hat auch The Economist seine Buchempfehlungen 2012 vorgelegt und fast das Bücherjahr so zusammen:

The best books of 2012 were about Richard Burton, Titian, Rin Tin Tin, the revolution in Iran, the great famine in China, secret houses in London, good oil companies, bad pharma and management in ten words.

New York Times: Best Books 2012

Wie jedes Jahr im Dezember veröffentlicht die Buchredaktion der New York Times zwei Listen mit den ihrer Meinung nach besten Büchern des Jahres:

The 10 Best Books of 2012

100 Notable Books of 2012

Es freut mich natürlich, dass es eines meiner Lieblingsbücher des Jahres auf den ersten Platz bei den Sachbüchern geschafft hat: Behind the Beautiful Forevers: Life, death, and hope in a Mumbai undercity.

Julian Barnes als Bibliophiler

In einem ausführlichen Artikel für den Guardian, My Life as a Bibliophile erläutert Julian Barnes ausführlich seine Beziehung zu Büchern:

I became a bit less of a book-collector (or, perhaps, book-fetishist) after I published my first novel. Perhaps, at some subconscious level, I decided that since I was now producing my own first editions, I needed other people’s less. I even started to sell books, which once would have seemed inconceivable. Not that this slowed my rate of acquisition: I still buy books faster than I can read them. But again, this feels completely normal: how weird it would be to have around you only as many books as you have time to read in the rest of your life. And I remain deeply attached to the physical book and the physical bookshop.

The current pressures on both are enormous. My last novel would have cost you £12.99 in a bookshop, about half that (plus postage) online, and a mere £4.79 as a Kindle download. The economics seem unanswerable. Yet, fortunately, economics have never entirely controlled either reading or book-buying. John Updike, towards the end of his life, became pessimistic about the future of the printed book:

For who, in that unthinkable future
When I am dead, will read? The printed page
Was just a half-millennium’s brief wonder …

I am more optimistic, both about reading and about books. There will always be non-readers, bad readers, lazy readers – there always were. Reading is a majority skill but a minority art. Yet nothing can replace the exact, complicated, subtle communion between absent author and entranced, present reader. Nor do I think the e-reader will ever completely supplant the physical book – even if it does so numerically. Every book feels and looks different in your hands; every Kindle download feels and looks exactly the same (though perhaps the e-reader will one day contain a „smell“ function, which you will click to make your electronic Dickens novel suddenly reek of damp paper, fox marks and nicotine).

Andrej Bitow: Armenische Lektionen

Schon im 19. Jahrhundert spielte der Kaukasus eine symbolbeladene Rolle in der russischen Literatur. Die Faszination mit dieser Weltgegend scheint bei den dortigen Literaten auch später ungebrochen zu sein. Das Armenien-Buch des Ossip Mandelstam stellte ich ja bereits vor (Notiz). Andrej Bitow bereiste Armenien 1967 und schrieb seine Reiseerlebnisse in den Armenischen Lektionen nieder. Die Zensur hatte wenig Freude mit dem Buch. 2001 erschien eine überarbeitete Neuausgabe.

Im Gegensatz zu Mandelstams poetischem Zugang, ist Bitovs Annäherung an das kleine Land leichter zugänglich. Einige Lektionen sind sogar sehr didaktisch, etwa jene, die sich mit der armenischen Sprache und dem Alphabet beschäftigen. Die Qualität ist jedoch sehr unterschiedlich. Manche Kapitel sind spannende und intelligente Alltags-Vignetten, andere dagegen waren mir zu substanzlos, und es drängte sich mir der Verdacht auf, dass es galt, noch ein paar Seiten zu füllen.

Ausgezeichnet gelungen ist die Charakterisierung der Armenier und ihr kompliziertes Verhältnis zu ihrem Land. Folgende kurze Stelle etwa spricht Bände:

„Also, wie gefällt es Dir in Armenien?“ Sanft und fordernd schauen sie mich an.
„Sehr gefällt es mir“, sage ich natürlich. Und sie schauen mich an wie einen hoffnungslosen Fall.
[S. 62]

Die Lektion über den Genozid an den Armeniern bringt den Lesern die grafisch geschilderten Grausamkeit durch Quellenzitate nahe. Bitovs intellektuelle Reflexionen sind zwar lesenswert. Zu diesen Themen wurde aber Besseres geschrieben.

Für die Vorbereitung einer Armenienreise zu empfehlen.

Andrej Bitow: Armenische Lektionen. Eine Reise aus Russland (Suhrkamp)

Christopher Hitchens: Arguably

Die New York Times zählt diese Essaysammlung des im letzten Dezember verstorbenen Publizisten Christopher Hitchens zu den zehn besten Büchern des Jahres 2011. Deshalb fing ich an, in den Band hineinzulesen, obwohl mir Hitchens Atheismus-Buch (Notiz) aufgrund dessen Selbstverliebtheit nicht sehr gefallen hatte.

Es bestätigte sich schnell: Jeder verdient eine zweite Chance. Hitchens schreibt in dem 800 Seiten dicken Wälzer geistreich und unterhaltsam über eine Fülle von Themen: Literatur und Klassiker gehören dazu. Seine Essays über die amerikanischen Gründerväter, Mark Twain, Edmund Burke, Gustave Flaubert oder Victor Klemperer – um eine willkürliche Auswahl zu treffen – sind kenntnisreich, ohne krampfhaft originell sein zu wollen. Selbst für Kenner sind immer wieder neue Aspekte dabei. Seine religiösen und atheistischen Artikel sind aufgrund ihrer Polemik eine amüsante Lektüre. Hitchens kann sich aber ebenso überzeugend über übereifrige Weinkellner in der gehobenen Gastronomie echauffieren. Als politisch Reisender ist er ein exzellenter Beobachter. Dass er Risiken nicht scheut, zeigt sein Bericht über das Waterboarding, dem er sich, trotz gesundheitlicher Probleme, freiwillig unterzog.

Wenn man sich nicht für alles interessiert, sucht man sich am besten die relevanten Themen heraus. Für mich zählt Hitchens damit zu den lesenswertesten Literatur- und Kulturpublizisten seiner Generation.

Christopher Hitchens: Arguably: Selected Essays. (Twelve)

A.F.Th. van der Heijden: Die Schlacht um die Blaubrücke

Viele Literaturfreunde, deren Urteil ich schätze, schwärmen vom siebenteiligen Romanzyklus Die zahnlose Zeit des Niederländers van der Heijden. Die Schlacht um die Blaubrücke ist der Prolog dazu, ein kurzer Roman von gut 160 Seiten.

Hauptfigur und Ich-Erzähler ist Albert Egbert, ein heroinsüchtiger junger Mann. Wir begleiten ihn in Amsterdam während er Autos aufbricht, um seine Sucht zu finanzieren. Die Handlung spielt am Königinnentag am 30. April 1980. Juliana gibt ihre Thronwürde auf und Beatrix folgt ihr nach. Albert hat Pech diese Nacht: Er wird von einem im Auto schlafenden Hund gebissen. Er mäandert durch das nächtliche Amsterdam und landet schließlich bei der Gegendemonstration gegen den monarchischen Hokuspokus mitten in der Schlacht mit der Polizei um die Blaubrücke. In eingeschobenen Rückblenden erfahren wir noch einiges aus Alberts Vergangenheit.

Das alles ist gekonnt erzählt und konstruiert, hat mich ansonsten aber nicht weiter in literarische Verzückung versetzt. Sollte der nächste Teil nicht mehr zu bieten haben, wird die van der Heijden – Gemeinde auf mich als Mitglied verzichten müssen.

A.F.Th. van der Heijden: Die Schlacht um die Blaubrücke. Roman (Suhrkamp)

Julian Barnes: The Sense of an Ending

In dem kurzen Roman, den man auch als Novelle klassifizieren könnte, erzählt uns Tony Webster einen Teil seiner Lebensgeschichte. Zum Zeitpunkt der Erzählung ist Tony bereits in den Sechzigern, hat ein – nach normalen Maßstäben – erfolgreiches Durchschnittsleben hinter sich und führt ein bequemes Rentnerleben.

Die Handlung setzt in der Schulzeit ein, wo er mit drei anderen Freunden einen intellektuellen Zirkel bildet. Die Geschichte schreitet schnell voran zu der seltsamen Studentenbeziehung mit Veronika, die im späteren Verlauf eine entscheidende Rolle spielt.

Im Zentrum von The Sense of an Ending stehen die Themen des Alterns und der Erinnerung. Es stellt sich nämlich schnell heraus, dass Tonys Rückblicke nicht sehr zuverlässig sind. Barnes setzt also ein altbekanntes literarisches Mittel ein, das des unzuverlässigen Ich-Erzählers. Literarisch ist das exzellent in Szene gesetzt. Die in den Text eingestreuten Reflektionen sind interessent und sprachlich zieht Barnes alle Registers seines Könnens. Die zentralen Motive sind strukturell eng verknüpft und spiegeln sich auf mehreren Ebenen. Ein Beispiel dafür ist die Selbstmord-Thematik.

Die Form ist freilich etwas zu altbacken für meinen Geschmack. Auch das mysteriöse Geheimnis, das dann auf den letzten Seiten enthüllt wird, scheint mir etwas gekünstelt zu sein. Trotzdem gut investierte Lesezeit.

Julian Barnes: A Sense of Ending (Random House) – Deutsche Ausgabe

Die besten Bücher 2011?

Das Ende des Jahres naht und die im angelsächsischen Raum beliebten Bestenlisten werden veröffentlicht. Die New York Times kürte bereits die 10 Best Books und die 100 Notable Books des Jahres.
Nun verrät auch The Economist seine Books of the Year. Wer damit immer noch genug hat, der sei noch auf Best Books 2011 von Publisher Weekly und die Liste des Guardian verwiesen.

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"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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