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Genazino: Außer uns spricht niemand über uns

Aus alter Gewohnheit lese ich jeden neuen Roman Genazinos. Das Muster ist immer dasselbe: Ein brillant beobachtender Außenseiter mittleren Alters lässt uns an seinen Lebenskrisen aus der Ich-Perspektive teilnehmen. Die Bücher sind kurz & prägnant. Der Protagonist ist ein gescheiterter Schauspieler, der seinen Lebensunterhalt als Sprecher für das Radio oder für Provinzmodeschauen verdient. Ökonomisch wird das Leben härter. Das Prekariat klopft an die Tür. Seine Beziehung mit Carola endet in einer Katastrophe.

Außer uns spricht niemand über uns setzt das hohe literarische Niveau der letzten Romane fort. Es ist aber deutlich düsterer und pessimistischer. Was mir negativ auffällt: Abgesehen von Andeutungen lebt der Held in einer völlig antiquierten Welt. So als gäbe es kein Internet und die Realität funktionierte immer noch genauso wie in den achtziger Jahren. Positiv könnte man hier von Zeitlosigkeit sprechen, negativ von einem Ausblenden wichtiger Wahrnehmungen der Gegenwart.

Wilhelm Genazino: Außer uns spricht niemand über uns. Roman (Hanser)

Wilhelm Genazino: Bei Regen im Saal

Vor gut zwei Monaten las ich den neuen Roman Wilhelm Genazinos und stelle fest: Es sind mir kaum Details im Gedächtnis geblieben. Vermutlich liegt das daran, weil der Autor immer wieder dasselbe Buch schreibt: Ein Intellektueller Ich-Erzähler fortgeschrittenen Alters ist in einer Lebens- und Beziehungskrise. Mal ist der Beruf des Betroffenen origineller, mal weniger. Jetzt ist es ein studierter Philosoph, der sich mit diversen Jobs über Wasser halten muss und schließlich bei einer schäbigen Provinzzeitung landet. Er ist selbstverständlich auch nicht der erste Lokaljournalist in Genazinos Werk.
Höhepunkt ist einmal mehr in diesem Text die urbane Beobachtungskunst. Nach der Lektüre promeniert man einige Tage mit offeneren Augen durch die Stadt. Bei Regen im Saal birgt also keine Überraschungen. Ich habe es gerne gelesen.

Wilhelm Genazino: Bei Regen im Saal Roman (Hanser)

Karlheinz Rossbacher: Lesen und Leben

Karlheinz Rossbacher prägte bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2008 Generationen von Salzburger Germanistikstudenten. Ich zähle selbst dazu: Nicht nur besuchte ich in den neunziger Jahren eine Reihe von Rossbachers Seminaren, er betreute auch meine Diplomarbeit und meine Dissertation. So sind einige literarische Themen seines neuen Buches für mich alte Bekannte. Erwähnt sei seine Vorliebe für Goethe, aber auch jene für die Kriminalliteratur. Überrascht dagegen war ich von vielen biographischen Einsichten, die jetzt im Nachhinein einige Ecken erhellen, die während meines Studiums dunkel geblieben sind.

Rossbacher hat keine klassische Gelehrten-Autobiographie geschrieben. Lesen und Leben ist eine Essaysammlung. Angeordnet sind die Texte alphabetisch, wobei jeder Buchstabe durchaus mehrmals vorkommen darf. Ohne dies überprüft zu haben, bleibt am Ende der Eindruck zurück, dass die Literatur über das Leben dominiert. Die Frage, ob ein Professorenleben eine autobiographische Aufarbeitung verdient, spricht Rossbacher zu Beginn selbst an. Eine typisches zentraleuropäisches Problem, wenn man sich das umfangreiche akademische Memoirenwesen aus dem angelsächsischen Raum vor Augen hält. Das autobiographisch-literarische Doppelkonzept zeugt von Bescheidenheit, an vielen Stellen hätte man gerne noch mehr gewusst.

Dabei ist Rossbacher die angelsächsische Welt nicht fremd. Heute sind Fernreisen für junge Menschen eine Selbstverständlichkeit. Als Rossbacher 1963 als dreiundzwanzigjähriger Fulbright-Stipendiat den Atlantik überquerte, war es noch eine Besonderheit. Dieses erste Zusammentreffen mit einer anderen Kultur gibt viele Denkanstöße. Wie sehr dieser amerikanische „Kulturschock“ auch zwanzig Jahre später einen aus der Provinz stammenden jungen Menschen noch beeinflussen kann, zeigt als weiteres Beispiel Alle Toten fliegen hoch: Amerika des Schauspielers Joachim Meyerhoff.

Amerikanische Literatur spielt in Lesen und Leben eine prominente Rolle. Schon zu Beginn beim Buchstaben B stoßen wir auf Bulkington, ein Essay, der sich gut eignet, Rossbachers Vorgehensweise zu illustrieren. Ausgehend von der Jugendlektüre einer stark gekürzten Ausgabe des Moby Dick und nach dem Einstreuen vieler interessanter Lesefrüchte von Brecht bis Canetti, macht uns Rossbacher schließlich mit der Figur des Seemanns Bulkington bekannt, die mir vor vielen Jahren bei meiner Lektüre des Romans gar nicht aufgefallen war. Ich besuchte freilich auch kein Seminar über die amerikanische Literatur des 19. Jahrhunderts wie Rossbacher damals an der University of Kansas, über das ebenfalls ein kurzer Exkurs zu lesen ist. Nach diesen wohldosierten Abschweifungen landen wir wieder beim Seemann Bulkington, den der Ich-Erzähler des Romans, Ishmael, vor seiner Ausfahrt mit Kapitän Ahab in einem Gasthaus trifft. Das kurze Kapitel 23 des Moby Dick ist ihm gewidmet und Rossbacher arbeitet sowohl die Bedeutung Bulkingtons als Menschentyp als auch seine strukturelle Funktion in dem Riesenroman heraus. Dabei hat die Passage nur etwa 40 Zeilen – ein Beispiel, wie es Rossbacher immer wieder gelingt, aus hervorragend beobachteten und oft übersehenen Details größere Zusammenhänge herzustellen.

Sozialgeschichte und Soziologie sind zwei akademische Schwerpunkte Rossbachers. Die Wechselwirkung zwischen Sozialgeschichte und Literatur, untersuchte er etwa am Beispiel der kritischen Heimatliteratur in Österreich. Innerhofers Roman Schöne Tage ist ein prominenter Vertreter dieses Genres. Aus der Soziologie holt sich Rossbacher immer wieder methodische und analytische Werkzeuge für die Literaturwissenschaft. Norbert Elias große Studien dienen als Ideengeber.
Ich werde bei der Lektüre den Eindruck nicht los, dass in Lesen und Leben diese beiden Fächer ebenfalls eine Rolle spielen und zwar bei der Auswahl der autobiographischen Erlebnisse. So sind die am ausführlichsten geschilderten Lebensstationen meist auch sozialgeschichtlich von hoher Bedeutung. Rossbachers Kindheit in Kärnten hatte nämlich eine große Besonderheit: Er war Protestant.

Das Aufwachsen als religiöser Außenseiter in der Kärntner Provinz schildert Rossbacher so ausführlich und schonungslos wie man das von der österreichischen Antiheimatliteratur her kennt:

Den katholischen Religionsunterricht in der Hauptschule besorgte ein Kaplan, dessen lose Hand ihm den Namen „Watschenkaplan“ eingetragen hatte. Von diesem Mann erhielt ich eines Tages, auf dem Gehsteig vor der Schule, ganz plötzlich, aus dem sprichwörtlich heiteren Himmel, einen Schlag ins Gesicht, ein Mittelding zwischen Ohrfeige und Faustschlag, ohne das dem irgendetwas vorangegangen war. Er schlug zu, ich schrie auf. So einfach war das bei diesem Vorgänger jener Prügelkleriker, die gegenwärtig serienweise auffliegen.

Von frühester Kindheit an als Teil einer Minderheit aufzuwachsen, schärft den Blick für Differenzen und regt von Anfang an zum Nachdenken an. Die Literaturgeschichte ist voll mit Beispielen, wie Außenseiter aller Art bei Büchern landen. Sei es als Autoren, sei es als (professionelle) Leser. So gesehen mag diese Erfahrung der Diaspora (wie dieser Abschnitt betitelt ist) einen Grundstein für Rossbachers spätere Karriere gelegt haben.

Einer Minderheit anzugehören, hieß aber nicht automatisch, im Alltag nicht akzeptiert zu werden. Der junge Protestant wurde beispielsweise zum Klassensprecher gewählt. Allerdings hießen Klassensprecher damals in Kärnten noch „Klassenführer“. Es sind diese aufschlussreichen Details, welche Lesen und Leben so interessant machen.

Das Buch gibt selbstverständlich auch Einblicke in das akademische Leben Österreichs. Obwohl es sicher eine Menge an Material gegeben hätte, bringt Rossbacher nur wenige Beispiele. Etwa über seine Schwierigkeiten als Vorstand des Salzburger Germanistikinstituts, eine Gefälligkeitsberufung zu verhindern. Der Fall zog sich über viele Jahre hin und landete schließlich beim Verwaltungsgerichtshof. Der besser qualifizierte Bewerber durfte die Stelle behalten, die Gefälligkeitskandidatin zog den Kürzeren.

Zurück zur Literatur! Quer durch das Persönliche Alphabet bekommt selbst der erfahrene Büchermensch jede Menge spannende Leseanregungen. Die Klassiker kommen zwar nicht zu kurz, aber man staunt über die Vielfalt der angesammelten Lesefrüchte. Ludwig Anzengruber, der französische Schriftsteller Alain oder die kroatische Essayistin Dubravka Ugrešic seien exemplarisch herausgegriffen. Als ich Lesen und Leben zuklappe, habe ich eine lange Liste mit Büchern neben mir liegen, die ich alle am liebsten sofort läse. Die vornehmste Aufgabe des Literaturwissenschaftlers ist es ja, die Menschen zum verständnisvollen Lesen zu motivieren.

Karlheinz Rossbacher: Lesen und Leben. Ein persönliches Alphabet (Otto Müller Verlag)

Erschienen in Literatur und Kritik Nr. 473/474 (Mai 2013).

Hier erstveröffentlicht am 7. April 2013.

Jonas Lüscher: Frühling der Barbaren

Eine der wichtigeren Funktionen der Literatur ist es, hinter die oberflächliche Fassade der Menschen zu blicken. Anstatt analytisch in die Tiefe zu blicken, klebt ein guter Teil der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur jedoch an der Oberfläche und konzentriert sich auf Beziehungsbefindlichkeiten und ähnlichen Kram. Eine höchst erfreuliche Ausnahme ist deshalb das erste Buch des Jonas Lüscher. Eine kurze Novelle, die allerdings intellektuell mehr auf das Papier bringt als so mancher dicke Roman.

Die Handlung ist schnell erzählt: Der wohlhabende Unternehmer Preising ist geschäftlich in Tunesien. Seine Geschäftspartnerin besitzt mehrere Luxushotels im Land. In ihrem Berberzelt-Ressort in der Wüste wird Preising bequem untergebracht. Eine große Gruppe junger, reicher Finanzschnösel aus London ist ebenfalls anwesend. Ein Pärchen dieser Finanzschickeria bildet sich ein, unbedingt in der Wüste mit großem Tam-Tam heiraten zu müssen. Im Hintergrund dräuen katastrophale Finanzprobleme in England. In der Hochzeitsnacht bricht das englische Finanzsystem zusammen. Die in ihren Luxuszelten hockende Finanzelite ist geschockt und die dünne Schicht der Zivilisation zerbröselt in kurzer Zeit.

Lüschers Thema ist damit in erster Linie ein anthropologisches: Was muss passieren, damit scheinbar wohlerzogene junge Menschen in die Barbarei kippen? Nicht viel, wenn man den einzigen Lebensinhalt nur in Geld und Status zu finden weiß. Zusätzlich schafft es Lüscher viele weitere aktuelle Themen in sein kleines Buch zu packen und zwar ohne dass es hineingestopft wirkt: Der arabische Frühling ist ebenso präsent wie Kinderarbeit in tunesischen Sweatshops. Überhaupt gelingt es der Novelle gut, Tunesien und deren Einwohner authentisch einzufangen.

Formal agiert Lüscher überwiegend geschickt. Preising erzählt seine Geschichte „live“ einem Freund, der bei Bedarf als Kommentierungs- und Entschleunigungsinstanz eingreifen kann. Allerdings hält Lüscher diese Perspektive nicht immer durch und arbeitet ab und zu mit auktorialen Einschüben, die aus diesem Rahmen fallen. Die plumpen jungen Engländer bekommen ein Gegengewicht durch interessante Figuren und deren Perspektiven, als da sind die Eltern des Bräutigams: eine kluge Englischlehrerin und ein Soziologieprofessor, der sich am Ende allerdings auch zum Affen macht.

Der Autor findet einige beeindruckende Bilder, etwa eine Gruppe toter und sterbender Kamele um einen Touristenbus. Er traut der Kompetenz seiner Leser aber nicht über den Weg, weshalb er Preising einmal explizit sagen lässt, dass Kamele in seiner Geschichte als Symbole fungieren.

Aber das sind Nebensächlichkeiten. Lesen!

Jonas Lüscher: Frühling der Barbaren (C.H. Beck)

Elfriede Jelinek: Winterreise

Akademietheater 4.10. 2012

Regie: Stefan Bachmann

mit
Dorothee Hartinger
Gerrit Jansen
Simon Kirsch
Melanie Kretschmann
Rudolf Melichar
Barbara Petritsch

Klavier: Felix Huber
Sänger: Jan Plewka

In meinem CD-Regal steht eine Vielzahl von Winterreise-Interpretationen, weil ich Schuberts Liederzyklus für einen Höhepunkt der Musikgeschichte halte. Deshalb war ich sehr gespannt auf Jelineks Auseinandersetzung damit. Die musikalische Interpretation zählt sicher zu den außergewöhnlichsten, die ich hörte. Jan Plewka sang die ausgewählten Lieder leise, treffend, allerdings nicht wie ein klassischer Liedsänger, sondern wie ein Folkmusiker.

Zwischen den musikalischen Einlagen gibt es einen, ich bin versucht zu sagen: klassischen, Jelinek-Text, den unterschiedliche Schauspieler sprechen. Eine inhaltliche Zusammenfassung wäre müßig, der österreichische Korruptionssumpf jedenfalls kommt nicht zu kurz. Die grandios-grotesken schauspielerischen Aktivitäten finden auf einer steilen Rampe statt, auf der sie sich an einer Seilwinde angeschlossen auf und ab bewegen. Höhepunkt ist das furiose Finale, dass ans Sportstück erinnert und Österreich treffend boshaft als debiles Schlager- und Sportland charakterisiert.

Das Ergebnis ist ein höchst sprach- und bildmächtiger Theaterabend. Damit hat das Akademietheater neben den Gespenstern eine weitere „perfekte“ Inszenierung im Repertoire.

Gert Hofmann: Die Rückkehr des verlorenen J.M.R. Lenz nach Riga

Darf ein deutschsprachiger Autor nach dem famosen Lenz des Georg Büchner eine weitere Erzählung über J.M.R. Lenz schreiben? Selbstverständlich! Vor allem, wenn es sich um ein Sprachtalent wie Gert Hofmann handelt. Hofmanns Erzählung setzt dort ein, wo Büchner aufhört, und beschreibt Lenz‘ Rückkehr nach Riga zu seiner Familie. Er trifft dort nach vielen Jahren auf seinen pedantischen, harten Vater und dieser auf seinen überdrehten, dem Wahnsinn nahen Sohn. Hofmann setzt das sprachlich zurückhaltend (also im Vergleich zu Büchner unexpressiv) in Szene, ist dabei aber höchst präzise. Rückblenden arbeiten die vergangenen Erlebnisse des jungen Lenz auf, wobei auch hier der Schwerpunkt auf der Vater-Sohn-Beziehung liegt.

Das Ergebnis ist eine sehr runde Erzählung. Sie erschien erstmals 1984 und wurde kürzlich von der kleinen Edition Kammweg wieder aufgelegt.

Gert Hofmann: Die Rückkehr des verlorenen J.M.R. Lenz nach Riga. (Edition Kammweg) [leider vergriffen, daher noch ein Link zur Reclam-Ausgabe]

Christian Kracht: Imperium

Anmerkungen zu einer Literaturdebatte

Christian Kracht ist ein Glückspilz: Sein neuer Roman Imperium löste einen heftigen Literaturstreit aus. Zwar werden die Feuilletons inzwischen nicht mehr so intensiv gelesen wie noch vor 10 Jahren, trotzdem gibt es abgesehen von den bekanntesten Literaturpreisen nichts, was die Auflagenhöhe derart in die Höhe treibt als eine gehässige Auseinandersetzung.

Erkaufen muss sich das Kracht allerdings mit der Beschimpfung, er sei rechtsradikal. Auslöser der Debatte war ein Artikel des Autors Georg Diez, in dem dieser seinem Kollegen Kracht „antimodernes, demokratiefeindliches, totalitäres Denken“ vorwirft. In fast allen mir bekannten Fällen ist die Ursache solcher Unterstellungen ein grundlegendes Unverständnis, wie Literatur funktioniert. Üblicherweise sind die Unwissenden aber keine Autoren, sondern brave Bürger, welche wutschäumend über Schriftsteller herfallen. In den siebziger Jahren wurde Heinrich Böll gerne als Terroristensympathisant beschimpft. Zehn Jahre später musste sich Thomas Bernhard mit einer gegen seinen Roman ‚Holzfällen‘ gerichteten Klage
auseinandersetzen. Bernhard war es auch, über den in der ehrwürdigen ZEIT einst zu lesen stand: „Vermutlich ist Herr Bernhard ein Nazi.“ Anlass war die Uraufführung seines Stücks Vor dem Ruhestand im Jahr 1979.

Georg Diez ist inzwischen zurückgerudert, aber der Streit ist ein guter Anlass, ein paar Selbstverständlichkeiten über Literatur in Erinnerung zu rufen: Der Autor ist immer vom Erzähler zu unterscheiden. Auch ein Ich-Erzähler ist nie mit dem Autor identisch. Wie alle Kunstwerke ist jeder Roman eine hoch dynamische Angelegenheit. Eine schlichte Interpretation tut jedem Werk Unrecht, was allerdings auch viele Deutschlehrer bis heute nicht verstanden haben. Natürlich ist es legitim, über die Weltanschauung eines Autors anhand seiner Werke zu diskutieren, aber die Debatte sollte auf einem Niveau von minimaler Literaturkompetenz stattfinden.

Der Totalitarismus-Vorwurf läuft schon deshalb ins Leere, weil Imperium ein furios ironisches Buch ist, und Ironie alles Totalitäre wie in einem Säurebad auflöst. Im Mittelpunkt des Romans steht August Engelhardt, der als durchgeknallter Prophet Anfang des 20. Jahrhunderts in die Südsee aufbricht, um auf einer Insel einen Sonnenkult zu gründen, der das Seelenheil mit Hilfe einer einzigen Frucht zu garantieren verspricht: der Kokosnuss.
Kracht schildert die Abenteuer des verrückten Nürnbergers mit exquisiter Ironie und kritisiert damit implizit totalitäre Heilskulte mit scharfer Feder. Die Ironie bezieht sich nicht nur auf den Inhalt, sondern schlägt sich direkt in der Sprache nieder. So gibt es viele Sätze, die den Kitsch von exotischen Beschreibungen aufs Korn nehmen. Hitler wird erwähnt und wie bei Charlie Chaplin einerseits als Witzfigur mit „einer absurden schwarzen Zahnbürste unter der Nase“ zur Kenntlichkeit entstellt, andererseits wird am „großen Finsternistheater“ des Nationalsozialismus kein Zweifel gelassen.
Die „Wilden“ auf Engelhardts Insel werden aus der kolonialen Brille der Figuren gesehen. Alles andere hätte die Erzählperspektive durchbrochen und wäre literarisch unplausibel gewesen.

Imperium ist ein intelligenter, amüsant zu lesender Abenteuerroman und damit kein geeigneter Kriegsschauplatz für Weltanschauungsdebatten.

Christian Kracht: Imperium. Roman (Kiepenheuer & Witsch)

Geschrieben für The Gap.

Joachim Meyerhoff: Alle Toten fliegen hoch

Akademietheater 25./26.2. 2002

Teile 1-6:

Amerika, Zuhause in der Psychiatrie, Die Beine meiner Großmutter, Theorie und Praxis, Heute wärst du zwölf, Ach diese Lücke, diese entsetzliche Lücke

Seit Joachim Meyerhoff Mitglied des Burgtheater-Ensembles ist, schätze ich ihn als großartigen Schauspieler. Ich gehe sogar so weit, ihn zu den besten Könnern seines Faches zu zählen, die ich je auf der Bühne sah. Während sich viele Schauspieler Spezialgebiete suchen, ist Meyerhoff von ungewöhnlicher Wandlungsfähigkeit. Sein Mephisto etwa war brillant.

Alle Toten fliegen hoch war ein am Burgtheater von Meyerhoff ins Leben gerufenes „Privatprojekt“, nämlich die Auseinandersetzung mit seiner Biographie in theatralischer bzw. literarischer Form. Als originelles Format wählte er eine Variante der szenischen Lesung. Ab und zu spielt Meyerhoff eine Szene oder greift zu illustrierenden „Requisiten“ aus seinem Leben. Den ersten Teil gibt es auch als Buch: Amerika. Das nächste Buch ist in Arbeit. Als Abschluss konnte man nun alle sechs Teile an einem Wochenende im Akademietheater sehen: Knapp 12 Stunden lang.

Das Ergebnis ist frappant! Meyerhoff ist nicht nur ein ausgesprochen begnadeter Erzähler, der über viele Stunden sein Publikum mit seinen lebenssatten Schilderungen fesselt, sondern auch ein Humorist ersten Ranges. Die Funken, die er aus seiner Biographie schlägt, sind oft hochgradig komisch. Es gibt freilich auch viele tragische und groteske Momente. Am Ende fühlt man sich fast als Teil seiner Familie. Seine scheinbar ausschließlich privaten Anekdoten transzendieren diese Privatheit, wenn er über die Krankheiten und das Sterben von Angehörigen erzählt.

Ich habe mich schon lange nicht mehr über so viele Stunden auf so hohem Niveau unterhalten gefühlt. Es bleibt zu wünschen, dass sich Joachim Meyerhoff weitere literarische Projekte vornimmt.

Judith Schalansky: Der Hals der Giraffe

Wie so vieles in diesem Roman ist der Untertitel Bildungsroman doppeldeutig. Der Roman ist personal aus der Perspektive der Inge Lohmark erzählt, einer Biologie- und Sportlehrerin an einem Provinzgymnasium in einer kläglichen Kreisstadt in Vorpommern. Die nach Charles Darwin benannte Schule steht kurz vor der Schließung, weil die Bevölkerung in Scharen aus der wirtschaftlich trostlosen Gegend flieht. Es ist also einerseits ein Schulroman.
Das Weltbild der Inge Lohmark wird schnell deutlich: Es ist das einer verbitterten Zynikerin mit sozialdarwinistischem Einschlag. Sie verachtet ihre Schüler und Kollegen und lässt das ihr Umfeld auch spüren. Spannend bei der Lektüre ist es nun, dass Lohmark trotz dieses unsympathischen Hintergrunds viele treffende Beobachtungen formuliert. Die Sätze des Romans sind von einer beeindruckenden Intensität. Nun gibt es in jedem gelungen Buch gelungene Sätze, aber mit wenigen Ausnahmen in der Gegenwartsliteratur (Thomas Bernhard!) gibt nur wenige Bücher, die nur aus gelungen Sätzen bestehen.

Zu Beginn war ich etwas skeptisch. Ich befürchtete die Durcharbeitung des Klischees „Autorin entlarvt kalte und boshafte Naturwissenschaftlerin“. Wäre die literarische Komposition nicht so brillant, hätte der Roman an diesem Thema sehr leicht scheitern können. Was Schalansky höchst beeindruckend gelingt: Sie integriert die Biologie auf mehreren Ebenen furios in ihren Text. Es gibt nicht nur jede Menge gelungene Vergleiche und Metaphern aus diesem Bereich. Selbst die erklärenden personalen Exkurse der Lohmark sind so „organisch“ und überzeugend eingearbeitet, wie ich das bisher selten las.
Der Hals der Giraffe ist selbstverständlich kein klassischer Bildungsroman. Es findet nämlich keine Persönlichkeitsveränderung durch einen Bildungsprozess statt. Allerdings wird Inge Lohmark massiv irritiert. Sie fühlt sich völlig unerwartet zur Schülerin Erika hingezogen, entwickelt während einer Autofahrt mit ihr seltsame Fantasien, was ihr emotionales Gleichgewicht ins Wanken bringt.

Die Kaltschnäuzigkeit gegenüber ihren Schülern rächt sich am Ende: Ihr Direktor kündigt ihr wegen des massiven Mobbings einer Schülerin unter ihren Augen disziplinäre Konsequenzen an.

Der Roman spielt überwiegend an der Schule. Abgerundet wird das Porträt der Inge Lohmark durch die Beschreibung der nüchternen Beziehung zu ihrem zweiten Gatten Wolfgang und ihrer seit vielen Jahren in den USA lebenden Tochter Claudia. Schließlich schildert Schalansky auch noch die Stimmung in Ostdeutschland nach der Wende mit diversen Rückblenden in die DDR Vergangenheit.

Abschließend sei erwähnt, dass sich die Autorin auch selbst der Buchgestaltung annahm. Das Ergebnis ist ein auch handwerklich perfekt produziertes Buch.

Judith Schalansky: Der Hals der Giraffe. Bildungsroman (Suhrkamp)

Wilhelm Genazino: Wenn wir Tiere wären

Eigentlich schreibt Wilhelm Genazino seit Jahren an einem einzigen großen Roman, von dem er regelmäßig Teile publiziert. In ihm durchwandert die Hauptfigur als kritisch-melancholischer Beobachter eine Großstadt, unterbrochen von diversen alltäglichen Zumutungen und Krisen, nicht zuletzt sexueller Natur.

In der aktuellen Folge ist es ein freier Architekt, der sich mit banalen Aufträgen eines Architekturbüros über Wasser hält. Freundin Maria unterbricht seinen Weltekel regelmäßig mit gutem Sex, nervt dafür mit unzumutbaren Alltagswünschen, wie der den nach einer Urlaubsreise. Sand in dieses gut eingespielte Getriebe bringt der überraschende Tod eines Bekannten und Kollegen…

Bekannt wurde Genazino Ende der siebziger Jahre durch seine Abschaffel-Trilogie, die das entfremdete Leben eines Büromenschen minuziös schildert. Das von Genazino in Wenn wir Tiere wären kurz beschriebene Büroleben ist leider immer noch das von vor vierzig Jahren und wirkt angesichts seines sonst so präzisen Realismus anachronistisch. Trotzdem verwöhnt Genazino seine Leser auch in diesem kurzen Roman mit literarischer Beobachtungskunst auf hohem Niveau.

Wilhelm Genazino: Wenn wir Tiere wären. Roman (Hanser)

Diese Kurzrezension erschien in the gap Nr. 120.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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