NZZ über das Wiener Opernpublikum
Angesichts der Premiere von Macbeth in der Wiener Staatsoper, verliert die NZZ ein paar treffende böse Worte über das Wiener Opernpublikum:
Dass viele Premierenbesucher das nicht sehen und sich schon gar nicht darauf einlassen wollten, wie die Inszenierung alles Wesentliche ganz nahe am Stück entwickelt, war allerdings ein Kapitel für sich. Wie ein Lauffeuer verbreiteten sich während der Aufführung von der Galerie her Störaktionen. Schon nach wenigen Minuten nahmen sie ihren Anfang, in den schlüssigsten Passagen entzündeten sie sich mitten in die Musik hinein oder während poetischer Augenblicke der Stille, schliesslich brachten sie die Vorstellung bis an den Rand des Abbruchs.
[...]
Dass das konservative Wiener Publikum sich leicht irritieren lässt, ist ja nun nichts Neues. Mit seinen blindwütigen Reflexen hat es sich aber diesmal von seiner unsympathischsten Seite gezeigt. So war bei diesem «Macbeth» das Spektakel im Zuschauerraum die eigentliche Tragödie.
Über Bücher und Insektenleichen
Anlässlich der Buchmesse beschreibt Hans Zippert in der FAZ sehr hübsch die Nöte mit seiner Bibliothek:
Eine oberflächliche Inspektion ergab, dass ich über etwa 31,3 Meter Bücher verfüge, die, aneinandergelegt, nicht ganz bis zum Mond reichen würden. Sie würden nicht mal bis Offenbach reichen, wo man allerdings auch keine Bücher liest. [...]
Mein Regal sah ohne Bücher und Insektenleichen sehr gut aus, es hatte etwas Verheißungsvolles, in die Zukunft Weisendes. Statt mich darüber zu freuen, packte ich die Kisten aus und begann den Inhalt wieder einzusortieren. Dabei nahm ich jedes Buch in die Hand, schaute es mit sorgenvollem Blick an, hielt es aus dem Fenster, blätterte es auf und schüttelte es hektisch. Möglich, dass wichtige Buchstaben oder Sätze dabei herausgefallen oder ganze Handlungsstränge durcheinandergeraten sind. Trotzdem muss man so mit Büchern verfahren, wenn man nicht will, dass sie völlig verstauben und anfangen, muffig zu riechen. [...]
Besonders unangenehm kann die Zweireihigkeit werden, wenn man Besuch von einem Schriftsteller bekommt. Ich erinnere mich noch heute, wie Robert Gernhardt zwischen Suppe und Hauptgang vor meiner Bibliothek stand. Natürlich nicht ganz plump vor dem Buchstaben „G“, das wäre auch für ihn peinlich gewesen. Er äußerte sich lobend über meinen umfangreichen Bestand an Büchern von Alexander Lernet-Holenia, der insgesamt 31 Werke umfasst. Aber er hatte natürlich die Goebbels-Bücher registriert und auch die Goldt-Titel und vergeblich seine eigenen Werke gesucht, die alle nach hinten verbannt waren, worauf ich ihn dann notgedrungen hinweisen musste. Darauf bemerkte er vielsagend: „Soso, in der zweiten Reihe . . .“, und da schwang bei aller Ironie auch ein Hauch von Kränkung mit. [...]
Naturalistische Bibliomanie
Laura. [...] Sehen Sie, er hat mitunter die ausgefallensten Ideen – die er ja als Gelehrter von mir aus ruhig haben könnte, wenn dadurch nicht die Existenz der ganzen Familie gefährdet wäre. So hat er zum Beispiel eine Manie, alles mögliche zu kaufen.
Der Arzt. Das klingt bedenklich. Was kauft er denn?
Laura. Ganze Kisten voll Bücher, die er nie liest.
Der Arzt. Nun, daß ein Gelehrter Bücher kauft, ist noch nicht weiter schlimm.
Laura. Sie glauben nicht, was ich sage?
August Strindberg: Der Vater
Über Nabokov
Nabokov’s fiction is always becoming propaganda on behalf of good noticing, hence on behalf of itself. There are beauties that are not visual at all, and Nabokov has poorish eyes of those. How else to explain his dismissal of Mann, Camus, Faulkner, Stendhal, James? He judges them, essentially, for not being stylish enough, and for not being alert enough.
James Wood: How Fiction Works
Über die Lesesucht
Die Universität Giessen stellte erfreulicherweise Eine Warnung vor den Gefahren der Lesesucht (1821) ins Netz.
Kleiner Auszug:
Die Lesesucht ist eine unmäßige Begierde,
seinen eigenen, unthätigen Geist mit den
Einbildungen und Vorstellungen Anderer aus
deren Schriften vorübergehend zu vergnügen.
Man lieset, nicht um sich mit Kenntnissen zu bereichern,
sondern um zu lesen; man lieset das Wahre und das Falsche
prüfungslos durch einander, ohne Wißbegier, sondern
mit Neugier. Man lieset und vergißt. Man gefällt sich in
diesem behaglichen, geschäftigen Geistesmüßiggang, wie in
einem träumenden Zustande.
Gustave Flaubert
Novelists should thank Flaubert the way poets thank spring: it all begins again with him. There is really a time before Flaubert and a time after him. Flaubert decisively established what most readers and writers think of as modern realist narration, and this influence is almost too familiar to be visible. We hardly remark of good prose that it favors the telling and brillant detail; that it privileges a high degree of visual noticing; that it maintains an unsentimental composure and knows how to withdraw, like a good valet, from superfluous commentary; that it judges good and bad neutrally; that it seeks out the truth, even at the cost of repelling us; and that the autor’s fingerprint on all this are, paradoxically, traceable but not visible. You can find some of this in Defoe or Austen or Balzac, but not all of it until Flaubert.
James Wood: How Fiction Works
Über das Heiraten
Ich bin Junggeselle geblieben. Aber ich habe die Erfahrung gemacht, daß wir gar nicht selbst zu heiraten brauchen, wenn wir verheiratete Freunde haben. Es ist, als heirate man gewissermaßen die Frauen aller seiner guten Freunde mit, ließe sich mit den Freunden von den Frauen scheiden und würde mit den Freunden von den Frauen betrogen – wenn man nicht selbst zufällig selbst der Betrüger seines Freundes ist.
Joseph Roth, Triumph der Schönheit




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