Fundstück

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Merkheft Nr. 171

Das neue Merkheft steht zum Download* bereit und bietet neben den bei Zweitausendeins üblichen Skurrilitäten – Gefühle und der Sinn des Lebens. Wer sich von Gefühlen leiten läßt, gehorcht in Wahrheit seiner Vernunft – auch wieder Interessantes, beispielsweise:

  • Arno Schmidt: Das erzählerische Werk bis 1970 für DM 29.- (statt unlizenziert DM 320.- bei Haffmans
  • Cervantes: Gesamtausgabe 4 Bände diesmal für DM 35.-

Das Durchblättern des Merkheftes ist wie immer amüsant, so wird Short Cuts 4 von Gilles Deleuzes unter dem Titel “Kleine Bücher großer Denker” angepriesen, anstatt korrekt unter “Angeblich große Bücher kleiner Denker”. Der geneigte 2001-Kunde bekommt auch einen kleinen Vorgeschmack:

Philosophie ist eine schöpferische Kunst, nicht weniger als Malerei und Musik. Sie erschafft Begriffe. Begriffe sind keine Allgemeinheiten, nicht einmal Wahrheiten. Sie haben mit dem Singulären zu tun, mit dem Neuen, mit dem, was einen trifft.

Natürlich sind Begriffe per definitionem Allgemeinheiten und natürlich wird hier die formal-logische Revolution der letzten 100 Jahre furios ignoriert, aber das kennt man ja aus dieser geistigen Ecke :-)

* Link führt zum datumsmäßig unabhängig jeweils aktuellen “Merkheft”.

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Goethe: Wilhelm Meisters Wanderjahre (1821)

Münchner Goethe-Ausgabe Band 17 (Amazon Partnerlink)

Die Erstfassung von 1821 ist nur halb so lang wie die zweite und endgültige Fassung der Wanderjahre, die acht Jahre später erschienen ist. Nicht zuletzt deshalb wirkt der Roman auf heutige Leser moderner, weil disparater. Eigenartige Mischung aus Elementen der Aufklärung, wie das Plädoyer für ein humanes Justizsystem und der herausgehoben Rolle des Handwerker-Standes, und konservativen Anschauungen, wie die Religionsphilosophie der pädagogischen Provinz. Rezeptionsgeschichtlich scheint es nur Anhänger oder Gegner des Romans (wenn es denn einer ist) zu geben. Ich bin noch unschlüssig, für welche Fraktion ich mich entscheiden werde, vorher will ich mich noch ausführlicher mit der Fassung aus dem Jahr 1829 auseinandersetzen.

Update 22. April 2001: Man stößt auch auf eine bemerkenswerte Stelle über das Theater. Nach der Schmährede eines Pädagogen (der Pädagogischen Provinz) auf das Theater, die an Platons Ablehnung der Dichtung erinnert, distanziert sich der Erzähler (sprich Goethe) davon:

[...] denn das Drama setzt eine müßige Menge voraus, vielleicht gar einen Pöbel voraus, dergleichen sich bei uns nicht findet, denn solches Gelichter wird, wenn es nicht selbst sich unwillig entfernt, über die Grenze gebracht [...] Wer unter unseren Zöglingen mit erlogener Heiterkeit, oder geheucheltem Schmerz, ein unwahres, dem Augenblick nicht angehöriges Gefühl in der Masse zu erregen, um dadurch ein immer mißliches Gefallen abwechselnd hervorzubringen? Solche Gaukeleien fanden wir durchaus gefährlich und konnten sie mit unserm ernsten Zweck nicht vereinen.

[...] Gewissenlos wird der Schauspieler was ihm Kunst und Leben darbietet zu seinen flüchtigen Zwecken verbrauchen und mit nicht geringem Gewinn. [usw.]

Mag doch der Redakteur dieser Bogen hier selbst gestehen: daß er mit einigem Unwillen diese wunderliche Stelle durchgehen läßt. Hat er nicht auch in vielfachem Sinn mehr Leben und Kräfte als billig dem Theater zugewendet? und könnte man ihn wohl überzeugen, daß dies ein unverzeihlicher Irrtum, eine fruchtlose Bemühung gewesen [Münchner Ausgabe Band 17, S. 145f.]

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