Fundstück

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Montaigne analysiert die Griechenlandkrise

Die Untertanen eines im Geben maßlosen Fürsten werden maßlos im Fordern. Nicht die Billigkeit machen sie zu ihrer Richtschnur, sondern das Beispiel. Wir hätten oft wahrhaftig allen Grund, über unsre Unverschämtheit zu erröten […]

Schon im Wort „Freigebigkeit“ schwingt ja „Freiheit“ mit. Ginge es nach uns, hätten wir nie genug: Das Empfangene zählt nicht mehr – man liebt Freigebigkeit nur im Futur. Je mehr sich deshalb ein Fürst im Schenken verausgabt, desto ärmer wird er an Freunden.

Wie könnte er auch Wünsche jemals befriedigen, die mit ihrer Erfüllung wachsen? Wer seine Gedanken nur auf das Nehmen richtet, hat keinen mehr übrig für das, was er genommen hat. Nichts kennzeichnet die Begehrlichkeit so sehr wie Undank.“
[Drittes Buch, Über Wagen]

Politik und die Bibel

Christliche Fundamentalisten berufen sich heute noch gerne auf das Alte Testament zur Rechtfertigung ihres ideologischen Weltbilds. Wie irrational das ist, zeigt hübsch der folgende offene Brief des J. Kent Ashcraft an die ultrakonservative Kommentatorin Dr. Laura Schlesinger (Mai 2000):

Dear Dr. Laura,

Thank you for doing so much to educate people regarding God’s Law. I have learned a great deal from your show, and I try to share that knowledge with as many people as I can. When someone tries to defend the homosexual lifestyle, for example, I simply remind him that Leviticus 18:22 clearly states it to be an abomination. End of debate.

I do need some advice from you, however, regarding some of the specific laws and how to best follow them.

a) When I burn a bull on the altar as a sacrifice, I know it creates a pleasing odor for the Lord ( Lev 1:9 ). The problem is my neighbors. They claim the odor is not pleasing to them. Should I smite them?

b) I would like to sell my daughter into slavery, as sanctioned in Exodus 21:7 . In this day and age, what do you think would be a fair price for her?

c) I know that I am allowed no contact with a woman while she is in her period of menstrual uncleanliness ( Lev 15:19-24 ). The problem is, how do I tell? I have tried asking, but most women take offense.

d) Lev. 25:44 states that I may indeed possess slaves, both male and female, provided they are purchased from neighboring nations. A friend of mine claims that this applies to Mexicans, but not Canadians. Can you clarify? Why can’t I own Canadians?

e) I have a neighbor who insists on working on the Sabbath. Exodus 35:2 clearly states he should be put to death. Am I morally obligated to kill him myself?

f) A friend of mine feels that even though eating shellfish is an Abomination ( Lev 11:10 ), it is a lesser abomination than homosexuality. I don’t agree. Can you settle this?

g) Lev 21:20 states that I may not approach the altar of God if I have a defect in my sight. I have to admit that I wear reading glasses. Does my vision have to be 20/20, or is there some wiggle room here?

h) Most of my male friends get their hair trimmed, including the hair around their temples, even though this is expressly forbidden by Lev 19:27 . How should they die?

i) I know from Lev 11:6-8 that touching the skin of a dead pig makes me unclean, but may I still play football if I wear gloves?

j) My uncle has a farm. He violates Lev 19:19 by planting two different crops in the same field, as does his wife by wearing garments made of two different kinds of thread (cotton/polyester blend). He also tends to curse and blaspheme a lot. Is it really necessary that we go to all the trouble of getting the whole town together to stone them? ( Lev 24:10-16 ) Couldn’t we just burn them to death at a private family affair like we do with people who sleep with their in-laws? ( Lev. 20:14 )

I know you have studied these things extensively, so I am confident you can help.

Thank you again for reminding us that God’s word is eternal and unchanging.

Your devoted disciple and adoring fan.

Der Reisende

Der Reisende ist unseres Lobes und unserer Anerkennung würdig, der unter den größten Anstrengungen die fernsten Völker aufsucht, um interessante Entdeckungen zu machen. Vor ihm weichen die Hindernisse, verschwinden die Gefahren. Unannehmlichkeiten achtet er gering. Warum finden sich unter der großen Menge unserer Reisenden so wenige dieser Art? Die meisten sind unwissend und kümmern sich wenig um die eigene Bildung und noch weniger um diejenige anderer. Sie reisen ohne Aufmerksamkeit, ohne Enthusiasmus, ohne Nachdenken, verkehren mit Menschen, ohne sie zu studieren, besuchen alle Völker der Erde und verlassen sie wieder, ohne etwas von ihnen zu begreifen. Sie besitzen Augen, sehen aber nicht.
Pierre Poivre, Reisen eines Philosophen, 1768

Bibliomanes

Im Der Standard schreibt Karl-Markus Gauss über die Befreiung durch Lesen:

Wo die Dummheit zum Bildungsideal geworden ist, da hat es die Literatur schwer. Als Gegengift gegen das zwanghafte Nützlichkeitsdenken unserer Zeit ist und bleibt sie aber unabdingbar.
(…)
Wie ist es um diese Literatur bestellt, deren Notwendigkeit gerade in ihrer praktischen Überflüssigkeit besteht? Die wir brauchen, eben weil sie unmittelbar zu gar nichts nütze ist und uns dadurch von dem Zwangsdenken befreit, dass alle Dinge, Begabungen, Tätigkeiten, Beziehungen immer etwas nützen, einen Vorteil eintragen müssen? Die uns aus der Bahn wirft, wo wir auf den Schienen der Gewohnheit dahinrollen, und uns auf neue Spuren setzt, wenn wir in der Unübersichtlichkeit unserer eigenen Existenz nicht mehr recht wissen, wohin es mit uns geht, ja, wohin wir selber eigentlich wollen?

Schließlich hat jemand dankenswerterweise noch 10 Literary Restaurants for Hungry Book Nerds Around the World zusammengetragen.

Egon Friedell an Anton Kuh

Sehr geehrter Herr,

überrascht stelle ich fest, dass Sie meine bescheidene Erzählung „Kaiser Josef und die Prostituierte“ unverändert, nur unter Hinzufügung der drei Worte „von Anton Kuh“ im „Querschnitt“ veröffentlicht haben.

Es ehrt mich selbstverständlich, dass Ihre Wahl auf meine kleine, launige Geschichte gefallen ist, da Ihnen doch die gesamte Weltliteratur seit Homer zur Verfügung gestanden hat.

Ich hätte mich deshalb gerne revanchiert, aber noch Durchsicht Ihres ganzen Oeuvres fand ich nichts, worunter ich meinen Namen hätte setzen mögen.

Egon Friedell

John Locke an Mohamed Morsi

Dessen aber bin ich sicher: Ob Herrscher oder Untertan, wer es auch immer unternimmt, gewaltsam die Rechte entweder des Fürsten oder des Volkes anzutasten, und den Grund legt zu einem Umsturz der Verfassung und der gesamten Struktur einer gerechten [!] Regierung, macht sich des schwersten Verbrechens schuldig, daß nach meinem Gefühl ein Mensch überhaupt begehen kann. Er muß all jenes Unheil von Blutvergießen, Raub und Verwüstung verantworten, die das Zertrümmern einer Regierung über das Land bringt.
[2. Abhandlung über die Regierung, § 230]

Neulich in der Buchhandlung

Ein virtueller Bekannter will seine neue kommentierte „Felix Krull“ – Ausgabe abholen:

Ich ging in meine Stammbuchhandlung, sage zur neuen Mitarbeiterin: „Krull.“ Sie schaut irritiert. Ich sag: „Thomas Mann.“ Sie: „Hm. hier ist wohl ein Thomas Mann, Herr Krull, aber der ist für einen Herrn Beck…“

Liebe Buchhandlungen, hört auf über Amazon zu jammern oder beschäftigt keine literarischen Troglodyten mehr!

Gottfried Benn: Morgue und andere Gedichte

Schöne Jugend

Der Mund eines Mädchens
sah so angeknabbert aus.
Als man die Brust aufbrach,
war die Speiseröhre so löcherig.
Schließlich in einer Laube unter dem Zwerchfell
fand man ein Nest von jungen Ratten.
Ein kleines Schwesterchen lag tot.
Die andern lebten von Leber und Niere,
tranken das kalte Blut und hatten
hier eine schöne Jugend verlebt.
Und schön und schnell kam auch ihr Tod:
Man warf sie allesamt ins Wasser.
Ach, wie die kleinen Schnauzen quietschten!

Dieses schöne Gedicht stammt aus dem ersten veröffentlichten Gedichtband Gottfried Benns, der im März 1912 erschien. Um dieses Jubiläum zu feiern, brachte Klett-Cotta eine wohlfeile neue Ausgabe heraus:

Gottfried Benn: Morgue und und andere Gedichte (Klett-Cotta)

Akademisches

Es gibt sie also doch, die Gesetze der Literaturwissenschaft!

Post vom Klangforum Wien!

Nächste Woche droht die konzertante Aufführung der Opéra Bouffe Les Boulingrin von George Aperghis im Theater an der Wien. Das Klangforum warnt die Stammhörerschaft in einem Brief bereits vor:

Die zunächst unmerklich aufkommende Aggression schraubt sich zu ungeahnten Gipfelpunkten empor. Die Mitnahme von Baldriantropfen wird dem Publikum höflich empfohlen.

Sollte ich diese Klangattacke überleben, folgt eine Notiz.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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