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Five Came Back

Einige von Netflix‘ Eigenproduktionen erreichen ein hohes Niveau. Zu nennen wäre etwa das Kindersoldatendrama Beast of No Nation [Notiz]. Die dreiteilige Dokumentarreihe Five Came Back zählt ebenfalls zu diesen Highlights. Sie erzählt die Geschichte fünf bekannter Hollywood-Regisseure im zweiten Weltkrieg: John Ford, Frank Capra, William Wyler, John Huston und George Stevens. Begleitet wird jeder dieser Klassiker durch ein bekannten Regisseur, etwa Steven Spielberg oder Francis Ford Coppola. Meryl Streep als Sprecherin zeugt ebenfalls vom hohen Produktionswert der Reihe.

Frappant sind nun nicht nur die filmgeschichtlichen Tatsachen, die wir erfahren, oder die Mechanismen der Militärzensur und -propaganda, sondern vor allem auch die zahlreichen Filmausschnitte und das zeitgenössische verwendete Archivmaterial. Damit erhält man einen viszeralen Eindruck vom letzten Weltkrieg. Ein Lehrstück für alle Nationalisten und Europaverächter, die an der Rückkehr von Kriegen in Europa arbeiten.

Black Mirror

Genau zwei Serien haben es bisher in die Notizen geschafft: Breaking Bad und The Wire. Als dritte kommt nun Black Mirror hinzu, eine düstere und dystopische Serie, die ebenfalls weit mehr bietet als schlichte Fernsehunterhaltung. Die dritte Staffel produzierte Netflix und auch eine vierte ist bereits in Arbeit.

Anders als beim Genre üblich, sind die bisherigen dreizehn Folgen völlig voneinander unabhängig. Nicht nur gibt es keinen übergreifenden Handlungsbogen, es gibt auch keine Figuren oder andere Elemente, welche einen direkten Bezug zwischen den unterschiedlich langen Episoden herstellen. Indirekt verbindet alle Folgen freilich ein Thema: Das dystopische soziale Potenzial unserer aktuellen Technologien. Die meisten Folgen drehen die Schraube unserer Lieblingstechnologien einige Jahre bzw. Jahrzehnte weiter und zeigen deren gruselige gesellschaftliche Konsequenzen. Im Mittelpunkt stehen soziale Medien, künstliche Intelligenz und elektronische Körperimplantate, etwa ein Chip, der ein perfektes Gedächtnis garantiert, weil er jeden Sinneseindruck abspeichert und wieder abspielbar macht. Oder ein elektronisches Implantat im Auge, dass es einem erlaubt, unfreundliche Mitmenschen buchstäblich zu blocken, wie unerfreuliche Zeitgenossen auf Twitter. In einer Folge wird der eigene soziale Status ständig durch Live-Bewertungen mit Hilfe des Smartphones konstatiert, ganz so als sei man ein Amazonprodukt. Sehr gut sind auch jene Serienteile, die Schuld und Sühne reflektieren.

Die einzelnen Episoden sind hervorragend geschrieben: Nichts ist so, wie es am Anfang scheint. Ständig gibt es völlig überraschende Entwicklungen. Dieses kreative Ignorieren von Genreregeln, macht Black Mirror ebenso zu einem Kunstwerk wie der intellektuelle und emotionale Gehalt. Wer sich eine oder zwei Folgen ansieht – mehr auf einmal sind nicht zu empfehlen – bleibt ausgesprochen nachdenklich bis dunkel gestimmt zurück. Damit fängt sie die aktuelle Stimmung im Westen gut ein und ist damit schon jetzt ein gelungenes Zeitdokument.

Breaking Bad

Als auf Hochkultur spezialisierte Seite, will ich hier eigentlich nicht über Serien schreiben. Eine Ausnahme war bereits The Wire. Das von Vince Gilligan geschaffene Breaking Bad bekommt ebenfalls eine Notiz, weil die Produktion wohl zum Besten gehört, was bisher für das Fernsehen produziert wurde.

In etwa sechzig Stunden wird die Geschichte des Chemielehrers Walter White (Bryan Cranston) erzählt, der nach einer Krebsdiagnose noch schnell seine Familie versorgen will: Er steigt gemeinsam mit seinem Ex-Schüler Jesse Pinkman (Aaron Paul) in das Meth-Geschäft ein. Als hoch begabter Chemiker stellt White den besten Stoff des Kontinents her. Er verdient nicht nur unglaublich viel Geld – fast 100 Millionen Dollar am Ende -, sondern kommt auch schnell auf den Geschmack, Einfluss und Macht auszuüben. Die Handlung gewinnt eine unglaublich Dynamik und Spannung. Er legt sich erfolgreich mit Drogenkartellen an und „outsmarted“ alle seine Gegner.

Das ist zwar eine originelle Geschichte für sich, aber Handlung ist bei Werken von hoher Qualität nur selten das wichtigste Element. Mehrere Faktoren heben Breaking Bad aus der Masse audiovisueller Produktionen heraus. Der wichtigste ist für mich die moralische Komplexität der Handlung bei gleichzeitiger Ambivalenz. Alles, was mit der berühmten amerikanischen Familie und deren Werten zusammenhängt, wird systematisch hinterfragt. Zuerst subtil, am Ende brachial. White schlägt seine Verbrecherlaufbahn ja für seine Familie ein und kann diese Selbsttäuschung bis zum Ende durchhalten. Man wird wenige zeitgenössische amerikanische Romane finden, welche das Familienthema so intelligent beleuchten. Das liegt auch an der engen Verbindung mit den Themen Geld & Gier samt der damit verbundenen Heuchelei. Hier liegt einer der entscheidenden Spannungsbögen der Serie. Der Zuseher wird ständig mit ethischen Herausforderungen konfrontiert. So wünscht man Walter White trotz seiner Verbrechen Erfolge in seinem Tun.

Ein weiterer Faktor ist die Entwicklung der Figuren, die allesamt schauspielerisch exzellent dargestellt werden. Nicht nur wird aus einem biederen Highschool-Lehrer ein genialer Schwerverbrecher, gleichzeitig wird aus dem kleinkriminellen Idioten der Serie, Jesse Pinkman, die moralische Vorzeigefigur. White und Pinkman entwickelt sich über die gesamten sechzig Stunden hinweg quasi negativ gespiegelt. Das läuft mit der Präzision einer chemischen Reaktion ab und ist eines von vielen Beispielen, wie gekonnt die Autoren weite strukturelle Bögen spannen. Diese Bögen werden nun ergänzt durch eine Fülle intelligenter Details. Das fängt bei der Auswahl der Lokalitäten an und hört bei der Namenswahl nicht auf. So heißt der Studienfreund, der mit Hilfe eines Patents von White reich geworden ist, sicher nicht zufällig Swartz.

Wer sich nur intelligent unterhalten will, ist bei Breaking Bad ebenso gut aufgehoben wie jemand, der sich für den Zustand der Noch-Weltmacht-USA interessiert.

Breaking Bad (Blu-ray)

The Wire

Unter den 2200 Notizen hier gab es bisher bewusst keine einzige über eine TV Serie, da Populärkultur kein Thema ist. Einzige Ausnahme: Meine Empfehlung für Southpark, die aber nicht aus ästhetischen Gründen erfolgte. In den letzten Jahren sind allerdings eine Reihe von Produktionen entstanden, die erzählerisch beeindrucken und Nischen besetzen, die vorher von Romanen bedient worden sind.

Das beste Beispiel dafür ist The Wire, die das Genre auf eine ganz neue Niveaustufe hebt. Kopf hinter der Serie ist David Simon. In sechzig knapp einstündigen Folgen wird Baltimore aus diversen Blickwinkeln geschildert, mit Fokus auf die Drogenszene. Das Ergebnis ist ein packendes Portrait einer bis an den Hals in Problemen steckenden US-Großstadt. Am Ende ist man mit der Stadt so gut vertraut wie mit dem London des 19. Jahrhunderts nach der Lektüre eines Dickensromans.

Bleibt man bei literarischen Analogien, könnte man von einer naturalistischen Erzählweise sprechen. Im Mittelpunkt stehen die Slums von Baltimore als sozialer Brennpunkt, den David Simon aus der Perspektive der Beteiligten in Szene setzt. Als Rahmenhandlung dienen Polizeiermittlungen rund um diverse Abhöraktionen, was der Serie auch den Namen gibt. Zusätzlich wird in jeder Season ein sozialer Makrokosmos in den Mittelpunkt gerückt: die Docks, die Politik, die Schulen und die Presse.

Dieser schonungslose Naturalismus ist eine der Hauptqualitäten von The Wire und muss in die amerikanischen Fernsehlandschaft wie eine Bombe eingeschlagen haben. In der verlogen-prüden Welt der amerikanischen Unterhaltung, wo Sittenwächter böse Wörter so gerne auspiepsen, wird stundenlang Slumslang gesprochen. Beispielsweise ist die bevorzugte gegenseitige Anrede unter den schwarzen Jugendlichen „Nigger“, aber auch sonst wird ständig geflucht und beleidigt. Deshalb sollte man die Folgen unbedingt im Original ansehen, notfalls mit Untertitel. Wichtig dabei ist: Die Serie denunziert nicht! Sie ist das Gegenteil eines Sozialpornos. Einige der jungen Protagonisten werden mit großer Empathie portraitiert. Alles wird differenziert dargestellt, primitive Schwarz-Weiß-Darstellungen gibt es kaum.

Eine weitere große Stärke: Genreregeln werden verletzt. In Kunst und Literatur sind diese Grenzverletzungen oft ein Zeichen für große Werke, so auch hier. Selbstverständlich setzt David Simon auf diversen Genres auf: Kriminalserie, Sozialdrama etc. Er durchbricht aber jedes Mal diese Konventionen, wenn es der Qualität des Erzählten dient. So verzichtet er bei vielen Handlungssträngen auf „happy endings“. Es ist keine Welt, wo die Guten immer gewinnen, und die Bösen immer verlieren. Nebenbei sei erwähnt, dass es unter den Drogendealern ebenso viele „Gute“ gibt, wie in der Polizei oder Politik „Böse“. The Wire zeigt die Wirklichkeit, wie sie ist, und macht keine Kompromisse, nur damit der Zuseher am Ende mit einem guten Gefühl vor der Glotze sitzt.

Schließlich ist die Erzählkunst hervorzuheben. Handlungsbögen über sechzig Stunden in dieser Qualität zu spannen, kenne ich bisher nur aus der Literatur. Der Ultrarealismus der Serie wird nämlich formal komplex erzählt. Es bedarf deshalb hoher Konzentration, der schnellen Abfolge der unterschiedlichen Handlungsstränge zu folgen. The Wire fordert, wie jedes anspruchsvolle Werk, den Zuseher heraus und erklärt ihn nicht prophylaktisch zum Idioten, wie das andere TV Produktionen so gerne tun. Die schauspielerische Leistung, speziell der jugendlichen Darsteller, ist tief beeindruckend.

Sollte es zukünftig mehr Serien in dieser Qualität geben, entsteht hier eine neue Hochkultur-Sparte.

The Wire. Season 1-5 (DVD-Box)

Empfehlungen: Daily Show

Jon Stewarts (fast) tägliche Daily Show nimmt sich satirisch den Auswüchsen der amerikanischen Politik an und bringt seinen Zusehern die aktuelle Nachrichtenlage originell nahe. Die Bandbreite der eingesetzten Formate ist groß: Groteske Zusammenschnitte aus den Nachrichtensendern (Zielscheibe des Spotts ist hier vor allem Fox News), Sketche, „Korrespondentenberichten“, „Expertenauftritten“ und Filmbeiträge benennen die wichtigsten Beitragsarten.

Die einzelnen Sendungen sind natürlich von unterschiedlichem Niveau. Es sind aber regelmäßig brillante Folgen dabei, die Stewart zu Recht zu einer Ikone des linksliberalen Amerika werden ließ. Speziell zur Amtszeit von Bush senior war Stewart auch international ein Sprachrohr des „anderen Amerika“.

Dass die Daily Show in diese Rolle hineinwachsen konnte, illustriert die trauige Medienlandschaft in den USA. Wenigen Qualitätsmedien stehen Hetzsender wie Fox News gegenüber. Das erinnert an die Lage in Österreich, wo eine Stadtzeitschrift wie der Falter in Sachen investigativem Journalismus einspringen muss, weil die meisten anderen Medien nicht mehr in der Lage sind, diese für eine Demokratie essenzielle Rolle einzunehmen.

Empfehlungen: Southpark

Üblicherweise erwartet man als Kulturmensch im Fernsehen keine im engeren Sinn aufklärerischen Inhalte. Den Ruf als Verblödungsmaschinerie haben sich ja nicht nur die privaten TV Stationen in den letzten Jahren mit großen Anstrengungen in puncto Dummheitsformate erarbeitet. Das man das Medium auch anders nutzen kann, zeigt die Serie Southpark, die seit mehr als zehn Jahren von Comedy Central ausgestrahlt wird.

Die inzwischen mehr als 200 Folgen nehmen die amerikanische Alltagskultur mit einer kritischen Boshaftigkeit aufs Korn, die seinesgleichen sucht. Mit brachialer Satire werden nicht nur alle Religionen bedacht, sondern auch amerikanische Celebrities, internationale Bösewichte und Konsumdummheiten aller Art. Diese Brachialität wird geschickt durch eine Vielzahl von subtilen Anspielungen ausbalanciert.

Der dramaturgische Trick, sich scheinbar „unschuldigen“ Kindern zur Entlarvung von Erwachsenendummheiten zu bedienen, funktioniert im Medium Fernsehen also ähnlich gut wie in manchen Romanen. Auch die Blechtrommel profitiert von diesem Effekt. So könnte massenmediale Aufklärung heute also funktionieren.

Fassbinders “Berlin Alexanderplatz”

Zwar sollen TV-Tipps hier nicht zur Regel werden, aber die komplette Ausstrahlung von Fassbinders Literaturverfilmung (ca. 13h) verdient doch eine Erwähnung. Erster Teil (über)morgen auf arte um 1 Uhr früh.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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