Film

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Chaplin: City Lights

Filmcasino 1.3.

Eine Stummfilm-Matinee im Rahmen des 10. Akkordeonfestivals, d.h. mit Livemusikbegleitung. “City Lights” ist mit “Great Dictator” mein Lieblingsfilm von Chaplin. Er vereint viele Vorzüge seines Filmschaffens: Komik (der Boxkampf!), intelligente, bis ins Detail ausgetüffelte Choreographie, Sozialkritik in Kombination mit zum Teil melodramatischem Stummfilmpathos, exzellente schauspielerische Leistungen.
1931 lief “City Lights” während der Depression in den amerikanischen Kinos und man kann sich die Wirkung des Films auch heute noch gut vorstellen. Einerseits tröstend durch Humor und mit der humanen Botschaft, dass Solidarität helfen kann. Andererseits erkenntnisfördernd, in dem die soziale Realität verfremdet gespiegelt wird. Die musikalische Livebegleitung war grandios. Lothar Lässer am Akkordeon und Robert Lepenik an der Gitarre unterlegten den Film mit einer nuancierten Tonkulisse (von schrägen Tönen für Dialoge bis hin zu klassisch “emotionaler” Filmmusik). Ein höchst erfreulicher Filmnachmittag, resultierend in dem Vorsatz, wieder mehr Stummfilme anzusehen.

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Gus Van Sant: Milk

Filmcasino 27.2.

Van Sant mischt sich mit diesem Film heftig in die aktuelle amerikanische Debatte um die Rechte von Homosexuellen ein. Man erinnert sich, dass es im Herbst in Californien gleichzeitig mit der Wahl Obamas ein Plebiszit gab, welches die Homoehe in dem angeblich so liberalen Bundesstaat widerrief. Ganz so, als könne es über Menschenrechte Mehrheitsentscheidungen geben.

Der Film zeigt einen wichtigen Teil der Vorgeschichte dieser Bürgerrechtsbewegung. Im Zentrum steht Harvey Milk, der es im San Francisco der siebziger Jahre zum Stadtrat brachte und damit der erste bekennende Schwule in einem politischen Amt war. Van Sant zeichnet den Aufstieg Milks zu dieser Position und den Kampf seiner Minderheit gegen die Diskriminierung in seinem neuen Film. Cinematographisch gekonnt inszeniert, mit zahlreichen Schnitten zwischen echten und “falschen” Dokumentaraufnahmen erzählt er den entscheidenden Teil von Milks Biographie bis zum Attentat.

Das geht nicht ohne Pathos ab, wobei Pathos im Kino nicht notwendigerweise schaden muss, schon gar nicht, wenn es um eine gute politische Sache geht. Wie wenig sich in den letzten vierzig Jahren in dieser Frage verändert hat, zeigen die aktuellen Ereignisse leider überdeutlich.

Sean Penn legt eine furiose schauspielerische Leistung hin. Van Sant zeigt mit “Milk” einmal mehr, dass er zu den interessanteren Regisseuren des amerikanischen Kinos zählt.

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Bergman: Sehnsucht der Frauen (1952)

Filmmuseum 19.2.

Ein für Bergman ungewöhnlicher Episodenfilm, da er auch komödiantische Elemente enthält. Es werden drei Geschichten in unterschiedlicher Tonlage geschildert. In der letzten Episode verbringt ein Ehepaar zwangsweise eine Nacht in einem Lift, was sehr amüsant geschildert wird. Bergman hätte also auch mehr gute Komödien machen können, wenn er nur gewollt hätte.

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Laurent Cantet: Die Klasse (F 2008)

Filmcasino 25.1.

Die Goldene Palme, welche der Film letztes Jahr in Cannes bekam, ist sicher gerechtfertigt. Der Film erzählt (wobei “erzählt” für den Dokumentarstil wohl nicht das richtige Adjektiv ist) das Leben einer Schulklasse während eines Schuljahres. Wer nun an “Club der toten Dichter” denkt, liegt aber ganz falsch. Die Schule ist nämlich in einem der berühmten Banlieus von Paris angesiedelt, und die 13-15jährigen Schüler in der Klasse sind ein wilder multikultureller Haufen. Kein romantisch-kitischiger Internatsfilm also, sondern eine beeindruckende Milieustudie.

Cantet fängt die Konflikte und den Schulalltag sehr realistisch ein, mit Verständnis für die schwierige Situation der Schüler (und der Lehrer) und ist denkbar weit von einem Sozialporno entfernt. Der Film spielt praktisch ausschließlich in Schulräumlichkeiten, so dass für der Alltag der Betroffenen nur indirekt reflektiert wird. Die Laien-Schauspieler sind sehr authentisch. Eine Empfehlung.

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Terry Gilliams verfilmt “Don Quijote”

Ex-Monthy-Python Gilliams gibt nicht auf. Seit Jahren will er Cervantes “Don Quijote” verfilmen, nun scheint es endlich so weit zu sein. Einen so vielschichtigen Roman auf die Kinoleinwand zu bringen, dürfte aber selbst für Gilliams schwierig bis unmöglich werden. Mehr dazu hier.

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Mein halbes Leben

Filmcasino 16.1.

Regie: Marko Doringer

Lange schon ist ein österreichischer Film nicht mehr so enthusiastisch sowohl von der Kritik als auch vom Publikum aufgenommen worden. Marko Doringer hat einen Film “für die Dreißigjährigen” gedreht. Ergebnis ist eine autobiographische Dokumentation, die formal an den Ich-Erzähler in Romanen erinnert. Viele Einstellungen sind so gehalten, als würde man durch die Augen Doringers auf die Welt sehen. Das hebt die seltenen Momente, in denen er selbst zu sehen ist, dramaturgisch geschickt hervor.

Will man die Literaturanalogie beibehalten, so wäre es ein kleiner Episoden-Roman. Doringer zieht die Bilanz seines dreißigjährigen Leben, konfrontiert sich und andere (seine Eltern!) mit diversen Erwartungshaltungen. Im Zentrum aber stehen alte Freundinnen und Freunde, die er mit seiner Kamera besucht, um herauszufinden, wie weit sie in diesem Lebensabschnitt bereits gelangt sind. Dabei gelingt im ein seltenes Kunststück: Die Portraits sind ehrlich, manchmal durchaus auch peinlich für die Betroffenen, auf deren Kosten sich das Publikum amüsieren darf. Trotzdem überschreitet er nie die Grenze zum Denunziatorischen (das Geschäftsmodell eines Ulrich Seidl), womit ihm ein ästhetisch außergewöhnlicher Balanceakt gelingt.

Das Ergebnis ist ein komisches, tiefgründiges, formal interessantes Generationenportrait. Ein sehenswerter Film, mit der ironischen Pointe, dass die Thematisierung seiner Erfolgslosigkeit nun sein großer Erfolg geworden ist.

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Vicky Cristina Barcelona

Burgkino 2.1.09

Regie: Woody Allen

Woody Allen ist der einzige Regisseur von dem ich alle Filme nicht nur kenne, sondern sogar den Anspruch einer gewissen Kennerschaft erhebe. Beginn dieser Bekanntschaft waren seine großen Filmen aus den siebziger und achtziger Jahren, die ich nach wie vor gerne sehe. Inspirierte Meisterwerke, welche den “Tiefsinn” des europäischen Autorenkinos mit der Unterhaltsamkeit amerikanischer Filme verbinden und gleichzeitig mit einem beachtlichen literarischen und intellektuellen Niveau erfreuen. Als Beispiele seien “Hannah and Her Sisters” (1986) und “Crimes and Misdemeanors” (1989) genannt.
Der letzte Film auf diesem Niveau war “Deconstructing Harry” (1996). Alle Filme danach waren nicht schlecht, unterhaltsam, gut gemacht, bleiben aber merklich hinter seinen besten Produktionen zurück.
Auch sein jüngster Film macht hier keine Ausnahme. Im Mittelpunkt stehen die Liebesverwirrungen zweier junger Amerikanerinnen in Barcelona im Künstlermilieu. Woody Allen variiert hier nicht ungekonnt viele seiner alten Motive neu, aber man wird den Eindruck nicht los, als würde er diese Filme am Fließband produzieren. Das wirkt handwerklich solide ausgeführt, aber uninspiriert. Ein “echter” Woody-Allen-Film im neuen Jahrtausend steht also immer noch aus.

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Gomorrah

Filmcasino 26.9.
Regie: Matteo Garrone

Mehr als eine Million Exemplare gingen weltweit von Roberto Savianos Buch über die Camorra in Neapel über die Ladentische. Eine Verfilmung war also nur eine Frage der Zeit. Garrone hat sich für einen interessanten Ansatz entschieden, er hat einen klassischen Episodenfilm daraus gemacht. Er erzählt fünf unterschiedliche Geschichten aus dem Alltag der Camorra. Von einem Teenager, der in die Szene abgleitet, zwei junge Burschen, welche ihre Provokationen des Bezirks-Clan letztendlich mit dem Tod bezahlen, illegale Giftmüll-Entsorgung …
Es wirkt alles sehr authentisch und man bleibt verblüfft über die Zustände im Süden eines der wichtigsten EU-Länder zurück, auch wenn man eigentlich vorher schon “abstrakt” wusste, wie es dort läuft. Besonders “malerisch” setzt Garrone die heruntergekommenen Wohnblöcke ins Bild, die einen an Entwicklungsländer denken lassen.

Analyse bietet der Film keine, er konfrontiert die Zuseher “nur” mit diesen unglaublichen Verhältnissen und will wach rütteln. Eine große Empörung verspürt man am Ende jedoch nicht, was aber weniger am Film liegt, sondern daran, dass man inzwischen einfach abgestumpft ist, angesichts der Vielzahl des Empörenswerten.

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Woody Allen über Ingmar Bergman

Das kurze Interview findet sich hier.

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Babel

Filmcasino 5.1.
Regie: Alejandro González Iñárritu

Lange schon sah ich keinen Film mehr, der Aktualität und Kunstverstand so ausgezeichnet zu verbinden weiß wie “Babel”. Ausgangspunkt der Handlung sind zwei marokkanische Hirtenjungen, die ein Gewehr ausprobieren, in dem sie aus großer Entfernung auf einen Touristenbus schießen. Eine Amerikanerin wird getroffen und das Skript “Terrorattentat” beginnt. Mit der Ästhetik des avancierten Episodenfilms bindet Iñárritu alle “Betroffenen” in seinen Film ein. Da ist der japanische Jagdtourist, der das Gewehr einem marokkanischen Guide schenkte und dessen taubstumme Tochter. Da ist die mexikanische Nanny der Kinder der Angeschossenen, die diese mit nach Mexiko auf eine Hochzeit nehmen muss. Eine Reise mit tragischen Folgen.

Der Film zeigt die globalen Auswirkungen eines Jungenstreichs. Iñárritu bedient sich dabei raffinierter filmischer Erzähltechniken, die er furios einsetzt. Die Chronologie wird immer wieder unterbrochen. Bildmächtig bekommt der Betrachter die heutige Welt exemplarisch präsentiert: Die Sahara, die Stadtlandschaft Tokios, der mexikanische Hochzeitstrubel.

Besser kann man das ausgelutschte Globalisierungsthema nicht umsetzen. Dabei verzichtet Iñárritu klugerweise darauf, dass “Terrorthema” zu sehr auszuschlachten. Die globale Medienhysterie wird nur am Rande angedeutet, Entscheidendes findet, wie so oft bei guter Kunst, im Kopf des Rezipienten statt. Diesen Film sollte man sich nicht entgehen lassen.

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