Film

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Midnight in Paris

USA 2011
Regie: Woody Allen

Pünktlich wie eine Atomuhr liefert Woody Allen jedes Jahr seinen neuen Film ab. Dieses Mal landete er wieder einmal einen Volltreffer, weil der Film auf jeder Ebene gut funktioniert. Angesichts der fantastischen Elemente, hätte das Projekt sehr leicht scheitern können. Es handelt sich um eine romantische Komödie, die Paris ähnlich furios verklärt wie das in Manhattan für New York gelang. In Sachen Großstadt-Verklärung ist Woody Allen filmische Referenz. In Midnight in Paris gelingt es ihm auf eine ausgesprochen witzige Art, die Kulturgeschichte der Stadt mit einzubeziehen. Die Vorliebe des Regisseurs für die Ära zwanziger bis vierziger Jahre ist bekannt (Purple Rose of Cairo, Bullets over Broadway…).

Der Protagonist des Films ist ein sehr erfolgreicher und finanziell wohlhabender Drehbuchschreiber für Hollywood, der mit seiner Verlobten aus dem Großbürgertum kurz vor der Hochzeit Paris besucht. In Arbeit ist ein seriöser Roman und seine ersehnte Privatutopie wäre, als seriöser Autor in Paris zu leben. Eines Nachts wird er um Mitternacht auf geheimnisvolle Weise in das Paris der zwanziger Jahre (und später auch der Jahrhundertwende) entführt, wo er jede Menge Geistesgrößen trifft (Fitzgerald, Hemingway, Dali, Stein, Picasso u.v.m.) und sich (natürlich) auch verliebt. Das ist alles sehr amüsant und witzig, speziell wenn man die intellektuelle Szene dieser Zeit kennt. Selbstverständlich fördern die Ausflüge in die Vergangenheit die Selbsterkenntnis, weshalb unser Held am Ende ein Pariser Mädchen der großbürgerlichen US-Göre vorzieht.

Die Nostalgiesucht des Protagonisten wird immer wieder ironisch reflektiert, was ein hübscher Kontrapunkt zur “romantischen” Seite des Films ist. Meiner Meinung nach Woody Allens bester Film seit “Deconstructing Harry” (1997).

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Empfehlungen: Southpark

Üblicherweise erwartet man als Kulturmensch im Fernsehen keine im engeren Sinn aufklärerischen Inhalte. Den Ruf als Verblödungsmaschinerie haben sich ja nicht nur die privaten TV Stationen in den letzten Jahren mit großen Anstrengungen in puncto Dummheitsformate erarbeitet. Das man das Medium auch anders nutzen kann, zeigt die Serie Southpark, die seit mehr als zehn Jahren von Comedy Central ausgestrahlt wird.

Die inzwischen mehr als 200 Folgen nehmen die amerikanische Alltagskultur mit einer kritischen Boshaftigkeit aufs Korn, die seinesgleichen sucht. Mit brachialer Satire werden nicht nur alle Religionen bedacht, sondern auch amerikanische Celebrities, internationale Bösewichte und Konsumdummheiten aller Art. Diese Brachialität wird geschickt durch eine Vielzahl von subtilen Anspielungen ausbalanciert.

Der dramaturgische Trick, sich scheinbar “unschuldigen” Kindern zur Entlarvung von Erwachsenendummheiten zu bedienen, funktioniert im Medium Fernsehen also ähnlich gut wie in manchen Romanen. Auch die Blechtrommel profitiert von diesem Effekt. So könnte massenmediale Aufklärung heute also funktionieren.

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Four Lions

Filmcasino 1.5.
Regie: Chris Morris

Eine Gruppe überwiegend vertrottelter Möchtegern-Terroristen bringt Chris Morris in Four Lions vor die Kamera und setzt sich damit satirisch mit dem britischen Problem auseinander, dass einige junge, in England aufgewachsene Pakistani in den letzten Jahren gerne in Richtung Terrorismus diffundieren.

Das Ergebnis ist ein durchaus komischer Film, der sich vor allem mit den praktischen Schwierigkeiten beschäftigt, welche die Errichtung einer Terrorzelle so mit sich bringt. Für eine britische Produktion ist der Humor allerdings vergleichsweise dezent gehalten. Er beschränkt sich überwiegend auf Slapstick-Einlagen und lebt vom Trottelstatus fast aller Beteiligten. Wer schwarzen Humor in Richtung Monty Python erwartet, wird enttäuscht sein.

Es ist jedenfalls sehr erfrischend, sich dem Thema einmal satirisch statt empört oder betroffen zu nähern. Man darf dabei aber nicht vergessen, dass sich in der Realität leider nicht nur Trottel mit Terrorismus beschäftigen. Im Film kommt übrigens Osama bin Laden durch ein Versehen unserer Helden ums Leben…

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You Will Meet a Tall Dark Stranger

Regie: Woody Allen

Ich kenne alle Filme Woody Allens. Die Vertrautheit mit seinen Lieblingsmotiven führt dazu, dass man sich beim Ansehen einer neuen Produktion immer dabei ertappt, wissend zu nicken und die diversen Motive schnell in seine Filmographie zu verorten. Prostituierte spielten so bereits eine wichtige Rolle in Mighty Aphrodity (1995) und dem grandiosen Deconstructing Harry (1997). Der gescheiterte Autor in Bullets over Broadway (1994) etc. Man könnte auf diese Weise fast den ganzen Film auf andere Filme zurückführen. Das ist natürlich keine legitime Vorgehensweise, wirft aber ein Licht auf Woody Allens Ästhetik. Er variiert (auch strukturell) immer dieselben Handlungsmuster. Wäre man ihm nicht gewogen, könnte man ihm mangelnde Kreativität vorwerfen.

Trotzdem ist auch sein jüngstes Werk Unterhaltung auf hohem Niveau. Woody Allen inszeniert seine Geschichte nach allen Regeln seiner Regiekunst. Es fällt auf, dass sein Ton in den letzten Jahren immer zynischer wird, seine Filme dunkler und der Abstand zu den Figuren größer. Die diversen Handlungsstränge werden dieses Mal nicht zu Ende gebracht. Der Film bricht einfach ab. Wer mag, kann das als ästhetische Innovation verbuchen.

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The Kids are alright

Filmcasino 27.11.

Regie: Lisa Cholodenko

Die Komplexität des modernen amerikanischen Familienlebens lotet Lisa Cholodenko in Ihrem Film aus. Die Ausgangskonstellation läßt dem Durchschnittsanhänger der Teaparty-Bewegung sicher alle Haare zu Berge stehen, besteht diese doch in einem lesbischen Paar samt zwei mit Hilfe einer Samenbank erzeugten Kindern. Sohn Laser (15) will unbedingt seinen biologischen Vater kennenlernen. Das gelingt und führt zu einer Kette von Beziehungskrisen und Verwicklungen. Schauspielerisch erinnert das teilweise an ein Dokudrama. Der Film ist eine handwerklich sehr solide Angelegenheit. Überraschungen, inhaltlicher oder formaler Art, enthält er nicht. Das versöhnliche Ende schadet der kritischen Substanz des Films. Die enthusiastische Kritik kann ich also nicht nachvollziehen. Für einen soliden Kinoabend sind The Kids are alright aber alright.

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Mary & Max

Filmcasino 2.9.
Regie: Adam Elliot

Versucht man diesen Animationsfilm auf ein Adjektiv zu reduzieren, könnte es “charmant” sein. Die Geschichte ist beinahe klassisch: Zwei Außenseiter, ein übergewichtigter New Yorker mit psychischen Problemen und ein achtjähriges australisches Mädchen, eine Außenseiterin, beginnen durch Zufall eine Brieffreundschaft. Der Film funktioniert aus zwei Gründen: Die Erzählung (die Briefe werden durch einen Erzähler vorgelesen) entwickelt schnell einen narrativen Sog. Die ebenso witzigen wie geistreichen Animationen passen optimal zu den Biographien der beiden. Das Ergebnis ist ein sehr unterhaltsamer Kinoabend. Das Ende war für meinen Geschmack etwas zu überzuckert, was den zum Teil bissigen sozialkritischen Gehalt des Films leider relativiert.

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Schwerkraft

Filmcasino 25.7.
Regie: Maximilian Erlenwein

Es ist ein Aussteiger-Film der besonderen Art. Frederik Feinermann ist erfolgreicher Bankangestellter. Abgesehen von den üblichen Beziehungsproblemen führt er ein normales Leben. Das ändert sich schlagartig als sich einer seiner Kunden vor seinen Augen erschießt. Frederik hatte ihm einen Kredit angedreht, obwohl er wußte, dass der Arbeitslose ihn nie würde zurückzahlen können.

Als er Vince Holland wieder trifft, einen alten Bekannten, der die letzten Jahre im Gefängnis saß, entscheidet er sich, dessen “Lehrling” zu werden. Sie räumen nicht nur die Wohnungen seiner Bankkunden aus. Garniert ist das mit einer Schuld-und-Sühne-Geschichte mit Vince im Mittelpunkt.

Interessant ist, dass der Film zwischen allen Genres schwebt. Elemente der Komödie wechseln mit denen des Dramas, wobei letztere dominieren. Farblich ist der Film in blau/grauen metallischen Tönen gehalten. Erlenwein hat sich bei den filmischen Mitteln ausgetobt und mehr Ideen in den Film gepackt als eigentlich notwendig gewesen wäre. Aber bei Erstlingswerken ist das ein “klassischer” Fehler. Erlenwein drehte bisher vor allem Kurzfilme und einen Dokumentarfilm.

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Tutta la vita davanti

Filmcasino 20.6.

Regie: Paolo Virzí

Im Mittelpunkt der Handlung steht Marta, die eben ihr Philosophiestudium abgeschlossen hat, und nun eine Stelle sucht. Sie wird Teil des vieldiskutierten Prekariats und landet erst einmal in einem Callcenter. Vermittelt wurde sie dorthin von einem jungen Mitglied des weiblichen Proletariats, um dessen Tochter sich Marta kümmert, und deren Milieu ebenfalls reflektiert wird.

Der Film zeigt in einem rasanten Tempo die Abstrusitäten des prekären Arbeitsalltags inklusive der peinlichen Motivationsmethoden verkaufsorientierter Firmen. Diese Art der Firmenkultur wird zur Kenntlichkeit überspitzt dargestellt.

Das ist meist hochgradig komisch. Schwächen hat der Film, wenn er Ausflüge ins Tragische unternimmt. So ist der Mord am Ende ziemlich an den Haaren herbeigezogen. Je flotter die Komödie abläuft, desto stärker die Szenen.

Insgesamt zeichnet der Film, wie alle guten Komödien, ein düsteres Bild der Gesellschaft. Der jungen Generation geht es schlecht, egal ob man von ganz unten kommt oder “summa cum laude” ein Studium abschloss. Bekanntlich ist das inzwischen ein europaweites Phänomen. Martas Freund nimmt deshalb das Angebot einer amerikanischen Universität an. In Italien hätte er als theoretischer Physiker keine Chance gehabt.

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Welcome

Filmcasino 24.5.

Regie: Philippe Lioret

Der Film über den siebzehnjährigen irakischen Jungen Bilal, der nach einem viertausend Kilometer langen Fußmarsch in Calais landet, und von dort aus illegal weiter nach London will, löste in Frankreich eine heftige Debatte aus. Zeigt er doch einfühlsam die Kehrseite des europäischen Wohlstandes, nämlich die Abschottung der EU gegen Flüchtlinge.

Die Strategie, solche anonymen Strukturen durch das Herausgreifen eines individuellen Schicksals anschaulich zu machen, funktioniert auch in Welcome ausgezeichnet. Lioret zeigt die Reaktion des französischen Staates auf das “Problem”: Er stellt Hilfe unter Strafe. Humanität ist staatlich verboten. Das ist das ethische Dilemma im Zentrum, veranschaulicht durch den Schwimmlehrer Simon, der durch die Unterstützung Bilals in die Mühlen der Justiz gerät.

Wer nun befürchtet, der Film sei politische Propaganda, liegt falsch. Lioret erzählt eine einfühlsame Geschichte und verzichtet auf plakative Szenen. Die filmischen Mittel sind ästhetisch nicht aufregend, passen aber gut zum ruhigen narrativen Duktus. Dass Bilals Flucht durch eine Liebesgeschichte motiviert ist, führt zu einem stärkeren sentimentalen Grundton als eigentlich notwendig wäre.

Welcome ist berührend und regt zum Nachdenken an. Klare Empfehlung.

Trailer (leider auf Deutsch)

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Billy Wilder

Bei siebenundzwanzig Filmen führte Billy Wilder Regie. Sechsundzwanzig davon sah ich mir in den letzten Monaten in chronologischer Reihenfolge an, viele nicht zum ersten Mal. Ein Urteil über sein Lebenswerk fällt nicht leicht. Man stellt schnell fest, dass Wilders Talent in erster Linie auf der Narration beruht. Er kann brilliant filmisch Geschichten erzählen. Ich würde sogar soweit gehen, ihn als literarischen Regisseur zu bezeichnen. Damit will ich Billy Wilder das Prädikat eines Filmkünstlers natürlich nicht absprechen. Er beherrscht das klassische Filmhandwerk in Perfektion. Ästhetische Innovation hat ihn freilich nie interessiert. So ist sein vorletzter Film Fedora (1978) zwar raffiniert, was die Behandlung der unterschiedlichen Zeitebenen angeht, aber ansonsten gibt es zu seinem Klassiker Sunset Boulevard (1950) ästhetisch keine nennenswerten Unterschiede. Ganz so, als hätte es die Nouvelle Vague oder andere Formen des Autorenkinos nie gegeben. Sogar ein erzkonservativer Filmemacher wie Woody Allen hat mit Stardust Memories (1980) einmal in diese Richtung experimentiert. Billy Wilder nie.

Seine besten Filme, zu denen ich neben Sunset Boulevard auch Some Like it Hot (1959) und The Apartment (1960) zähle, verbinden eine (nicht immer) komische Handlung mit einem subtilen Kommentar zu wichtigen Lebensfragen. Am gelungsten ist diese Symbiose in The Apartment. Wilder erzählt die Verwicklungen des von Jack Lemmon gespielten Versicherungsangestellten C.C. Baxter, der seine Junggesellen-Wohnung regelmäßig höhergestellten Kollegen für Seitensprünge überläßt. Literarisch und filmisch ist das blendend erzählt. Gleichzeitig reflektiert der Film aber das seltsame Leben eines kleinen Angestellten in Manhattan. Die Monotonie und Anonymität seiner Arbeit, die Schlichtheit des Unterhaltungsangebots etc. Man nehme beispielsweise die Szene, wo Baxter aus der Arbeit kommt, ein frühes Fertiggericht vor dem Fernseher konsumiert und verständnislos durch die Kanäle zappt, wo in erster Linie Werbung zu sehen ist. Der Film hat viele kleine Widerhaken und trotz des Happy Ends ist man am Ende überzeugt, alles andere als eine seichte Komödie gesehen zu haben.

Komödien sind das Genre, das Billy Wilder am besten beherrscht. Das schließt gute Dramen wie The Lost Weekend (1945) nicht aus, wo er die Abgründe eines Alkoholiker-Lebens filmisch analysiert. Seine Kalte-Kriegs-Klamotte One, Two, Three (1961) zählt zu den komischsten Filmen, die ich kenne. Gleichzeitig macht er sich über die Hysterie des Kalten Krieges lustig, was zu dieser Zeit dringend nötig und mutig war. Wer gute “klassische” Filme mag, kommt an Billy Wilder nicht vorbei. Er wird aber mehr als Erzähler denn als Ästhetiker in die Filmgeschichte eingehen.

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