Kino

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Hell Or High Water

Filmcasino 19.5. 17

USA 2016

Regie: David Mackenzie

Vom Genre her ein moderner Western, der im von der Wirtschaftskrise gebeutelten West-Texas spielt. Genrespezifisch gibt es klare Fronten. Der Film erzählt eine Art Robin-Hood-Geschichte: Zwei Brüder holen sich durch kleine Banküberfälle jenes Geld zurück, das sie ihrer Hausbank schulden, um eine drohende Pfändung zu vermeiden. Zwei alte Ranger nehmen die Verfolgung auf. Die zwischenmenschliche Dynamik zwischen den jeweiligen Paaren tragen viel zur Qualität des Films bei. Ebenso die teils sehr skurrilen Figuren und das düstere und depressive Setting. Man versteht, wie solche Menschen Trump-Wähler werden, auch wenn man es nicht billigt. Ein beachtenswerter cineastischer Kommentar zum aktuellen Zustand Amerikas und einer der besten amerikanischen Filme des letzten Jahres.

Die Zukunft ist besser als ihr Ruf

Filmcasino 12.5. 17

A 2015

R: Teresa Distelberger, Niko Mayr, Gabi Schweiger und Nicole Scherg

Alle reden von der Krise. Die vier Regisseure dieser Dokumentation wollen zeigen, was man dagegen unternehmen kann. Dazu porträtieren sie sechs Menschen und ihre Projekte, welche alle im Kleinen die Welt verbessern wollen. Beispielsweise eine Architektin, die auf natürliche Baumaterialien setzt, und in Bangladesch eine Schule baut. Die Begründerin eines Hilfsprojekts für arme Menschen oder einen Kulturhistoriker, der seine Studenten über die Tektonik der Gegenwart aufklärt. Alle sechs können eloquent ihre Anliegen darlegen: Man hört ihnen sehr gerne zu. Der Film ist auf provinzielle Projekte fokussiert, weshalb mir das Urbane beim Weltretten etwas zu kurz kommt. Die Zukunft ist besser als ihr Ruf erreicht allerdings tatsächlich, dass man das Kino merklich optimistischer verlässt, als man es betreten hat. Keine kleine Leistung für einen Dokumentarfilm.

Ein ehrenwerter Bürger

Filmcasino 28.4. 17

ARG/E 2016

Regie: Gastón Duprat, Mariano Cohn

Eine argentinische Komödie über einen fiktiven Literaturnobelpreisträger. Bereits der Beginn ist sehr treffend, wenn Daniel Mantovani in Stockholm den Preis entgegennimmt, ihn rhetorisch elegant zerlegt und dafür mit tosenden Applaus bedacht wird. Der Film zeigt das zermürbende Leben eines sehr prominenten Kulturschaffenden. Für Kreativität ist kaum mehr Zeit vor lauter repräsentativen Verpflichtungen. Als Mantovani die Einladung erreicht, er möge aus Europa zur Verleihung der Ehrenbürgerschaft in sein altes argentinisches Dorf zurückkehren, entschließt er sich dazu nach einigem Zögern. Es entfaltet sich vorhersehbar das nicht übermäßig originelle Topos „Intellektueller trifft auf tiefste Provinz“. Nicht alle im Ort sind erfreut über die Darstellung des Dorfes in seinen Büchern. Es gibt neben diesen Konflikten auch alte und neue Liebschaften. Das ist amüsant zu sehen und handwerklich plausibel umgesetzt. Kein Komödienkunstwerk, aber gute Unterhaltung, speziell für Literaturfreunde.

The Red Turtle

Filmcasino 24.3. 17

F / B / J 2016
Regie: Michaël Dudok de Wit

Dieser von der Filmkritik hoch gepriesene Animationsfilm hat tatsächlich viele Stärken. Nicht nur findet die künstlerische Umsetzung einen eigenen ästhetischen Stil, es gelingt de Wit auch, eine symbolisch starke Geschichte ohne ein einziges gesprochene Wort zu erzählen: Ein Mann strandet auf einer Insel und wird von einer roten Schildkröte daran gehindert, sie mit einem Floß zu verlassen. Das Tier verwandelt sich märchenhaft in eine hübsche Frau und die beiden verbringen mit dem bald dazukommenden Kind ihr Leben mit Höhen und Tiefen auf der kleinen Insel. Wer mag, kann darin leicht eine Analogie zur menschlichen Existenz erkennen. Der Film hat viel Charme und bezeugt eine hohe Kompetenz aller Beteiligten am visuellen Erzählen. Auf das von Rousseau und Crusoe inspirierte poetische Setting muss man sich freilich einlassen können, was mir nicht immer leicht fällt.

Neruda

Filmcasino 17.3. 17

CHL, ARG, FRA, ESP 2016
Regie: Pablo Larraín

Es gäbe jede Menge konventioneller Möglichkeiten, einen Film über einen politisch verfolgten Schriftsteller zu drehen. Pablo Larraín wählt keinen dieser ausgetretenen Pfade, sondern schafft ein postmodern anmutendes Fiktionalitätsspiel, indem er einen mäßig schlauen Polizisten als Verfolger des Neruda eine prominente Perspektive einräumt. Dieser Verfolgungsjagd wird in sehr unterschiedlichen Szenen gezeigt, die einen teilweise abstrakten, teilweise leicht surrealen Einschlag haben. Es ist als hätte Pablo Larraín den gesamten Werkzeugkasten des avancierten Autorenfilms genommen, um ihn virtuos anzuwenden. So sind die einzelnen Abschnitte durchaus beeindruckend und handwerklich makellos umgesetzt. Trotzdem lässt mich der Film als Kunstwerk überwiegend kalt. Das mag auch daran liegen, dass mir der Humor des Regisseurs meist nicht amüsiert. Eventuell ist das einer jener Fälle, wo zu viel Perfektion dem Gesamtergebnis mehr schadet als nützt.

Moonlight

Gartenbaukino 16.3. 17

USA 2016
Regie: Barry Jenkins

Es ist selten, dass wirklich einer der besten Filme den Oscar für den besten Film erhält. Der Oscar für Moonlight ist also eine positive Ausnahme, die sicher auch durch die mediale Aufregung begründet ist, die es letztes Jahr rund um die Nicht-Nominierung schwarzer Filmschaffender gab. Das Budget Moonlights war für Hollywoodverhältnisse lächerlich: 1,5 Millionen Dollar.

Der Film beschäftigt sich mit der Jugend Chirons, einem schwarzen Jungen, der in einem Ghetto Miamis aufwächst. Erschwerend in diesem Machoumfeld ist seine sukzessive Erkenntnis, dass er homosexuell ist. Erzählt wird die Entwicklung des Jungen in drei Episoden mit unterschiedlichen Schauspielern: Chiron als Kind, Chiron als Teenager und Chiron als Erwachsener. Die größte Stärke des Films ist die Selbstverständlichkeit, mit welcher Barry Jenkins diese Geschichte erzählt. Sie ist nicht nur frei von negativen Klischees, sondern auch von den „positiven“ sozialpädagogischen Stereotypen wie die heroische Opferrolle. So ist der Erwachsene, der sich als Ersatzvater um Chiron kümmert, ein Drogendealer, dem das moralische Dilemma seines Berufs sehr wohl bewusst ist. Dass sich Chiron ihn am Ende als Rollenmodell auswählt, gibt dem Film am Schluss eine bittere Note. Wie es die drei Schauspieler hinbekommen, eine überzeugende Kontinuität der Persönlichkeit Chirons zu vermitteln, ist beachtlich. Eine beeindruckende Arbeit.

Certain Women

Filmcasino 4.3. 17

USA 2016

Regie: Kel­ly Reichardt

Ein in seiner minimalistischen Art sympathischer Episodenfilm über drei Frauenleben in der Provinz Montanas. Am meisten „Action“ bietet noch die erste Geschichte über eine Anwältin mit einem ruinierten und überforderten Klienten, der in die Kriminalität abkippt. Der zweite Abschnitt beleuchtet primär das Familienleben einer erfolgreichen Frau, die ein authentisches Wochenendhaus bauen will. Die letzte Episode bahnt eine lesbische Beziehung an, die letztlich aber nicht zustande kommt. Der Film lebt von seinen einzelnen expressiven Elementen mehr als von einer klassischen Handlung. Damit untergräbt Reichardt die übliche Ästhetik des Kinos und verletzt die Erwartungshaltung der Zuseher. Wer sich nicht auf diese ästhetische Ebene begeben kann, der könnte den Streifen langweilig finden.

The Other Side of Hope

Stadtkino 26.2. 17

FIN 2017
Regie: Aki Kaurismäki

Sechs Jahre ist es her seit Kaurismäki mit Le Havre seinen letzten Streifen in die Kinos brachte. Sein neuer Film war eben einer der Topfavoriten bei der Berlinale. The Other Side of Hope beschäftigt sich mit dem Flüchtlingsthema. Der syrische Mechaniker Khaled flieht aus Aleppo und gerät nach einer Tournee kreuz & quer nach Finnland, wo er Asyl beantragt. Er unterzieht sich geduldig der bürokratischen Prozedur und sucht gleichzeitig seine während der Flucht verlorene Schwester. Letztendlich wird er allerdings abgelehnt. Kaurismäki zeigt die Polizisten und Beamten durchaus auch von ihrer menschlichen Seite. Khaled wird meist anständig, teilweise sogar emphatisch behandelt, weshalb die unsoziale Ablehnung besonders stark wirkt. Er taucht als Illegaler unter und trifft schließlich auf den neuen Restaurantbesitzer Wikström, der als Figur nahtlos an die wortkargen Humanisten der bisherigen Kaurismäki-Filme anschließt. Zwar sind viele der gewohnten Stilmittel des Regisseurs wieder präsent, von den skurril-mundfaulen Protagonisten bis hin zum trockenen Humor. Kaurismäki setzt diese Mittel aber spärlicher ein als in seinen früheren Werken, weshalb The Other Side of Hope konventioneller wirkt als die Vorgänger: Der Wille zur ästhetischen Provokation ist einer humanistischen Altersmilde gewichen.

Elle

Filmcasino 25.2. 17

FR 2016
Regie: Paul Verhoeven

Die Stärke des Films ist seine Unvorhersehbarkeit. Wer den Trailer sah, erwartet die Rachegeschichte einer vergewaltigten Frau zu sehen. Diese Erwartung wird auf unterschiedlichen Ebenen konterkariert, vor allem durch die sonderbare Beziehung, die sich im Laufe der Handlung zwischen dem Opfer und dem Täter entwickelt. Die Vergewaltigung ist aber nur der Kulminationspunkt eines nachdenklich machenden Frauenporträts. Michèle ist eine komplexe Frauenfigur, die auch jede Menge unsympathische Seiten hat, weshalb sie der Film nicht als klassisches Opferklischee präsentiert. Der Grund für ihren herben Charakter liegt in einer Horrorgeschichte aus ihrer Kindheit verborgen, die zu verarbeiten sie viel Energie kostet. Als Chefin einer Computerspielfirma, die mit sadistisch konnotierten Spielen ihren Umsatz macht, konnte sie diese Rückschläge oberflächlich in einen Erfolg verwandeln. Das Thema (sexuelle) Gewalt zieht sich semantisch und strukturell gekonnt durch den gesamten Film. Isabelle Huppert liefert eine brillante Leistung ab. Gut möglich, dass Elle später als Hupperts Karrierehöhepunkt bewertet werden wird.

Indignation

Filmcasino 20.2. 17

USA 2016
Regie: James Schamus

Literaturverfilmungen stehe ich skeptisch gegenüber, weil sie meist aus guten Büchern schlechte Filme machen. Diese filmische Umsetzung der gleichnamigen Erzählung des Philip Roth‘ ist aber eine positive Ausnahme. Die Handlung lässt sich in meiner Notiz über das Buch nachlesen. Sie spielt in den fünfziger Jahren mit dem Korea Krieg als bedrohlichem Hintergrund. Als das Buch erschien, konnte man damit den Irak Krieg assoziieren. Im Amerika Trumps treten die Themenkomplexe intellektuelle Individualität und Intoleranz als Anknüpfungspunkte in den Vordergrund. Aus diesem Grund wirkt auch das düstere Ende stark im Zuseher nach. Schauspielerisch und ästhetisch ist der Streifen ausgezeichnet umgesetzt. Was ihn als Literaturverfilmung ausweist sind die vielen guten, und teilweise schmerzlich langen Dialogszenen.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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