Kino

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The Party

Filmcasino 30.7. 17

UK 2017

Regie: Sally Potter

In einer Wohnung in London soll der Erfolg einer Karrierefrau gefeiert werden: Sie wird Gesundheitsministerin. Eingeladen ist nur ein kleiner Kreis von Freunden, die mit der Ausnahme eines Bankers alle dem linksliberalen Milieu angehören. Die Party kippt wegen diverser Enthüllungen schnell in ein dramatisches Desaster, wie man das von den einschlägigen angelsächsischen Theaterstücken (Who’s Afraid of Virginia Woolf etc.) her kennt. Sally Potter legt dieses Abgleiten allerdings als Komödie an. Nun dürfen Komödien natürlich genrespezifisch mit Charaktertypen arbeiten. In The Party sind die Figuren aber so klischeehaft, dass es auf mich mehr traurig als komisch wirkt. Vom hysterischen Koksbanker über die militante Lesben-Feministin bis zum Klischee-Esoteriker, den der arme Bruno Ganz spielen muss, sehen wir nur Schablonen. Es gibt einige komische Momente und die Pointe am Schluss ist durchaus gelungen. Das kann den Film aber nicht retten. Das fast einhellige Lob der Kritik für dieses Klischeebombardement kann ich überhaupt nicht nachvollziehen.

The Beguild

Filmcasino 2.7.17

UK 2017
Regie: Sofia Coppola

Natürlich erwarte bei jedem Film der Sofia Coppola vergeblich einen neuen Lost in Translation. Thematisch und ästhetisch könnte The Beguild auch nicht weiter davon entfernt sein. Die auf einem Roman beruhende Handlung spielt während des amerikanischen Bürgerkriegs. Ein verletzter Soldat landet in einem „feindlichen“ Südstaaten-Pensionat für höhere Töchter, und löst dort erotische Verwickelungen aus, die schließlich ein böses Ende nehmen. Coppola analysiert also filmisch erneut eine Frauengruppe. Handwerklich ist ihre Regie in allen Dimensionen sehr kompetent. Ich wünsche mir allerdings, sie hätte für ihr beachtliches Filmtalent einen anderen Stoff gesucht.

I Am Not Your Negro

Filmcasino 17.6. 17

USA 2017

Director: Raoul Peck

James Baldwin zählt zu den bekannteren Persönlichkeiten rund um die amerikanische Bürgerrechtsbewegung, nachdem er 1957 von Paris aus politischen Gründen in die USA zurückkehrte. In seinem Nachlass befand sich ein dreißig seitiges Manuskript mit dem Titel Remember this house, eine Mischung aus Autobiographie und Reflexion über den Rassismus und die gesellschaftliche Situation in den USA. Diesen Text setzte Raoul Peck nun in diesem Filmessay um, der gleichzeitig ein trauriges Dokument über den bis heute andauernden Rassismus in Nordamerika und ein fulminantes Porträt des James Baldwin ist. Letzteres auch deshalb, weil der Film viel historisches Videomaterial mit Baldwin verwendet. In Zeiten Trumps ein beeindruckendes und hochaktuelles Filmkunstwerk.

Hell Or High Water

Filmcasino 19.5. 17

USA 2016

Regie: David Mackenzie

Vom Genre her ein moderner Western, der im von der Wirtschaftskrise gebeutelten West-Texas spielt. Genrespezifisch gibt es klare Fronten. Der Film erzählt eine Art Robin-Hood-Geschichte: Zwei Brüder holen sich durch kleine Banküberfälle jenes Geld zurück, das sie ihrer Hausbank schulden, um eine drohende Pfändung zu vermeiden. Zwei alte Ranger nehmen die Verfolgung auf. Die zwischenmenschliche Dynamik zwischen den jeweiligen Paaren tragen viel zur Qualität des Films bei. Ebenso die teils sehr skurrilen Figuren und das düstere und depressive Setting. Man versteht, wie solche Menschen Trump-Wähler werden, auch wenn man es nicht billigt. Ein beachtenswerter cineastischer Kommentar zum aktuellen Zustand Amerikas und einer der besten amerikanischen Filme des letzten Jahres.

Die Zukunft ist besser als ihr Ruf

Filmcasino 12.5. 17

A 2015

R: Teresa Distelberger, Niko Mayr, Gabi Schweiger und Nicole Scherg

Alle reden von der Krise. Die vier Regisseure dieser Dokumentation wollen zeigen, was man dagegen unternehmen kann. Dazu porträtieren sie sechs Menschen und ihre Projekte, welche alle im Kleinen die Welt verbessern wollen. Beispielsweise eine Architektin, die auf natürliche Baumaterialien setzt, und in Bangladesch eine Schule baut. Die Begründerin eines Hilfsprojekts für arme Menschen oder einen Kulturhistoriker, der seine Studenten über die Tektonik der Gegenwart aufklärt. Alle sechs können eloquent ihre Anliegen darlegen: Man hört ihnen sehr gerne zu. Der Film ist auf provinzielle Projekte fokussiert, weshalb mir das Urbane beim Weltretten etwas zu kurz kommt. Die Zukunft ist besser als ihr Ruf erreicht allerdings tatsächlich, dass man das Kino merklich optimistischer verlässt, als man es betreten hat. Keine kleine Leistung für einen Dokumentarfilm.

Ein ehrenwerter Bürger

Filmcasino 28.4. 17

ARG/E 2016

Regie: Gastón Duprat, Mariano Cohn

Eine argentinische Komödie über einen fiktiven Literaturnobelpreisträger. Bereits der Beginn ist sehr treffend, wenn Daniel Mantovani in Stockholm den Preis entgegennimmt, ihn rhetorisch elegant zerlegt und dafür mit tosenden Applaus bedacht wird. Der Film zeigt das zermürbende Leben eines sehr prominenten Kulturschaffenden. Für Kreativität ist kaum mehr Zeit vor lauter repräsentativen Verpflichtungen. Als Mantovani die Einladung erreicht, er möge aus Europa zur Verleihung der Ehrenbürgerschaft in sein altes argentinisches Dorf zurückkehren, entschließt er sich dazu nach einigem Zögern. Es entfaltet sich vorhersehbar das nicht übermäßig originelle Topos „Intellektueller trifft auf tiefste Provinz“. Nicht alle im Ort sind erfreut über die Darstellung des Dorfes in seinen Büchern. Es gibt neben diesen Konflikten auch alte und neue Liebschaften. Das ist amüsant zu sehen und handwerklich plausibel umgesetzt. Kein Komödienkunstwerk, aber gute Unterhaltung, speziell für Literaturfreunde.

Tanna

Filmcasino 31.3. 17

AUS 2016
R: Martin Butler & Bentley Dean

Der Trailer stimmte mich skeptisch: Ich befürchtete argen Ethnokitsch. Der Film zeichnet sich nämlich durch ein ausgesprochen ungewöhnliches Setting aus. Er spielt auf der Insel Tanna unter Ureinwohnern und basiert auch auf einer wahren Begebenheit. Erzählt wird eine tragische Romeo-und-Julia-Geschichte vor dem Hintergrund konservativer Stammessitten. Was den Film faszinierend macht, sind die eingeborenen Laienschauspieler. Wie man mit drei Stammesdörfern einen schauspielerisch so überzeugenden Spielfilm drehen kann, ist verblüffend. Stellenweise ist der Film zu pathetisch und überschreitet die Grenze zum Kitsch. Trotzdem wird die Lebensform der Ureinwohner nicht allzu sehr idyllisiert. Insgesamt ein durchaus beeindruckendes Werk.

The Red Turtle

Filmcasino 24.3. 17

F / B / J 2016
Regie: Michaël Dudok de Wit

Dieser von der Filmkritik hoch gepriesene Animationsfilm hat tatsächlich viele Stärken. Nicht nur findet die künstlerische Umsetzung einen eigenen ästhetischen Stil, es gelingt de Wit auch, eine symbolisch starke Geschichte ohne ein einziges gesprochene Wort zu erzählen: Ein Mann strandet auf einer Insel und wird von einer roten Schildkröte daran gehindert, sie mit einem Floß zu verlassen. Das Tier verwandelt sich märchenhaft in eine hübsche Frau und die beiden verbringen mit dem bald dazukommenden Kind ihr Leben mit Höhen und Tiefen auf der kleinen Insel. Wer mag, kann darin leicht eine Analogie zur menschlichen Existenz erkennen. Der Film hat viel Charme und bezeugt eine hohe Kompetenz aller Beteiligten am visuellen Erzählen. Auf das von Rousseau und Crusoe inspirierte poetische Setting muss man sich freilich einlassen können, was mir nicht immer leicht fällt.

Neruda

Filmcasino 17.3. 17

CHL, ARG, FRA, ESP 2016
Regie: Pablo Larraín

Es gäbe jede Menge konventioneller Möglichkeiten, einen Film über einen politisch verfolgten Schriftsteller zu drehen. Pablo Larraín wählt keinen dieser ausgetretenen Pfade, sondern schafft ein postmodern anmutendes Fiktionalitätsspiel, indem er einen mäßig schlauen Polizisten als Verfolger des Neruda eine prominente Perspektive einräumt. Dieser Verfolgungsjagd wird in sehr unterschiedlichen Szenen gezeigt, die einen teilweise abstrakten, teilweise leicht surrealen Einschlag haben. Es ist als hätte Pablo Larraín den gesamten Werkzeugkasten des avancierten Autorenfilms genommen, um ihn virtuos anzuwenden. So sind die einzelnen Abschnitte durchaus beeindruckend und handwerklich makellos umgesetzt. Trotzdem lässt mich der Film als Kunstwerk überwiegend kalt. Das mag auch daran liegen, dass mir der Humor des Regisseurs meist nicht amüsiert. Eventuell ist das einer jener Fälle, wo zu viel Perfektion dem Gesamtergebnis mehr schadet als nützt.

Moonlight

Gartenbaukino 16.3. 17

USA 2016
Regie: Barry Jenkins

Es ist selten, dass wirklich einer der besten Filme den Oscar für den besten Film erhält. Der Oscar für Moonlight ist also eine positive Ausnahme, die sicher auch durch die mediale Aufregung begründet ist, die es letztes Jahr rund um die Nicht-Nominierung schwarzer Filmschaffender gab. Das Budget Moonlights war für Hollywoodverhältnisse lächerlich: 1,5 Millionen Dollar.

Der Film beschäftigt sich mit der Jugend Chirons, einem schwarzen Jungen, der in einem Ghetto Miamis aufwächst. Erschwerend in diesem Machoumfeld ist seine sukzessive Erkenntnis, dass er homosexuell ist. Erzählt wird die Entwicklung des Jungen in drei Episoden mit unterschiedlichen Schauspielern: Chiron als Kind, Chiron als Teenager und Chiron als Erwachsener. Die größte Stärke des Films ist die Selbstverständlichkeit, mit welcher Barry Jenkins diese Geschichte erzählt. Sie ist nicht nur frei von negativen Klischees, sondern auch von den „positiven“ sozialpädagogischen Stereotypen wie die heroische Opferrolle. So ist der Erwachsene, der sich als Ersatzvater um Chiron kümmert, ein Drogendealer, dem das moralische Dilemma seines Berufs sehr wohl bewusst ist. Dass sich Chiron ihn am Ende als Rollenmodell auswählt, gibt dem Film am Schluss eine bittere Note. Wie es die drei Schauspieler hinbekommen, eine überzeugende Kontinuität der Persönlichkeit Chirons zu vermitteln, ist beachtlich. Eine beeindruckende Arbeit.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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