Kino

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The Killing of a Sacred Deer

Filmcasino 14.1. 18

GB/IR 2016
Regie: Yorgos Lanthimos

Was für ein außergewöhnlicher Film. Ein cineastisches Meisterwerk? Ein antiaufklärerisches Propagandastück? Beim ersten Ansehen fällt es schwer, sich eine Meinung zu bilden. Der Film beginnt harmlos und sympathisch. Im Mittelpunkt steht eine Oberklasse-Ärztefamilie. Der Vater kümmert sich rührend um den psychisch labilen Sohn eines ehemaligen Patienten, der die Herzoperation leider nicht überlebte. Die Idylle dauert nur kurz: Der kleine Sohn wird mysteriös krank, und es entspinnt sich eine düster dämonische Rachegeschichte. Diese spiegelt als Kontrapunkt semantisch geschickt den naturwissenschaftlichen Beruf des Vaters: Das Irrationale übernimmt. Das ist sehr eindringlich und spannend inszeniert. Man geht mit jeder Menge Fragen aus dem Kino. Sollten Filmfreunde nicht versäumen.

Eine bretonische Liebe

Filmcasino 1.1. 18

F/B 2017
Regie: Carine Tardieu

Die beste Klassifikation ist wohl romantische Komödie. Im Mittelpunkt steht Erwan, der Chef einer Minenräumfirma. Die Tochter ist ungewollt schwanger. Der Vater stellt sich als Stiefvater heraus. Die Suche nach dem echten Vater beginnt. Der wiederum hat eine Tochter…
Das alles ist überdurchschnittlich kompetent geschrieben und gespielt. Auch amüsant. Aber so gar nicht mein Genre.

Loving Vincent

Filmcasino 29.12. 17

GB/PL 2017
Regie: Dorota Kobiela, Hugh Welchman |

Das Spektakuläre dieses Films ist seine Machart. Als auf Öl gemalter Animationsfilm ist er damit wohl der erste seiner Art. 125 Künstler malten dafür 65.000 Bilder. Diese sind komplett in der Ästhetik von van Goghs grandiosen Gemälden gehalten, was optisch natürlich unglaublich eindrucksvoll ist. Viele „Einstellungen“ basieren auf berühmten Bildern des Malers, was zu einer kunsthistorischen Detektivarbeit einlädt.

Weniger gelungen finde ich die Geschichte. Der Vater eines Bekannten van Goghs schickt seinen Sohn los, um einen Brief an dessen Bruder Theo zuzustellen. Es läuft dann auf eine Art Kriminalgeschichte rund um den seltsamen Tod des Malers hinaus. Man erhält dadurch zwar einige Einblicke in die Persönlichkeit des Künstlers. Mir persönlich hätte eine andere, weniger auf Spannung setzende Handlung deutlich besser gefallen.

David Lynch – The Art Life

Filmcasino 16.12. 17

US/DK 2016

Regie: Jon Nguyen

David Lynch kannte ich bisher ausschließlich als Regisseur und gehe mit der Erwartung ins Kino, das Porträt eines Filmkünstlers zu sehen. Die Dokumentation zeigt jedoch primär Lynch Werdegang als bildender Künstler. Seine Skulpturen und Assemblagen sind ähnlich verstörend wie die bekannten Filme. Assoziationen zu Horror-Motiven drängen sich immer wieder auf. Wer nun vermutet, diese Vorliebe mit dem Abseitigen hinge mit Lynch Kindheit zusammen, könnte nicht falscher liegen: Er wuchs umsorgt in einer „perfekten“ Familie auf. Diese behütete und idyllische Jugend sowie seine ersten Schritte als Künstler nehmen den größten Raum ein. Der Film endet mit dem Durchbruch als Filmemacher. Ästhetisch ist The Art Life ansprechend konzipiert: Über die Laufzeit des Films arbeitet Lynch an einem neuen Kunstwerk. Man sieht also ein aktuelles Werk entstehen, während gleichzeitig sein Leben autobiographische aufgearbeitet wird.

Lady Macbeth

Filmcasino 1.12. 17

GB 2016

Regie: William Oldroyd

Eine britische Lady Macbeth lässt eine neue Shakespeare-Verfilmung erwartet. Weit gefehlt: Es handelt sich um die Verarbeitung der russischen Variante des Stoffs auf die auch Schostakowitsch in seiner Oper Lady Macbeth von Mzensk [Notiz] zurückgreift. Beide basieren auf der Novelle des Nikolai Leskow.

Oldroyds Film ist in kurze Szenen gegliedert, welche die grausame Geschichte einer Leidenschaft erzählen. Die Morde der hübschen jungen Frau und ihr sexueller Appetit gewinnen schnell eine beeindruckende Eigendynamik. Über das hier gebotene Frauenbild ließe sich freilich trefflich streiten. Filmisch und schauspielerisch jedenfalls tadellos umgesetzt.

Tiere

Filmcasino 17.11. 17

CH/A/PL 2017

Regie: Greg Zglinski

Formal erfreulich weit weg vom Mainstream ist dieses teils in Wien teils in der Schweiz spielende Ehebruchsdrama der oberen Mittelschicht. Wobei „Ehebruchsdrama“ hier nicht als Genrebezeichnung gemeint ist. In eine Schublade passt dieser Film nicht, was eine seiner Stärken ist. Man sieht zarte Anleihen an Lynch oder Hitchcock. Ein wirkliches Horrorgefühl kommt allerdings kaum auf, dafür gibt es einige sehr komische Szenen. Nick ist ein erfolgreicher Koch, der seine Frau Anna bereits seit längerem betrügt. Sie will ein Buch schreiben, wofür sich die beiden eine Auszeit in einem einsamen Berghaus in der Schweiz nehmen. Die Handlung entwickelt sich in unchronologischen Sprüngen und gleitet teilweise ins Surreale ab. Am Ende bleibt der Zuschauer mit sehr unterschiedlichen Interpretationsmöglichkeiten zurück, was sich da vor seinen Augen eben wirklich abspielte. Selbst der Titel ist ambivalent, weil Tiere symbolisch eine große Rolle spielen, sich das Wort aber auch auf die Protagonisten beziehen lässt. Schon länger kein so intelligentes Spiel mit der Realität im Kino gesehen.

God’s Own Country

Filmcasino 8.11. 17

UK 2017
Regie: Francis Lee

Das Thema des Films ist schnell zusammengefasst: Brokeback Mountain auf einer britischen Schaffarm. Nun bin ich überhaupt kein Freund des Liebesdrama-Genres, aber selbstverständlich gewinnt God’s Own Country durch den sozialkritischen und Minderheitenfokus dem Genre neue Aspekte ab. Solide gespielt und filmisch kompetent gedreht. Ohne happy ending wäre er freilich viel wirkungsvoller gewesen.

Good Time

Filmcasino 3.11. 17

USA 2017
Regie: Ben Safdie, Josh Safdie

Schon lange keinen so kunstvollen und ungewöhnlichen Thriller mehr gesehen. Er spielt in einer einzigen Nacht in New York und wie die beiden Regisseure die nächtliche Stadt einfangen, erinnert von der Qualität (nicht von der Machart!) an Taxi Driver. Ein Brüderpaar überfällt eine Bank. Einer der beiden ist „mentally challenged“ und wird prompt von der Polizei erwischt und in ein psychiatrisches Krankenhaus gebracht. Sein Bruder Connie, grandios gespielt von Robert Pattinson, versucht ihn in derselben Nacht wieder frei zu bekommen. Diese atemlose Odyssee wird mit beeindruckenden filmischen Mitteln eingefangen und reißt den Zuseher alleine schon durch die Form mit. Als Dreingabe gibt es ein soziales Porträt der weniger Wohlhabenden New Yorker, aber ohne in Voyeurismus abzugleiten. Ein kleines, innovatives Meisterwerk.

Eine fantastische Frau

Filmcasino 7.10.17

CHL/US/D/ES 2017
Regie: Sebastián Lelio

Ein braver Autorenfilm aus Chile, in dessen Mittelpunkt ein transsexueller Mann – die fantastische Frau – steht. Ihr verheirateter Liebhaber stirbt in einer Nacht überraschend im Krankenhaus in das sie ihn schnell gebracht hatte. Polizei, misstrauische Familie und diverse transsexuelle Diskriminierungserfahrungen sind die Folge. Das ist alles passabel erzählt und von Daniela Vega ausgezeichnet gespielt. Ihre Antagonisten sind freilich mehr karikiert denn narrativ ausgearbeitet. Cineastische Durchschnittskost.

Die beste aller Welten

Filmcasino 9.9. 17

AT 2017
Regie: Adrian Goiginger

Einen international viel beachteten österreichischen Debütfilm gibt es nicht jedes Jahr. Die auf diversen Festivals durch Kritiker und Zuseher gestreuten Lorbeeren sind durchaus berechtigt. Die beste aller Welten ist eine Milieustudie aus der Salzburger Drogenszene. Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive eines siebenjährigen Jungen. Der wächst mit seiner nach Heroin süchtigen Mutter in einer tristen Wohnsiedlung auf. Goiginger gelingt es hervorragend, die Wahrnehmungsperspektive des Kindes einzunehmen für das diese Drogen-WG ein selbstverständliches Umfeld ist: Die beste aller Welten. Das große Verdienst des Films ist es, dass er weder ein Sozialporno noch ein sozialpädagogisches Rührstück ist. Er zeigt dieses traurige Leben wie es ist und lässt mir als Zuseher den Raum, ein eigenes Urteil zu bilden. Der Junge will Abenteurer werden und seine Träume bekommen als Monsterjagd eine eigene filmische Ebene. Aus der Perspektive des Kindes ist die Gleichsetzung der Drogensucht mit dem Dämon seiner Fantasie auch durchaus plausibel. Während die tristen Lebensverhältnisse meist in engen Räumen gefilmt werden, taucht das schöne Salzburg bildlich nur selten als ferner Hintergrund auf. Der Film packt das Publikum zu Beginn und lässt uns bis zum Ende nicht mehr los.

Das Ende ist es allerdings, das mir die Freude etwas trübt: Das Christentum als Retter von der Drogensucht inklusive einem happy ending. Dem Abspann nach hat sich diese Geschichte tatsächlich so ähnlich zugetragen, was meinen Einwand natürlich relativiert. Trotzdem wäre der Film ästhetisch stärker mit einem offenen Ende gewesen.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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