Kino

1234..>|

Elle

Filmcasino 25.2. 17

FR 2016
Regie: Paul Verhoeven

Die Stärke des Films ist seine Unvorhersehbarkeit. Wer den Trailer sah, erwartet die Rachegeschichte einer vergewaltigten Frau zu sehen. Diese Erwartung wird auf unterschiedlichen Ebenen konterkariert, vor allem durch die sonderbare Beziehung, die sich im Laufe der Handlung zwischen dem Opfer und dem Täter entwickelt. Die Vergewaltigung ist aber nur der Kulminationspunkt eines nachdenklich machenden Frauenporträts. Michèle ist eine komplexe Frauenfigur, die auch jede Menge unsympathische Seiten hat, weshalb sie der Film nicht als klassisches Opferklischee präsentiert. Der Grund für ihren herben Charakter liegt in einer Horrorgeschichte aus ihrer Kindheit verborgen, die zu verarbeiten sie viel Energie kostet. Als Chefin einer Computerspielfirma, die mit sadistisch konnotierten Spielen ihren Umsatz macht, konnte sie diese Rückschläge oberflächlich in einen Erfolg verwandeln. Das Thema (sexuelle) Gewalt zieht sich semantisch und strukturell gekonnt durch den gesamten Film. Isabelle Huppert liefert eine brillante Leistung ab. Gut möglich, dass Elle später als Hupperts Karrierehöhepunkt bewertet werden wird.

Indignation

Filmcasino 20.2. 17

USA 2016
Regie: James Schamus

Literaturverfilmungen stehe ich skeptisch gegenüber, weil sie meist aus guten Büchern schlechte Filme machen. Diese filmische Umsetzung der gleichnamigen Erzählung des Philip Roth‘ ist aber eine positive Ausnahme. Die Handlung lässt sich in meiner Notiz über das Buch nachlesen. Sie spielt in den fünfziger Jahren mit dem Korea Krieg als bedrohlichem Hintergrund. Als das Buch erschien, konnte man damit den Irak Krieg assoziieren. Im Amerika Trumps treten die Themenkomplexe intellektuelle Individualität und Intoleranz als Anknüpfungspunkte in den Vordergrund. Aus diesem Grund wirkt auch das düstere Ende stark im Zuseher nach. Schauspielerisch und ästhetisch ist der Streifen ausgezeichnet umgesetzt. Was ihn als Literaturverfilmung ausweist sind die vielen guten, und teilweise schmerzlich langen Dialogszenen.

Whiplash & La La Land

Der 2014 erschienene Autorenfilm Whiplash von Damien Chazelle zählt zu den beeindruckendsten Filmen der letzten Jahre, speziell wenn man sich für Jazz und Ästhetik interessiert. Zentral ist Frage, was ein Genie zum Genie macht bzw. wie man junge Künstler am besten fördert. Im Mittelpunkt steht der hochbegabte junge Jazzmusiker Andrew Neiman, der im New Yorker Shaffer Konservatorium mit Terence Fletcher auf einen angesehenen Dirigenten und Lehrer trifft, dessen pädagogischer Stil mit „schwarz“ noch sehr diplomatisch beschrieben wäre. Es entwickelt sich ein spannendes Lehrer-Schüler-Drama. Fletcher rechtfertigt seine brutalen Methoden damit, dass er durch höchste Anforderungen neue Jazz-Genies hervorbringen will. Deshalb treibt er so manchen seiner Schüler in den psychischen Ruin. Als Zuseher stellt man sich schnell die Frage, welchen Preis künstlerische Genialität eigentlich wert ist. Eingefangen ist das Ganze cineastisch makellos mit intelligenten Einstellungen und Bildern.

Deshalb nehme ich allen meinen Mut zusammen, um mir auch den neuen Film Chazelles anzusehen, La La Land, obwohl ich mit dem Genre des Musicals noch nie etwas anfangen konnte. Nun kann ich sagen: Das wird auch so bleiben. Zweifellos ist dieser Streifen handwerklich nicht nur perfekt gemacht, sondern glänzt auch mit zahlreichen Anspielungen auf das klassische Hollywood. Diese Alusionen sind nicht nur inhaltlicher, sondern auch formeller Natur (etwa raffinierte Kamerafahrten). Trotzdem fehlt dem Film die intellektuelle Dringlichkeit und Notwendigkeit, welche Whiplash auszeichnet.
Der Erfolg des Musicals lässt sich aber leicht erklären. Einerseits ist die Nachrichtenlage so düster, dass viele Menschen wohl gerne einmal einen einigermaßen anspruchsvollen Entspannungsfilm sehen wollen. Andererseits ist die Handlung über zwei arme, aber ambitionierte junge Künstler, die in Los Angeles bzw. Hollywood erfolgreich sein wollen, hinreichend nostalgisch für die Filmszene, um dort Begeisterung auszulösen. Welcher Hollywood-Star in einer der zahlreichen Jurys sieht nicht gerne die Aufstiegskämpfe der jungen Stargeneration und erinnert sich an seine ersten frühen Erfolge? Dieser Nostalgiefaktor dürfte für die Preisflut eine plausible Erklärung sein, die über La La Land bisher hereingebrochen ist. Ansonsten wäre es für mich nur schwer verständlich, warum er etwa bei den BAFTAs mehr Auszeichnungen bekam als der in fast jeder Hinsicht bessere Manchester by the Sea.

La Fille inconnue

Filmcasino 11.2. 2017

BEL 2016

Regie: Luc Dardenne, Jean-Pierre Dardenne

Die Brüder Dardenne machen in ihren Filmen das, was die meisten Politiker gerne vermeiden: Einen genauen Blick auf die Wirklichkeit der nicht privilegierten Menschen zu werfen. Ihr neuestes Werk setzt diese Praxis fort, allerdings mit zwei merklichen Veränderungen: Zum einen wird die Lebenswirklichkeit dieses Mal aus der Sicht der jungen Ärztin Jenny erzählt, die mit diesem Milieu viel Kontakt hat, aber ihm wegen ihres Berufes selbst nicht angehört. Zum anderen ist der Film ästhetisch ruhiger, weil auf den extensiven Einsatz der Handkamera verzichtet wird.

Die Handlung lehnt sich an das Genre des Krimis an. Eine junge Afrikanerin wird tot aufgefunden, nachdem sie vergeblich an der Praxis der Doktorin klingelte. Vom schlechten Gewissen getrieben, versucht sie herauszufinden, wer die anonyme Tote eigentlich war. Dabei trifft sie auf unterschiedliche Menschen und Milieus, was wohl die ästhetische Zweckursache dieser Struktur ist. Schauspielerisch und handwerklich tadellos ausgeführt gelingt den Brüdern Dardenne damit ein weiteres sehenswertes Kunstwerk.

Was Männer sonst nicht zeigen

Filmcasino 10.2. 2017

FIN/SWE 2010

Regie: Joonas Berghäll & Mika Hotakainen

Wie grenzenlos mein Vertrauen in mein Stamm-Programmkino ist, zeigt dieser Filmbesuch. Einen Streifen über Sauna-Besuche? Der bereits sieben Jahre alte Film begleitet überwiegend Männer in die Sauna, wobei es in Finnland Saunen an den seltsamsten Orten gibt, darunter auch viele mobile. Dort erzählen die Besucher dann aus ihrem Leben, von Krankheiten, dem Verlust von Angehörigen und anderen Existenzkrisen. Ergebnis ist ein interessanter Einblick in das finnische Alltagsleben jener, die eher am unteren als am oberen Rand der Gesellschaft angesiedelt sind. Zwischen den Geschichten gibt es ausladende Aufnahmen der kargen finnischen Landschaft. Ein originelles Filmprojekt.

Manchester by the Sea

Filmcasino 25.1. 2017

Regie: Kenneth Lonergan
USA 2016

Auf kaum einer seriösen Liste mit den besten Filmen des Jahres 2016 fehlte Manchester by the Sea. In der Tat handelt es sich um einen ausgezeichneten klassischen Autorenfilm: Kenneth Lonergan führte nicht nur die Regie, er schrieb auch das Drehbuch. Der Film beschäftigt sich mit den Auswirkungen von zwei Alltagstragödien und deren psychischen und sozialen Auswirkungen auf die Protagonisten. Der wortkarge Außenseiter Lee Chandler verlässt seine Heimatstadt Manchester by the Sea nach einem tragischen Erlebnis und fristet sein Leben als schlecht gelaunter Hausmeister. Als sein Bruder nicht überraschend an seiner Herzkrankheit stirbt, muss er zurückkehren und sich unerwartet um seinen 16-jährigen Neffen Patrick kümmern, was ihn angesichts seiner labilen Verfassung naturgemäß überfordert. Die sich entwickelnde Beziehung zwischen den beiden, steht im Mittelpunkt. Während in vielen Filmen der Teenager die problematische Figur ist, stellt Lonergan dieses Klischee auf den Kopf: Patrick ist das Gegenteil seines Onkels: Beliebt, begehrt, sozial bestens integriert und emotional deutlich stabiler als sein erwachsener Verwandter. Die Geschichte und die Dialoge sind literarisch auf hohem Niveau. Die Filmmusik ist ein Hauch zu pathetisch, funktioniert aber noch als tragendes Element. Die vielen Rückblenden sind strukturell intelligent eingesetzt. Ein Anti-Hollywood-Film im besten Sinne.

The Happy Film

Filmcasino 6.1. 2017

USA 2016

Regie: Stefan Sagmeister, Ben Nabors, Hillman Curtis

Der in New York lebende österreichische Designer hat einen Selbstversuch in diesem Film festgehalten: Drei von der Psychologie vorgeschlagene Wege auszuprobieren, um glücklicher zu werden: Meditation, kognitive Psychotherapie und Psychopharmaka. Herausgekommen ist eine idiosynkratische Selbstbespiegelung, die gleichzeitig die größte Stärke und größte Schwäche des Filmes ist. Selbstverständlich ist das alles nicht ohne Ironie auf die Leinwand gebracht. Sagmeister schreckt aber auch vor viel Selbstvoyeurismus nicht zurück. Was den Film formal sehr spannend macht, ist der ständige Einsatz von unterschiedlichen audiovisuellen „Designs“ als Illustration und Kontrapunkte. Von witzigen Scherenschnitten bis zu atemberaubenden Slow-Motion-Aufnahmen wird alles zweckentfremdet, was die Werbetechnik dieser Tage aufzubieten hat. Das Thema betreffend halten sich die Erkenntnisgewinne, wie von mir erwartet, in Grenzen. Wer ungewöhnliche Filme mag, wird mit The Happy Film jedenfalls seine Freude haben.

Love & Friendship

Filmcasino 30.12. 2016

IE/NL/F/USA/UK 2016
Regie: Whit Stillman

Zu Lebzeiten Jane Austens wurde Lady Susan nie publiziert. Erst 1871 konnte man den Kurzroman als Buch lesen. Der Stoff ist jetzt der Anlass zu dieser charmanten Filmkomödie. Charmant vor allem, wegen des hübschen britischen Upper Class Akzents, der dem Barock entnommenen Filmmusik sowie den fast durch die Bank schrägen Protagonisten. Amüsant ist auch die intrigante Handlung, aber ansonsten ist der Streifen nicht weiter bemerkenswert.

Nocturnal Animals

Filmcasino 23.12. 2016

USA 2016
Regie: Tom Ford

Ein auf mehreren Ebenen sehr intensiver Film. Die Handlung teilt sich in zwei Hauptstränge. Susan Morrow ist als erfolgreiche Galeristin eine Upperclass-Lady aus Los Angeles und wird auf eine originelle Art und Weise mit ihrer Vergangenheit konfrontiert: Ihr Ex-Ehemann schickt ihr nämlich das Manuskript zu seinem neuen Roman: Nocturnal Animals. Die brutale Geschichte des Buches über die Entführung einer Familie in Texas bekommen wir ausführlich zu sehen, wenn Susan das Buch liest. Gleichzeitig sehen wir in Rückblenden den Beginn und das Scheitern ihrer Beziehung mit dem Autor. Obwohl der Roman nicht direkt davon handelt, ist er doch eine implizite Auseinandersetzung mit Susan. Das ist narrativ sehr subtil gemacht und erinnert tatsächlich an literarische Stilmittel.

Zusätzlich ist Nocturnal Animals fesselnd wie ein Thriller und hat eine sehr hohe emotionale Intensität. Dass er dabei die wichtige philosophische Frage „Wie soll ich leben?“ nicht aus den Augen verliert, ist angesichts der semantischen Dichte erstaunlich, und spricht für die strukturelle Brillanz des Tom Ford. Für mich einer der besten Filme des Jahres 2016.

Kaum öffne ich die Augen

Filmcasino 17.12. 2016

F/TN/BE 2015

Regie: Leyla Bouzid

Tunis im Jahr 2010. Der sogenannte arabische Frühling ist nicht mehr fern. Die junge Farah steht kurz vor ihrem Studium und singt regierungskritische Lieder in einer Rock-Band in Tunis. Keine gute Idee in einem diktatorischen Staat, der sich so eine Provokation natürlich nicht lange gefallen lässt. Westlichen Zusehern wird hier ein arabisches Land abseits der üblichen Klischees gezeigt. Farah ist moderner und selbständiger als so manche junge Frau mit Migrationshintergrund im Westen. Den Film auf die politische Kritik zu reduzieren, wäre allerdings unfair. Er ist ästhetisch durchaus anspruchsvoll und setzt unterschiedliche Techniken ein, etwa sehr gelungen die Handkamera bei urbanen Massenszenen. Schauspielerisch ist ebenfalls nichts auszusetzen.

Schade, dass solche Filme nur wenige sehen. Das Kino war vergleichsweise leer.

1234..>|
  • RSS Feed for Posts
  • RSS Feed for Comments
  • Twitter
  • XING
  • Facebook

Kategorien

„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

Aktuell in Arbeit

Tweets