Filmklassiker

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Satyajit Ray: Pather Panchali (1955)

Der erste „realistische“ Film aus Indien genießt bis heute höchstes Renommee. Geschult am italienischen Neorealismus und mit bescheidenen 3000 Dollar als Budget drehte Ray einen teils ultrarealistischen, teils lyrischen Streifen über das Leben in einem indischen Dorf. Wir Indienreisenden sehen gleich, dass sich das Dasein dort kaum geändert hat. Es wird immer noch Wasser in denselben Gefäßen aus den Brunnen geholt und die Existenz ist heute noch mühsamer als damals.
Im Mittelpunkt von Pather Panchali steht das Geschwisterpaar Apu und seine ältere Schwester Durga. Der Vater will Schriftsteller werden, was das Schicksal selbstverständlich durch zunehmende Verarmung bestraft. Herausragend sind die Close-Ups auf Charaktergesichter jeglichen Alters. Die großen Themen des Lebens kommen alle vor, was den Film eine archaische Aura gibt.

Pather Panchali (DVD)

Friedrich Murnau: Nosferatu, eine Symphonie des Grauens (1922)

Filmcasino 3.3. 2013
Akkordeon Festival

Live:
Stefan Sterzinger (Akkordeon)
Franz Schaden (Bass)

Die freie Adaptierung des Dracula Romans von Bram Stoker ist der wohl bekannteste frühe Horrorfilm der Filmgeschichte, auch wenn die Gruseleffekte beim zeitgenössischen Publikum oft in Komik umkippen. Murnau lehnt sich an diverse Vampirmythen an, bringt aber auch mir unbekannte Aspekte hinein, etwa, dass Nosferatu Heimaterde mitnehmen muss als er sein Gruselschloss in Transylvanien verlässt. Der Film wurde für damalige Verhältnisse mit viel Aufwand gedreht. Stefan Sterzinger und Franz Schaden entschieden sich für eine abstrakte Begleitung anstatt auf billige Horroreffekte zu setzen. Das tat dem Gesamteindruck sehr gut, weil damit die für heutiges Empfinden überzogene Horrorstummfilmästhetik musikalisch gedämpft wurde.

Carl Theodor Dreyer: Gertrud (1964)

Schwer zu sagen, ob Gertrud ein Meisterwerk des Films und ein Meisterwerk des Kitsches ist. Für den Streifen spricht: Er ist ein Unikat. Kammerspielartig wird in dem Film mit überwiegend gedrechselten Sätzen über Gefühle geredet und geredet und geredet. Gertrud, Angehörige der dänischen Oberschicht, will ihren Mann verlassen, was gleich zu Beginn wortreich besprochen wird. Grund dafür ist ein junger Musiker, der Gertrud aber nur als Abenteuer sieht. Schließlich tritt noch ein alter, enttäuschter Verehrer auf, natürlich ein berühmter Dichter. In schwarz-weißen Innenräumen regiert das Sentiment. Die Länge der Einstellungen erinnert wie die Dialoglastigkeit an das Theater. Filmgeschichtlich ein spannender Film, aber kein für mich gedrehter.

Gertrud (DVD)

Buster Keaton: Out West (1918) / College (1927)

Filmcasino 24.2. 2013
Akkordeon-Festival

Live:
Alexander Shevchenko (Akkordeon)
Maciej Golebiowski (Klarinette)

Stummfilme mit Livemusik sind immer eine Freude, speziell wenn die Musiker so engagiert und witzig spielen wie die beiden oben Genannten. Die zwei Filme kannte ich noch nicht, ein großer Fehler! Out West ist eine komische Western-Parodie und alleine deshalb schon bemerkenswert, weil Buster Keaton dieses Genre bereits so früh auf den Arm nahm. Noch amüsanter fand ich aber College, weil es der früheste Antisport-Film ist, den ich kenne. Keaton spielt einen bücherhungrigen Sportverweigerer, der bei seiner Highschool-Abschiedsfeier eine Rede mit dem Titel The Curse of Athletics hält. Die wichtigsten Passagen werden stummfilmgemäß auf schwarzen Tafeln eingeblendet:

The secret of getting a medal like mine is – – books not sports.
The student who wastes his time on athletics rather than study shows only ignorance.
Future generations depend upon brains and not upon jumping the discus or hurdling the javelin.

Die Absolventen verlassen empört den Festsaal. Danach finden wir Buster Keaton als Student im College wieder, wo er sich hochkomisch an allen möglichen Sportarten versucht, und den bis heute an amerikanischen Universitäten andauernden Sportwahn karikiert. Selten war Slapstick weiser.

Jean-Luc Godard: Pierrot le Fou (1965)

Godards Filme sind alle „anders“ und so hat Pierrot le Fou trotz vieler Anleihen an das Krimi- und Gangstergenre (malerisch drapierte Leichen!) wenig mit deren Vorbildern zu tun. Es gibt zwar einen offenkundigen roten Faden, die Flucht vor einer Gangsterbande, aber die Substanz des Films liegt in der Ästhetik und den vielschichtigen Referenzen. So nimmt Godard nicht nur viele Aspekte der Konsumgesellschaft aufs Korn, er übt auch groteske Kritik am Vietnamkrieg. Man kann sich aber auch einfach zurücklehnen und die originellen Schnittfolgen, Kameraeinstellungen und Farbkompositionen auf sich wirken lassen. Ein unglaublich dichter Film, den man mehrmals sehen muss, um kognitive Schneisen durch das Kunstwerk schlagen zu können.

Piere le Fou (DVD)

Jacques Tati: Playtime (1967)

Tati gehört zu jenen wenigen Künstlern, die eine völlig unverwechselbare Kunstsprache schufen. Seine Filme sind buchstäblich unvergleichlich. So setzen sie ausschließlich auf das Bild und auf Geräusche: Dialoge gibt es nicht. Trotzdem schließt Tati hier nicht einfach an die Stummfilmzeit an, sondern entwickelt eine hoch artifizielle Filmästhetik, die man in Playtime hervorragend studieren kann. Tati ließ dafür buchstäblich eine moderne Stadt nachbauen, überwiegend in Grautönen und verwandten Farbschattierungen gehalten. Seine Helden schickt er in dieses fremde, ultramoderne Paris und lässt sie dort melancholisch-komische Abenteuer erleben.

Alles sieht modern und effizient aus, nur wollen sich die Menschen partout nicht komplikationslos in diese sterile Welt einfügen. Vieles in diese Welt ist auch nur edle Fassade. Geht man einen Raum weiter, hängen die Kabel aus der Wand und man betritt eine Baustelle. An diesem Bruch entsteht die Komik, die wesentlich subtiler ist als beispielsweise jene von Charlie Chaplin, der in einigen seiner Filme eine ähnliche Agenda hatte. Ein faszinierender Film über die Moderne also. Tati ist der Kafka des Films.

Jacques Tati Collection (4 DVDs)

Abbas Kiarostami: Close-Up (1990)

Mein erster iranischer Film war gleich ein herausragendes cineastisches Erlebnis. Es ist nicht überraschend, dass Close-Up bei Filmenthusiasten einen so guten Ruf genießt, beschäftigt er sich doch intensiv mit der Filmkunst an sich, und das auf eine sehr raffinierte Art und Weise. Im Mittelpunkt steht der arme Hossein Sabzian, der plötzlich den Entschluss fasst, sich als den berühmten Filmregisseur Mohsen Makhmalbaf auszugeben. Er überredet eine wohlhabende Familie, ihr Haus für einen Filmdreh zur Verfügung zu stellen, und genießt nicht nur die ihm entgegen gebrachte Wertschätzung, sondern identifiziert sich immer stärker mit der Rolle. Schließlich wird er entlarvt und vor Gericht gestellt.

Als Zuseher sieht man die Geschichte überwiegend in Rückblenden, wenn Sabzian dem Richter seine Geschichte erzählt. Der Verdacht der Familie ist natürlich, dass er das Haus für einen Raub auskundschaften wollte. Sabzian gelingt es aber schließlich die Beteiligten von seinem Film-Enthusiasmus zu überzeugen.

Über die Handlung legt sich zwangsläufig die Identitätsthematik und im Verlauf des Films verschwimmt immer mehr, wer Sabzian eigentlich ist. Ebenfalls wird kritisch hinterfragt, wie die iranische Gesellschaft mit vordefinierten Rollenmustern umgeht. Hinzu kommt, dass diese Geschichte tatsächlich passiert ist, und die damals Beteiligten sich im Film selbst spielen, was dem Ganzen noch einen ironischen Kontrapunkt aufsetzt und ein ausgesprochen vielschichtiges Kunstwerk ergibt.

Close-Up (DVD)

Gillo Pontecorvo: La Battaglia di Algeri (1966)

Was mich beim Ansehen am meisten faszinierte war weniger die ästhetisch und handwerklich hervorragende Umsetzung des Films oder die intelligenten Anleihen an den Expressionismus, sondern die unglaubliche Aktualität des Films.
Die Geschichte erzählt den Aufstand in Algier gegen die französische Besatzungsmacht. Obwohl die Brutalitäten der Franzosen ausführlich gezeigt werden, inklusive einiger unter George W. Bush wieder zu neuen Ehren gekommenen Foltertechniken, werden die Franzosen nicht plump dämonisiert. Die Pariser Perspektive der Ereignisse kommt nicht zu kurz. Ausbalanciert wird die Handlung weiter dadurch, dass die Terrorakte der FLN gegen die Zivilbevölkerung ebenso auf die Leinwand kommen. Dass die Protagonisten beider Seiten als Menschen statt als politische Strohpuppen charakterisiert werden, verschärft die Wirkung der moralischen Kalamitäten. Kurz: Ein narrativ sehr intelligenter Film.
Die Tragödie entfaltet sich fast stereotyp und der Vergleich zum Irak oder zu Afghanistan drängt sich auf. Hätte man amerikanischen Politikern und Militärs diesen Film rechtzeitig gezeigt: Vielleicht hätten sie es sich doch noch einmal anders überlegt.

Chaplin: City Lights (1931)

Einer meiner Lieblingsfilme! Chaplin gelingt hier eine unerhörte Ausgewogenheit der unterschiedlichsten Aspekte. Das fängt bei der grundlegenden, charmanten Liebesgeschichte zwischen dem blinden Blumenmädchen und dem für einen Millionär gehaltenen, heruntergekommenen Tramp (Chaplin) an: Ein modernes, melodramatisches Märchen. Dieses Märchen ist aber geerdet durch die nicht zu übersehende „great depression“. Gleichzeitig gibt es noch die Ebene des Klamauks, also die komischen Episoden mit dem betrunkenen Reichen samt Butler sowie Chaplins furiose Slapstick-Choreographien wie den Boxkampf. Diese ästhetische Kohärenz ist es, welche den Film nicht nur zu einem der größten Meisterwerke in Chaplins Werk macht, sondern der Filmgeschichte überhaupt.

City Lights (DVD)

Mizoguchi Kenji: Ugetsu monogatari (1953)

Dieser japanische Filmklassiker erzählt eine archaische, allegorisch aufgeladene Geschichte zweier Dorfbewohner aus dem 16. Jahrhundert. Es tobt der Krieg und diese Samurai-Gemetzel sind die unappetitliche Kulisse. Ein offenbar besonders begabter Töpfer verlässt aus Geldgier Frau und Kind, während ihr Dorf überfallen wird, und gerät in die Fänge einer reichen japanischen Witwe, die ihn mit ihren materiellen und erotischen Günsten verlockt. Sogar ein locus amoenus fehlt nicht. Als er am Ende geläutert zurückkehrt, ist seine Gattin tot, die sich die Zeit inzwischen mit Vergewaltigungen vertrieben hat.
Handelt Mizoguchi Kenji hier als Topos Geld und Gier moralisch ab, wird sein Freund und Mitdorfbewohner durch Macht und Gewalt erfolgreich versucht. Er will unbedingt Samurai werden, wird zu Beginn verspottet und gedemütigt, um dann eine große Soldatenkarriere hinzulegen. Seine Gattin vergisst er bis zu einem zufälligen Zusammentreffen, wo er erkennen muss, dass sie ihr Leben inzwischen als Prostituierte fristet.
Als Film ist Ugetsu monogatari aber weniger wegen dieser auf eine literarische Vorlage basierende Handlung berühmt, sondern weil er das klassische japanische Filmschaffen prototypisch verkörpert. Kenner loben alles, vom Kamerawinkel bis zur allegorischen Atmosphäre. Tatsächlich ein Film, der einen über einige Zeit begleitet, nachdem man ihn gesehen hat.

Ugetsu monogatari (Blu-Ray)

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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