Filmklassiker

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Ingmar Bergman: Persona (1966)

Persona ist einer der furiosesten Filme des Depressionsspezialisten Ingmar Bergman. Bereits in den ersten Sekunden sieht man, wie ein Schaf geschlachtet und ein Nagel durch eine Hand geschlagen wird, um nur zwei Szenen der schnell geschnittenen Eröffnungssequenz zu erwähnen.
Der Film ist fast durchwegs in einem ontologischen Schwebezustand gehalten. Was real, was geträumt, was ein Film im Film ist, kann man nie mit Sicherheit feststellen. Klare formale Marker gibt es dafür nicht. Trotzdem entwickelt sich die Geschichte der neurotisch stummen Schauspielerin Elisabet Vogler und ihrer Krankenschwester Alma einigermaßen chronologisch. Im Laufe der Zeit wird die psychisch Kranke Elisabet immer gesünder und ihre Pflegerin Alma psychisch immer labiler.
Die Ambivalenz auf der formalen wie auf der inhaltlichen Ebene generieren die Rätselhaftigkeit des Films. Diese ästhetische Kompromisslosigkeit ist ebenso beeindruckend wie die düstere Atmosphäre des Werks.

Persona (DVD)

Andrei Tarkovsky: Mirror (1974)

Von allen Tarkovsky-Filmen, die ich bisher sah, ist Mirror sicher formal der experimentierfreudigste. Das liegt vor allem an der Nicht-Linearität der Szenen. Kindheitsszenen werden mit Weltkriegserlebnissen und Nachkriegsereignissen gemischt. Ich wäre beinahe versucht zu schreiben: remixed. Dokumentarisches Filmmaterial ist ebenso eingearbeitet wie surreale Traumszenen. Schwarz-weiß und Farbe wechseln sich mehrmals ab.

Visuell und atmosphärisch ist das sehr beeindruckend. Stalker mit seiner rätselhaften Linearität spricht mich persönlich allerdings mehr an.

Andrej Tarkowskij DVD Collection (6 DVDs)

Singin’ in the Rain (1951)

Regie: Stanley Donen / Gene Kelly

Ich muss vorausschicken, dass mir das Musical als Genre von Grund auf fern steht, weil ich die musikalische Qualität des Gebotenen nicht aushalte. Deshalb spricht mich Singin’ in the Rain nur sehr bedingt an, auch wenn ich die Auseinandersetzung mit der Filmgeschichte im Film durchaus sehe. Thematisiert wird ja auf eine sehr komische Art nicht nur der Übergang vom Stumm- zum Tonfilm, sondern filmische Mittel überhaupt. Das betrifft einerseits die Technik, man sieht Mikrofone, Scheinwerfer, Windmaschinen, andererseits darstellerische Mittel wie Slapstick-Tricks. Das ist nun alles nicht uncharmant, macht mich aber trotzdem nicht zu einem Musicalfreund.

Singin’ in the Rain (Blu-ray)

Michelangelo Antonioni: L’Avventura (1960)

Was wie ein harmloser Yachtausflug mit Freunden beginnt, entwickelt sich in ein seltsames Rätsel: Anna verschwindet spurlos auf einer der äolischen Inseln, die als Ausflugsziel dient. Die Suche verläuft vergeblich und für den Zuseher nimmt der Film eine leicht surreale Atmosphäre an. Annas Freund Sandro bekommt einen Hinweis, dass Anna in Palermo gesehen wurde. Als er sich mit Annas Freundin Claudia auf den Weg macht, sind wir plötzlich in einem sizilianischen Roadmovie. Die beiden kommen sich dabei naturgemäß näher. Die letzte Station ist Taormina, wo die bessere Gesellschaft im Hotel eine Party gibt. Sandro betrügt Claudia mit einer Schauspielerin und ist am Ende ganz zerknirscht als er von ihr damit konfrontiert wird.
Spannender als die Handlung ist bei L’Avventura allerdings die Form. Die leicht surreale Atmosphäre erwähnte ich bereits. Darüber hinaus verweigert sich Michelangelo Antonioni vielen filmischen Konventionen. So gibt es lange Passagen, wo vermeintlich nichts Handlungsrelevantes passiert. Das zwingt den Zuseher dazu, sich auf das Visuelle und auf das Gefühlsleben der Figuren zu konzentrieren.

L’Avventura (DVD)

Jean-Luc Godard: Le Mepris (1963)

Eigentlich braucht es nicht mehr als einen real auftretenden Fritz Lang, der einen Streifen über die Odyssee dreht, um mich sofort für einen Film einzunehmen. Damit wäre bereits die selbstreferenzielle Ebene des Films benannt, nämlich die Frage inwieweit ästhetische Kompromisse aus kommerziellen Gründen zulässig sind. Jeder ernstzunehmende Regisseur wird bis heute ständig damit konfrontiert. In Le Mepris verlangt der amerikanische Filmproduzent Jeremy Prokosch von Fritz Lang Änderungen und engagiert zu diesem Zweck den Schriftsteller Paul Javal, der mit seiner Gattin Camille anreist.

Aus dieser Personenkonstellation entwickelt sich nun ein Spiel vom Entfremdung und Annäherung vor hübscher süditalienischer Kulisse. Dabei korrespondieren die verschiedenen Ebenen elegant miteinander und die Entwicklung läuft mit einer inneren Notwendigkeit ab. Godard drehte radikalere Filme, aber Le Mepris kombiniert eine (anscheinend) leichte Zugänglichkeit mit einer hohen Komplexität. Er gilt deshalb zu Recht als einer der wichtigsten Filme des Nachkriegskinos.

Le Mépris (Blu-ray)

Carl Dreyer: Ordet (1955)

Es hätte ein guter Film über Religion sein können: Ein Soziogramm in Verbindung mit psychologischen Einzelstudien. Erzählt Ordet doch eine Romeo-und-Julia-Geschichte mit religiösem Hintergrund aus der dänischen Provinz. Die beiden betreffenden Familien gehören unterschiedlichen christlichen Sekten an, weshalb eine Heirat ausgeschlossen erscheint. Garniert wird das Ganze durch einen religiös völlig durchgeknallten Bruder, der hübscherweise durch das Theologiestudium eine Psychose bekam und sich jetzt für Jesus hält. Um die Konstellation abzurunden, gibt es einen weiteren Bruder, den Religion gleichgültig lässt. Das dürfte der Grund sein, warum die Haupttragödie des Films um seine Gattin kreist: Sie stirbt im Kindbett. In Szene ist das Ganze gesetzt als wäre es ein Theaterstück.

Leider kippt der Film am Ende ins Trottelhafte: Der psychotische Bruder erweckt seine Schwägerin scheinbar vom Tod und es gibt ein fulminantes Happy End. Dieser Kitsch entwertet den expressiven Gehalt des Werks im Nachhinein.

Akira Kurosawa: Rashomon (1950)

Heutzutage gehört es zum Standardrepertoire, eine Geschichte aus unterschiedlichen Perspektiven zu erzählen. Als Kurosawa Rashomon drehte, war es sehr innovativ. Ein Räuber überfällt im Wald einen Samurai samt seiner Gattin. Am Ende ist der Samurai tot. Die Details der Geschichte sind aber völlig andere, je nachdem ob sie der Samurai, der Räuber, die Frau oder ein versteckter Augenzeuge erzählt. Für den heutigen Zuseher hat der Kontrast zwischen dem fremden, aber klassischem historischen Setting des Films und der modernen narrativen Struktur einen großen Reiz. Rezeptionsgeschichtlich war Rashomon das erste Werk, welches den japanischen Film in der westlichen Welt bekannt machte.

Rashomon (DVD)

David Lynch: Mulholland Dr. (2001)

Eine hübsche Frau verliert bei einem mörderischen Überfall ihr Gedächtnis und eine weitere hübsche Frau hilft ihr bei der Suche nach ihren Erinnerungen. Hübsch ist eigentlich alles in diesem Film. Nachdem Hübschheit zur Konstituierung eines audiovisuellen Kunstwerks aber nicht hinreichend ist, garniert Lynch seine Geschichte mit einem soliden Schuss Surrealismus und einer brillanten Bebilderung. Mich erinnert das Ergebnis allerdings mehr an Kunsthandwerk als an Kunst. Alles zu glatt, zu geschmäcklerisch, zu poliert, zu harmlos.

David Lynch: Mulholland Dr. (Blu-ray)

Andrei Tarkovsky: Stalker (1979)

Wäre Kafka Regisseur geworden, hätte er sicher ähnliche Streifen gedreht. Rätselhaftigkeit und Ambiguität bestimmen sowohl den Inhalt als auch die Form. Eine kleine Gruppe ist unterwegs zur „Zone“, deren Bewandtnis nur durch Andeutungen kommuniziert wird. Es handelt sich also um eine riesige Reflexionsfläche für uns Zuseher. Diese Zone ist einerseits mythologisch aufgeladen (Stichwort: Sinnsuche), andererseits mit einer apokalyptischen Grundierung versehen. Man muss immer wieder an ein Sperrgebiet nach einer Atomkatastrophe denken.

Ein Stalker ist ein Zonenschlepper. Er bringt Menschen in die Zone und darin zum Ziel, einem geheimnisvollen Raum. Die beiden Kunden des Stalker sind ein Schriftsteller und ein naturwissenschaftlicher Professor. Der Autor ist inspirationslos und der Professor hätte gerne den Nobelpreis, weshalb sie sich beide auf den Weg machen. Am Ende stellt sich jedoch heraus, dass der Professor das geheimnisvolle Zimmer eigentlich sprengen wollte. Tarkovsky lässt hier geschickt zwei unterschiedliche Weltanschauungen aufeinander prallen, was in mehreren Gesprächen dokumentiert wird.

Diese philosophische Ebene ist eine sehr russische und erinnert oft an die Klassiker des Landes, die ähnliche Fragen umtreiben. Zwar ist Vagheit hier ästhetisches Konzept: Diese „metaphysische“ Ebene streift aber trotzdem immer wieder nur knapp an Philosophiekitsch vorbei.

Die ästhetische Kreativität Tarkovskys ist allerdings grandios. Visuell ist der Film ebenso beeindruckend wie als Klangkunstwerk. Die mit einem Synthesizer erzeugten Effekte tragen wesentlich zu der seltsamen spannenden Stimmung bei.

Stalker (DVD)

Francis Ford Coppola: The Godfather Part II (1974)

Wie bereits Godfather konnte mich auch die Fortsetzung nur bedingt überzeugen, und meine dort formulierten ästhetischen Einwände gelten ebenso für den zweiten Teil. Was ich nach weiterem Nachdenken zu Gunsten der beiden Filme noch sagen kann: Für Anfang der siebziger Jahre ist die narrative Komplexität sehr hoch, wenn man sie mit anderen amerikanischen Filmen vergleicht. The Godfather Part II erzählt abwechselnd zwei unterschiedliche Geschichte: Jene des Vaters nach seiner Ankunft in New York, wo er die ersten Schritte in Richtung Mafiaboss geht. Jene des Sohnes, der in den fünfziger Jahren sein kriminelles Imperium gegen Intrigen aller Art verteidigt. Trotzdem kein Film, den ich auf dasselbe Podest stellen würde wie die anderen hier im letzten halben Jahr besprochenen Filmklassiker.

Godfather Part II (DVD)

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"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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