Neues Reclam-Design
Es ist wieder so weit: Reclam hält ein neues Design der Universalbibliothek für notwendig. Auf einer Verlagsseite wird es vorgestellt. Zusätzlich gibt es ein von Karl-Heinz Fallbacher herausgegebenes Heft mit Erläuterungen der Hintergründe, das auch als PDF-Datei zur Verfügung steht. Mein erster Eindruck ist negativ, aber erst einmal anhand eines gedruckten Beispiels ansehen…
Tim Parks über den Kanon
Im Blog der New York Review of Books berichtet Tim Parks, wie wenig zukünftigen Autoren anscheinend die inzwischen weit verbreiteten “world literature” Kurse helfen:
Every year I send a number of my Italian students in the Masters in Translation program at IULM University, Milan to England on an exchange. Years ago they would take general courses in English and American literature; then it was post-colonial literature; now they study “world literature.” Looking at the reading lists, which range far and wide chronologically and geographically, from the Epic of Gilgamesh to Ernest Hemingway, the Tale of Genji to Jorge Luis Borges, it is hard to imagine how a strong sense of context can be built up around any of the individual works. Or rather, the only relevant context is the human race, planet Earth, post 5000 BCE, circa.
Bücher in den Müll?
Bibliothekar und Germanist Dale Askey publizierte in seinem Blog einen kontroversen Beitrag: Why I no longer collect books. Er wirft Bücher auch weg, was für viele Bücherfreunde natürlich unverständlich ist:
The inability to discard even the most pointless book appears to be some universal human problem. No normal person has problems throwing out cracked dishes, old shoes, cassette tapes, dead plants, and so on. But old books, no matter how moldy, battered, or pointless, just never get the treatment they deserve, which is sometimes a trash bin. Ask any librarian how many people have tried to donate their lovingly boxed and preserved National Geographic magazines, their basic and battered Shakespeare sets, and so forth, and you’ll get epic tales of pointless gifts that just put an expensive burden on libraries. Who hasn’t seen a garage sale where someone isn’t trying to sell a Gideon’s Bible or a Book of Mormon (the point being that they are given away freely)? How many people still have their college textbooks on their shelves with those little yellow USED stickers intact? People, throw away your own trash!
Ich selbst habe kein Problem, Bücher unter gewissen Umständen zu entsorgen. Mein Verhältnis zu Büchern kann man in dieser Notiz nachlesen.
Ein Wiener Bibliomane
Ein sehr schönes Porträt des Wiener Büchersammlers Wolfgang Telesklav kann man in der Wiener Zeitung nachlesen. Bald 30.000 Bücher nennt Telesklav sein eigen und sammelt immer noch intensiv weiter.
Die Buchskulpturen des Guy Laramee
Guy Laramee schafft beeindruckende und assoziationsreiche Skulpturen, indem er als Materialien Bücher verwendet. Fotos dieser Werke kann man auf seiner Webseite bewundern. Eine Zusammenstellung findet sich ebenfalls bei Visual News.
Bücherregale!
Jede Menge Bücherregale gibt es auf der Seite Bookshelf Porn zu sehen:
Porn for book lovers. A photo blog collection of all the best bookshelf photos from around the world for people who *heart* bookshelves.
Eine Seite zum selben Thema, die ich schon länger kenne, ist Bookshelf.
Jahresrückblick 2011
Angeregt vom Jahresrückblick des Marius Fränzel hier meine eigene Lesebilanz.
Die drei besten Lektüren des Jahres 2011:
1. Sarah Bakewell: How to Live. A Life of Montaigne (Chatto & Windus) [Paperback-Ausgabe] – Exzellente Einführung in Montaigne, einem der klügsten Schreiberlinge der letzten 2000 Jahre. Notiz.
2. Goethes Briefwechsel mit Zelter. (Münchner Ausgabe, Hanser) – Nach der Korrespondenz mit Schiller der zweitwichtigste Briefpartner Goethes. Notiz.
3. Timothy Snyder: Bloodlands. Europe between Hitler and Stalin (The Bodley Head) – Eine bedrückende Gesamtdarstellung alles dessen, was Hitler und Stalin der Bevölkerung ihrer Herrschaftsgebiete antaten. Artikel.
Da ich schlechte Bücher nicht mehr zu Ende lese, erspare ich mir und Euch diese Rubrik. Eure besten Lektüren 2011 vielleicht hier als Kommentar?
Mein erster Kindle
Dieser Artikel wurde für “The Gap” geschrieben.
Seit einigen Wochen bin ich im Besitz meines ersten Ebook-Readers. Nach einigen Recherchen kaufte ich mir einen Kindle. Das Gerät ist in meinem Bekanntenkreis am häufigsten vertreten und die Zufriedenheit ist hoch. Ich packe ihn in meiner Bibliothek aus, in der gut 5500 analoge Bücher stehen. Zerfledderte Taschenbücher, beanspruchte Leseausgaben und arrogante Werkausgaben beobachten interessiert den Neuling. Wie wird ihre Zukunft aussehen? Werde ich in einigen Jahren statt der 24 überfüllten Billyregale nur noch ein leichtes Lesegerät besitzen, auf dem viele tausend Bücher gespeichert sind?
Mein unromantisches Verhältnis zu Büchern beschrieb ich bereits anderen Orts Während manche Zeitgenossen beinahe in Ohnmacht fallen, wenn man ihre Schätze berührt, sind für mich Bücher in erster Linie Geisteswerkzeuge. Ich schreibe bei Bedarf hinein, behandele sie nicht wie rohe Eier und ersetze eines, wenn es zu stark lädiert ist. Warum also nicht pragmatisch auf Ebooks umsteigen? Amazon verkauft in den USA bekanntlich bereits mehr elektronische Publikationen als Bücher aus Papier.
Die mobile Bibliothek
Der Hauptvorteil des Kindle leuchtet mir sofort ein: Er ist mit 170g ein Fliegengewicht und so handlich, dass er in jede Jackentasche passt. Etwa 1500 Bücher kann man darauf speichern. Ab sofort trage ich also immer eine kleine Bibliothek ohne Aufwand mit mir herum. Das ist speziell auf Reisen praktisch, aber auch in Wien. Die Bedienung ist noch etwas umständlich, aber hier sind Verbesserungen nur eine Frage der Zeit. Der Kontrast könnte ebenfalls besser sein: Die Qualität eines gut gedruckten Buches wird nicht erreicht, da der Hintergrund nicht weiß, sondern hellgrau ist. Aber auch hier gilt: Die Qualität ist selbst für längere Lektüren ausreichend und bereits besser als bei schlecht gedruckten Taschenbüchern. Im Gegensatz zu den Geräten der ersten Generation wird beim Umblättern der Bildschirm nur noch für den Bruchteil einer Sekunde schwarz, so dass man es kaum bemerkt.
Die Technik
Für alle, die sich bisher nicht mit dieser Technologie auseinandergesetzt haben: Im Gegensatz zu Tablets und Notebooks verwenden E-Book-Reader eine „passive“ Technologie: E Ink. Es gibt keine Hintergrundbeleuchtung, sondern es wird eine Papierseite simuliert. D.h. man braucht auch Licht zum Lesen, wie bei einem normalen Buch. Die beiden Hauptvorteile: Die Augen ermüden nicht, da Lesen auf Papier nachgeahmt wird, und die Akkuleistung ist ausgezeichnet, da nur das Umblättern Energie benötigt.
Das Problem der Ausgaben
Die erste Überraschung: Bei Amazon bekommt man mehr als 15000 Bücher gratis. Dabei handelt es sich überwiegend um Klassiker, deren Urheberrecht abgelaufen ist. 5000 davon sind auf Deutsch, der Rest auf Englisch. Darunter die besten Bücher der Weltliteratur: Dante, Shakespeare, Cervantes, Goethe und Kafka – alle da!
Der zweite Blick ist freilich ernüchternder: Die Qualität der Ausgaben ist höchst unterschiedlich. So bekommt man nur alte Übersetzungen. Wer also Homer gerne in der Prosaübersetzung Wolfgang Schadewaldts liest oder Dostojewskij in der Swetlana Geiers, muss seine Ansprüche gleich einmal zurückschrauben.
Schlimmer noch: Manche Ausgaben sind so billig produziert, dass sie nicht einmal ein Inhaltsverzeichnis haben. Der Nutzen von Faust I am Kindle reduziert sich merklich, wenn ich nicht mal schnell eine Szene direkt anspringen kann. Bei längeren Texten ist das noch fataler. Laut Leserrezensionen gibt es auch Ebooks bei denen komplette Absätze fehlen. Selbst wenn man Bücher kauft, in meinem Fall die elektronische Penguin-Ausgabe von Thornton Wilders The Bridge of San Luis Rey, ist man vor Fehlern nicht geschützt: Man findet darin mehr orthographische Schlampereien als im Online-Standard. Das sind allerdings keine prinzipiellen Einwände gegen Ebooks. Verbuchen wir sie einmal großzügig als Anlaufschwierigkeiten. Andere, für mich unverzichtbare Bücher gibt es noch gar nicht, etwa die Werke Heimito von Doderers oder Robert Musils.
Die Navigation
Die Handhabung ist viel umständlicher als bei Büchern. Damit meine ich nicht die teils noch problematische Bedienung des Geräts, sondern die Navigation innerhalb eines Ebooks. Schnelles Vor- und Zurückblättern, ein paar Kapitel überspringen, einen Blick zwischendurch in den Klappentext usw.: Hier ist jedes Ebook der gedruckten Ausgabe weit unterlegen. „Gehe zu“ ist kein Ersatz für schnelles Blättern und Springen. Hier geht es nicht nur um Bequemlichkeit, sondern auch darum, sich schnell mit dem intellektuellen Gehalt eines Werks vertraut machen zu können. Konkrete Passagen wären dank der Suchfunktion freilich schneller aufzufinden. Allerdings ist die Eingabe ohne Tastatur ebenfalls keine ernst zu nehmende Option.
Überrascht war ich darüber, dass es keine Seitenzahlen mehr gibt: Der Lesefortschritt wird in Prozent angezeigt. Zusätzlich ist es ungewohnt, dass man dasselbe „Bücher-Erlebnis“ hat, egal ob man einen Essay liest oder einen zweitausendseitigen Roman.
Das Vor-dem-Regal-Stehen, um schnell mal ein Buch aufzuschlagen und hineinzulesen, lässt sich ebenfalls nur schlecht simulieren. Man muss auch nicht bibliophil veranlagt sein, um lieber ein schönes, in Leinen gebundenes Buch in Händen zu halten, als ein kleines Aluminiumgehäuse.
Der Bücherkauf
Bei aktuellen deutschsprachigen Büchern, sieht es derzeit noch düster aus: Das Angebot ist begrenzt und die Preise scheinen angesichts der geringen Produktionskosten überhöht. Der Programmleiter eines Verlags verriet mir den Grund: Die Taschenbuchverlage sichern sich rechtlich gegen niedrige Ebook-Preise ab. Mit anderen Worten: Ein Verlag kann sein Buch nur dann an einen Taschenbuchverlag verkaufen, wenn er zustimmt, dass er das Taschenbuch preislich nicht durch ein Ebook unterbietet.
Vor ein paar Tagen stand ich vor der Entscheidung, ob ich mir die gepriesene Dickens Biographie Claire Tomalins als gebundene Ausgabe für 19,95 Euro oder als Kindle-Ausgabe für 17,96 Euro bestelle. Angesichts des lächerlichen Preisunterschieds entschied ich mich schnell für das analoge Buch.
Der Alltag
Gebrauchsliteratur werde ich mir zukünftig wohl nur noch elektronisch kaufen. Damit meine ich beispielsweise schnelllebige Fachbücher. Ebenso Bücher, von denen absehbar ist, dass ich sie auf meinen Studienreisen benötigen werde. Was Belletristik und Klassiker angeht, hätte ich gerne beide Ausgaben. Eine schön gebundene Ausgabe für daheim und eine gute (!) elektronische Variante für den Kindle. Erste deutschsprachige Verlage kündigten bereits an, dass sie planen Ebooks als Gratiszugabe zu ihren Büchern anzubieten. Auf die Bequemlichkeit, die meisten meiner Lieblingsbücher unterwegs immer in der Tasche zu haben, werden ich jedenfalls nicht mehr verzichten.
Ebooks werden mittelfristig viele Taschenbücher, vor allem Unterhaltungsliteratur, und Fachbücher überflüssig machen. Schöne gedruckte Bücher wird es weiterhin geben.
Literaturnobelpreis
Kaum etwas polarisiert die Literaturwelt mehr als der Nobelpreis. Einen Blick hinter die Kulissen provozierte Tim Parks boshafte Polemik über das Literaturkomitee der Schwedischen Akademie. In seiner Antwort erläutert Per Wästberg, der Komitee-Präsidenten:
The Nobel Committee consists of five members out of the rest of the Swedish Academy. By February we get about 220 suggestions from all around the world. By April we have concocted an “expectancy” list of twenty. By May we get the Academy to approve a short list of five to be read during the next four months. No one could get the prize without having been on the list for at least two years. Be sure we read a select group of American, Canadian, and Australian writers continuously!




Letzte Kommentare