Bibliomanie

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Zwei kurze Ö1-Kommentare

Für die Sendung des 1. März bat mich Ö1, diese kurze Rubrik zu übernehmen. Hier der Text meiner beiden Kommentare:

Diagonal warnt
…vor Städten ohne Stadtbibliothek.

Seit der Antike gehört zu einer anständigen Stadt eine anständige Bibliothek. Deshalb finanzieren seit Ewigkeiten weltweit alle Hauptstädte Stadtbibliotheken, oft mit zahlreichen Außenstellen, um die Nahversorgung mit Büchern und Medien zu gewährleisten. Sie sind unverzichtbare kommunale Kulturzentren für Kinder und Erwachsene. Sagte ich alle Hauptstädte? Alle Hauptstädte bis auf eine: Klagenfurt. Natürlich gibt es Bibliotheken in Klagenfurt, etwa jene der Arbeiterkammer. Oder die Universitätsbibliothek, auf deren Webseite es eine einladende „Zustimmungs- und Haftungserklärung für Minderjährige“ gibt. Ein Ersatz für eine echte kommunale Stadtbibliothek sind allerdings beide nicht.

Diagonal empfiehlt
…die amerikanische Teaching Company

Zwei Dinge wissen wir Bildungsbürger sicher: Die Amerikaner sind alle ungebildet, und mit humanistischer Bildung lässt sich kein Geld verdienen. Die amerikanische Teaching Company beweist das Gegenteil: Im Angebot sind etwa 500 vielstündige Vorlesungen aus allen Wissensgebieten. Man kann sie sich per Post schicken lassen oder im Internet laden. Darunter 12 Stunden über die Geschichte der alten Perser, 24 Stunden über europäische Kunst oder 24 Stunden über Johann Sebastian Bach. Diese Kenntnisse bringen bestimmt keinen Wettbewerbsvorteil im amerikanischen Kapitalismus. Es gibt bei der Teaching Company weder Prüfungen noch Zertifikate. Trotzdem verkaufte sie seit 1990 mehr als 10 Millionen dieser Vorlesungen. Nicht nur in Sachen Didaktik könnten hier europäische Universitäten viel von dieser amerikanischen Firma lernen.

Die besten Bücher des Jahres 2013

Wie jedes Jahr gibt es im Dezember vor allem im englischsprachigen Raum eine Rückschau auf die besten Bücher des Jahres – nach Meinung der jeweiligen Redaktion. Für mich sind dabei immer die Sachbücher am interessantesten, wo ich fast immer spannende Entdeckungen mache:

The Economist: Books of the year 2013

New York Times: 100 Notable Books of 2013

New York Times: The 10 Best Books of 2013

Bibliomanes

Im Der Standard schreibt Karl-Markus Gauss über die Befreiung durch Lesen:

Wo die Dummheit zum Bildungsideal geworden ist, da hat es die Literatur schwer. Als Gegengift gegen das zwanghafte Nützlichkeitsdenken unserer Zeit ist und bleibt sie aber unabdingbar.
(…)
Wie ist es um diese Literatur bestellt, deren Notwendigkeit gerade in ihrer praktischen Überflüssigkeit besteht? Die wir brauchen, eben weil sie unmittelbar zu gar nichts nütze ist und uns dadurch von dem Zwangsdenken befreit, dass alle Dinge, Begabungen, Tätigkeiten, Beziehungen immer etwas nützen, einen Vorteil eintragen müssen? Die uns aus der Bahn wirft, wo wir auf den Schienen der Gewohnheit dahinrollen, und uns auf neue Spuren setzt, wenn wir in der Unübersichtlichkeit unserer eigenen Existenz nicht mehr recht wissen, wohin es mit uns geht, ja, wohin wir selber eigentlich wollen?

Schließlich hat jemand dankenswerterweise noch 10 Literary Restaurants for Hungry Book Nerds Around the World zusammengetragen.

Karlheinz Rossbacher: Lesen und Leben

Karlheinz Rossbacher prägte bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2008 Generationen von Salzburger Germanistikstudenten. Ich zähle selbst dazu: Nicht nur besuchte ich in den neunziger Jahren eine Reihe von Rossbachers Seminaren, er betreute auch meine Diplomarbeit und meine Dissertation. So sind einige literarische Themen seines neuen Buches für mich alte Bekannte. Erwähnt sei seine Vorliebe für Goethe, aber auch jene für die Kriminalliteratur. Überrascht dagegen war ich von vielen biographischen Einsichten, die jetzt im Nachhinein einige Ecken erhellen, die während meines Studiums dunkel geblieben sind.

Rossbacher hat keine klassische Gelehrten-Autobiographie geschrieben. Lesen und Leben ist eine Essaysammlung. Angeordnet sind die Texte alphabetisch, wobei jeder Buchstabe durchaus mehrmals vorkommen darf. Ohne dies überprüft zu haben, bleibt am Ende der Eindruck zurück, dass die Literatur über das Leben dominiert. Die Frage, ob ein Professorenleben eine autobiographische Aufarbeitung verdient, spricht Rossbacher zu Beginn selbst an. Eine typisches zentraleuropäisches Problem, wenn man sich das umfangreiche akademische Memoirenwesen aus dem angelsächsischen Raum vor Augen hält. Das autobiographisch-literarische Doppelkonzept zeugt von Bescheidenheit, an vielen Stellen hätte man gerne noch mehr gewusst.

Dabei ist Rossbacher die angelsächsische Welt nicht fremd. Heute sind Fernreisen für junge Menschen eine Selbstverständlichkeit. Als Rossbacher 1963 als dreiundzwanzigjähriger Fulbright-Stipendiat den Atlantik überquerte, war es noch eine Besonderheit. Dieses erste Zusammentreffen mit einer anderen Kultur gibt viele Denkanstöße. Wie sehr dieser amerikanische “Kulturschock” auch zwanzig Jahre später einen aus der Provinz stammenden jungen Menschen noch beeinflussen kann, zeigt als weiteres Beispiel Alle Toten fliegen hoch: Amerika des Schauspielers Joachim Meyerhoff.

Amerikanische Literatur spielt in Lesen und Leben eine prominente Rolle. Schon zu Beginn beim Buchstaben B stoßen wir auf Bulkington, ein Essay, der sich gut eignet, Rossbachers Vorgehensweise zu illustrieren. Ausgehend von der Jugendlektüre einer stark gekürzten Ausgabe des Moby Dick und nach dem Einstreuen vieler interessanter Lesefrüchte von Brecht bis Canetti, macht uns Rossbacher schließlich mit der Figur des Seemanns Bulkington bekannt, die mir vor vielen Jahren bei meiner Lektüre des Romans gar nicht aufgefallen war. Ich besuchte freilich auch kein Seminar über die amerikanische Literatur des 19. Jahrhunderts wie Rossbacher damals an der University of Kansas, über das ebenfalls ein kurzer Exkurs zu lesen ist. Nach diesen wohldosierten Abschweifungen landen wir wieder beim Seemann Bulkington, den der Ich-Erzähler des Romans, Ishmael, vor seiner Ausfahrt mit Kapitän Ahab in einem Gasthaus trifft. Das kurze Kapitel 23 des Moby Dick ist ihm gewidmet und Rossbacher arbeitet sowohl die Bedeutung Bulkingtons als Menschentyp als auch seine strukturelle Funktion in dem Riesenroman heraus. Dabei hat die Passage nur etwa 40 Zeilen – ein Beispiel, wie es Rossbacher immer wieder gelingt, aus hervorragend beobachteten und oft übersehenen Details größere Zusammenhänge herzustellen.

Sozialgeschichte und Soziologie sind zwei akademische Schwerpunkte Rossbachers. Die Wechselwirkung zwischen Sozialgeschichte und Literatur, untersuchte er etwa am Beispiel der kritischen Heimatliteratur in Österreich. Innerhofers Roman Schöne Tage ist ein prominenter Vertreter dieses Genres. Aus der Soziologie holt sich Rossbacher immer wieder methodische und analytische Werkzeuge für die Literaturwissenschaft. Norbert Elias große Studien dienen als Ideengeber.
Ich werde bei der Lektüre den Eindruck nicht los, dass in Lesen und Leben diese beiden Fächer ebenfalls eine Rolle spielen und zwar bei der Auswahl der autobiographischen Erlebnisse. So sind die am ausführlichsten geschilderten Lebensstationen meist auch sozialgeschichtlich von hoher Bedeutung. Rossbachers Kindheit in Kärnten hatte nämlich eine große Besonderheit: Er war Protestant.

Das Aufwachsen als religiöser Außenseiter in der Kärntner Provinz schildert Rossbacher so ausführlich und schonungslos wie man das von der österreichischen Antiheimatliteratur her kennt:

Den katholischen Religionsunterricht in der Hauptschule besorgte ein Kaplan, dessen lose Hand ihm den Namen “Watschenkaplan” eingetragen hatte. Von diesem Mann erhielt ich eines Tages, auf dem Gehsteig vor der Schule, ganz plötzlich, aus dem sprichwörtlich heiteren Himmel, einen Schlag ins Gesicht, ein Mittelding zwischen Ohrfeige und Faustschlag, ohne das dem irgendetwas vorangegangen war. Er schlug zu, ich schrie auf. So einfach war das bei diesem Vorgänger jener Prügelkleriker, die gegenwärtig serienweise auffliegen.

Von frühester Kindheit an als Teil einer Minderheit aufzuwachsen, schärft den Blick für Differenzen und regt von Anfang an zum Nachdenken an. Die Literaturgeschichte ist voll mit Beispielen, wie Außenseiter aller Art bei Büchern landen. Sei es als Autoren, sei es als (professionelle) Leser. So gesehen mag diese Erfahrung der Diaspora (wie dieser Abschnitt betitelt ist) einen Grundstein für Rossbachers spätere Karriere gelegt haben.

Einer Minderheit anzugehören, hieß aber nicht automatisch, im Alltag nicht akzeptiert zu werden. Der junge Protestant wurde beispielsweise zum Klassensprecher gewählt. Allerdings hießen Klassensprecher damals in Kärnten noch “Klassenführer”. Es sind diese aufschlussreichen Details, welche Lesen und Leben so interessant machen.

Das Buch gibt selbstverständlich auch Einblicke in das akademische Leben Österreichs. Obwohl es sicher eine Menge an Material gegeben hätte, bringt Rossbacher nur wenige Beispiele. Etwa über seine Schwierigkeiten als Vorstand des Salzburger Germanistikinstituts, eine Gefälligkeitsberufung zu verhindern. Der Fall zog sich über viele Jahre hin und landete schließlich beim Verwaltungsgerichtshof. Der besser qualifizierte Bewerber durfte die Stelle behalten, die Gefälligkeitskandidatin zog den Kürzeren.

Zurück zur Literatur! Quer durch das Persönliche Alphabet bekommt selbst der erfahrene Büchermensch jede Menge spannende Leseanregungen. Die Klassiker kommen zwar nicht zu kurz, aber man staunt über die Vielfalt der angesammelten Lesefrüchte. Ludwig Anzengruber, der französische Schriftsteller Alain oder die kroatische Essayistin Dubravka Ugrešic seien exemplarisch herausgegriffen. Als ich Lesen und Leben zuklappe, habe ich eine lange Liste mit Büchern neben mir liegen, die ich alle am liebsten sofort läse. Die vornehmste Aufgabe des Literaturwissenschaftlers ist es ja, die Menschen zum verständnisvollen Lesen zu motivieren.

Karlheinz Rossbacher: Lesen und Leben. Ein persönliches Alphabet (Otto Müller Verlag)

Erschienen in Literatur und Kritik Nr. 473/474 (Mai 2013).

Hier erstveröffentlicht am 7. April 2013.

Die schönsten deutschen Bücher 2013

Die Stiftung Buchkunst kürte wieder die schönsten Bücher des Jahres 2013! Kein einziges Buch aus Österreich dabei, was viel über die hiesige Verlagslandschaft aussagt.

Digital Public Library of America

Am 18. April startet die Digital Library of America, ein Gegenprojekt zu Google Books, das von zahlreichen bekannten Gelehrten und der Harvard University unterstützt wird. Darunter Robert Darnton, der das Projekt in der New York Review of Books ausführlich vorstellt:

The DPLA will be a distributed system of electronic content that will make the holdings of public and research libraries, archives, museums, and historical societies available, effortlessly and free of charge, to readers located at every connecting point of the Web. To make it work, we must think big and begin small. At first, the DPLA’s offering will be limited to a rich variety of collections—books, manuscripts, and works of art—that have already been digitized in cultural institutions throughout the country. Around this core it will grow, gradually accumulating material of all kinds until it will function as a national digital library.

Robert Darnton würde sich als Kenner des 18. Jahrhunderts und der Aufklärung natürlich selbst untreu, stellte er dieses Unterfangen nicht in den entsprechenden Kontext:

For all its futuristic technology, the DPLA harkens back to the eighteenth century. What could be more utopian than a project to make the cultural heritage of humanity available to all humans? What could be more pragmatic than the designing of a system to link up millions of megabytes and deliver them to readers in the form of easily accessible texts?
Above all, the DPLA expresses an Enlightenment faith in the power of communication. Jefferson and Franklin—the champion of the Library of Congress and the printer turned philosopher-statesman—shared a profound belief that the health of the Republic depended on the free flow of ideas. They knew that the diffusion of ideas depended on the printing press. Yet the technology of printing had hardly changed since the time of Gutenberg, and it was not powerful enough to spread the word throughout a society with a low rate of literacy and a high degree of poverty.

Ein weiterer Artikel zum Thema: The Library of Utopia

Ebooks und Bibliotheken

Die Angst geht um unter den Verlagen. Wer wird noch Bücher kaufen, wenn man sich Ebooks bequem und gratis aus seiner Stadtbibliothek holen kann? Man muss ja nicht einmal mehr die Wohnung verlassen! The Economist fasst in Folding shelves die aktuelle Situation zusammen:

No country has a settled policy on e-lending. Britain has ordered a review; the results are expected soon. Other governments are waiting for publishers to set their terms. In America, where around three-quarters of public libraries lend e-books, each of the “big six” publishers has a different policy. Simon & Schuster refuses to make e-books available to public libraries at all. HarperCollins’s e-books expire after they have been lent 26 times. At the 80 libraries where Penguin is offering a pilot e-lending programme, licences for its e-books expire after a year. Other publishers want to apply the limitations of printed books to digital ones. For example, some want public libraries to replace e-books periodically, just as they have to do with real books that get dirty and torn.

Der Manesse-Verleger im Interview

Der Manesse Verlag ist nach wie vor einer der wichtigsten Klassikerverlage im deutschsprachigen Raum. Verlagsleiter Horst Lauinger gab der Zeit ein Interview:

ZEIT ONLINE: Jetzt kann man einwenden: Manesse gehört zu Random House, ist ein Konzernverlag. Wenn Sie Verluste machen, fallen Sie weich.
Lauinger: Das ist ein weitverbreiteter Irrtum. Jedes große Unternehmen, egal in welcher Branche, wird mittlerweile nach dem Profitcenter-Prinzip geführt. Das heißt: Jede zum Konzern gehörende Einheit muss für sich selbst bestehen können. Es ist also durchaus nicht so, dass, wenn zum Beispiel der Blessing-Verlag mit dem neuen Schirrmacher-Buch Erfolg hat, ich davon in der Querfinanzierung etwas abbekomme. Querfinanzieren kann ich mich nur selbst, mit Manesse-Erfolgen. Man hat bei Random House selbstverständlich eine gewisse Renditeerwartung. Die muss ich nicht zu hundert Prozent erfüllen. Aber die schwarze Null am Ende des Jahres ist das Mindeste. Und das gelingt uns seit Jahren recht passabel.

Egon Friedell an Anton Kuh

Sehr geehrter Herr,

überrascht stelle ich fest, dass Sie meine bescheidene Erzählung “Kaiser Josef und die Prostituierte” unverändert, nur unter Hinzufügung der drei Worte “von Anton Kuh” im “Querschnitt” veröffentlicht haben.

Es ehrt mich selbstverständlich, dass Ihre Wahl auf meine kleine, launige Geschichte gefallen ist, da Ihnen doch die gesamte Weltliteratur seit Homer zur Verfügung gestanden hat.

Ich hätte mich deshalb gerne revanchiert, aber noch Durchsicht Ihres ganzen Oeuvres fand ich nichts, worunter ich meinen Namen hätte setzen mögen.

Egon Friedell

Stirbt die ISBN?

The Economist berichtet in Book-keeping über das mögliche Sterben der ISBN:

But publishing is changing. Self-published writers are booming; sales of their books increased by a third in America in 2011. Digital self-publishing was up by 129%. This ends the distinction between publisher, distributor and bookshop, making ISBNs less necessary.

Alternatives are appearing, too. Amazon has introduced the Amazon Standard Identification Number (ASIN). Digital Object Identifiers (DOI) tag articles in academic journals. Walmart, an American supermarket chain, has a Universal Product Code (UPC) for everything it stocks—including books. Humans are also getting labels: the Open Researcher and Contributor ID system (ORCID) identifies academics by codes, not their names. And ISBNs are not mandatory at Google Books.

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“Die Presse” meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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