Architektur

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Bildbände über Angkor

Wenn man sich auf eine Reise nach Angkor vorbereitet, bedarf es visueller Hilfen. Der preiswerte Band von Marilia Albanese leistete mir dabei große Dienste, zumal das Buch die Bilder mit ausführlichen Texten zu allen Aspekten der Khmer-Kultur abrundet. In einer künstlerisch und finanziell anderen Liga spielt der Band von Jaroslav Poncar. Hier gibt es nur vergleichsweise kurze Einführungstexte zu den jeweiligen Tempelanlagen, denen dann eine Menge grandioser Schwarz-Weiß-Fotos folgen. Nirgends habe ich die Tempel Angkors schöner abgebildet gesehen als in diesem fantastischen Bildband. Auch für Sofareisende bestens geeignet.

Marilia Albanese: Angkor (Krone)

Jaroslav Poncar: Angkor. Eine Hommage an die Götter in Stein. (Edition Panorama)

Doug Saunders: Arrival City

Die besten Sachbücher verändern unser Weltbild grundlegend: Arrival City ist eines davon. Doug Saunders revolutioniert unser Bild von Slums. Wir Vielgereisten kennen sie, diese schäbigen Wohnviertel am Rande von Städten. Die Stadtverwaltungen ignorieren oft die Bedürfnisse ihrer Bewohner, da sie illegal in der Stadt leben: Es gibt keine offizielle Infrastruktur.

Aus westlicher Perspektive sind Slums ein Hort der Armut und des menschlichen Versagens. In Wahrheit verhält es sich genau umgekehrt: Sie sind die Transformationsmotoren der modernen Großstädte und Ankunftskatalysatoren für Millionen Menschen, die vom Dorf in die Städte ziehen. Doug Saunders beschreibt diesen Prozess in seinem inspirierenden Buch. Seine Vorgehensweise ist dabei eine doppelte: Er bereist Ankunftsstädte, wie er Slums sehr treffend nennt, auf der ganzen Welt. Dabei ist er nicht nur in Entwicklungsländern unterwegs, sondern auch in Berlin, Paris oder Los Angeles. Er spricht mit vielen Menschen und erzählt ihre Schicksale nach, wobei er in jedem der zehn Kapitel einen unterschiedlichen Schwerpunkt setzt. Zusätzlich zu dieser reportagenhaften Vorgehensweise kommen noch Passagen, die sich mit der Urbanismus- und Migrationsforschung beschäftigen und die in Saunders eigene Thesen münden. Insgesamt eine sehr gut lesbare Mixtur.

Für uns Europäer besonders spannend sind jene Abschnitte, die sich mit der gescheiterten Zuwanderung in unseren Kontinent beschäftigen. Am Beispiel Berlin Kreuzberg arbeitet Saunders heraus, was man im Umgang mit Migranten alles falsch machen kann. Ein gut funktionierende Ankunftsstadt zeichnet sich nämlich unter anderem dadurch aus, dass sie entweder für viele Menschen eine Durchlaufstation in Richtung Mittelstand ist oder durch Legalisierung (Möglichkeit der Bewohner, Eigentum zu erwerben) ihren ursprünglichen Slumcharakter verliert.

Am Ende der Lektüre bleibt Bewunderung für die Slumbewohner: Es sind überwiegend innovative, kreative und energiereiche Menschen. Eine Bereicherung für jede Stadt.

Ein sehr gutes Buch, das sich mit einem indischen Slum beschäftigt, habe ich hier besprochen.

Doug Saunders: Arrival City (Büchergilde Gutenberg)

Wege der Moderne

MAK 28.1. 2015

Ein anspruchsvolles Thema setzten sich die Ausstellungsmacher: Josef Hoffmann, Adolf Loos und die Folgen. Anspruchsvoll, weil das konzeptuelle Anliegen der Schau sehr abstrakt ist: Der unterschiedliche Zugang zur Moderne von Hoffmann und Loos soll veranschaulicht werden, inklusive der kulturgeschichtlichen Einordnung und der Rezeptionsgeschichte. Das gelingt nicht schlecht, es wird aber viel intellektuelle Mitarbeit des Besuchers erwartet. Es finden sich zwar immer wieder Erklärungen und Auszüge aus Texten der Betroffenen, man hätte es didaktisch aber durchaus noch besser aufbereiten können. (Innen-)Architektur eignete sich gut für digitale Veranschaulichungen, die komplett fehlen.

Ausgeglichen wird das durch das gute Konzept und die sehr vielen spannenden Exponate. Man erfährt nicht nur viel über die Ästhetik der ersten massenproduzierten Konsumgüter, sondern erhält auch einen guten Einblick über die stadtprägende Arbeit des Otto Wagner. Höhepunkt ist dann die direkte Gegenüberstellung der Werke von Loos und Hoffmann. Möbel, Gebäudemodelle und selbst nachgebaute Zimmer der beiden sind zu besichtigen.
(Bis 19.4.)

„Die Walküre“ im neuen Linzer Musiktheater

Linzer Musiktheater 29.3. 2014

Regie: Uwe Eric Laufenberg
Musikalische Leitung: Dennis Russell Davies

Siegmund: Michael Bedjai
Sieglinde: Sonja Gornik
Hunding: Albert Pesendorfer
Wotan: Duccio dal Monte a.G.
Fricka: Karen Robertson
Brünnhilde: Elena Nebera

Bruckner Orchester Linz

Vor ziemlich genau einem Jahr, am 11. April 2013, wurde das neue Linzer Musiktheater eröffnet. Eineinhalb Stunden mit dem Zug von Wien entfernt und in Gehreichweite des Bahnhofs, könnte es selbst von der Hauptstadt aus gesehen eine interessante Bereicherung der Opernlandschaft sein. Um diese Hypothese zu überprüfen, verbrachte ich das letzte Wochenende in Linz, gemeinsam mit einer guten Karte für Die Walküre. Ein ambitioniertes neues Opernhaus nimmt sich selbstverständlich gleich Wagners Ring zu Beginn vor. Das Gebäude stammt vom britischen Architekten Terry Pawson und gefällt mir gut. Die versetzten Fassadenteile bewirken, dass der Bau nicht protzig wirkt. Das Glas sorgt für Transparenz, auch wenn es zur Hauptspielzeit am Abend draußen natürlich meistens dunkel ist. Innen ist alles sehr großzügig gestaltet. Die Sitze sind deutlich bequemer als in der Wiener Staatsoper und die Technik ist auf dem neuesten Stand. So sehe ich wie im Flugzeug einen kleinen Monitor vor mir, der mit einem Touchscreen ausgestattet ist und mich namentlich begrüßt. Während der Vorstellung kann man hier das Libretto mitlesen, aber auch durch Besetzung und Inhaltsangabe blättern. Trotz dieses Komforts wird zusätzlich über der Bühne der Text eingeblendet, eine Redundanz, die mir nur bedingt einleuchtet.

Meine Erwartung an die Provinz-Walküre waren moderat und sie wurden übertroffen. Vokal war das Gebotene mit Ausnahme der Walküren zweitklassig. Nicht wirklich schlecht, aber es gab eigentlich bei jedem der Sänger etwas auszusetzen. Dem Wotan fehlte die Kraft, der Fricka die Inspiration, der Brünnhilde eine gute Phrasierung und Siegmund hat sich bereits vor Beginn wegen einer Erkältung entschuldigen lassen. Am besten war noch Albert Pesendorfer als Hunding. Den Abend gerettet hat allerdings das Bruckner Orchester. Dennis Russell Davies wählt einen für die Die Walküre ungewöhnlichen Zugang: Er nimmt die Emotionen zurück, was sicher nicht allen Wagnerfreunden gefällt. Das Ergebnis war aber eine intelligente und transparente Interpretation der Partitur. Selten hörte ich die Leitmotive so klar herausgearbeitet wie hier in Linz. Das Niveau der Musiker war sehr erfreulich. Man kann die Linzer zu diesem Orchester nur beglückwünschen. Ach ja, die Inszenierung ist nicht erwähnenswert.

Reise-Notizen: Paris urban

April 2013

Mit neun Tagen ist es meine bisher längste Städtereise. Im Zentrum stehen die Architektur und die Museen der Stadt, aber mein Augenmerk liegt auch auf dem Leben in der Stadt. Wie leben die Pariser im Vergleich zu den Wienern? Mein Hotel liegt in der Mitte des 17. Arrondissements im Westen. Ein wohlhabender, gut bürgerlicher Bezirk. Ein Blick in die Schaufenster von Immobilienmaklern zeigt schnell, dass sich hier nur noch Gutbetuchte eine Unterkunft leisten können. Mittelgroße Wohnungen sind für 2000 Euro und mehr zu mieten. Dagegen sind die Wiener Wohnungspreise selbst in der Innenstadt Schnäppchen. Selbst Gutverdiener können sich in der Innenstadt nur kleine Wohnungen leisten. Pariser erzählen mir, dass Hardcore-Urbanisten deshalb in Kauf nehmen, samt Familie in vergleichsweise winzigen Wohnungen zu leben, dafür aber zentral.
Die Nahversorgung ist exzellent. Während bei uns der durchschnittlich begabte Rassist den Arabern gerne unterstellt, sie hätten keine protestantische Arbeitsethik, geht man in Paris „zum Araber“, wenn man in der Nacht oder am Sonntag noch etwas einkaufen will, haben deren kleine Läden doch fast ständig offen. Natürlich gibt es französische Supermarktketten im Viertel, aber es fällt doch auf, dass es noch viele kleine individuelle Geschäfte gibt. In Wien gibt es in den Innenstadtbezirken zwar auch genügend Läden, die sich aber oft auf Entlegenes oder Feinkost konzentrieren, während es in Paris auch viele Boulangerien gibt, die exzellentes Brot machen. Leider gibt es im Vergleich zu Paris, wo man allenthalben über eine Fromagerie stolpert, in Wien kaum Käsegeschäfte.
Allgemein ist die Atmosphäre familiärer. In einer Filiale der Diskonterkette Dia (vergleichbar mit Hofer bzw. Aldi), erlebe ich wie der Geschäftsführer freundlich eine Familie beim Einkaufen begrüßt, ganz so als sei es ein Tante-Emma-Laden auf dem Dorf. Vergleichbares erlebte ich in Wien noch nie.
Was die gastronomische Infrastruktur angeht, kann ich keinen großen Unterschied zu Wien erkennen. Selbstverständlich gibt es statt Beisln hier Brasserien und Restaurants. Aber die Dichte ist durchaus ähnlich. In Wien ist das Preisleistungsverhältnis um Welten besser, sieht man einmal von den günstigen Weinpreisen in Paris ab. Ethnoküche gibt es hier wie dort in Fülle.

Zur Architektur! Was bei der Stadtentwicklung auffällt: Die Pariser Stadtväter und -mütter sind viel mutiger. Wird die Wiener Innenstadt als Museum konserviert, finden Promeneure an der Seine immer wieder moderne und kontroversielle Projekte. Vom Centre Pompidou über die neue Opéra Bastille zur Bibliothèque nationale de France, um nur drei Beispiele herauszugreifen, stößt man in der ganzen Stadt auf spannende moderne Bauten. Das Nebeneinander von Alt & Neu ist wesentlich gewagter als in Wien. Das hält Paris lebendiger und reduziert die museale Atmosphäre, die in der Wiener Innenstadt herrscht. Hier könnten die Wiener Stadtentwickler sich gleich mehrere Scheiben von ihren Pariser Kollegen abschneiden.

Teil 2: Museen

Wo Jesus Meerschweinchen verspeist

Eine Reise durch Peru und Bolivien [Oktober/November 2011]

Als Francisco Pizarro Lima als Hauptstadt Perus gründete, suchte er sich am Pazifik ausgerechnet einen Platz aus, der neun Monate pro Jahr von einer trüben Dunstglocke eingenebelt wird. Lima ist die erste Station meiner Peru-Erkundung und eine prototypische Stadt Lateinamerikas. Die meisten der siebeneinhalb Millionen Einwohner leben in wenig ansprechenden Wohnblöcken. Die wohlhabende Minderheit findet man in hübschen modernen Stadtvierteln am Meer, wo die Bobo-Dichte ähnlich hoch ist wie in den Wiener Innenstadtbezirken. Die Slums wiederum schlängeln sich malerisch die Hügel hinauf.

Die Altstadt Limas zeigt das koloniale Machtgefüge bis heute: Regierungspalast und Kathedrale liegen am zentralen Platz. Unweit davon die Klöster der Dominikaner und der Franziskaner, die von Beginn an in einem heftigen Konkurrenzverhältnis bei der Verbreitung des Seelenheils standen. Diese bauliche Konstellation findet man in den meisten Städten Südamerikas.

Abgesehen von der Altstadt gibt es an Sehenswürdigkeiten noch einige Museen, allen voran das archäologische Museum. In Europa ist man zwar mit den Inka gut vertraut. Diese Zivilisation stand allerdings erst am Ende einer unglaublich vielfältigen Kulturentwicklung. Ich versuchte vor der Reise, mich einzulesen, aber angesichts einer zweistelligen Zahl an unterschiedlichen Prä-Inka-Kulturen, war das ein vergebliches Unterfangen. Erst als ich im Museum vor den unterschiedlichen Kunstwerken und Gebrauchsgegenständen stehe, lichtet sich langsam der Nebel im Kopf.

Machu Picchu

Von Lima aus reise ich mit einem Zwischenstopp zum Traum aller Touristen: Machu Picchu. Der bequemste Weg ist mit dem Zug zur kleinen Stadt unterhalb der Stätte zu fahren. Die Lok schlängelt sich durch ein beeindruckendes Andental und man durchkreuzt in knapp neunzig Minuten mehrere Klimazonen. Die Alternative wäre eine mehrtägige Wanderung auf dem berühmten Inka-Trail, wo heutzutage allerdings so viel los ist wie auf der Einkaufsstraße einer Großstadt. Beim Bahnhof besteigt der Kulturtourist dann den Bus, der langsam den Berg hinauf kriecht. Die Zahl der Besucher ist auf dreitausend pro Tag limitiert. Auf dem Ticket steht deshalb Datum und Name. Am Eingang wird der Pass kontrolliert. Je berühmter die Sehenswürdigkeit, desto skeptischer bin ich vor einem Besuch. Machu Picchu wird aber zu Recht gerühmt. Die spektakuläre Lage legt sämtliche Schalter um, die ein durchschnittlich sozialisierter Mitteleuropäer in Sachen Naturerlebnis eingebaut bekommen hat: Romantisch! Mystisch! Grandios! Die Archäologen streiten seit der Entdeckung – genauer wäre: Bekanntmachung – Machu Picchus durch Hiram Bingham über die Funktion der Stadt. Ich schlendere durch die Ruinen und versuche mir ein eigenes Bild zu machen. Die beliebteste Theorie derzeit ist, dass es sich um die Sommerresidenz des Inka-Herrschers Pacha Kutiq handelte. Vor den gewaltigen der Landwirtschaft dienenden Terrassen der Bergstadt stehend, frage ich mich allerdings, ob sie zu einem Herrscherlandsitz passt. Pacha Kutiq konnte sich Lebensmittel aus dem ganzen Reich liefern lassen. Wieso sollte er ausgerechnet ein paar Meter von seinem Sommerpalast entfernt einen so störenden Betrieb gestatten?
Das Inka-Reich ist die einzige mir bekannte Zivilisation, wo Planwirtschaft exzellent funktionierte. Trotz der Millionenbevölkerung war die Nahrungsmittel-Logistik so ausgereift, dass es vor der Ankunft der Spanier kein Wort für „Hunger“ gab. Auf der Hochebene zwischen Cusco und dem Titacacasee liegt Raqchi, eine alte Tempelanlage aus der Prä-Inka-Zeit, wo man eine große Menge dieser Getreidespeicher besichtigen kann. Selbstverständlich hatten die Priester dort als Machtinstrument ihre Hände auf den gehorteten Lebensmitteln.

Religion und Kunst

Peru und Bolivien sind zwei Reiseländer, die einem viele Einblicke in das Funktionieren von Religion ermöglichen. Nach der für die Einheimischen verhängnisvollen Ankunft der Spanier gründeten die Franziskaner und Dominikaner ihre Bekehrungsfabriken. Die Franziskaner setzten auf Quantität: Möglichst viele sollten möglichst schnell getauft werden. Die Dominikaner wählten als Hunde des Herrn eine dogmatischere Vorgehensweise und wollten gewisse theologische Mindeststandards nicht unterschreiten. Deutlich später traten die Jesuiten in Aktion. Sie gingen erst buchstäblich bei den Indianern zur Schule. Nachdem sie deren Weltbild und Religion verstanden hatten, entwickelten sie ein maßgeschneidertes Bekehrungsprogramm. Es entstanden so riesige, von Jesuiten dominierte Gebiete, dass es die spanische Regierung mit der Angst zu tun bekam, und 1767 den Orden dort verbot.
Schon sehr früh setzten die Orden die kirchliche Kunst zu Missionierungszwecken ein. Die Marketingstrategie war eine zweifache: Erstens wollte man die Einheimischen durch Prunk beeindrucken. Dazu wurden die Kirchen mit viel Gold ausgestattet. Ich stehe immer wieder vor in barocker Fülle glänzenden Altären, die teils lange vor dem europäischen Barock geschaffen wurden, aber eine ähnliche Wirkung haben. In der Religion der Inka spielte Gold ebenfalls eine überragende Rolle, so konnte man hier mit Hilfe eines Materials eine Brücke zwischen zwei völlig inkompatiblen Weltanschauungen schlagen. Raffinierter war die zweite Variante, nämlich die Anpassung der christlichen Ikonographie an die indianische Kultur. Die Missionsverantwortlichen gingen dabei mit einem erstaunlichen Pragmatismus zu Werk. Nichts veranschaulicht das besser, als die Innenausstattung der Kathedrale von Cusco, der ehemaligen auf dreitausendsechshundert Meter Höhe gelegenen Inka-Hauptstadt. Mehr als dreihundertfünfzig Gemälde sind in der Kirche zu sehen und ermöglichen einen detaillierten Einblick in die Malschule von Cusco. Bereits ab 1580 wurden Elemente des italienischen Manierismus übernommen und die länglich-gestreckt gezeichneten Figuren entsprachen praktischerweise sehr dem indianischen Formempfinden. Weniger subtil war die Anpassung der Sujets: Auf der berühmten Darstellung des letzten Abendmahls liegt vor Jesus ein detailreich gemaltes gegrilltes Meerschweinchen – bis heute das Gericht der Wahl bei feierlichen Anlässen. Ich ließ mir eines Abends in Cusco ein Meerschweinchen servieren und empfehle allen Mitteleuropäern hiermit dringend, auf dieses kulinarische Experiment zu verzichten. Jesus bewirtete seine Jünger in einem andinischen Ambiente ferner mit Papayas, Avocados und Maisbrot.
Madonnen-Skulpturen sind durch geschickten Einsatz der Kleidung unten oft sehr breit und laufen zum Kopf hin spitz zu. Es gehört wenig Fantasie dazu, bei dieser Form einen Berg zu assoziieren. Kein Zufall selbstverständlich: Berge und speziell Vulkane spielten im Glauben der Inka eine überragende Rolle. Die Skulpturen erinnerten die Missonierungsopfer an Pachamama, die Mutter Erde. Die von den Ordensleuten überzeugten Peruaner nannten Pachamama also „Maria“ und alle waren mit dieser Farce zufrieden.
Religionswissenschaftler nennen die Verschmelzung zweier Glaubensrichtungen bekanntlich Synkretismus und im Andenraum ist das bis in die Gegenwart der vorherrschende Glaube. Selbst im Gespräch mit Angehörigen des (kleinen) Mittelstands begreift man schnell, wie tief diese alten Vorstellungen wurzeln, welche vom Katholizismus so weit entfernt sind wie der Titicacasee vom Traunsee. Der Vatikan klassifiziert diese Länder mit der ihm eigenen Chuzpe natürlich als hochkatholisch.

Cusco

Das Zentrum der Inka-Hochkultur lag rund um Cusco, weshalb die Zahl archäologischer Stätten dort besonders hoch ist. Obwohl die Spanier nach ihrer Ankunft vieles aufschrieben, was sie beobachteten, gibt es noch viele Rätsel. So viel wir über das Weltbild der Inka und über das Funktionieren ihrer Gesellschaft wissen, desto weniger ist über wichtige Details bekannt. Die Bautechnik beispielsweise wirft viele Fragen auf. Ich fahre deshalb bei blauem Himmel und dünner Luft nach Saqsaywaman, das über Cusco thront. Die meisten Archäologen halten die Anlage für eine Festung. Dafür sprechen die riesigen, mehrfach gestaffelten Mauerwälle. Allerdings gab es offenbar auch Räumlichkeiten, die nicht militärisch genutzt wurden, und der Ort liegt an einer Seite, von der eigentlich keine Angriffe zu erwarten waren. Ich gehe die Überreste der Mauer entlang und bestaune die Felsblöcke, deren schwerster über hundert Tonnen wiegt. Die Inka verwendeten das Rad nicht und selbst der Einsatz von Hebeltechniken war beschränkt. Zehntausende Einheimische mussten diese Bergbrocken mit Muskelkraft bewegt haben. Plötzlich fällt mir ein, was ich in den Anden schon die ganze Zeit beobachtet, aber bisher noch nie auf den Punkt gebracht hatte: Es ist bis heute eine Träger-Gesellschaft. Obwohl es keinen Mangel an Fahrzeugen aller Art gibt, sieht man jede Menge Menschen zu Fuß, die auf dem Rücken Lasten schleppen. Ich konnte mich nicht erinnern, auch nur eine Schub- oder Sackkarre gesehen zu haben. Auf dem Hinflug nach Lima saß ich neben einem jungen Belgier unterwegs zu seiner fünften Trekkingreise in Peru. Auch er berichtete beeindruckt, wie mühelos die Träger seiner Touren selbst große Lasten trugen. Ich stehe vor den Felsblöcken von Saqsaywaman, blicke auf die Ebene hinter mir und stelle mir tausende von Indianern vor, die mit Seilen riesige Gewichte bewegen. Aber wie konnte man in Zeiten ohne Megaphone unzählige Arbeiter gleichzeitig koordinieren? Jedenfalls hatten die Inka-Herrscher aufgrund ihrer ausgefeilten Administration die Möglichkeit, innerhalb von wenigen Tagen hunderttausende ihrer Untertanen zur Arbeit oder zum Krieg zu mobilisieren.

In der Nähe des berühmten Plaza de Armas, auf dem man früher Mumien der verblichenen Inka-Herrscher in Prozessionen herum trug, liegt die Stadtbibliothek. Im Gegensatz zu Klagenfurt lässt sich die Stadtverwaltung Cuscos nicht lumpen, und stellt ihren Einwohnern ein Haus des Wissens zur Verfügung. Die Größe ist bescheiden und die alten Zettelkästen passten mehr ins neunzehnte als ins einundzwanzigste Jahrhundert. Dafür gibt es einen Raum mit Internetstationen. Die Leseplätze sind überfüllt. Junge und Alte drängen sich um die Pulte und bilden teils kleine Menschentrauben. Die zerlesenen Zeitschriften sind besonders begehrt. Wer verstehen will, welche Hoffnungen Menschen auf Bildung setzen können, der besuche Bibliotheken in Entwicklungsländern.

Titicacasee

Von Cusco aus fahre ich weiter zum Titicacasee. Die Hochebene liegt auf knapp viertausend Meter. Die Klimazonen sind nach oben verschoben, weil unterhalb der Berge der Dschungel liegt. Die Bäume Perus machen sich über unsere mitteleuropäischen Baumgrenzen lustig und versammeln sich in dieser Höhe noch zu Wäldern. Spektakuläre Wolkenformationen sind zum Greifen nahe. Darunter sehe ich dasselbe Schauspiel wie in vielen anderen armen Ländern, die ich besuchte. Immer wenn ich auf Reisen sehe, wie sich die Kleinbauern mit ihren armseligen Mitteln für ihren noch armseligeren Lebensunterhalt abplagen, sei es in Zentralchina, sei es in Nordindien, sei es in Kasachstan, drängt sich mir die Frage auf, ob die Menschen nicht doch besser Jäger und Sammler geblieben wären, statt sich auf das mühselige Landwirtschaftsabenteuer einzulassen. In einem armen Land ohne Sozialhilfe ist der Kampf um das tägliche Überleben selbstverständlich für viele Millionen Menschen an der Tagesordnung.

Trist ist auch die Stadt Puno, die direkt am Titicacasee liegt. Das Erklimmen eines Hotelstockwerks ist auf dieser Höhe bereits eine sportliche Großtat. War Cusco das machtpolitische Zentrum der Inka, so ist der Titicacasee das mythologische. Die Vorfahren der Inka sollen von der Sonneninsel dort stammen. Mit einem Durchmesser von fünfundsechzig Kilometer ist der See breiter als das Land Israel an vielen Stellen. Beinahe zweihundert Kilometer lang und bis zu dreihundert Meter tief wirkt der Titicacasee wie ein Binnenmeer. Haupttouristen-Attraktion sind die aus Schilf gebauten Inseln der Uros-Indianer. Sie zogen ursprünglich auf den See, um den Kriegszügen der Inka zu entgehen. Als ich eine dieser Do-it-yourself-Inseln betrete, wird mir aber schnell klar, dass sie heute nur noch ein Erlebnispark für Touristen sind.
Authentischer ist die Insel Taquile auf der noch tausendfünfhundert Einheimische wohnen. Die vielen bereits fertigen und noch in Bau befindlichen neuen soliden Häuser zeigen uns, dass wir Tagestouristen auch dort die Wirtschaft ordentlich ankurbeln. Trotz der Rucksack- und Kulturreisenden ist die Insel noch nicht am Stromnetz angeschlossen. Auch fließendes Wasser in den Häusern ist eine Seltenheit.

Bolivien

Am tiefblauen Titicacasee entlang, hinter dem sich schneebedeckte Sechstausender erheben, fahre ich Richtung bolivianische Grenze weiter. Im sonst verschlafenen Grenzort war aufgrund eines Marktes Hochbetrieb. Kaum hatte ich mich auf der peruanischen Seite zu den grotesken Grenzformalitäten vorgeschoben, gibt es ein neues Hindernis: Eine Wasserleiche treibt friedlich auf dem Fluss und die zum bolivianischen Grenzübergang führende Brücke war vollgestopft mit enthusiasmierten Schaulustigen.

Auf dem Weg nach La Paz bietet sich ein Zwischenstopp in Tiwanaku an, auch wenn von der einst monumentalen Kultstätte nur noch rekonstruierte Reste zu sehen sind. Die Ruinen dienten über Jahrzehnte als Steinbruch für neue Bauprojekte. Der Grundriss der Akapana-Pyramide gibt eine Vorstellung über die Größe der Anlage. Das erhaltene Sonnentor von Tiwanaku zählt zu den wichtigsten erhaltenen Denkmälern des gesamten Andenraums.

Eine gute Stunde Fahrzeit später, vorbei an der gespenstisch wirkenden Millionenstadt El Alto, wo unzählige unverputzte Häuser eine ebenso trostlose wie spektakuläre Landschaft zieren, und ich stehe über La Paz, die gleich mehrere Superlative für sich beanspruchen darf. Sie ist auf dreitausendsechshundert Meter die höchst gelegene Hauptstadt der Welt. Passionierte Radfahrer sollten die Stadt allerdings meiden: Vom tiefst bis zum höchst gelegenen Viertel sind neunhundert Höhenmeter zu überwinden. Hat man Geld, wohnt man im Tal, wo man die eisigen Winde des Hochlands weniger spürt und die Temperatur bis zu zehn Grad wärmer ist als auf den Höhen Laz Paz‘. Geld mit Touristen wird in La Paz noch direkter verdient als an anderen Orten: Auf dem bunten Bauernmarkt der Stadt nehmen mir Könner ohne Federlesens mein Smartphone ab. La Paz hebt die Fremdheit der Andenkultur auf eine neue Stufe. Das Rätsel, wie sie funktioniert, kann ein kurzer Besuch dort nicht lösen. Die an den Läden baumelnden getrockneten Alpacaföten werde ich jedenfalls nicht so schnell vergessen.

Der Artikel ist als Kulturbrief in Literatur und Kritik Juli 2012 erschienen.

Nächste Station war Buenos Aires.

Wie wird ein Klassiker ein Klassiker?

Mit dieser Frage beschäftigt sich Prof. Georg Franck in der Neuen Zürcher Zeitung in seinem Essay Über Thomas Bernhard schimpft man nicht mehr. Seine Erklärung ist eine primär ökonomische. Das ist zwar ein wichtiger Aspekt, vernachlässigt aber ästhetische Fragen zu sehr:

Klassiker wird man nicht, indem man Aufnahme in ein Archiv findet (und womöglich dort verschwindet), sondern dadurch, dass man sich auf dem Markt der Beachtlichkeit hält. Klassiker sind Werke, die, obschon gealtert, immer noch Aufmerksamkeit verdienen. Das Werk muss immer noch ausgestellt und immer noch einmal besprochen werden, immer noch besucht und noch einmal untersucht, weiterhin publizistisch präsent sein und schliesslich Eingang in Geschichtsbücher, Nachschlagewerke und Lehrbücher finden. Als Klassiker muss man, anders gesagt, im Diskurs präsent bleiben, obwohl die aktuelle Entwicklung über einen hinweggegangen und die Mode weitergezogen ist. Ob man das schafft, hängt von dem Einkommen an Aufmerksamkeit ab, das der Markt als Preis für die Attraktionsleistung ermittelt. Auf diesem Markt kommen, wie auf allen Märkten, Machenschaften und falsches Spiel vor. Man braucht aber nach keinen Verschwörungstheorien zu greifen, um zu erklären, wie die Auswahl der Klassiker zustande kommt. Es reicht, auf die Dynamik des Markts beziehungsweise darauf zu achten, wie sich die Preisbildung selbst organisiert.

35 Bibliotheken und 25 BibliothekarInnen

Wer Bibliotheken und Bibliothekare mag, der sollte sich die beiden folgenden Seiten nicht entgehen lassen:

The 35 Most Amazing Libraries In The World

25 Famous Librarians Who Changed History

Auf beide Links stieß ich auf dem sehr empfehlenswerten Netbib Blog, das auf Bibliotheken spezialisiert ist.

21er Haus: Das neue Museum

Ein weiteres Museum in Wien ist eine gute Nachricht. Das dem Belvedere angegliederte Haus für zeitgenössische Kunst füllt das ehemalige 20er Haus mit neuem Leben, das in der jüngeren Kulturgeschichte Wiens eine wichtige Rolle spielte. Für 32 Millionen Euro wurde das Haus saniert und vor einigen Tagen neu eröffnet. Das Gebäude ist beeindruckend, allerdings als Ausstellungsort nicht unproblematisch. Speziell im lichtdurchfluteten Raum im Erdgeschoß, bei dem riesige Fensterfronten die Wände ersetzen, könnte die Aussicht und Raumwirkung samt Aussicht der Kunst die Schau stellen.

Deshalb sind die Kunstwerke auch im oberen Stockwerk untergebracht. Hier erlauben die Fenster dank weißer Färbung keinen Ausblick. Durch die umlaufende Galerie mit Blick nach unten ist der Raumeindruck abwechslungsreich. Ausstellungen für aktuelle Kunst könnten hier ein passendes Ambiente finden.

Abgesehen von der nicht sehr umfangreichen Wotruba-Galerie im Keller, krankt das 21er Haus derzeit an einer für ein Museum ungewöhnlichen Symptomatik: Es gibt kaum Kunstwerke, und die der Eröffnungsausstellung Schöne Aussichten sind nicht mal beschriftet. Man bat eine Reihe von Künstlern künstlerisch auf das neue Haus zu reagieren. Am Interessantesten ist Peter Koglers Video-Installation mit Künstlerportraits.

Die Eintrittsgebühr versteht man besser als Architektur-Eintritt. Eine Buchhandlung mit aktuellen Kunstbüchern befindet sich im Foyer des Hauses. Für Januar ist die nächste Ausstellung angekündigt.

metropolis, hell yeah!

Der Artikel erschien in The Gap Nr. 117

Der Harvard-Ökonom Edward Glaeser schrieb eine Hymne auf das urbane Leben.

Städte sind in vielen Kreisen übel beleumundet. Lärm, Autolawinen, Smog und andere Gesundheitsübel führen Betonphobiker gerne exemplarisch an, bevor sie entnervt an den Stadtrand ziehen. Slums, Krankheiten und Kriminalität verlängern die Liste dieser Einwände, wenn man Städte weltweit ins Blickfeld rückt. Speziell Megacities mit einem großen Anteil an Armen, wie Mumbai oder Lagos, sind eine Fundgrube für herzzerreissende Geschichten. Spendiert man großzügig ein Happy End dazu, lassen sich damit sogar Kassenschlager wie Slumdog Millionaire (2008) drehen.

Harvard-Ökonom und New-York-Times Autor Edward Glaeser widerspricht den Stadtskeptikern in seinem neuen Buch Triumph of the City vehement. Der barocke Untertitel fasst seine Hauptthesen bereits zusammen: How our greatest invention makes us richer, smarter, greener, healthier and happier. Glaeser beschäftigt sich bereits seit Jahrzehnten mit dem Thema und legt nun eine fundierte Zusammenschau vor.

Städte waren laut Glaeser nicht nur kulturhistorisch die Grundvoraussetzung für fast alle zivilisatorischen Errungenschaften der Menschheit. Auch die großen Zukunftsprobleme seien nur durch adäquate Stadtentwicklung zu lösen. Das treffe speziell für das rasante Bevölkerungswachstum in Indien und China zu, samt dem prognostizierten Energie- und CO2-Umsatz.

Mit der Gründung der ersten Städte setzte ein riesiger Innovationsschub ein, der bis heute anhält. Neben offensichtlichen ökonomischen Faktoren wie die durch die Landwirtschaft erstmals in größerem Ausmaß mögliche Spezialisierung in Berufsgruppen, waren dafür auch anthropologische Gründe maßgebend. Glaeser geht so weit, den Menschen als eine „urban species“ zu bezeichnen. Erst wenn viele Menschen auf engem Raum zusammenlebten, schaffe dies die Voraussetzung, dass sich Ideen und Innovationen schnell verbreiteten. Unter vielen tausend Menschen steigt die Möglichkeit, Talentierte und Gleichgesinnte zu finden.

Wald und Wiesen

Aus kulturgeschichtlicher Perspektive ist Glaesers These tatsächlich leicht zu belegen, auch wenn er selbst nur wenige kurze Beispiele dafür anführt. Die größten Kreativitätsschübe fanden fast immer in Städten statt, und die entsprechenden Fälle sind bekannte ideographische Ikonen. Das klassische Athen, wo einer der größten Kreativitätsschübe der Weltgeschichte stattfand. Chang’an (heute: Xi’an), das während der Tang-Dynastie in China vom siebten bis ins neunte Jahrhundert als Zentrum einer neuen Stadtkultur eine kulturelle Blütezeit auslöste. Baghdad, die Welthauptstadt der Gelehrsamkeit während der arabischen Hochkultur. Das Florenz der Renaissance oder Wien um 1900 könnte man ebenfalls noch anführen.

Hier drängen sich nun einige Einwände auf. Einerseits gab es überragende intellektuelle Einzelleistungen. Man denke etwa an Montaigne, der seine berühmten Essais alleine im Bücherturm seines Schlosses schrieb. Andererseits konnte in der tiefsten Provinz Weltkultur entstehen. Das Weimar Goethes und Schillers kommt in den Sinn. Allerdings waren hier in beiden Fällen die kulturgeschichtlichen Auswirkungen nicht so tiefgreifend, wie bei den oben aufgezählten Beispielen. Glaeser erwähnt den berühmten Naturapostel und Waldhüttenapologeten Henry David Thoreau. Sein Bestseller Walden hätte in dieser Form nie entstehen können, wäre Thoreau nicht in Harvard ausgebildet worden, und lange in dessen urbanen intellektuellen Zirkel eingebettet gewesen.

Einen Aspekt, den Glaeser völlig ignoriert, ist die Tatsache, dass die Kreativitätsmechanik einer Stadt naturgemäß wertneutral ist, und sich auch für Unerfreuliches nutzen lässt. Das klassische Athen brachte nicht nur eine Fülle an Literatur, Philosophie und Historiographie hervor, sondern auch die intellektuelle Rechtfertigung für eine rücksichtslose Geopolitik. Nicht zuletzt gelangte die Rhetorik in Athen zur Blüte, mit deren manipulativer Methodik man entsprechende Beschlüsse leicht herbeiredete.
Im Florenz der Renaissance trieb man nicht nur Malerei und Skulptur auf neue Höhen, sondern die Stadt bot auch einen idealen Nährboden für den religiösen Fanatiker Savonarola. Dessen Ideen nähmen die Taliban heute noch mit Freuden auf, hätten sie auf ihren Koranschulen von ihm gehört.

Die bei Glaeser meist nur angedeutete kulturgeschichtliche Argumentation ist sehr plausibel. Sie stützt auch seine Ableitung, dass diese Beobachtungen eine anthropologische Grundlage hätten, welche mit der Evolution des Menschen zusammenhänge. An dieser Stelle wünscht man sich als Leser allerdings mehr empirische Belege. Zumal Glaeser so weit geht, dass virtuelle Nähe via Internet aus diesen Gründen nie ein Ersatz für die Innovationskraft „echten“ Stadtlebens sein könne.

Städte bündeln und verstärken menschliche Fähigkeiten laut Glaeser nicht nur wie eine Lupe Lichtstrahlen, sondern sie haben zahlreiche weitere Vorzüge. Erhöhte soziale Mobilität und der Wettbewerb vieler Begabungen sind zwei davon, weshalb viele Talentierte in Städte ziehen. Der Professor illustriert diese Punkte mit einem Feuerwerk an konkreten Beispielen über das gesamte Buch hinweg. Allgemeinen Thesen folgen meist veranschaulichende Exkurse. Man sieht dem Entstehen der Autoindustrie in Detroit zu und hundert Jahre später dem Verfall der Stadt. Man begleitet den Autor in die Slums von Mumbai und auf die Pariser Boulevards. Man staunt über das Funktionieren so riesiger Städte wie Tokyo und über den Aufstieg Singapurs zur von fester Hand gelenkten Wirtschaftsmetropole.

Grüne Lunge

Spannend wird es, wenn Glaeser mit dem eingangs erwähnten Klischee aufräumt, Städte seien große Umweltfeinde. Der Energie- und Platzverbrauch ist nämlich in dicht bebauten Innenstädten pro Person oder Haushalt signifikant geringer. Eine Stadtwohnung ist mit einem kleinen Teil der Energie zu heizen bzw. zu kühlen wie das Haus in einem Vorort. Wer mit dem öffentlichen Nahverkehr oder zu Fuß bequem seinen Arbeitsplatz erreicht, produziert weniger CO2 als ein Pendler, der täglich vor seiner Reihenhaushälfte ins Auto steigt. Der starke Trend in den USA, von den Innenstädten in die Vororte zu ziehen, bietet Glaeser jede Menge Datenmaterial zur Veranschaulichung.

Analysiert man die urbane Entwicklung in China und Indien, gibt es drei plausible Zukunftsszenarien: Erstens weite Teile der Bevölkerung bleiben dort wie bisher in ihrer landwirtschaftlichen Armutsfalle auf dem Land sitzen und benötigen weiterhin wenig Energie. Zweitens große Teile der Bevölkerung ziehen, wie in den letzten Jahren, in die Städte. Aber diese Städte entwickeln sich analog der amerikanischen mit riesigen Vororten und einer unüberschaubaren Zahl an Autos. Drittens die Verstädterung hält an, aber das Modell dafür ist nicht Los Angeles, sondern Tokyo. Viele Menschen leben in Wolkenkratzern auf engem Raum bei vergleichsweise niedrigem Energieumsatz und mit wenig Autos. Glaeser legt überzeugend dar, dass nur das letzte Szenario ökologisch verträglich ist: „If you love nature, stay away from it.“

Um zu diesem Ziel zu gelangen, benötigt es allerdings einer Urbanitätspolitik, die zu den gewünschten Ergebnissen führt. Glaeser beschreibt an vielen Beispielen, warum manche Städte scheitern, während andere wie New York auch große Krisen überwinden konnten. Im Gegensatz zu anderen berühmten Urbanismustheoretikern wie Jane Jacobs plädiert Glaeser für eine möglichst dicht besiedelte Stadt durch Hochhäuser. Der großzügige Bau von Wolkenkratzern hielte gleichzeitig auch die Preise in Schach. Solche Viertel sollten aber trotzdem ein reges Straßenleben aufweisen. Viele Geschäfte, Restaurants und andere „HotSpots“ müssten die Menschen von ihren Wohnungen auf die Straße ziehen. Unschwer zu erraten, dass Glaeser hier Manhattan als Prototyp im Hinterkopf hat.
Ein großer Fehler sei es, in Orte statt in Menschen zu investieren. Anstatt Geld in prestigeträchtige Bauten oder gar neue Stadtviertel zu stecken, empfiehlt Glaeser Problemstädten wie Detroit sich lieber auf Bildung und Innovationsförderung zu konzentrieren.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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