Archäologie

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Neues über den Parthenon

Der kritischen Rezension Mary Beards in The New York Review of Books nach, ist Joan Breton Connellys neues Buch The Parthenon Enigma nur bedingt überzeugend. Ich finde ihre These aber trotzdem interessant, versucht Connelly doch eine komplette Neuinterpretation der berühmten Elgin Marbles:

The pivot of her argument is a reinterpretation of the sculpted frieze that once circled the entire building above the colonnade. With its array of galloping horsemen, charioteers, offering-bearers, and sacrificial animals, this has usually been identified as a representation of the procession that took place at the regular religious festival of the Panathenaia, making its way to the Acropolis in celebration of the goddess Athena. Connelly rejects this, to argue instead that the subject of the frieze is a myth of early Athens. What we see, she claims, are the preliminaries to a human sacrifice, when the daughter of one of the legendary kings of the city, Erechtheus, is sacrificed to ensure Athenian victory over an invading army. The procession depicts the celebrations that honored the girl’s noble act of self-sacrifice. It is not, in other words, a human scene at all, but a moment drawn from myth, and—to modern eyes—a shocking one at that.

Connelly’s interpretation centers on the puzzling scene (now in the British Museum) originally aligned with the main entranceway of the temple, apparently the culmination of the procession. It shows an adult male figure exchanging a large piece of cloth with a child, who may be either a boy or a girl. The clearest diagnostic feature for the sex of the child is its bare buttock protruding from a loose robe—and a large amount of art-historical time and energy has been fruitlessly expended over the past decades in comparing this buttock to those of other girls and boys in classical art, with (unsurprisingly) no definitive answer.

Next to the man, and with her back to him, stands an adult woman, facing two girls who carry stools on their heads. The traditional reading of the frieze, which goes back to the famous study of James Stuart and Nicholas Revett in the late eighteenth century, connects this with the presentation of a newly woven robe (peplos) to Athena—the high point of special, grander Panathenaiac celebrations, which took place every four years. This would mean that we are seeing the child (boy or girl) handing over the new peplos to some male religious official (perhaps the archon basileus, or “King Archon”), while behind him a priestess receives from other young cult servants the stools—on which she and her male partner will later sit.

Josef Wiesehöfer: Das frühe Persien

Die kleinen Bände der Wissen-Reihe von C.H. Beck sind ideale Reisebegleiter, fallen sie doch buchstäblich im Gepäck nicht ins Gewicht. Für meine Iranreise besorgte ich mir deshalb unter anderen den Band über das frühe Persien. Josef Wiesehöfer ist ein ausgesprochener Kenner des frühen Iran und schafft es, trotz des knappen Rahmens, viele interessante Informationen zu vermitteln. Positiv fällt vor allem Zweierlei ins Gewicht: Erstens gibt er zu Beginn eine ausführliche Beschreibung der Quellenlage. Zweitens findet er auch Platz, den Paradigmenwechsel in seinem Fach zu thematisieren. Jahrhundertelang wurden die Perser ja aus der Brille der Griechen wahrgenommen. Die Griechen haben nicht nur die berühmten Perserkriege gewonnen, sie haben auch die Meinung über die Perser über Jahrtausende bestimmt. Erst in den letzten Jahrzehnten versuchte die Forschung, die altpersische Geschichte aus Perspektive der Perser zu verstehen. Beispielsweise waren die Perser als erstes multikulturelles Imperium außergewöhnlich tolerant, nicht nur was Religionsausübung angeht. Eine sehr gute Einführung auf akademischem Niveau.

Josef Wiesehöfer: Das frühe Persien. Geschichte eines antiken Weltreichs (C.H. Beck Wissen)

Reise-Notizen: Kärnten

September 2012

Kärnten ist Österreichs lustigstes Bundesland. Eine erstklassige Parodie. Wo fängt man an? Bei der Landeshauptstadt Klagenfurt, die als einzige Provinzhauptstadt der Welt keine Stadtbibliothek besitzt? Bei der korrupten Politikerklasse, die das Land wie zu Feudalzeiten als Selbstbedienungsladen versteht? Bei der Bevölkerung, die viele Jahre Jörg Haider als Landeshauptmann (wie die Ministerpräsidenten in Österreich heißen) wählte und vergötterte? Selbst heute gibt es noch Haider-Gedenkstätten, obwohl es inzwischen selbst kognitiv Benachteiligten klar sein sollte, wie sehr der Mann dem Land schadete.

Kurz: Ein hoch interessantes Reiseziel.

Ich quartiere mich direkt am Wörthersee ein und fahre eine Woche bei strahlendem Sonnenschein kreuz und quer durch das Bundesland. Der Kontrast zwischen den unzähligen malerischen Seen, der erhabenen Berglandschaft und dem geistigen Zustand des Landes könnte kaum größer sein. Unterwegs fragt man sich ständig, kann es wirklich so schlimm sein? Viele Dinge fallen auf. So empfehle ich dringend, ein besonderes Augenmerk auf die Kriegerdenkmäler in Kärnten zu richten. Symbolisches Pathos, wohin man blickt. Poetische Höhepunkte eingeschlossen: „Mehr als unser Leben / konnten wir nicht geben“ („Künstlerstadt“ Gmünd) sei im Land der Ingeborg Bachmann hervorgehoben. Schließlich der Mann an der Kasse im Stiftsmuseum in Millstatt. „In dreißig Jahren wird ganz Österreich islamisch sein“ doziert er der Dame an der Kasse. Wien sei bereits zu 95% islamisch, doch, doch, das habe ihm ein Geistlicher kürzlich bestätigt. Worauf die Kassendame trocken erwidert: „Alles ändert sich. Das stört ich mich nicht.“

Kulturell hat Kärnten einiges zu bieten. Eine meiner ersten Wege am Wörthersee führt mich selbstverständlich zum Mahler Komponierhäusl, wo ich den Wächter von seinem kleinen Nickerchen aufschrecke. Mahlers Naturenthusiasmus fand in der Wörtherseeidylle natürlich jede Menge Futter. Nach der Zahl der Gäste befragt, meint er, dass nur noch wenige Menschen Mahlers Werkstatt aufsuchen. Einheimische so gut wie nie, aber ab und zu kämen musikinteressierte Touristen wie ich.

Die größte Überraschung war das in der Pampa gelegene Museum Liaunig. Der Gegend angemessen würde man ein Folklore- oder ein Bauernmuseum erwarten. In Wahrheit handelt es sich um eines der geschmackvollsten Museen für moderne Kunst, die ich bisher sah. Der Industrielle Herbert W. Liaunig trug Zeit seines Lebens eine exquisite Sammlung zusammen. Schwerpunkt ist die österreichische Kunst seit 1950, aber es gibt auch viele herausragende internationale Stücke. Für diesen Kunstschatz ließ er – in Sichtweite seines Wohnschlosses – ein Museum in einen Hügel bauen. Die 2000 Quadratmeter Ausstellungsfläche werden jährlich wechselnd mit Themenausstellungen bespielt. Zugänglich ausschließlich per Führung. Die Ausstellungshalle ist lichtdurchflutet und erinnert an eine riesige Industriehalle, was architektonisch ausgezeichnet zur modernen Kunst passt. Die Qualität und die hochwertige Präsentation ist so gut gelungen, dass das Wiener MUMOK dagegen wie ein Provinzhaus wirkt.

Der zweite kulturelle Höhepunkt der Reise ist das archäologische Museum in Globasnitz an der slowenischen Grenze, das sich sowohl mit dem ostgotischen Gräberfeld aus der Völkerwanderungszeit in der Nähe beschäftigt als auch mit der über dem Ort gelegenen Kultstätte Hemmaberg. Das kleine Museum ist anschaulich gestaltet, besitzt exquisitere Mosaiken als manche großen Häuser und ist deshalb unbedingt einen Besuch wert. Das gilt auch für die Ausgrabungen am Hemmaberg, ein früher Pilgerort mit gut erhaltenen Resten. Vieles wurde inzwischen allerdings so restauriert, dass man die Restauration nicht vom Vorgefundenen unterscheiden kann. Das ist alles andere als „state-of-art“ in der Archäologie und man fragt sich, wer dafür verantwortlich ist.

Wer sich für Archäologie interessiert, sollte auf keinen Fall den Magdalensberg auslassen. Das drei Hektar große Freiluftmuseum gibt nicht nur viele Einblicke in eine kleine römische Handelsstadt um die Zeitenwende, mit Fokus auf die damalige Eisenproduktion, sondern ebenfalls einen grandiosen Ausblick auf das Zollfeld.

Wo Jesus Meerschweinchen verspeist

Eine Reise durch Peru und Bolivien [Oktober/November 2011]

Als Francisco Pizarro Lima als Hauptstadt Perus gründete, suchte er sich am Pazifik ausgerechnet einen Platz aus, der neun Monate pro Jahr von einer trüben Dunstglocke eingenebelt wird. Lima ist die erste Station meiner Peru-Erkundung und eine prototypische Stadt Lateinamerikas. Die meisten der siebeneinhalb Millionen Einwohner leben in wenig ansprechenden Wohnblöcken. Die wohlhabende Minderheit findet man in hübschen modernen Stadtvierteln am Meer, wo die Bobo-Dichte ähnlich hoch ist wie in den Wiener Innenstadtbezirken. Die Slums wiederum schlängeln sich malerisch die Hügel hinauf.

Die Altstadt Limas zeigt das koloniale Machtgefüge bis heute: Regierungspalast und Kathedrale liegen am zentralen Platz. Unweit davon die Klöster der Dominikaner und der Franziskaner, die von Beginn an in einem heftigen Konkurrenzverhältnis bei der Verbreitung des Seelenheils standen. Diese bauliche Konstellation findet man in den meisten Städten Südamerikas.

Abgesehen von der Altstadt gibt es an Sehenswürdigkeiten noch einige Museen, allen voran das archäologische Museum. In Europa ist man zwar mit den Inka gut vertraut. Diese Zivilisation stand allerdings erst am Ende einer unglaublich vielfältigen Kulturentwicklung. Ich versuchte vor der Reise, mich einzulesen, aber angesichts einer zweistelligen Zahl an unterschiedlichen Prä-Inka-Kulturen, war das ein vergebliches Unterfangen. Erst als ich im Museum vor den unterschiedlichen Kunstwerken und Gebrauchsgegenständen stehe, lichtet sich langsam der Nebel im Kopf.

Machu Picchu

Von Lima aus reise ich mit einem Zwischenstopp zum Traum aller Touristen: Machu Picchu. Der bequemste Weg ist mit dem Zug zur kleinen Stadt unterhalb der Stätte zu fahren. Die Lok schlängelt sich durch ein beeindruckendes Andental und man durchkreuzt in knapp neunzig Minuten mehrere Klimazonen. Die Alternative wäre eine mehrtägige Wanderung auf dem berühmten Inka-Trail, wo heutzutage allerdings so viel los ist wie auf der Einkaufsstraße einer Großstadt. Beim Bahnhof besteigt der Kulturtourist dann den Bus, der langsam den Berg hinauf kriecht. Die Zahl der Besucher ist auf dreitausend pro Tag limitiert. Auf dem Ticket steht deshalb Datum und Name. Am Eingang wird der Pass kontrolliert. Je berühmter die Sehenswürdigkeit, desto skeptischer bin ich vor einem Besuch. Machu Picchu wird aber zu Recht gerühmt. Die spektakuläre Lage legt sämtliche Schalter um, die ein durchschnittlich sozialisierter Mitteleuropäer in Sachen Naturerlebnis eingebaut bekommen hat: Romantisch! Mystisch! Grandios! Die Archäologen streiten seit der Entdeckung – genauer wäre: Bekanntmachung – Machu Picchus durch Hiram Bingham über die Funktion der Stadt. Ich schlendere durch die Ruinen und versuche mir ein eigenes Bild zu machen. Die beliebteste Theorie derzeit ist, dass es sich um die Sommerresidenz des Inka-Herrschers Pacha Kutiq handelte. Vor den gewaltigen der Landwirtschaft dienenden Terrassen der Bergstadt stehend, frage ich mich allerdings, ob sie zu einem Herrscherlandsitz passt. Pacha Kutiq konnte sich Lebensmittel aus dem ganzen Reich liefern lassen. Wieso sollte er ausgerechnet ein paar Meter von seinem Sommerpalast entfernt einen so störenden Betrieb gestatten?
Das Inka-Reich ist die einzige mir bekannte Zivilisation, wo Planwirtschaft exzellent funktionierte. Trotz der Millionenbevölkerung war die Nahrungsmittel-Logistik so ausgereift, dass es vor der Ankunft der Spanier kein Wort für „Hunger“ gab. Auf der Hochebene zwischen Cusco und dem Titacacasee liegt Raqchi, eine alte Tempelanlage aus der Prä-Inka-Zeit, wo man eine große Menge dieser Getreidespeicher besichtigen kann. Selbstverständlich hatten die Priester dort als Machtinstrument ihre Hände auf den gehorteten Lebensmitteln.

Religion und Kunst

Peru und Bolivien sind zwei Reiseländer, die einem viele Einblicke in das Funktionieren von Religion ermöglichen. Nach der für die Einheimischen verhängnisvollen Ankunft der Spanier gründeten die Franziskaner und Dominikaner ihre Bekehrungsfabriken. Die Franziskaner setzten auf Quantität: Möglichst viele sollten möglichst schnell getauft werden. Die Dominikaner wählten als Hunde des Herrn eine dogmatischere Vorgehensweise und wollten gewisse theologische Mindeststandards nicht unterschreiten. Deutlich später traten die Jesuiten in Aktion. Sie gingen erst buchstäblich bei den Indianern zur Schule. Nachdem sie deren Weltbild und Religion verstanden hatten, entwickelten sie ein maßgeschneidertes Bekehrungsprogramm. Es entstanden so riesige, von Jesuiten dominierte Gebiete, dass es die spanische Regierung mit der Angst zu tun bekam, und 1767 den Orden dort verbot.
Schon sehr früh setzten die Orden die kirchliche Kunst zu Missionierungszwecken ein. Die Marketingstrategie war eine zweifache: Erstens wollte man die Einheimischen durch Prunk beeindrucken. Dazu wurden die Kirchen mit viel Gold ausgestattet. Ich stehe immer wieder vor in barocker Fülle glänzenden Altären, die teils lange vor dem europäischen Barock geschaffen wurden, aber eine ähnliche Wirkung haben. In der Religion der Inka spielte Gold ebenfalls eine überragende Rolle, so konnte man hier mit Hilfe eines Materials eine Brücke zwischen zwei völlig inkompatiblen Weltanschauungen schlagen. Raffinierter war die zweite Variante, nämlich die Anpassung der christlichen Ikonographie an die indianische Kultur. Die Missionsverantwortlichen gingen dabei mit einem erstaunlichen Pragmatismus zu Werk. Nichts veranschaulicht das besser, als die Innenausstattung der Kathedrale von Cusco, der ehemaligen auf dreitausendsechshundert Meter Höhe gelegenen Inka-Hauptstadt. Mehr als dreihundertfünfzig Gemälde sind in der Kirche zu sehen und ermöglichen einen detaillierten Einblick in die Malschule von Cusco. Bereits ab 1580 wurden Elemente des italienischen Manierismus übernommen und die länglich-gestreckt gezeichneten Figuren entsprachen praktischerweise sehr dem indianischen Formempfinden. Weniger subtil war die Anpassung der Sujets: Auf der berühmten Darstellung des letzten Abendmahls liegt vor Jesus ein detailreich gemaltes gegrilltes Meerschweinchen – bis heute das Gericht der Wahl bei feierlichen Anlässen. Ich ließ mir eines Abends in Cusco ein Meerschweinchen servieren und empfehle allen Mitteleuropäern hiermit dringend, auf dieses kulinarische Experiment zu verzichten. Jesus bewirtete seine Jünger in einem andinischen Ambiente ferner mit Papayas, Avocados und Maisbrot.
Madonnen-Skulpturen sind durch geschickten Einsatz der Kleidung unten oft sehr breit und laufen zum Kopf hin spitz zu. Es gehört wenig Fantasie dazu, bei dieser Form einen Berg zu assoziieren. Kein Zufall selbstverständlich: Berge und speziell Vulkane spielten im Glauben der Inka eine überragende Rolle. Die Skulpturen erinnerten die Missonierungsopfer an Pachamama, die Mutter Erde. Die von den Ordensleuten überzeugten Peruaner nannten Pachamama also „Maria“ und alle waren mit dieser Farce zufrieden.
Religionswissenschaftler nennen die Verschmelzung zweier Glaubensrichtungen bekanntlich Synkretismus und im Andenraum ist das bis in die Gegenwart der vorherrschende Glaube. Selbst im Gespräch mit Angehörigen des (kleinen) Mittelstands begreift man schnell, wie tief diese alten Vorstellungen wurzeln, welche vom Katholizismus so weit entfernt sind wie der Titicacasee vom Traunsee. Der Vatikan klassifiziert diese Länder mit der ihm eigenen Chuzpe natürlich als hochkatholisch.

Cusco

Das Zentrum der Inka-Hochkultur lag rund um Cusco, weshalb die Zahl archäologischer Stätten dort besonders hoch ist. Obwohl die Spanier nach ihrer Ankunft vieles aufschrieben, was sie beobachteten, gibt es noch viele Rätsel. So viel wir über das Weltbild der Inka und über das Funktionieren ihrer Gesellschaft wissen, desto weniger ist über wichtige Details bekannt. Die Bautechnik beispielsweise wirft viele Fragen auf. Ich fahre deshalb bei blauem Himmel und dünner Luft nach Saqsaywaman, das über Cusco thront. Die meisten Archäologen halten die Anlage für eine Festung. Dafür sprechen die riesigen, mehrfach gestaffelten Mauerwälle. Allerdings gab es offenbar auch Räumlichkeiten, die nicht militärisch genutzt wurden, und der Ort liegt an einer Seite, von der eigentlich keine Angriffe zu erwarten waren. Ich gehe die Überreste der Mauer entlang und bestaune die Felsblöcke, deren schwerster über hundert Tonnen wiegt. Die Inka verwendeten das Rad nicht und selbst der Einsatz von Hebeltechniken war beschränkt. Zehntausende Einheimische mussten diese Bergbrocken mit Muskelkraft bewegt haben. Plötzlich fällt mir ein, was ich in den Anden schon die ganze Zeit beobachtet, aber bisher noch nie auf den Punkt gebracht hatte: Es ist bis heute eine Träger-Gesellschaft. Obwohl es keinen Mangel an Fahrzeugen aller Art gibt, sieht man jede Menge Menschen zu Fuß, die auf dem Rücken Lasten schleppen. Ich konnte mich nicht erinnern, auch nur eine Schub- oder Sackkarre gesehen zu haben. Auf dem Hinflug nach Lima saß ich neben einem jungen Belgier unterwegs zu seiner fünften Trekkingreise in Peru. Auch er berichtete beeindruckt, wie mühelos die Träger seiner Touren selbst große Lasten trugen. Ich stehe vor den Felsblöcken von Saqsaywaman, blicke auf die Ebene hinter mir und stelle mir tausende von Indianern vor, die mit Seilen riesige Gewichte bewegen. Aber wie konnte man in Zeiten ohne Megaphone unzählige Arbeiter gleichzeitig koordinieren? Jedenfalls hatten die Inka-Herrscher aufgrund ihrer ausgefeilten Administration die Möglichkeit, innerhalb von wenigen Tagen hunderttausende ihrer Untertanen zur Arbeit oder zum Krieg zu mobilisieren.

In der Nähe des berühmten Plaza de Armas, auf dem man früher Mumien der verblichenen Inka-Herrscher in Prozessionen herum trug, liegt die Stadtbibliothek. Im Gegensatz zu Klagenfurt lässt sich die Stadtverwaltung Cuscos nicht lumpen, und stellt ihren Einwohnern ein Haus des Wissens zur Verfügung. Die Größe ist bescheiden und die alten Zettelkästen passten mehr ins neunzehnte als ins einundzwanzigste Jahrhundert. Dafür gibt es einen Raum mit Internetstationen. Die Leseplätze sind überfüllt. Junge und Alte drängen sich um die Pulte und bilden teils kleine Menschentrauben. Die zerlesenen Zeitschriften sind besonders begehrt. Wer verstehen will, welche Hoffnungen Menschen auf Bildung setzen können, der besuche Bibliotheken in Entwicklungsländern.

Titicacasee

Von Cusco aus fahre ich weiter zum Titicacasee. Die Hochebene liegt auf knapp viertausend Meter. Die Klimazonen sind nach oben verschoben, weil unterhalb der Berge der Dschungel liegt. Die Bäume Perus machen sich über unsere mitteleuropäischen Baumgrenzen lustig und versammeln sich in dieser Höhe noch zu Wäldern. Spektakuläre Wolkenformationen sind zum Greifen nahe. Darunter sehe ich dasselbe Schauspiel wie in vielen anderen armen Ländern, die ich besuchte. Immer wenn ich auf Reisen sehe, wie sich die Kleinbauern mit ihren armseligen Mitteln für ihren noch armseligeren Lebensunterhalt abplagen, sei es in Zentralchina, sei es in Nordindien, sei es in Kasachstan, drängt sich mir die Frage auf, ob die Menschen nicht doch besser Jäger und Sammler geblieben wären, statt sich auf das mühselige Landwirtschaftsabenteuer einzulassen. In einem armen Land ohne Sozialhilfe ist der Kampf um das tägliche Überleben selbstverständlich für viele Millionen Menschen an der Tagesordnung.

Trist ist auch die Stadt Puno, die direkt am Titicacasee liegt. Das Erklimmen eines Hotelstockwerks ist auf dieser Höhe bereits eine sportliche Großtat. War Cusco das machtpolitische Zentrum der Inka, so ist der Titicacasee das mythologische. Die Vorfahren der Inka sollen von der Sonneninsel dort stammen. Mit einem Durchmesser von fünfundsechzig Kilometer ist der See breiter als das Land Israel an vielen Stellen. Beinahe zweihundert Kilometer lang und bis zu dreihundert Meter tief wirkt der Titicacasee wie ein Binnenmeer. Haupttouristen-Attraktion sind die aus Schilf gebauten Inseln der Uros-Indianer. Sie zogen ursprünglich auf den See, um den Kriegszügen der Inka zu entgehen. Als ich eine dieser Do-it-yourself-Inseln betrete, wird mir aber schnell klar, dass sie heute nur noch ein Erlebnispark für Touristen sind.
Authentischer ist die Insel Taquile auf der noch tausendfünfhundert Einheimische wohnen. Die vielen bereits fertigen und noch in Bau befindlichen neuen soliden Häuser zeigen uns, dass wir Tagestouristen auch dort die Wirtschaft ordentlich ankurbeln. Trotz der Rucksack- und Kulturreisenden ist die Insel noch nicht am Stromnetz angeschlossen. Auch fließendes Wasser in den Häusern ist eine Seltenheit.

Bolivien

Am tiefblauen Titicacasee entlang, hinter dem sich schneebedeckte Sechstausender erheben, fahre ich Richtung bolivianische Grenze weiter. Im sonst verschlafenen Grenzort war aufgrund eines Marktes Hochbetrieb. Kaum hatte ich mich auf der peruanischen Seite zu den grotesken Grenzformalitäten vorgeschoben, gibt es ein neues Hindernis: Eine Wasserleiche treibt friedlich auf dem Fluss und die zum bolivianischen Grenzübergang führende Brücke war vollgestopft mit enthusiasmierten Schaulustigen.

Auf dem Weg nach La Paz bietet sich ein Zwischenstopp in Tiwanaku an, auch wenn von der einst monumentalen Kultstätte nur noch rekonstruierte Reste zu sehen sind. Die Ruinen dienten über Jahrzehnte als Steinbruch für neue Bauprojekte. Der Grundriss der Akapana-Pyramide gibt eine Vorstellung über die Größe der Anlage. Das erhaltene Sonnentor von Tiwanaku zählt zu den wichtigsten erhaltenen Denkmälern des gesamten Andenraums.

Eine gute Stunde Fahrzeit später, vorbei an der gespenstisch wirkenden Millionenstadt El Alto, wo unzählige unverputzte Häuser eine ebenso trostlose wie spektakuläre Landschaft zieren, und ich stehe über La Paz, die gleich mehrere Superlative für sich beanspruchen darf. Sie ist auf dreitausendsechshundert Meter die höchst gelegene Hauptstadt der Welt. Passionierte Radfahrer sollten die Stadt allerdings meiden: Vom tiefst bis zum höchst gelegenen Viertel sind neunhundert Höhenmeter zu überwinden. Hat man Geld, wohnt man im Tal, wo man die eisigen Winde des Hochlands weniger spürt und die Temperatur bis zu zehn Grad wärmer ist als auf den Höhen Laz Paz‘. Geld mit Touristen wird in La Paz noch direkter verdient als an anderen Orten: Auf dem bunten Bauernmarkt der Stadt nehmen mir Könner ohne Federlesens mein Smartphone ab. La Paz hebt die Fremdheit der Andenkultur auf eine neue Stufe. Das Rätsel, wie sie funktioniert, kann ein kurzer Besuch dort nicht lösen. Die an den Läden baumelnden getrockneten Alpacaföten werde ich jedenfalls nicht so schnell vergessen.

Der Artikel ist als Kulturbrief in Literatur und Kritik Juli 2012 erschienen.

Nächste Station war Buenos Aires.

Mark Adams: Turn Right at Machu Picchu

Zu dem Buch schrieb ich bereits Mitte Oktober eine Notiz, die beim Hacken der Notizen leider verloren ging.

Eines der Bücher, die ich als Vorbereitung für meine Südamerika-Reise las. Der New Yorker Mark Adams arbeitet seit Jahrzehnten als Redakteur für Reisemagazine. Unzählige berichtende Reisende schickte er in alle Weltregionen, selbst verließ er die USA jedoch kaum. Als sein Interesse für den Entdecker Machu Picchus, Hiram Bingham, wuchs und wuchs, fasste er den Entschluss, auf seinen Spuren Peru zu bereisen. Es sei an dieser Stelle gleich gesagt, dass Bingham zwar Machu Picchu weltberühmt machte, Machu Picchu aber genau genommen nie vergessen war. Binghams Artikel und Fotos beförderte National Geographic aus der Nische der Fachzeitschriften heraus: Die Auflage vervielfachte sich. Die Legende Bingham war geboren und hält sich bis heute.

Mark Adams engagiert mit John Leivers einen Expeditionsleiter der alten Schule. Gemeinsam mit Maultieren und Trägern beginnen sie das Abenteuer. Das Buch schildert nun abwechselnd die Reiseabenteuer dieser Truppe, die Biographie und Expeditionen des Hiram Bingahm sowie die Grundlagen der Geschichte der Inka. Der aktuelle Forschungsstand und der politische Streit um die Rückgabe der nach den USA transportierten Kunstwerke kommen ebenfalls nicht zu kurz.

Das Ergebnis ist ein sehr abwechslungsreich zu lesendes Buch. Im Vergleich zu den anderen Ebenen des Buches nehmen allerdings die Reiseschilderungen Mark Adams etwas zu viel Raum ein. Die Geschichte Binghams und die allgemeinen Ausführungen sind interessanter und hätte stärker gewichtet werden sollen.

Wer nach Peru will oder sich für Machu Picchu interessiert, wird Turn Right at Machu Picchu gerne lesen.

Mark Adams: Turn Right at Machu Picchu. (Plume)

Südamerika-Reiseliteratur

In vier Ländern war ich unterwegs, was an die Reisebuch-Logistik einige Anforderungen stellt. Als Vorbereitung las ich u.a. bereits eine historische Quellensammlung über die Entdeckung Perus.

Der Schwerpunkt meiner Reise lag auf den Andenkulturen in Peru und Bolivien, weshalb mir Rolf Seelers Kunstreiseführer über diese beiden Länder, wie fast alle Bände der Reihe bisher, gute Dienste leistete. Sich nur theoretisch mit den vielen Präinkakulturen zu beschäftigen, ist nicht leicht. Sobald man aber deren Werke in Museen sah und einige Ausgrabungsstätten besichtigte, ändert sich das schnell.

Seeler hat einen exzellenten einführenden Teil geschrieben, in dem er auf die Kultur und Geschichte der beiden Andenländer eingeht. Auch der konkrete Reiseteil ist sehr informativ. Rund um den Titicacasee hätte er allerdings etwas ausführlicher sein dürfen.

Als Ergänzung hatte ich aus der Reihe C.H. Beck Wissen Berthold Rieses kleine Monographie über Machu Picchu mit. Das kleine Büchlein ist sehr kenntnisreich verfasst und auch vor Ort hoch nützlich. Erfrischend ist die an Fakten orientierte Darstellungsweise und das Aufräumen mit zahlreichen Legenden. Auch wenn keine Reise nach Peru ansteht, für alle an Archäologie Interessierten sehr empfehlenswert.

Für Buenos Aires gab ich mich dem Lonely Planet City Guide zufrieden. Er erfüllte seinen Zweck gut. Ich sah mir fast alle „Top Picks“ an, die nachvollziehbar ausgewählt waren. Wie bei der Reihe nicht anders zu erwarten, liegt der Schwerpunkt natürlich auf Praktischem, weshalb die Wissensvermittlung sehr kompakt ist.

Für die wenigen Tage in Iguazu und Rio de Janeiro gönnte ich mir nur noch den ADAC Reiseführer Brasilien, die für eine Billigreihe immer sehr solide Reiseinformationen bieten.

Rolf Seeler: Peru und Bolivien. Indianerkulturen, Inka-Ruinen und barocke Kolonialpracht der Andenstaaten (DuMont Kunstreiseführer)

Berthold Riese: Machu Picchu. Die geheimnisvolle Stadt der Inka (C.H. Beck Wissen)

Sandra Bao; Bridget Gleeson: Buenos Aires. (Lonely Planet City Guide)

ADAC Reiseführer: Brasilien. (ADAC)

Das letzte Jahrzehnt archäologisch

Zwar sollte man die vielen Top-Zusammenstellungen zum Dekadenwechsel nicht übermäßig ernst nehmen. Doch sind ab und an interessante Zusammenstellungen dabei, etwa wenn K. Kris Hirst ihre Top Ten Archaeology News Stories of the Decade präsentiert.

Archäologische Entdeckungen 2009

Das Archaeological Institute of America hat wie jedes Jahr die Top 10 Discoveries of 2009 zusammengestellt. Plausible Auswahl.

Die Villa des Kaiser Vespasian

Scheint so als hätte Archäologen Vespasians Villa gefunden.

Sechs Theorien zum Pyramidenbau

Eine kurze, übersichtliche Zusammenfassung der Theorien findet man bei Talking Pyramids.

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"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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