Stefan Zweig: Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam

Stefan Zweig gehörte noch nie zu meinen Lieblingsklassikern. Manche seiner Bücher wie Maria Stuart kann ich wegen der stilistisch grauenvoll schnörkelhaften Sprache gar nicht lesen. Brillant dagegen ist seine Autobiographie Die Welt von gestern. Angeregt durch den Film Vor der Morgenröte, der Zweigs Exilzeit gelungen thematisiert, greife ich zu seinem 1934 erschienenen Buch Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam.

Auf den ersten Blick schließt es an seine erfolgreichen Werke über diverse Geistesgrößen und die Sternstunden der Menschheit an. Die Metabene des Textes ist aber noch spannender als der eigentliche Inhalt. Sie kreist primär um die Frage: Wie soll sich ein Intellektueller in einer historischen Krisensituation moralisch verhalten? Was für Erasmus von Rotterdam die Reformation war, war für Zweig der Nationalsozialismus. Wie Erasmus tat sich Zweig lange schwer, konkret Stellung zu beziehen. Alles, was Zweig in dieser Sache über Erasmus schreibt, liest sich wie eine ausführliche Selbstrechtfertigung:

Die Vernunft, sie, die ewige und still geduldige, kann warten und beharren. Manchmal, wenn die anderen trunken toben, muß sie schweigen und verstummen.
[S. 23]

Der Geistige darf nicht Partei nehmen, sein Reich ist die Gerechtigkeit, die allenthalben über jedem Zwiespalt steht.
[S. 111]

Manche Passagen des Buches lesen sich dagegen heute so aktuell wie seit den Dreißigern nicht mehr:

Bei den durchschnittlichen Naturen fordert auch der Haß sein düsteres Recht neben der bloßen Liebesgewalt, und der Eigennutz des einzelnen will von jeder Idee auch rasche persönliche Nutznießung. Immer wird der Masse das Konkrete, das Greifbare eingängiger sein als das Abstrakte, immer darum im Politischen die Parole am leichtesten Anhang finden, die statt eines Ideals eine Gegnerschaft proklamiert, einen bequem faßbaren, handlichen Gegensatz, der gegen eine andere Klasse, eine andere Rasse, eine andere Religion sich wendet, denn am leichtesten kann der Fanatismus seine frevlerische Flamme am Hass entzünden.
[S. 15]

Erst der Fanatismus, dieser Bastard aus Geist und Gewalt, der die Diktatur eines, und zwar seines Gedankens, als der einzig erlaubten Glaubens- und Lebensform dem ganzen Universum aufzwingen will, zerspaltet die menschliche Gemeinschaft in Feinde oder Freunde, Anhänger oder Gegner, Helden oder Verbrecher, Gläubige oder Ketzer; weil er nur sein System anerkennt und nur seine Wahrheit wahrhaben will, muß er zur Gewalt greifen, um jede andere innerhalb der gottgewollten Vielfalt der Erscheinungen zu unterdrücken. Alle gewaltsamen Einschränkungen der Geistesfreiheit, der Meinungsfreiheit, Inquisition und Zensur, Scheiterhaufen und Schafott hat nicht die blinde Gewalt in die Welt gesetzt, sondern der starrblickende Fanatismus, dieser Genius der Einseitigkeit und Erbfeind der Universalität, dieser Gefangene einer einzigen Idee, der in sen Gefängnis immer die ganze Welt zu zerren und zu sperren versucht.
[S. 90]

Tatsächlich ist des Erasmus Versuch, in einer vom Fanatismus geprägten Zeit, eine objektive Sicht beizubehalten, bis heute eine vorbildliche intellektuelle Haltung. Zweig porträtiert Erasmus sehr anschaulich und spitzt in seiner typischen Art den Konflikt zwischen Erasmus und Luther so zu, dass ein spannendes Narrativ entsteht. Was Erasmus philosophische Positionen angeht, bleibt er freilich populär an der Oberfläche.

Stefan Zweig: Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam (Fischer-TB)

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"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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