Aischylos: Die Orestie

Gleich zwei Anlässe habe ich, die Orestie wieder einmal zu lesen. Zum einen die bei Reclam in einem schönen bibliophilen Band erschienene Neuübersetzung durch Kurt Steinmann. Zum anderen die neue Inszenierung der Trilogie im Burgtheater.

Aischylos ist aus vielen Gründen einer der wichtigsten antiken Klassiker. Nicht nur begründet er mit der Tragödie eine der bis heute einflussreichsten Kunstformen. Auch ästhetisch setzt er mit seinen strukturellen und sprachlichen Elementen ein wichtiges Fundament für die Weltliteratur. So führt er als erster einen zweiten Schauspieler ein und erfindet damit den Dialog. Gleichzeitig sind seine Dramen Dokumente aus einer der spannendsten Epochen der europäischen Geschichte, weil Aischylos sie kurz nach der Einführung der Demokratie in Athen schreibt. In einer Phase also, in der diese revolutionäre Regierungsform noch von vielen Seiten unter Druck steht, nicht zuletzt durch die angreifenden Perser. Aischylos nimmt vermutlich selbst an der Schlacht von Marathon teil. Seine berühmten Perser zeigen die Niederlage aus deren Sicht, was für diese Zeit ein beachtliches Maß an ästhetischer Empathie und dramaturgischer Raffinesse bedeutet.

Ganze sieben der schätzungsweise neunzig Stücke des Autors sind überliefert. Die Orestie ist die einzige komplett erhaltene Trilogie und erzählt einen wichtigen Teil der berühmt-berüchtigten Geschichte der Atriden. Wegen einer Schandtat des Tantalos verflucht, geschehen in jeder Generation grausame Verbrechen. So opfert Agamemnon wegen günstiger Winde nach Troia seine Tochter Iphigenie. Der erste Teil der Orestie trägt den Titel Agamemnon und handelt von dessen Rückkehr und Ermordung durch seine Frau Klytaimestra. Teils aus Rache für den Tod ihrer Tochter, teils aus Geilheit für ihren Geliebten Aigisthos. Wegen des klugen Aufbaus des Stücks, der effektiven Bildsprache und Chorszenen sowie des komplexen Charakters der rachesüchtigen Klytaimestra, zählt diese Tragödie zu einem Höhepunkt dieser antiken Gattung überhaupt.

Das Rachemotiv steht auch im Mittelpunkt Choephoren. Der Titel bezieht sich auf den gleichnamigen Chor des Stücks, einer Gruppe Frauen, die ein Opfer an Agamemnons Grab darbringen, und dabei schließlich gemeinsam mit seiner Schwester Elektra auf Orest treffen. Im Mittelpunkt steht wieder eine Gewalttat: Orest ermordet aus Rache seine Mutter Klytaimestra. Gejagt von den Rachegeistern der Eumeniden finden wir im gleichnamigen Abschluss der Trilogie Orest beim Schrein des Apollo in Delphi wieder. Auf Befehl des Orakels muss sich Orest einem Bürgergericht in Athen stellen. Die Erinnyen sind effektive Ankläger, Apollo sein göttlicher Verteidiger. Als die Stimmen der Bürger ein Unentschieden ergeben, greift Athena persönlich ein und stimmt für den Freispruch Orests. Damit verarbeitet Aischylos theatralisch einen wichtigen zivilisatorischen Schritt der Menschheitsgeschichte, nämlich die Ablösung der Blutrache durch ein rechtsstaatliches Gerichtsverfahren. Aischylos wird damit wie Herodot ein wichtiger geistesgeschichtlicher Kronzeuge vom Übergang des mythologischen in ein rationaleres Zeitalter.

Dank der sorgfältigen Übersetzung Kurt Steinmanns kann man die ästhetische Brillanz der Orestie sehr gut auf der sprachlichen und semantischen Ebene nachvollziehen, ziehen sich Teile der Motivik und Metaphorik doch durch die gesamte Trilogie. Diese Mittel des ästhetischen Zusammenhalts prägen Bühnenwerke seit den Jahrtausenden bis heute. Die Ausgabe ist durch den Kommentar zur Übersetzung, den Anmerkungen zum Text sowie die sorgfältige Ausstattung (Lesebändchen!) eine vorbildliche Klassikerausgabe. Es wäre zu wünschen, wenn Reclam viele gebundene Ausgaben in dieser Qualität brächte.

Aischylos: Die Orestie. Neuübersetzung von Kurt Steinmann (Reclam)

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"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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