Rolf Bergmeier: Christlich-abendländische Kultur. Eine Legende

Viel wird wieder geredet vom christlichen Abendland. Europa sei nun mal christlich geprägt. Das ist auf einer Ebene natürlich völlig korrekt, auf einer anderen Ebene aber völlig falsch. Korrekt ist es beispielsweise, was die Architektur und Teile der Kunstgeschichte betrifft. Falsch hingegen ist es, wenn man damit die geistes- und kulturgeschichtliche Entwicklung Europas meint. So ist auch niemand der Christlichen-Abendland-Fasler in der Lage auf Nachfrage zu präzisieren, was er eigentlich meine.

Wohlwollend könnte man noch vertreten, dass das Christentum & die Kirche als Gegner all jener europäischen Werte wichtig war, welche heute Europa im Kern ausmachen: Demokratie, Gleichberechtigung, Meinungs- und Wissenschaftsfreiheit, Selbstbestimmungsrecht des Individuums und viele andere mehr. Sie alle wurden gegen den heftigen Widerstand der Kirche durchgesetzt. Die Inquisition, die bisher erfolgreichste Terrororganisation der Weltgeschichte, wurde gegründet, um diese von uns heute so geschätzten Fortschritte zu verhindern. Wo immer die Kirche in der Gegenwart noch die Möglichkeit hat, wird dieser Feldzug gegen die Freiheit mit aller Kraft fortgesetzt. Polen ist nicht das einzige Beispiel.

Weitet man die analytische Linse auf die kulturgeschichtliche Entwicklung, sieht man schnell, das die betreffenden Politiker schlicht nicht wissen, auf welchen Fundamenten ihre Kultur beruht. Hier kommt nun Rolf Bergmeiers Buch ins Spiel, der ausführlich und wissenschaftlich fundiert belegt, wie wichtig die arabische Kultur für die Entwicklung von Europas Kultur und Wissenschaft war. Die geistigen und urbanen Zentren im Mittelalter waren nämlich alle in arabischer Hand. Von Bagdad bis Cordoba blühte in diesen Jahrhunderten das Geistesleben. Die antike Überlieferung verdanken wir ebenso arabischen Gelehrten wie die Grundlagen der Naturwissenschaften, die wie im Fall der Medizin dann in Europa über Jahrhunderte benutzt, aber nicht weiterentwickelt wurde.

Christlich-abendländische Kultur spannt ein weites historisches Spektrum auf, beginnend mit dem oft verklärten Frühchristentum:

Jedenfalls gärt und rumort es im 4. Jahrhundert innerhalb der christlichen Gemeinden. Mit einer Mischung aus Hochnäsigkeit und Feindschaft blicken rund achtzig christliche Gruppen und Grüppchen aufeinander herab, und die Quellen jener Jahre sind voll von gehässigen Beiträgen und Verwünschungen der Bischöfe untereinander.
[S. 25]

Bergmeier argumentiert das ausführlich anhand vieler Quellen und Fakten. Besonders lesenswert sind seine Gegenüberstellungen zwischen dem christlichen und abendländischen Mittelalter:

Man muss sich die Dimensionen vor Augen führen, um ein Gespür für das Bildungsgefälle zu bekommen: Wenige hundert Handschriften pro Bibliothek in den Klöster- und Kirchenbibliotheken im lateinischen Mitteleuropa gegenüber Hunderttausenden in Kairo, Toledo, Cordoba oder im antiken Rom.
[S. 70]

Er erlaubt sich immer wieder gut formulierte Polemiken und Seitenhiebe, was dem Buch aber deshalb nicht schadet, weil der Kern der Ausführungen exzellent in vielen Fußnoten wird.

Rolf Bergmeier: Christlich-abendländische Kultur. Eine Legende (Alibri)

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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