Ein deutsches Leben

Filmcasino 7.4. 17

A/D 2016
Regie: Christian Krönes, Olaf S. Müller, Roland Schrotthofer, Florian Weigensamer

Es gelang den Beteiligten, die 103 Jahre alte Brunhilde Pomsel vor die Kamera zu bekommen, der sie einen Teil ihrer Lebensgeschichte erzählt. Diese ist deshalb als paradigmatische Biographie interessant, weil sie für Joseph Goebbels im Propagandaministerium als Sekretärin tätig war. Die Greisin macht einen wachen, intelligenten Eindruck. Sie hat viel über ihr Leben nachgedacht. Zu Beginn schildert sie ihre patriarchalische Kindheit und ihre Jugend, in der sie sich selbst als dumme und oberflächliche junge Frau präsentiert, mit keinerlei Interesse an der Politik. Das klingt immer wieder durchaus authentisch. Als Zuseher stellt man sich ständig die Frage, ob Pomsel selbst an das glaubt, was sie ihren Zuhörern erzählt. Ich bejahe die Frage oft, weil sie viele Jahrzehnte bewusst und unbewusst an ihrer Rechtfertigungsstrategie gearbeitet haben muss. Wie sonst mit dieser Schuld überleben? Ihre Behauptungen, sie hätte nicht gewusst, was in den KZ passiert, ist dagegen weniger glaubwürdig. Insgesamt entsteht ein faszinierendes Porträt, dass viele Topoi der Vergangenheitsbewältigung und der NS-Forschung mit Schlaglichtern beleuchtet. Die Banalität des Bösen etwa ist eindrucksvoll dokumentiert.

Ästhetisch ist der Film sehr sorgfältig konzipiert. Er ist komplett in Schwarz-Weiß gedreht. Wenn Pomsel spricht, gibt es ein Close-Up. Manchmal so nahe, dass man nur Teile ihres Gesichts sieht. Unterbrochen wird ihre Erzählung durch eingeblendete Zitate und vielen Ausschnitten aus zeitgenössischen Filmquellen. Es gibt sowohl Nazipropaganda zu sehen als auch amerikanisches Dokumentarmaterial. Unangenehm aktuell wirken Auszüge aus jenen US-Streifen, welche die Stigmatisierung von Minderheiten und die Spaltung der Gesellschaft durch den Nationalsozialismus erläutern, weil das direkt an unsere Gegenwart erinnert. Gegen Ende sind darunter auch wenige sehr brutale Filmausschnitte, etwa Bilder von der Befreiung des österreichischen KZ Ebensee oder aus den Aufklärungsfilmen für die deutsche Bevölkerung.

Ein Dokumentarfilm-Meisterwerk.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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