Orwell: 1984

Seit vielen Jahren will ich 1984 zum zweiten Mal lesen, was mir jetzt zum denkbar unoriginellsten Zeitpunkt auch gelingt. Die Bestseller-Listen und Neuauflagen zeigen, dass viele Menschen im Zeitalter der Populisten wieder zu dystopischen Klassikern greifen, um die aktuellen Zeitläufte zu reflektieren. Als Schüler beeindruckte mich der Roman durchaus. Jetzt ist meine Erwartungshaltung gedämpft: Ich erwarte solide, politisch brave Propagandaliteratur im besten Sinn des Wortes.

Deshalb bin ich verblüfft, wie schnell mich 1984 literarisch wieder in seinen Bann zieht. Orwells intellektuelle Leistung liegt nicht primär darin, wie er die von ihm geschilderte Diktatur als System anlegt: Die Diktatur einer kleinen Partei-Oligarchie (2% der Bevölkerung) mit Hilfe eines unterdrückten Parteiapparates (13%) über die restlichen, ökonomisch, sozial und geistig vernachlässigten Untertanen, den Proles. Letztere werden mit anderen Mitteln kontrolliert als die dauerüberwachten Parteifunktionäre:

It was not desirable that the proles should have strong political feelings. All that was required of them was a primitive patriotism which could be appealed to whenever it was necessary to make them accept longer working-hours or shorter rations.

Strukturell ist das eine Fortschreibung des stalinistischen Systems, inklusive der Schauprozesse und des Spitzelsystems. Orwells Brillanz besteht im Weiterdenken dieser Mechanismen in Bezug auf den technologischen Fortschritt und im Offenlegen individual- und massenpsychologischer Mechanismen seiner Zukunftsdiktatur.

Am besten in unsere Zeit passen hier die geschilderten Hassrituale, an denen die Parteifunktionäre regelmäßig teilnehmen müssen. Vom täglichen „Two Minute Hate“ bis zur regelmäßigen „Hate Week“.

The horrible thing about the Two Minute Hate was not that one was obliged to act a part, but that it was impossible to avoid joining in. Within thirty seconds any pretence was always unnecessary. A hideous ecstasy of fear and vindictivness, a desire to kill, to torture, to smash faces in with a sledge-hammer, seemed to flow through the whole group of people like an eclectric current, turning one even against one’s will into a grimacing, screaming lunatic.

Trump, FPÖ, AfD und Co. bedienen sich ähnlicher psychologischen Mechanismen, um ihren Mob in einer denkbefreiten Zone zu halten. Ebenso brillant ist Orwells Konzeption von Newspeak, also dem Versuch die Realität durch konträre Bezeichnung umzudeuten, etwa wenn er das Kriegsministerium „Ministry of Peace“ nennt. Doublethink steht für die trainierte Fähigkeit, Widersprüche denken und akzeptieren zu können. Die alles überwachenden Telescreens schließlich assoziiert man bei der heutigen Lektüre mit den Smartphones, die wir alle freiwillig in unseren Taschen tragen.

Die literarische Wucht gewinnt 1984 durch die strukturelle Entgegensetzung eines kritischen, selbstbewussten Individuums mit dem jegliche Individualität und Privatheit unterdrückenden Totalitarismus. Orwell bleibt von der Erzählperspektive immer nah an Winston Smith, was eine starke Identifikation mit ihm fördert. Wir sehen den Unterdrückungsapparat mit den zahlreichen Ungerechtigkeiten und Absurditäten durch seine Augen, was als Reaktion eine instinktive Empörung auslöst. In dieser Empörung liegt die starke politische Wirkung des Klassikers. Wir begleiten Winston auf seinen Weg in den Widerstand, schöpfen mit ihm Hoffnung und gehen am Ende mit ihm unter. Nicht nur hier beherrscht Orwell seine narrative Kunst meisterhaft, das gilt ebenso für seinen Umgang mit der erzählten Zeit oder der gekonnten Irreführung des Lesers, nicht ohne uns etwa im Fall O’Briens einige Anhaltspunkte für Skepsis zu geben. Besonders wirkungsvoll sind ebenfalls die Folter- und Gehirnwäscheszenen nach Winstons Verhaftung. Eine Wirkung, welche durch die skizzierte vom Autor „erzwungene“ Identifikation mit seinem Helden noch stark verstärkt wird.

1984 ist steht in der besten Tradition der europäischen Aufklärung, sowohl was individuelle Freiheitsrechte angeht, als auch was die Wahrheit als unverzichtbares epistemologisches Korrektiv betrifft:

Being a minority, even a minority of one, did not make you mad. There was truth and there was untruth, and if you clung to the truth even against the whole world, you are not mad.

In dieser Hinsicht wäre der ursprünglich von Orwell ins Auge gefasste Titel des Romans durchaus sehr passend gewesen: The Last Man in Europe.

Orwells Totalitarismus ist von der brutalen Sorte. Jeglicher Widerstand wird im Keim erstickt, sollte überhaupt jemand nach der lebenslangen Gehirnwäsche noch dazu in der Lage sein. Solche Staaten gibt es bis heute, beispielsweise Nordkorea oder Turkmenistan. Sie wollen mit allen Mitteln die Wahrheit kontrollieren. In 1984 wird dazu regelmäßig die Geschichte umgeschrieben, alte Zeitungsartikel und Bücher korrigiert etc. Als Leser stellt man sich jedoch die Frage, ob uns heute nicht eine andere Art des Totalitarismus droht. Eine Trump-Diktatur würde sich nicht die Mühe machen, ihre Lügen durch gefälschte Quellen mühsam zu belegen: Die Lüge an sich ist hinreichend und findet sofort jede Menge Gläubige, obwohl zahlreiche Mittel, diese Lügen einfach zu widerlegen, heute noch jedermann zur Verfügung stehen. Massenmörder und Mega-Dieb Putin hat im Westen jede Menge Anhänger, obwohl seine Verbrechen leicht zu recherchieren und gut dokumentiert sind. Deshalb wäre für den Westen ein Untergang der Demokratie leider durchaus möglich, ohne auf die brutalen Methoden in Orwells Dystopie zurückgreifen zu müssen.

George Orwell: 1984 (Houghton Mifflin Harcourt) (2.)

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(5. Januar 2013)

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