Truman Capote: In Cold Blood

Es kommt selten vor, dass mich ein Film zur Lektüre eines Klassikers motiviert. Aber nachdem ich Capote (2005) sah, das gelungene Regiedebut des Bennett Miller, wollte ich sofort das Buch lesen, dessen Entstehungsgeschichte der Film beeindruckend ins Bild setzt. 1965 wurde der Titel publiziert nachdem, er im New Yorker vorabgedruckt wurde, und war schnell ein Riesenerfolg. Es wird oft als Roman bezeichnet, obwohl ihm diese Bezeichnung fehlt. Der Untertitel lautet A True Account of a Multiple Murder and its Consequences. Es handelt sich also um Dokumentarliteratur, denn Capote setzt zahlreiche literarische Stilmittel ein. Er selbst sprach von einer „nonfiction novel“. Vieles wird so detailreich geschildert, dass es trotz der vielen Quellen, auf die der Autor Zugriff hatte, nur fiktional sein kann. Diese Ambiguität der Gattung trägt einen großen Teil zum ästhetischen Reiz des Buches bei. Auch sonst lebt es von seiner Vielschichtigkeit, wie das bei allen Klassikern der Fall ist. An der Oberfläche liest sich In Cold Blood sich wie eine brutale Mördergeschichte, in der selbst Splatterelemente nicht fehlen.

1959 wird im idyllischen Westkansas eine angesehene Farmerfamilie, die Clutters, von zwei Einbrechern ermordet. Das fehlende Motiv verblüfft die Bewohner des verunsicherten Städtchens Holcomb nicht weniger als die Polizei. Schließlich werden zwei Verdächtige verhaftet: Perry Smith und Richard Hickock. Das Buch erzählt auf dieser Ebene also die Begehung des Verbrechens und dessen Aufklärung. Damit hätten wir einen passablen Kriminalroman vor uns – nicht mehr. Capote transzendiert diese Handlung aber, indem er Holcomb und die Protagonisten benutzt, um ein fulminantes Porträt des ruralen Amerika zu schaffen. Das Ergebnis ist ein Psychogramm und ein Soziogramm des Nachkriegsamerikas und ergänzt damit beispielsweise Updikes Rabbit-Romane über diese Zeit hervorragend. Er erreicht das nicht nur durch seine gewissenhaft recherchierten und detailreichen Beschreibungen, sondern vor allem auch durch die narrative Konzentration auf die beiden Mörder. Capote gibt den beiden Männern viel Raum. Ihre Erlebnisse vor, während und nach dem Verbrechen werden ausführlich geschildert. Ebenfalls ihre überwiegend schreckliche Kindheit und Jugend. Capote bemüht sich hier merklich um Objektivität, was eine gewisse Identifikation des Lesers mit den beiden zulässt. Damit erhält das Leseerlebnis zusätzlich eine paradoxe Note.

Schließlich lässt sich In Cold Blood noch aus philosophischer Perspektive lesen, weil sich jede Menge an grundsätzlichen Fragen über Schuld und Sühne sowie das Wesen des Bösen aufdrängen. Insgesamt also eine sehr beeindruckende Lektüre, die jedem Klassikerfreund nur empfohlen werden kann.

Truman Capote: In Cold Blood (Penguin Modern Classics)

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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