Flaubert: Briefwechsel mit Louise Colet

Literaturferne Menschen stellen sich ja gerne vor, dass Schriftsteller ihre Bücher vom Genius geküsst, in einer Art Rausch herunter schreiben. In Einzelfällen trifft das auch zu, speziell bei Kurzgattungen wie der Lyrik. In der Regel entsteht Weltliteratur aber durch hartes und regelmäßiges Arbeiten. Die Literaturgeschichte belegt das an unzähligen Beispielen. Es gibt zwei Arten von Quellen, welche dieses Ringen mit dem Wort belegen: Die unterschiedlichen Stufen von Manuskripten und deren oft zahlreiche Korrekturen auf der einen Seite. Auf der anderen Seite zeigen diesen Sachverhalt biographische Informationen auf. Sei es das streng geregelte Schreibleben eines Thomas Mann oder die vielen durch geschriebenen Nächte eines Franz Kafka.

In die letzte Kategorie fällt auch Flauberts Briefwechsel mit seiner langjährigen Freundin Louise Colet. Zwischen 1845 und 1854 schrieben sich die beiden eine Vielzahl von Briefen. In der von mir gelesenen Ausgabe ist überwiegend die Korrespondenz Flauberts abgedruckt, ergänzt durch wenige Briefe Colets und einige ihrer Tagebucheinträge. Sobald Flaubert mit seiner Madame Bovery anfängt, wird sein Ringen mit dem Text ausführlich beschrieben. Sein literarisches Qualitätsbewusstsein nimmt masochistische Züge an, wenn er wochenlang um kurze Passagen ringt oder mehrere Tage um die Formulierung von ein paar Sätzen. Selten wurde der Kampf um literarischen Ausdruck anschaulicher beschrieben:

Mir dreht sich der Kopf, vor Ärger, Entmutigung, Erschöpfung! Ich habe vier Stunden verbracht, ohne einen Satz zustande zu bringen. Ich habe heute nicht eine Zeile geschrieben oder habe vielmehr an die hundert ausprobiert! Welch grausame Arbeit! Was für ein Verdruß! Oh! die Kunst! Was ist das nur für eine wütende Chimäre, die uns das Herz zerfrißt, und warum? Es ist verrückt, sich so zu plagen! Ah! die Bovary, daran werde ich noch denken.
– 12. September 1853

Fest steht, daß ich manchmal versucht bin, alles hinzuschmeißen, und zwar die „Bovary“ zuallererst. Was für eine verdammt verfluchte Idee von mir, ein solches Sujet zu nehmen! Ah! Ich werde sie kennengelernt haben, die Qualen der Kunst.
– 17. Oktober 1853

Ich dagegen bin wie die alten Äquadukte. Am Rand meines Denkens liegt so viel Schutt, daß es langsam dahinfließt und nur Tropfen für Tropfen von meiner Federspitze fällt.
– 29. November 1853

Was den Abschluß der Bovary angeht, so habe ich mir schon so viele Termine gesetzt und mich so oft getäuscht, daß ich nicht nur davon zu sprechen, sondern auch daran zu denken. – Daß Gott erbarm! Ich begreife nichts mehr! Das wird fertig werden, wann es will, und müßte ich auch darüber sterben vor Kummer und Ungeduld, was mir vielleicht passieren könnte, ohne die Besessenheit, die mich aufrechthält.
– 13. Januar 1854

Wer sich also für die – ein Marxist würde sagen – Produktionsbedingungen von Weltliteratur im 19. Jahrhundert interessiert, wird nur wenige bessere Beispiele finden.

Der Briefwechsel ist aber auch noch in einer anderen Hinsicht aufschlussreich: Es belegt einmal mehr, dass große Künstler oft kleine Menschen sind. Wie selbstbezogen Gustave mit seiner Louise umspringt, ist vor allem im ersten Viertel der Korrespondenz oft schwer erträglich. Wie sehr sie darunter leidet, wird implizit durch die Briefe Flauberts klar, in denen er sie zu beruhigen versucht. Zu seiner Verteidigung muss man allerdings anführen, dass er Louise von Anfang an immer vor sich selbst und seinen Prioritäten (Literatur!) warnt. Trotzdem gibt er an diesen Stellen charakterlich oft ein jämmerliches Bild ab. Das geht auch über die Beziehung zu Colbert hinaus. Es finden sich manch fragwürdige Passagen, die das rassistische nicht nur streifen. Man kann das einerseits mit Zeitgenossenschaft schön reden. Andererseits war Flaubert für seine Zeit aber ein wirklich unabhängiger Kopf und bei vielen dieser Punkte war der von ihm oft gepriesene Montaigne geistig bereits weiter. Man denke nur an dessen Essay über den Kannibalismus. Viele Leser neigen dazu, ihre Schriftsteller zu vergöttern. Dieser Briefwechsel ist dazu ein gelungenes Gegengift.

Insgesamt gesehen überwiegen freilich die zahlreichen treffenden Beobachtungen und Gedanken. Viele Briefe könnte man in kleine Zitatsammlungen zerlegen. Viele Sätze sind glänzend formuliert.

Gustave Flaubert: Die Briefe an Louise Colet (Haffmans)

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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