Eine Reise durch Vietnam und Kambodscha

Januar 2015

Ich versuche die Welt seit vielen Jahren einigermaßen systematisch zu bereisen: Der Fokus liegt auf den wichtigsten alten Kulturen. Eine bei Touristen sehr populäre Region fehlte mir bisher noch: Südostasien. In Hinblick auf mein Schwerpunktthema war bei der Planung klar: Eine ausführliche Besichtigung von Angkor muss der Höhepunkt dieser Studienreise sein.

Wie üblich bereite ich mich durch die Lektüre einiger sorgfältig ausgewählter Bücher vor, ergänzt durch viele Spielfilme und Dokumentationen. So düster wie dieses Mal waren diese Präliminarien allerdings selten. Speziell die Geschichte Kambodschas besteht aus einer Reihe von Katastrophen, deren letzte der von Pol Pot initiierte Massenmord war, dem beispielsweise das Buch von Erich Follath gewidmet ist. Aber auch die einschlägigen Filme wie The Killing Fields (1984) sind keine leichte Kost. Für Vietnam gilt dasselbe für den Krieg gegen die Amerikaner. Auf die Briefsammlung Dear America etwa wies ich bereits hin. Die vielen deprimierenden amerikanischen Antikriegsfilme wie The Deer Hunter (1978) oder Born on the 4th of July (1989) sind ja hinreichend berühmt und fallen auch nicht gerade in die Kategorie „Stimmungsaufheller“.

Als ich schließlich im Flugzeug nach Hanoi sitze überwiegt die Nachdenklichkeit. Das ändert sich aber schnell durch den ersten Spaziergang in der vietnamesischen Hauptstadt. Der geordnete Trubel auf den Straßen ist nicht so chaotisch wie in China oder Indien, erfordert für uns Europäer aber volle Konzentration. Wegen der exorbitanten Wohnungspreise spielt sich das Alltagsleben vor allem in der Altstadt überwiegend auf der Straße ab. Auch viele Garküchen platzieren ihre Gäste gerne auf niedlichen Plastikhockern direkt auf den Gehsteig. Hanoi ist eine sehr abwechslungsreiche Stadt: Im Vergleich zur engen Altstadt präsentieren sich die ehemaligen Kolonialviertel großzügig und gediegen, mit ihren in Gelb gehalten Prunkbauten, in denen die französische Kolonialverwaltung residierte. Der dritte urbane Faktor ist schließlich Ho Chi Min und die von ihm kommunistische inspirierte Architektur. Nicht zu vergessen: Das monumentale Mausoleum. Privat lebte er vergleichsweise bescheiden, wovon ich mich dank seines Wohnhauses selbst überzeugen kann. Sehr hübsch ist selbstverständlich auch der Konfuzius gewidmete Literaturtempel, den König Ly Thanh Tong ursprünglich im 11. Jahrhundert errichten ließ, und der das chinesisch konfuzianische Bildungsideal verklärt. Freilich zu einer Zeit, in der Europa diesen Enthusiasmus auch gut hätte vertragen können. Was die Museen angeht, ist das Historische Museum mit zahlreichen Exponaten aus der Frühgeschichte sehenswert. Je näher man an die Gegenwart kommt, desto ideologischer wird das ausgestellte Geschichtsbild. Das Ethnologische Museum ist unverzichtbar für das Verständnis Vietnams, besteht das Land doch – vor allem im Norden – aus einer Vielzahl unterschiedlicher Ethnien. Ein Rundgang gibt einen guten Eindruck über deren unterschiedliche Kulturen und Bräuche. Beeindruckend auch der Freiluftteil mit Nachbauten von Wohnhäusern und Kultstätten. Eng eingerahmt werden sie von modernen Wohnbauten, so dass sich ein aussagekräftiger Kontrast zwischen Tradition und Moderne einstellt.

Nach der unvermeidlichen Bootsfahrt (Meeresfrüchtemenü!) bei seltenem Sonnenschein und perfekter Sicht der erste Inlandsflug nach Zentralvietnam und damit in die Nähe einiger der Hauptkriegsschauplätze des Vietnamkriegs. Im Fokus stehen bei einer Studienreise mit Kulturschwerpunkt aber andere Epochen: Die alte Handelsstadt Hoi An, deren Altstadt inzwischen so fest in den Händen der Touristen ist wie jene von Salzburg. Überraschenderweise lassen sich aber trotzdem noch Reste des ursprünglichen Charmes der am Fluss gelegenen Stadt erahnen.

Der erste archäologische Höhepunkt der Reise ist Cham-Tempelstadt My Son: Die ersten im Dschungel liegenden Tempel! Ein willkommener Vorgeschmack auf Angkor. Weiter geht es in die alte Kaiserstadt Hue, mit Zwischenstopp in einem hochkarätigen kleinen Museum, das den Cham gewidmet ist und damit diesen Kulturschwerpunkt abrundet.

Den einzigen Regentag der Reise erlebe ich in Hue, der alten Kaiserstadt, wo ich die beeindruckende labyrinthische Verbotene Stadt besichtige. Beeindruckend auch deshalb, weil dieser Prunk – wie so oft – in einem erschreckenden Gegensatz zum damaligen Lebensstandard der Untertanen stand. Das gilt ebenfalls für das meisterlich symmetrisch angelegte Kaisergrab von Minh Mang.

Weiterflug nach Saigon, dem wirtschaftlichen Zentrum des Landes. Im Vergleich mit dem Straßenleben dort kommt mir rückblickend Hanoi fast gemächlich vor: Die alte Trennung zwischen Norden und Süden macht sich in Vietnam bis heute ähnlich bemerkbar wie die zwischen Ost- und Westdeutschland. Nicht nur ist die Wirtschaftsleistung im Norden immer noch merklich schwächer, auch die Mentalitäten sind merklich anders. Mein Hotel im Zentrum, unmittelbar neben der Markthalle, erlaubt mir eine ausführliche Erkundung der turbulenten Innenstadt. Höhepunkt ist – neben den Pagoden – das Kriegsmuseum. Es zeigt die Gräuel des Vietnamkriegs aus unterschiedlichen thematischen Perspektiven, abgerundet durch martialische Originalkriegsgeräte im Hof. Wie ist das Verhältnis zu den Amerikanern heute? Ich sehe immer wieder junge Amerikaner als Touristen, die mit lachenden Vietnamesen unterwegs sind. Am aussagekräftigsten ist aber ein Cafe in unmittelbarer Nähe des Kriegsmuseums: Während dort die von Amerikanern begangenen Grausamkeiten an den Vietnamesen im Detail ausgestellt werden, spielt das Cafe – nur ein paar Meter davon entfernt – amerikanische Countrymusik.

Kambodscha! Der Flug nach Pnom Penhs beträgt nur vierzig Minuten, ist aus logistischen Gründen der Landroute allerdings vorzuziehen. Ich bemerke schnell, dass Kambodscha wirtschaftlich noch weit hinter Vietnam steht. Vietnam ist ein Schwellenland, in dem man als Tourist kaum mit direktem Elend konfrontiert wird. In Wien bemerke ich täglich mehr Bettler als dort während der gesamten Reise. Auch sonst sieht man ein turbulentes Land im Aufbruch. Kambodscha wirkt dagegen in vieler Hinsicht noch wie ein prototypisches Entwicklungsland. Speziell die lange Überlandfahrt von der Hauptstadt nach Siem Reap bestätigt diesen ersten Eindruck: Die Straßenverhältnisse erinnern mich immer wieder an Äthiopien.

Vorher steht aber die Besichtigung Pnom Penhs auf dem Programm. Der Königspalast und die Silberpagode induzieren bei mir ähnliche Gedanken wie in der vietnamesischen Kaiserstadt Hue. Grandios dagegen ist das Nationalmuseum. Dort befinden sich nämlich zahlreiche Höhepunkte der Khmer-Kunst, die aus Angkor in die Hauptstadt gebracht wurden, und einen hervorragenden Einstieg in deren Kultur geben. Die holprige Fahrt durch Zentralkambodscha gibt einen guten Einblick in die – euphemistisch formuliert – ursprünglichen Lebensverhältnisse der Landbevölkerung. Reisfelder werden mangels Technik meist noch mit Holzeimern bewässert, einer mühsamen Arbeit im tropischen Klima.

Nun steht der Höhepunkt der Reise bevor: Die Dschungeltempel von Angkor. Man darf sich das allerdings nicht wie bei Indiana Jones vorstellen: Siem Reap ist eine quirlige Touristenstadt und die berühmten Tempel sind bereits alle überlaufen.

Ich sehe mir in vier Tagen in Ruhe die wichtigsten Tempel an und merke schnell: Der legendäre Ruf der Tempelstadt ist berechtigt. Abgesehen von der gewaltigen Bauleistung dieser riesigen Anlagen im Dschungel ist das semantische Programm von einer beeindruckenden Qualität. Nicht nur sind die Tempel symbolisch dem mythologischen Bild des Kosmos nachgebildet, sondern auch das ikonographische Programm ist von einer seltenen Komplexität. Zusätzlich finden sich Darstellungen aus dem Alltagsleben. Insgesamt zählt Angkor zweifellos zu den größten Kulturleistungen der Menschheit. Der Kontrast mit dem Dschungel ist frappant und unterstreicht diesen Eindruck noch. Bei manchen Tempeln hat sich der Dschungel den halben Tempel wieder zurückerobert und dicke Wurzeln umschlingen das Mauerwerk. Die Qualität vieler Skulpturen ist atemberaubend. Wer sich davon selbst überzeugen will, kann das mit diesem fantastischen Bildband machen: Angkor. Eine Hommage an die Götter in Stein. Über den einzigen Quellentext über den Alltag der damaligen Khmerkultur schrieb ich bereits eine Notiz. Wer immer die Gelegenheit hat, sollte nach Angkor reisen und sich die Anlage selbst ansehen.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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