Turrini: Bei Einbruch der Dunkelheit

Burgtheater 15.11. 2014

Regie: Christian Stückl

Die Gräfin: Barbara Petritsch
Ihre Tochter: Dorothee Hartinger
Der Mann ihrer Tochter, Komponist: Markus Meyer
Der Anwalt der Familie, Dr. Meier-Waldhof: Falk Rockstroh

Die Haushälterin Elisabeth Ratschnig: Elisabeth Augustin
Ein Lyriker als Gast: Sven Dolinski
Ein Maler als Gast: Laurence Rupp
Ein Junge aus dem Dorf, Alois Mitteregger: Matthias Hecht / Sebastian Kranner

Christian Stückl inszeniert Turrinis autobiografische Abrechnung als wilde Groteske. Das nimmt dem Stück zwar viel von seiner Aggressivität, funktioniert aber überzeugend. Bereits die völlig überzogenen Kostüme nehmen der Aufführung jeglichen Realismus, was das Bühnenbild mit einem klischeehaften Baum und gelegentlich verfremdender Beleuchtung noch unterstreicht. Stückl schreckt selbst vor Flatulenz als running gag nicht zurück. In diesem Setting findet die Konversation statt, mit welchem das Drama vor allem arbeitet. Hier kommen dann auch die beißende Sozialkritik an Kärnten und die satirische Behandlung dieser aristokratischen Kärntner Künstlerversammlung ins Spiel, die den Mittelpunkt des Textes bildet, und die der junge Turrini beobachten konnte. Für seine Erfahrungen steht ein dicklicher Bauernbub, der brav seine Demütigungen seitens der Intellektuellen einsteckt. Die satirische Abrechnung versagt allerdings im Falle des jungen Lyrikers, der anscheinend den damals ebenso jungen Thomas Bernhard verkörpert. Der Kern von Bernhards Ästhetik war nicht jene verbittert-zynische Apokalypse, als welche sie hier gezeigt wird. Aber vielleicht ist diese Distanz von Turrini auch beabsichtigt.

Schauspielerisch ist der Abend grandios, speziell Barbara Petritsch brilliert als alte Gräfin. Die satirisch-musikalischen Kitscheinlagen verfehlen ihre Wirkung ebenfalls nicht. Der Radau der Groteske übertönt allerdings die dunkleren Töne des Textes zu sehr. Einige im Publikum ließen sich sogar zu Buhrufen provozieren. Sehenswert.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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