Mark Twain: A Connecticut Yankee in King Arthur’s Court

Die Lektüre dieses legendären Romans von Mark Twain lässt mich zweifelnd zurück. Er hat viele starke Seiten, ist aber im Vergleich etwa zu den subtilen narrativen Strategien eines Huckleberry Finn mit der Brechstange geschrieben. Der Kern der Handlung ist schnell erzählt: Ein Ingenieur des 19. Jahrhunderts, Hank Morgan, wird wundersam ins 6. Jahrhundert an den Hof und in die Welt des König Arthurs transferiert. Es gelingt ihm dort dank seines Zukunftswissens schnell eine zentrale Machtfigur zu werden und sich als mächtiger Zauberer zu etablieren, sehr zum Ärger Merlins. Morgan erwirbt sich einen passenden Ritternamen: The Boss.

Twains rhetorisch brillante Empörung über die politischen und wirtschaftlichen Zustände des frühen Mittelalters gehören zum Besten des Buches. Er fällt über Adel und Kirche her wie eine republikanische Furie und verteidigt deshalb auch die Französische Revolution:

There were two „Reigns of Terror“, if we would but remember it and consider it; the one wrought murder in hot passion, the other in cold blood; the one lasted mere months, the other had lasted a thousand years; the one inflicted death upon ten thousand persons, the other upon hundred millions; but our shudder are all for the „horrors“ of the minor Terror, the momentary Terror, so to speak; whereas, what is the horror of swift death by the axe, compared with lifelong death from hunger, cold, insult, cruelty, and heart-break? What is the swift death by lightning compared with the death by slow fire at the stake?

I will say this much for the nobility: that, tyrannical, murderous, rapacious, and morally rotten as they were, they were deeply and enthusiastically religious.

In diesem kämpferischen und aufklärerischen Geist ist der gesamte Roman geschrieben: Als Gegenbild eines republikanischen Amerikas. Nun ist Hank Morgan natürlich nicht mit Mark Twain identisch, und ich werde bei der Lektüre den Eindruck nicht los, dass Twain auch sein implizites Amerikabild satirisch überhöht, und damit eine zusätzliche, nicht offensichtliche kritische Ebene dazu kommt. Das Massaker mit Maschinengewehren an zehntausenden Rittern am Ende spricht ebenfalls für sich. Das ändert aber nichts daran, dass sich A Connecticut Yankee in King Arthur’s Court auch als Hymne auf das neue Amerika in Abgrenzung gegen das feudalistische Europa liest und entsprechend rezipiert wurde.

Zu dieser historisch-politischen Dimension kommt noch eine literaturgeschichtliche: Das Werk ist auch eine beißende Satire auf die romantisch-abenteuerlichen Ritterromane von Walter Scott und deren Nachfolger. Abfällige Äußerungen Mark Twains zu diesem Genre sind überliefert, derer es angesichts des beißenden Spotts in diesem „historischen“ Roman aber gar nicht bedürfte. Hochkomisch etwa, wenn Hank Morgan erstmals in seiner Ritterrüstung auf Reisen geht und die unerträgliche Unbequemlichkeit derselben ausführlich beschreibt. Dieses Konzept ist freilich nicht neu und hat mit dem Don Quijote einen der besten Romane der Weltliteratur hervor gebracht.

Mark Twains ästhetische Strategie besteht darin, den Realismus des 19. Jahrhunderts als Kontrastfolie zum Aberglauben des Frühmittelalters zu verwenden, und zwar sowohl sprachlich als auch inhaltlich. Andererseits konterkariert Twain diesen Realismus dadurch, dass er das England des sechsten Jahrhunderts in einigen Jahren bereits „amerikanisiert“ (Fabriken! Telefone!), was in diesem kurzen Zeitraum natürlich unmöglich gewesen wäre.

Als politisch-historische Polemik und als literaturgeschichtliche Satire kann ich den Roman gelten lassen. Für ein literarisches Meisterwerk fehlt ihm die narrative Raffinesse und die notwendige ästhetische Subtilität.

Mark Twain: A Connecticut Yankee in King Arthur’s Court (Kindle)

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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