Hebbel: Maria Magdalena

Burgtheater 24.2. 2014

Regie: Michael Thalheimer

Meister Anton, ein Tischler: Tilo Nest
Seine Frau: Regina Fritsch
Klara, seine Tochter: Sarah Viktoria Frick
Karl, sein Sohn: Tino Hillebrand
Leonhard: Lucas Gregorowicz
Ein Sekretär: Albrecht Abraham Schuch
Wolfram, ein Kaufmann: Johann Adam Oest
Adam, ein Gerichtsdiener: André Meyer

Hebbel? Lange ist es her! Im Studium hatte ich ihn natürlich gelesen, aber präsent war mir seine Sprache nicht mehr. Desto größer meine Überraschung über das kraftvolle Idiom, welches ich da auf der Bühne zu hören bekam. Spannend war auch, dass ein so traditionelles bürgerliches Trauerspiel wie Maria Magdalena unmittelbare Bezüge zur Gegenwart zulässt. Speziell der Schock des bieder-braven Tischlers Meister Anton über die rasante Veränderung der Welt und deren Werte, ist in Zeiten des Dauerwandels wieder hoch aktuell. Seine berühmten letzten Worte, „Ich verstehe die Welt nicht mehr“, steht heute ja vielen auf die Stirn geschrieben. Die Resultate dieses kognitiven Überfordertseins können wir an vielen Stellen beobachten, etwa dem europaweite Aufstieg der Populisten, die einfache Antworten auf komplexe Fragen anbieten.

Thalheimers Regiekunst überzeugte mich zuletzt bei Elektra sehr. Der artifizielle Minimalismus funktioniert auch bei Maria Magdalena ausgezeichnet. Die Figuren wirken zwar künstlich und leicht karikiert, das schadet ihrer Wirkung aber nicht – im Gegenteil. Diese Gratwanderung ist nur mit erstklassigen Schauspielerinnen möglich. Nicht nur Sarah Viktoria Frick ist an diesem Abend grandios. Thalheimer trifft genau jenen Punkt, der Hebbels Pathos relativiert ohne ihm den Biss zu nehmen. Die dunkle, reduzierte Bühne unterstreicht diese Ästhetik optimal. Assoziationen zu einem offenen Sarg stellen sich ein. Möge er noch viele Regieaufträge vom Burgtheater bekommen.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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