Shakespeare: König Lear

Burgtheater 28.12. 2013

Regie: Peter Stein
Bühne: Ferdinand Wögerbauer

Lear, König von Britannien: Klaus Maria Brandauer
König von Frankreich: Sven Philipp
Herzog von Burgund: Daniel Jesch
Herzog von Cornwall, Regans Gemahl: Martin Reinke
Herzog von Albany, Gonerils Gemahl: Dietmar König
Graf von Kent: Branko Samarovski
Graf von Gloster: Joachim Bißmeier
Edgar, Sohn von Gloster: Fabian Krüger
Edmund, unehelicher Sohn von Gloser: Michael Rotschopf
Oswald, Kammerherr von Goneril: Daniel Jesch
Edelmann: Franz J. Csencsits
Narr: Michael Maertens
Goneril: Corinna Kirchhoff
Regan: Dorothee Hartinger
Cordelia: Pauline Knof

In Peter Steins König Lear geht so viel schief, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll. Ich schicke voraus, dass ich keiner Regie-Religion anhänge: Sowohl traditionelle Aufführungen als auch intelligentes Regietheater finden meinen Beifall unter einer Voraussetzung: Es muss in sich stimmig sein. Bei Peter Stein stimmt nun aber gar nichts. Die leere, meist requisitenfreie Bühne deutet auf eine moderne Herangehensweise hin. Die Kostümierung des überwiegenden Teils der Figuren ist aber das genaue Gegenteil: So rennen die Soldaten in Rüstungen herum, die nur auf den ersten Blick authentisch wirken, es aber natürlich nicht sind. Ich kann damit leben, wenn man Figuren in historische Kostüme steckt, aber dieser Stadttheater-Fantasiehistorismus ist hochgradig lächerlich. Auf die Bühne getragene ausgestopfte Hirsche verschlimmern diese Lächerlichkeiten noch.

Das Konzept einer „klassischen“ Inszenierung wird ohnehin schnell fragwürdig, wenn man darüber nachdenkt. Versteht man darunter eine realistische Wiedergabe der historischen Verhältnisse, so erreicht das keine der von Wiener Hofratswitwen bevorzugten Inszenierungen. Historische Kostüme sind für Realismus nämlich nicht hinreichend. Wer wissen will, wie es im Mittelalter wirklich zuging, bekommt einen Eindruck in Monty Python and the Holy Grail oder in Mark Twains A Connecticut Yankee in King Arthur’s Court:

As we approached the town, signs of life began to appear. At intervals we passed a wretched cabin, with a thatched roof, and about it small fields and garden patches in an indifferent state of cultivation. There were people, too; brawny men, with long, coarse, uncombed hair that hung down over their faces and made them look like animals. They and the women, as a rule, wore a coarse tow-linen robe that came well below the knee, and a rude sort of sandal, and many wore an iron collar. The small boys and girls were always naked; but nobody seemed to know it. All of these people stared at me, talked about me, ran into the huts and fetched out their families to gape at me; but nobody ever noticed that other fellow, except to make him humble salutation and get no response for their pains.

In the town were some substantial windowless houses of stone scattered among a wilderness of thatched cabins; the streets were mere crooked alleys, and unpaved; troops of dogs and nude children played in the sun and made life and noise; hogs roamed and rooted contentedly about, and one of them lay in a reeking wallow in the middle of the main thoroughfare and suckled her family. Presently there was a distant blare of military music; it came nearer, still nearer, and soon a noble cavalcade wound into view, glorious with plumed helmets and flashing mail and flaunting banners and rich doublets and horse-cloths and gilded spearheads; and through the muck and swine, and naked brats, and joyous dogs, and shabby huts, it took its gallant way, and in its wake we followed.

Kurz: Es war schmutzig, dreckig und es stank. Ein paar Schauspieler in historische Kostüme zu stecken, hat nichts mit einer realistischen Inszenierungen zu tun. In Wahrheit ist das nicht weniger fiktiv als eine moderne.
Meint man mit einer „klassischen“ Inszenierung dagegen, wie es zu Zeiten des Autors aufgeführt worden ist, ist eine traditionelle Theateraufführung unserer Zeit so weit von Shakespeares Theaterpraxis entfernt wie eine moderne Hochleistungspumpanlage von einem römischen Äquadukt.

Peter Stein weiß nun offenbar nicht, was er will. Einige Elemente sind ultrarealistisch dargestellt wie beispielsweise Edgars Verwandlung in einen Bettler, der tatsächlich fast nackt und mit Schlamm beschmiert auf der Bühne herumtobt. Die Sturmszenen dagegen werden nur mit etwas Nebel und Lautsprecherdonner völlig unnaturalistisch auf leerer Bühne gegeben. Es treten Menschen mit überflüssigen Fackeln auf, weil sie unter künstlichem Theaterlicht stehen. Manchmal wird auch abgedunkelt, wenn Fackeln auf der Bühne sind. Das wäre ein Beispiel dafür, dass zusätzlich zum fehlerhaften Gesamtkonzept auch viele Details der Aufführung inkonsistent sind.

Diese Äußerlichkeiten ließen sich vielleicht noch verschmerzen, wenn die Inszenierung dem Stück Shakespeares intellektuell gerecht würde. Der König Lear ist deshalb eines der besten Stücke des Autors, weil es eines der dunkelsten ist: Ein misanthropes Meisterwerk, das mit guten Gründen alles in den Dreck zieht, was Autoritäten damals wertschätzten. Das fängt bei der metaphysischen Ebene an, wenn König Lear seine göttliche Rolle freiwillig hinwirft und damit Unordnung in den Kosmos bringt. Und hört beim Verletzen anthropologischer Grundsätze wie Elternliebe noch lange nicht auf. Shakespeares Korrelation von Alter mit Dummheit wäre ein weiteres Exempel.
Im Burgtheater sitzend werden diese wichtigen Dimensionen des Stücks nicht greifbar. Man sieht eine Art Kammerspiel über einen alten Mann, den seine bösen Töchter beleidigt haben, und der deshalb verrückt wird. Das Private überdeckt den weiteren Kontext und drängt damit die unverzichtbare universelle Ebene in den Hintergrund.

Ich gehöre nicht zu jenen Kritikern, die mit Klaus Maria Brandauer ein prinzipielles Problem haben. Seinen Nathan etwa fand ich 2004 sehr gelungen. Sein König Lear konnte mich gestern aber nicht überzeugen. Den wenigen starken Szenen – sein Zusammentreffen mit Graf Gloster! – stehen viele schwache gegenüber. Zuvörderst die Sturmszenen, wo ich Brandauer weder die Verzweiflung noch den Wahnsinn abnehmen konnte. Gert Voss war in dieser Rolle deutlich überzeugender.
Peter Stein steckt Michael Maertens in ein klassisches Narrenkostüm und Maertens holt das Beste aus der Rolle heraus. Eine „unklassische“ Besetzung übrigens, handelt es sich bei Shakespeares Narren doch um einen jungen Menschen, was den Kontrast zwischen intelligentem jungen Narren und dummen alten König dramatisch verstärkte und mit Maertens wegen seines Alters natürlich nicht funktioniert.
Ganz furchtbar sind die beiden bösen Töchter. Peter Stein lässt sie als kreischende Schreckschraubenkarikaturen spielen, was ihrer existenziellen Bosheit jeglichen Stachel zieht und deshalb einer der vielen Tiefpunkte der Inszenierung ist.

Wer Shakespeare am Burgtheater sehen will, dem sei Andrea Breths Hamlet empfohlen.

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"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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