Shakespeare: Hamlet

Burgtheater 13.10. 2013

Regie: Andrea Breth

Hamlet, Prinz von Dänemark: August Diehl
Geist von Hamlets Vater, vormaliger König Hamlet von Dänemark: Hans-Michael Rehberg
Claudius, König von Dänemark, Bruder des vormaligen Königs von Dänemark: Roland Koch
Gertrud, Königin von Dänemark, Hamlets Mutter und seines Vaters Witwe: Andrea Clausen
Polonius, König Claudius‘ Oberkämmerer: Udo Samel
Laertes, Polonius‘ Sohn: Albrecht Schuch
Ophelia, Polonius‘ Tochter: Wiebke Mollenhauer; Elisabeth Orth
Reinhold, Diener des Polonius: Sven Dolinski
Horatio, Hamlets Freund: Markus Meyer
Rosenkranz, Hamlets ehemaliger Schulfreund: Daniel Sträßer
Güldenstern, Hamlets ehemaliger Schulfreund: Moritz Schulze

Bis Mitternacht war ich noch nie im Burgtheater: Sechs Stunden dauert die neue Hamlet-Inszenierung der Andrea Breth. Viel zu lang! Langweilig! las man in vielen Kritiken nach der Premiere. Unfug!

Breth bringt Shakespeare den richtigen Respekt entgegen und lässt das Stück für sich sprechen. Kleinode wie Hamlets Bemerkungen über Theater und Schauspielkunst werden ebenso wenig gekürzt wie die Opheliaszenen. Selbstverständlich ist das ein Verstoß gegen den Zeitgeist, wo jede Minute zählt und alles „spannend“ und „unterhaltsam“ sein muss. Breth hat genau verstanden, dass Kulturschaffen und Zeitgeist nicht kompatibel ist. Sie inszeniert ohne Rücksicht darauf, wann die letzte Straßenbahn fährt. Was viele Kritiker als ihr Versagen bewerten, sehe ich als ihren großen Verdienst.

Ansonsten bleibt Breth ihrem Regiestil treu: Nahe am Text mit Fokus auf die Schauspieler in einem zeitgenössischen Rahmen. Die Drehbühne zeigt eine moderne Palasteinrichtung mit einem Hang zur Spießbürgerlichkeit. So erinnert mich die dunkle Holztäfelung an die Büros der Stasi-Zentrale in Berlin. Ihr gelingen auch immer wieder überzeugende Theaterbilder.

August Diehl gibt einen grandiosen Hamlet, der immer auf der Grenze zwischen kaum noch zu beherrschenden Emotionen und intellektueller Verzweiflung wandelt. Das Ensemble ist in Hochform, selbst in den Nebenrollen. Roland Koch und Andrea Clausen spielen Polonius und Gertrud ausgesprochen differenziert und überzeugend.

Bemerkenswert ist auch, dass keine moderne Übersetzung für die Aufführung gewählt wurde, sondern die gute alte Übertragung von August Wilhelm Schlegel und Ludwig Tieck. Sie ist zwar philologisch gesehen nicht sehr genau. Sie hatte aber einen enormen Einfluss auf die deutschsprachige Literatur. Gesprochen klingt sie wunderbar, das hatte ich bereits ganz vergessen.

Meine Empfehlung: Auf keinen Fall durch die negativen Kritiken abschrecken lassen und sich selbst ein Urteil bilden.

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"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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