Warschau und Umgebung

Polen ist ein mir fast unbekanntes Nachbarland. Höchste Zeit also dessen Hauptstadt zu erkunden. Um auch etwas vom Land zu sehen, entschließe ich mich zu einer Zugfahrt und reserviere mir einen Fensterplatz. So sehe ich während der Fahrt neben schönen Landschaften auch viele Plattenbauten, heruntergekommene Industrieanlagen und mindestens zwei Atomkraftwerke. Von Wien gibt es eine bequeme Direktverbindung und in gut sieben Stunden erreicht man den ausgesprochen unübersichtlichen Warschauer Hauptbahnhof. Was in Stuttgart so viel Ärger macht, ist dort längst umgesetzt, nämlich ein riesiger unterirdischer Bahnhof mit unzähligen Geschäften und Restaurants. Angeblich verlaufen sich dort selbst Einheimische.
Die Bahnhofsgegend ist widersprüchlicher als in anderen Städten, weil in unmittelbarer Nähe eine Reihe Wolkenkratzer gebaut wurden, welche unter anderem Luxushotels beherbergen. Trotzdem gibt es das übliche Bahnhofsklientel von Obdachlosen, Billigjobbern und Prostituierten, denen LG in fröhlicher Riesenleuchtschrift „Life’s good“ zuruft.

Ich erwarte eine Stadt, wie ich sie bereits öfters am Balkan und in Osteuropa sah: Teilweise heruntergekommen, aber mit vielen „westlichen“ Tendenzen. Ich finde dagegen eine westliche Stadt, mit einigen wenigen osteuropäischen Elementen. Die Warschauer Innenstadt ist klassisches urbanes Territorium: Eine Sushi-Bar jagt die nächste. Dazwischen jede Menge moderner Restaurants und Geschäfte. Unterschiede zu Berlin oder Wien sind nicht festzustellen, wenn man von Kleinigkeiten wie der deutlich größeren Anzahl an Konditoreien absieht. Warschau wurde im zweiten Weltkrieg zu 90 Prozent zerstört, die Altstadt danach allerdings wieder restauriert aufgebaut. Als ich durch die Altstadt schlendere, verblüfft mich allerdings, dass sie überhaupt nicht neu aufgebaut wirkt. Die Häuser wirken tatsächlich so, als stünden sie bereits mehrere hundert Jahre da.
Sehr auffallend ist allerdings: Warschau ist keine multikulturelle Stadt. Moslemische Bewohner scheint es entweder nicht zu geben oder sie trauen sich nicht in die Innenstadt. Nicht-europäische Menschen sieht man nur sehr selten. Ein Schwarzer darf Rasenmähen und ein paar Inder dürfen indische Lokale betreiben. Schulklassen benehmen sich nicht nur brav, es scheint in ihnen keine ausländischen Kinder zu geben.

Geschichte ist in Warschau überall präsent. Damit meine ich nicht nur das Ghetto und die vielen Denkmäler, welche auf die Eroberungen und Befreiungen Polens hinweisen. Ich meine auch den Infostand am Sonntag, wo Passanten mit Nachdruck über Folgendes informiert werden: „Germans killed 3000 Polish citizens every day“. Ironischerweise wirkt Polen heute sehr „deutsch“, was etwa die Geschäftigkeit der Bürger angeht – Wirtschaftsstatistiken bestätigen das. Warschau und Umgebung ist auch sehr proper. Die neu gebauten Straßen sind besser als jene im westlichen Nachbarland.

Das Nationalmuseum ist nicht sehr groß, enthält aber einige Höhepunkte. So kann ich völlig ungestört und als einziger im Saal eine Viertelstunde lang einen Botticelli bewundern. Interessanter als die sehr durchschnittlich bestückte Sammlung europäischer Alter Meister, ist die polnische Malerei, von der man in den europäischen Museen und auch in der kunstgeschichtlichen Literatur sonst nicht viel zu sehen bekommt. Eines der seltsamsten je besichtigten Museen, und ich war in Museen in Zentralasien, ist das Archäologische Museum in Warschau. Ist die Entwicklung des Menschen noch traditionell dargestellt, befinden sich im Obergeschoss einige Räume zum Thema Romanik und Gotik, die zu 80 Prozent aus schlecht montierten Fototapeten bestehen.

Die Armut des Landes wird sichtbar, wenn man aus Warschau heraus fährt. In der Kleinstadt Pultusk etwa besuchen wir einen großen Markt, in dem Angebot, Preise und Kundschaft schnell deutlich machen, dass viele Menschen jeden Zloty mehrmals umdrehen müssen. Eine überraschend große und schöne Anlage ist das Museum und der Park rund um Chopins-Geburtshaus in Zelazowa Wola, eine knappe Autostunde von Warschau entfernt.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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