Ryszard Kapuscinski: König der Könige

Äthiopien steht als herbstliches Reiseziel derzeit ganz oben bei meinen Lesethemen und eines der berühmtesten Äthiopien-Bücher ist König der Könige. Ryszard Kapuscinski porträtiert darin die Amtszeit und den Militärputsch des äthiopischen Kaisers Haile Selassie. Was nach einem Spezialtitel klingt, ist aber wesentlich mehr, nämlich die literarische Darstellung einer weltgeschichtlich kaum zu überschätzenden Staatsform: der Monarchie.

Der gebildete Durchschnittseuropäer denkt bei Monarchie an die glanzvollen Höfe des Absolutismus, mit Ludwig XIV. als Prototyp, an deren Prachtbauten, deren Machtgier und deren Kriege. In Wahrheit waren Monarchien zu einem überwiegenden Teil kleinteilige Reiche. König war schnell jemand mit ein paar Untertanen. Viele Königreiche der Antike gingen heute kaum als Bezirk durch, wobei selbstverständlich die kleinen Könige oft Untertanen mächtigere Könige waren.

Nun war das Äthiopien des Haile Selassie zwar geographisch kein kleines Königreich, was allerdings Armut und mangelnde Aufklärung angeht, kann man es aber versuchsweise einmal als Muster gelten lassen. Kapuscinski schafft es nun, die Abstrusität dieser Staatsform durch eine völlig neue Form darzustellen. Er besuchte nach dem Putsch 1974 Palastangehörige und bat sie von ihren alltäglichen Erfahrungen zu berichten. Er gibt deren Zeugnisse allerdings nicht dokumentarisch wieder, sondern gestaltete sie literarisch. Man lauscht den absurden und kafkaesken Vorgängen im Palast. Es entfaltet sich ein Bild der Korruption, Eitelkeit und Machtgier in Kombination mit geistiger und menschlicher Kleinlichkeit, das seinesgleichen in Buchform sucht. Ich bin nach der Lektüre ja immer noch skeptisch, ob die auftretenden Menschen wirklich immer so dachten und handelten, so unglaublich liest sich manches.

Entstanden ist ein universelles Kompendium menschlicher Niedrigkeit, veranschaulicht am Beispiel des Palastlebens in Addis Abeba. Die ethische Entmenschlichung, wenn man in absoluter Abhängigkeit dienen muss, liest sich stellenweise wie ein Anthropologie-Porno. In abgeschwächter Form findet man diese Verhaltensweisen und Eitelkeiten bis heute in vielen anderen sozialen Verhältnissen wieder, vom autoritären Familienverband bis hin zu Firmen. Ein Buch, an dem Misanthropen viel Freude haben werden.

Ryszard Kapuscinski: König der Könige. Eine Parabel der Macht (Serie Piper)

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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