Martin Gregor-Dellin: Richard Wagner – Sein Leben. Sein Werk. Sein Jahrhundert

Notizen-Leser wissen, dass ich mich dieses Jahr viel mit Richard Wagner beschäftigte. Der Grund ist nicht, wie man meinen könnte, das Jubiläumsjahr, sondern war der bereits vor mehr als einem Jahr gebuchte Ring in der Wiener Staatsoper. Als Vorbereitung dazu begann ich mit der Lektüre der fast tausendseitigen Biographie von Martin Gregor-Dellin, die mir von unterschiedlichen Seiten empfohlen wurde und die ich in den letzten Monaten sukzessive las.

Die größte Stärke dieser Biographie ist ihre gut recherchierte Ausgewogenheit. Gregor-Dellin beschreibt Wagners Leben sehr detailreich. So manche geschilderte Episode hätte auch kürzer ausfallen können. Ausgewogen ist das Buch, weil es Wagner weder verteufelt noch vergöttert. Der Autor weiß die grandiose musikalische Leistung kompetent zu würdigen, und zwar ohne zu sehr in den technischen Jargon der Musikwissenschaft zu verfallen, beschönigt aber auch die widerwärtigen Seiten Wagners nicht, allem voran seinen Antisemitismus. Inkompetente Kritik entlarvt er auch als solche. Wagners problematisches Privatleben kommt selbstverständlich nicht zu kurz.

Hervorzuheben ist ebenfalls, dass Gregor-Dellin den historischen Kontext ausführlich beschreibt. Beispielsweise bekommt das Revolutionsjahr 1848 samt Wagners Beteiligung und die nachfolgende Repressionsphase viel Raum. Am Ende des Buches kennt man Wagner als komplizierte, vielschichtige, oft unsympathische Persönlichkeit. Wie immer bei der Beurteilung von Kunst, sollte man sich aber hüten, diese zu stark von der Person des Künstlers abhängig zu machen. Die meisten Genies hatten ihre unappetitlichen Seiten und die Kulturgeschichte belegt hinreichend, dass brave Biedermänner nur selten großartige kreative Leistungen vollbringen.

Martin Gregor-Dellin: Richard Wagner: Sein Leben. Sein Werk. Sein Jahrhundert (Piper Taschenbuch)

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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