John Neumeier: Dritte Symphonie von Gustav Mahler

Paris Opéra Bastille 27.4. 2013

Ich muss voraus schicken, dass ich von Ballett und Tanztheater weit weniger verstehe als von den anderen Kunstformen über die ich hier regelmäßig berichte. Allerdings schätze ich das moderne Tanztheater und die Performance durchaus. Während meines Studiums war ich ein regelmäßiger Gast der Salzburger Sommerszene.
Was John Neumeier hier mit Mahler anstellt, von dem ich wiederum sehr viel verstehe, bleibt mir ein Rätsel. Einerseits erschien mir die Choreographie nicht modern zu sein. Es wurde hübsch symmetrisch und nach der Art des klassischen Balletts getanzt. Einen direkten Bezug zu Mahlers grandioser Musik konnte ich nicht ausmachen: Die Herren, oben ohne und in einer Art langen Unterhosen bekleidet, tanzten zur Musik. Weibliche Tänzer durften lange nicht auf der Bühne und hatten ihren ersten Auftritt erst, als Mahlers langsamer Satz begann. Sobald also die Musik ins Süßliche schwenkte, was Herr Neumeier offenbar mit „weiblich“ assoziiert, durften Frauen auftreten. Danach traute ich meinen Augen nicht: Das erste Pas de deux wurde von einem Herrn und einer Dame getanzt, wo er in hellblau und sie in rosa gekleidet war. Nach Ironiesignalen aller Art suchte ich vergeblich.

Das Orchester der Oper spielte an der unteren Grenze des Tolerablen: Weder gab es größere Schnitzer noch musikalische Epiphanien. Die engagierte Solistin schlug sich ebenfalls tapfer. Fast vom Stuhl flog ich allerdings als der Chor vom Band eingespielt wurde!

Liebe Pariser! Wenn ihr schon unbedingt Mahlers Dritte spielen wollt, dann nehmt gefälligst den Aufwand auf euch und bringt sie vollständig live, wie sich das gehört. Eine Liveaufführung vom Band zu ergänzen ist eine Schande für eine Kulturstadt wie Paris!

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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