Abbas Kiarostami: Close-Up (1990)

Mein erster iranischer Film war gleich ein herausragendes cineastisches Erlebnis. Es ist nicht überraschend, dass Close-Up bei Filmenthusiasten einen so guten Ruf genießt, beschäftigt er sich doch intensiv mit der Filmkunst an sich, und das auf eine sehr raffinierte Art und Weise. Im Mittelpunkt steht der arme Hossein Sabzian, der plötzlich den Entschluss fasst, sich als den berühmten Filmregisseur Mohsen Makhmalbaf auszugeben. Er überredet eine wohlhabende Familie, ihr Haus für einen Filmdreh zur Verfügung zu stellen, und genießt nicht nur die ihm entgegen gebrachte Wertschätzung, sondern identifiziert sich immer stärker mit der Rolle. Schließlich wird er entlarvt und vor Gericht gestellt.

Als Zuseher sieht man die Geschichte überwiegend in Rückblenden, wenn Sabzian dem Richter seine Geschichte erzählt. Der Verdacht der Familie ist natürlich, dass er das Haus für einen Raub auskundschaften wollte. Sabzian gelingt es aber schließlich die Beteiligten von seinem Film-Enthusiasmus zu überzeugen.

Über die Handlung legt sich zwangsläufig die Identitätsthematik und im Verlauf des Films verschwimmt immer mehr, wer Sabzian eigentlich ist. Ebenfalls wird kritisch hinterfragt, wie die iranische Gesellschaft mit vordefinierten Rollenmustern umgeht. Hinzu kommt, dass diese Geschichte tatsächlich passiert ist, und die damals Beteiligten sich im Film selbst spielen, was dem Ganzen noch einen ironischen Kontrapunkt aufsetzt und ein ausgesprochen vielschichtiges Kunstwerk ergibt.

Close-Up (DVD)

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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