Kafka: Ein Landarzt und andere Drucke zu Lebzeiten

Wir durchstießen den Abend mit dem Kopf.

Ich wundere mich eben selbst, wie wenige Notizen es hier über Franz Kafka gibt, obwohl er zu meinen Favoriten zählt. Der Grund dafür ist einfach: Meine ausführliche, auch akademische Beschäftigung mit ihm war in den neunziger Jahren, also bevor ich alle meine Lektüren in Notizen verwandelte.

Es gibt sicher keinen Autor über den mehr Haarsträubendes geschrieben worden wäre als über Kafka. Deutungsexperten aller Couleur stürzten sich auf seine Texte wie Eisenspäne auf einen Elektromagneten. Der Kardinalfehler der Kafkalektüre besteht darin, seine Texte in eine der gängigen Schubladen stecken zu wollen, wie es hermeneutische Spießer seit Jahrzehnten versuchen. Dabei ist das korrekte Kafkalesen nicht schwer: Man muss sich auf die Mehrdeutigkeiten der Texte einlassen und ihre Fremdheit akzeptieren. Kurz: Ihnen literarischen Respekt entgegen zu bringen anstatt sie mit diversen textlichen Folterwerkzeugen zu bearbeiten.

Ein Landarzt versammelt die gedruckten kleineren Arbeiten Kafkas, die zu seinen Lebzeiten erschienen sind, und basiert auf der Kritischen Ausgabe. Nirgends ist Kafka ja seltsamer als in seiner kürzeren Prosa. Liest man die Romane, so gewöhnt man sich trotz aller Seltsamkeiten schnell an den fiktionalen Kosmos. Auch Leser sind Gewohnheitstiere. Bei den Erzählungen und parabelartigen Texten bleibt dafür keine Zeit: Kaum tastet man sich in die Textwelt hinein, schon ist man am Ende angelangt. Je kürzer, desto nachhaltiger ist dieser Effekt. In der Mitte zwischen den Romanen und den Parabeln stehen die Erzählungen mittlerer Länge wie Die Verwandlung und In der Strafkolonie. Letztere halte ich für eines der besten Werke Kafkas, kombiniert er darin doch seine „unmenschliche“ literarische Ästhetik inhaltlich mit einem schonungslosen Blick auf die Natur des Menschen. Kafka ist einer der wenigen Autoren, die mit großer Leichtigkeit hinter die dünne menschliche Zivilisationsfassade blicken. Deshalb wird er seit Jahrzehnten als großer Prophet gefeiert. Dabei war seine Kernkompetenz nicht die Prophetie, sondern sein anthropologischer Röntgenblick.

Faszinierend ist es, wie vielfältig die „kleinen“ Texte Kafkas sind, obwohl man sie sofort als Kafkatexte erkennt. Ihnen genügend Zeit zu geben ist ebenso wichtig wie mit den Mehrdeutigkeiten leben zu können.

Franz Kafka: Ein Landarzt: und andere Drucke zu Lebzeiten (Fischer Taschenbuch)

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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