Mark Twain: The Adventures of Huckleberry Finn

Irgendwann in grauer jugendlicher Vorzeit las ich Huckleberry Finn in irgendeiner Übersetzung. Bleibende Eindrücke hinterließ es nicht, dazu war die Geschichte wohl nicht spektakulär genug. Nach Tom Sawyer zu Beginn des Jahres, wollte ich nun aber auch noch Twains berühmtestes Buch im Original lesen. Im Kanon der amerikanischen Literatur nimmt der Roman traditionellerweise einen der Spitzenplätze ein. Bei der Lektüre merkt man schnell, wie berechtigt diese Kanonisierung ist.

Was im 20. Jahrhundert ein beliebte Erzählstrategie wurde, war zu Twains Zeit ein hochgradig origineller literarischer Trick: Nämlich Gesellschaftskritik aus der Perspektive eines „naiven“ Kindes zu liefern. Huck Finn ist der Ich-Erzähler, und ich kenne kaum einen Roman, wo diese Erzählsituation so glaubwürdig und authentisch wirkt wie in diesem Roman. Dafür sind zwei Gründe ausschlaggebend: Erstens lässt Twain seinen Huck denken und reden, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Das gilt, nebenbei bemerkt, auch für Jim und sein Sklaven-Pidgin, der nicht nur stilistisch als „Verstärker“ Huck Finns funktioniert. Zweitens ist das Beobachtete streng an Huck Finns Rabaukenhorizont angepasst: Wir sehen die Welt aus der Perspektive eines Jungen, an dem ganze Sozialpädagogengenerationen ihre Freude hätten. Das geniale an Mark Twains Kunst ist nun gar nicht, wie exzellent das handwerklich umgesetzt ist, sondern welchen ästhetischen und inhaltlichen Mehrwert er daraus generiert.

Ein Beispiel: Hucks Hirn tickt wie es ihm Religion und Gesellschaft explizit & implizit beibrachten. In dieser Welt tut er Böses, wenn er dem Sklaven einer freundlichen, fürsorglichen, alten Dame zur Flucht verhilft. Huck fühlt sich als Dieb, sein Gewissen quält ihn so, dass er mehrmals kurz davor steht, Jim zu verpfeifen. Im letzten Moment siegt aber der moralisch korrekte Impuls, seinen Freund Jim zu retten, auch wenn ihn das nach seiner Selbstanalyse zum Verbrecher stempelt. Auf diese Weise führt Twain seinen zeitgenössischen Lesern indirekt die Perversität ihres Wertesystems vor Augen. Der wilde, unzivilisierte Huck tut impulsiv das Richtige. Rousseau lässt an dieser Stelle herzlich grüßen.
Die Gesellschaftsentlarvung wird noch verstärkt, als zwei Gauner unseren beiden Helden für einige Zeit Gesellschaft leisten. Jeder mittelmäßige Autor hätte diese beiden Figuren für einige komische Effekte genutzt. Für einen grandiosen Autor wie Twain werden sie zu einer Allzweckwaffe: Er holt mit ihnen die Weltliteratur sarkastisch auf das Floß, in dem er sie hochkomisch ein Shakespeare-Programm proben und später auch aufführen lässt. Sie persiflieren die europäische Aristokratie und geben Huck Anlass, seine Version der europäischen Monarchie als System zu erläutern. Ohne nur einmal die Erzählperspektive zu brechen, schüttet Twain hier Säure über europäische politische Gepflogenheiten. Die Gaunereien der beiden Schufte zeigen wie unaufgeklärt und dumm der Großteil der Bevölkerung agiert. Eine gute Gelegenheit, auch Jims Aberglaube und magische Weltanschauung zu erwähnen, welche den Realismus der Darstellung ebenfalls erhöht.
Mark Twains oft als Kinderbuch missverstandenes Buch ist also in Wahrheit so sorgfältig und geistreich komponiert wie eine Fuge von Bach. Besser wird Weltliteratur nicht.

P.S. Auf keinen Fall eine der sprachlich entschärften Versionen lesen, wenn man den Roman im Original lesen will.

Mark Twain: The Adventures of Huckleberry Finn (Norton Critical Editions)

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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