Thomas Hobbes: Leviathan

Diese Notizen schrieb ich 2005 und fasse sie hier zur besseren Lesbarkeit in einem Artikel zusammen.

Erster und zweiter Teil

Es ist gar nicht so einfach, eine vollständige und gute Textausgabe zu finden. Es scheint eine Selbstverständlichkeit zu sein, dass immer nur die ersten beiden Teile publiziert werden. So hatte ich in meiner Bibliothek eine englische und eine deutsche Ausgabe, die beide dieses Manko aufwiesen. Die Ausgabe des Meiner Verlags scheint vollständig zu sein und wartet inzwischen in meiner Buchhandlung auf mich. Dritter und vierter Teil bleibt also nachzutragen.

Liest man den Leviathan zum ersten Mal komplett, leuchtet einem die Berühmtheit dieses Buches schnell ein. Er kannte nicht nur Galileo Galilei persönlich, sondern versuchte seine Individual- und Sozialphilosophie auf eine methodisch ähnlich feste Grundlage zu stellen. Stellenweise liest er sich wie ein analytischer Sprachphilosoph:

Ebenso vielfach kann man auch die Sprache mißbrauchen, nämlich erstens, wenn man wegen der schwankenden Bedeutung seiner Worte seine Gedanken widersinnig aufsetzt […] Zweitens, wenn man die Worte figürlich, d.h. in einem anderen Sinn gebraucht und so andere betrügt. Drittens, wenn man durch Worte Absichten zu haben haben vorgibt, die man nicht hat […]
[S. 30]

Daraus leitet er folgende Forderung an die denkende Zunft ab, die sich bis heute noch nicht zu allen herumsprach:

Bei Erlernung wissenschaftlicher Kenntnisse zeigt sich also einer der vorzüglichsten Vorteile der Rede darin, daß man die Worte richtig definiert, sowie hingegen einer der vornehmsten Nachteile darin besteht, daß man entweder falsche oder gar keine Definitionen festsetzt. Dies ist die Quelle der falschen und vernunftwidrigen Sätze, durch welche diejenigen, die nicht durch eigenes Nachdenken, sondern durch bloßes Bücherlesen sich unterrichten wollen, bei ihrer Unwissenheit gewöhnlich um so schlechter wegkommen, als im Gegenteil andere bei gründlicher Einsicht allemal besser fahren. Unwissenheit liegt mitten zwischen gründlicher Wissenschaft und irriger Lehre.
[S. 34]

Wer die Situation an den damaligen Unversitäten kennt, wird dies auch als notwendige Polemik gegen spätscholastische Umtriebe verstehen.

Dieser Enthusiasmus für die neuen Denkmethoden schlägt im Konzept seiner Sozialphilosophie zum größten Nachteil um. Hobbes braucht ein höchstes Prinzip (ähnlich einem Naturgesetz), von dem er bei seinen Überlegungen ausgehen kann. Das ist für ihn der oberste Herrscher, welcher seine absolute Machtfülle durch einen Vertrag von seinen Untertanen übertragen bekam. Grund dafür ist laut Hobbes der unerfreuliche Naturzustand ohne Staat, wo Gewalt an der Tagesordnung ist und jeder mit jedem in Konflikt steht. Hobbes liegt mit dieser Annahme sicher näher an der anthropologischen Wahrheit als später Rousseau, der sich den Naturzustand der Menschheit als ein arkadisches Schäferstück vorstellte, in dem edle Naturmenschen selbstlos durch humane Taten glänzen. Trotzdem vernachlässigt er den für die menschlichen Gattung wichtigen Aspekt der Kooperation (was natürlich nicht ausschließt, dass diese menschlichen Kooperativen untereinander wieder im Clinch liegen).

Behält man das bei der Lektüre im Kopf, ist man erstaunt über die Vielzahl an stringenten Überlegungen. Ich hätte auch nicht gedacht, dass man so viele gute Argumente (auch in einem technischen Sinn des Wortes) für die Regierungsform der absoluten Monarchie finden kann. Geistesgeschichtlich kann man den Versuch, eine systematische Staatslehre nach wissenschaftlichen Grundsätzen zu entwickeln, nicht hoch genug einschätzen. Bin schon gespannt auf die beiden nächsten Teile.

Dritter Teil

Dieser Teil fehlt ebenso wie der vierte unverständlicherweise in vielen Ausgaben des Leviathan. Vermutlich glauben viele Herausgeber, eine detaillierte Auseinandersetzung mit Bibelinterpretation, sei heutigen Lesern nicht mehr zuzumuten. Dabei ist der dritte Teil “Von einem christlichen Gemeinwesen” für die Argumentation des Buches unverzichtbar. Denn nachdem Hobbes in den ersten beiden Wesen die Notwendigkeit des Staats anthropologisch begründert und die Eigenschaften eines solchen Gemeinswesens (und der Beteiligten) beschreibt, lag im 17. Jahrhundert eine Frage auf der Hand: Welche Rolle spielt die Kirche im Staat?

Der Dreh- und Angelpunkt von Hobbes Staatstheorie ist die (buchstäblich) uneingeschränkte Souveränität des Monarchen. Deshalb argumentiert er (durchaus überzeigend) gegen die Auffassung, die Kirche sei das Königreich Gottes auf Erden.
Mindestens so interessant wie der Inhalt dieser Ausführungen ist jedoch seine Methode. Stärker noch als in der ersten Hälfte des Buches bevorzugt Hobbes eine klassisch analytische Vorgehensweise. Man vermeint oft einen modernen analytischen Philosophen zu lesen, sieht man einmal davon ab, dass Hobbes nicht mit Mitteln der formalen Logik arbeitet. Seine Untersuchung der Worte “Geist, “Engel” und “Inspiration” leitet er folgendermaßen ein:

Da die Grundlage aller wahren Beweisführung die feste Bedeutung von Worten ist, die in der folgenden Lehre nicht (wie in der Naturwissenschaft) vom Willen des Verfassers abhängt und auch nicht (wie im Alltagsgespräch) vom allgemein üblichen Gebrauch, sondern von dem Sinn, den sie in der Schrift haben, ist es notwendig, bevor ich fortfahre, nach der Bibel die Bedeutung solcher Wörter zu bestimmen, die durch ihre Doppeldeutigkeit das, was ich aus ihnen zu folgern im Begriff bin, unverständlich oder strittig machen könnten.
[S. 332]

Nebenbei formuliert Hobbes übrigens auch den Kern der Sprechakttheorie, dreihundert Jahre vor Austin:

Wenn vom Wort Gottes oder vom Wort des Menschen gesprochen wird, bezeichnet es nicht einen Redeteil, wie die Grammatiker ein Nomen oder ein Verb oder irgendeinen einfachen Ausdruck nennen, ohne Zusammenhang mit anderen Worten, die ihm Bedeutung geben; sondern eine vollkommene Rede oder Darlegung, durch welche der Sprecher bestätigt, leugnet, befiehlt, verspricht, droht wünscht oder fragt.
[S. 352]

Es überrascht nicht, dass er als brillanter Denker alle Ansprüche der Religion kritisch hinterfragt:

Denn wer Anspruch darauf erhebt, die Menschen den Weg zu solcher Glückseligkeit zu lehren, erhebt Anspruch darauf, sie zu beherrschen; das heißt über sie zu herrschen und zu regieren, etwas, was alle Menschen von Natur aus wollen und was daher verdient, der Machtgier und des Betrugs verdächtigt zu werden, und folglich von jedermann nachgeprüft und untersucht werden sollte, bevor er solchen Menschen Gehorsam leistet […]
[S. 365]

Man könnte noch eine Vielzahl solcher Stellen zitieren, u.a. über Wunder oder Engel. Kurz, Hobbes schreibt religonskritisch wie viele Vertreter der Aufklärung im nachfolgenden Jahrhundert. Zwar widerspricht seine Staatstheorie des Absolutismus ebenso den politischen Theorien der Aufklärung wie sein “dunkles” Menschenbild dem anthropologischen Optimismus des voltairschen Zeitalters. Seine skeptische und methodenbewusste Denkweise kann man aber nur zur intellektuellen Avantgarde des 17. Jahrhunderts zählen.

Vierter Teil

Der vierte und letzte Teil dieses geistreichen Buches widmet sich schwerpunktmäßig den intellektuellen Schwachstellen in theologischen Argumentationen. Wieder beginnt Hobbes meist sprachanalytisch, indem er kritisch die Bedeutungen der verwendeten Termini hinterfragt.

Wenn es um Kritik an der Sache geht, verwendet der Philosoph Methoden, die auch für heutige Skeptiker nichts an Aktualität verloren haben. So führt er das “Sehen von Dämonen” auf Bewusstseinserlebnisse zurück:

Als ob die Toten, von denen sie träumten, nicht die Bewohner des eigenen Hirns wären, sondern der Luft oder des Himmels oder der Hölle, nicht Phantasmen, sondern Geister; mit ebensoviel Grund, als sagte jemand, er habe seinen eigenen Geist in einem Spiegel gesehen oder die Geister der Sterne in einem Fluß, oder als nennte jemand die gewöhnliche Erscheinung der Sonne vom Umfang etwa eines Fußes den Dämon oder Geist jener großen Sonne, welche die ganze sichtbare Welt erleuchtet.
[S. 537]

Ebensowenig an Gültigkeit verloren hat der Hinweis, dass die Kirche eine Menge von heidnischen Praktiken übernommen hat:

Das Kanonisieren von Heiligen ist ein weiteres Relikt des Heidentums: es ist weder ein Mißverständnis der Schrift noch eine neue Erfindung der römischen Kirche, sondern ein Brauch, der so alt ist wie das Gemeinwesen Roms.
[S. 555]

Hochgradig erstaunlich und lesenswert ist das Kapitel Von der Finsternis durch Scheinphilosophie und mythischer Überlieferung, Hobbes Abrechnung mit dem spätscholastischen Wortgeklingel. En passant sei bemerkt, dass die postmoderne Philosophie der Gegenwart eine Menge von Gemeinsamkeiten mit der zu Ende gehenden scholastischen Philosophie aufweist, vor allem die aufgeblähte, semantisch leere Terminologie mit der dem Außenstehenden Tiefsinn vorgegaukelt wird, um das geistige Vakuum zu überdecken. Sehr modern erläutert Hobbes, was Philosophie ist:

Unter Philosophie versteht man das Wissen, das durch logische Schlußfolgerung von der Art der Entstehung eines Dings auf seine Eigenschaften oder von den Eigenschaften auf eine Möglichkeit seiner Entstehung zum dem Zweck erworben wird, solche Wirkungen hervorrufen zu können, die das menschliche Leben erfordert, soweit Materie und menschliche Kraft es zulassen.
[S. 558]

Dem wird die universitäre Metapysik gegenübergestellt:

Und was dort geschrieben steht, ist allerdings von der Möglichkeit des Verstandenwerdens größtenteils so weit entfernt und so unvereinbar mit der natürlichen Vernunft, daß jemand, der denkt, es ließe sich irgend etwas darunter verstehen, es notwendigerweise für übernatürlich halten muss.
[S. 564]

Ein letztes Beispiel:

Ich werde nur dies eine hinzufügen, daß die Schriften der scholastischen Theologen größtenteils nichts anderes als nichtssagende Ketten von fremden und sprachwidrigen Wörtern oder Wörtern, die anders gebraucht werden als üblicherweise in der lateinischen Sprache […]
[S. 576]

Diese wenigen Auszüge belegen hoffentlich ausreichend, dass der “Leviathan” ein hochgradig lesenswertes Buch ist. Das gilt nicht nur für die berühmten ersten beiden Teilen, in dem Hobbes seine ebenso bedenklich wie brillant gedachte Staatsphilosophie formuliert, sondern auch für die oft vernachlässigte zweite Hälfte des Werks, in der sich Hobbes als modern denkender (religions)kritischer Kopf erweist.

Thomas Hobbes: Leviathan (Reclam UB; übersetzt von Jacob Peter Mayer)

Thomas Hobbes: Leviathan (Penguin Classics)

2 Antworten auf Thomas Hobbes: Leviathan

  • Carsten Herrmann sagt:

    Ich bin zufriedener Besitzer der „Revised Student Edition“ (ed. Richard Tuck, Cambridge University Press): enthält die vier Teile in originaler Schreibweise, lässt sich angenehm in der Hand halten und wird zu einem einigermaßen zivilen Preis angeboten.
    Es ist schon ein bemerkenswerter Gegensatz, dass gerade in dem Land, wo später die schönsten Gespenstergeschichten entstanden, mit Thomas Hobbes ein früher Spielverderber aufgetreten war, der sich darüber mokiert, wie so ein Geist, noch dazu in seiner einstigen Bekleidung, usw… Glücklicherweise hat sich in der Hinsicht die Philosophie nicht verderblich auf die Belletristik ausgewirkt.
    Übrigens wird sich wohl, wenn das globale Bevölkerungswachstum weiterhin proportional zunimmt, Mr Hobbes‘ nüchtern sachliche Voraussage als nur zu wahr erweisen:
    „And when all the world is overcharged with Inhabitants, then the last remedy of all is Warre; which provideth for every man, by Victory, or Death.“

  • Es gibt eine neue, leider sehr teuere kritische Ausgabe des Buches:

    Thomas Hobbes: Leviathan (Oxford University Press)

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(5. Januar 2013)

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