Armin T. Wegner: Die Austreibung des armenischen Volkes in die Wüste

Vor meiner Armenien-Reise im Mai las ich als Vorbereitung auch noch dieses wichtige Dokument zum Genozid an Armeniern, speziell auch die Rezeptionsgeschichte betreffend. Armin T. Wegner war nämlich einer der wenigen Augenzeugen des Verbrechens und ein hartnäckiger Anprangerer desselben nach dem ersten Weltkrieg. Seine vorherigen Versuche, deutsche Behörden und Medien zu mobilisieren, waren gescheitert. Man wollte die Türkei als wichtigen Verbündeten im Krieg nicht brüskieren. Realpolitik war auch damals bereits wichtiger, als Verbrechen gegen die Menschlichkeit.
Nach dessen Ende stellt Wegner einen Diavortrag zusammen, in dem er einerseits die kulturellen Leistungen der Armenier preist und andererseits Ablauf und Umfang der türkischen Grausamkeiten beschreibt. Illustriert werden diese durch grausige Fotos auf denen beispielsweise gestapelte Kinderleichen zu sehen sind. Viele der Fotos machte Wegner unter Lebensgefahr selbst und schmuggelte sie danach aus dem Land. Allerdings verwendete er auch fremde Fotos, was ihm von Seiten der Jungtürken scharfe Kritik eintrug. Ein Vortrag in Berlin im März 1919 löste so große Tumulte aus, dass Wegner ihn abbrechen musste.

Der Wallstein Verlag legt nun Wegners Dia-Vortrag in der in Wien 1924 gehaltenen Fassung in einer vorbildlichen Ausgabe neu vor. Nicht nur sind die Dias zum größten Teil mit abgedruckt, auch die wissenschaftliche Aufbereitung und Kommentierung ist vorbildlich. Ein umfangreicher Essay von Wolfgang Gust ist ein wesentlicher Bestandteil des Buches. Er liefert nicht nur den Kontext zum Verständnis von Wegners Projekt, sondern spart auch kritische Fragen nicht aus.

Armin T. Wegner: Die Austreibung des armenischen Volkes in die Wüste. Ein Lichtbildvortrag. Herausgegeben von Andreas Meier (Wallstein)

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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