Simon Stephens: Wastwater

Akademietheater 14.6. 2012

Regie: Stephan Kimmig

Harry: Daniel Sträßer
Frieda: Elisabeth Orth
Lisa: Andrea Clausen
Mark: Peter Knaack
Sian: Mavie Hörbiger
Jonathan: Tilo Nest

Kein schönes Bild der britischen Gesellschaft zeichnet Simon Stephens in seinem Stück Wastwater in den drei Episoden. Alle drei ähnlich lang und seriell gereiht. Die erste Szene zeigt die Abschiedsszene zwischen dem Jungen Harry, ein Paradefall für Sozialpädagogen, von seiner Pflegemutter Frieda. Wie Stephens hier in einem scheinbar banalen Dialog die emotionale Beziehung zwischen den beiden entwickelt, ist beachtlich. Wer Daniel Sträßer als draufgängerischen Romeo im Burgtheater gesehen hat, der wird seine Wandlungsfähigkeit zum beschädigten Teenie erstaunt beobachten.

Auf allen Ebenen schlechter ist die zweite Szene: Ein Seitensprung in einem Flughafenhotel zwischen einer Polizistin und einem Künstler (den Peter Knaack als zappelige Woody-Allen-Figur spielt). Anstatt ins Bett zu hüpfen, schockiert die Dame ihren Liebhaber mit detaillierten Schilderungen ihrer mit Pornofilmen finanzierten Heroinsucht. Was schockieren will, kommt beim Zuseher im besten Fall als Farce an.

Naturalistischer gibt sich dann die letzte Geschichte, in welcher ein Menschenhandel abgewickelt wird. Ein biederer, kinderloser Mathematiklehrer kauft in einer leeren Fabrikhalle ein asiatisches Mädchen und wird zuvor noch einem sadistischen Verhör von der jungen Sian unterzogen. Schauspielerisch die brillanteste Szene des Abends.

Obwohl Stephens die drei Episoden nicht ungeschickt durch diverse strukturelle Elemente verknüpft sind (Beziehungen zwischen den handelnden Personen; Nähe zu Heathrow), wirkt speziell die zweite Szene wie ein Fremdkörper. Zwar gefiel mir das Stück besser als das Meiste, was im Akademietheater in der letzten Zeit an deutschsprachiger Gegenwartsdramatik zu sehen war. Unverzichtbar ist Wastland aber sicher nicht. Was britische Outcasts angeht, hält man sich besser an die Filme Mike Leighs. Wem an der düsteren Darstellung menschlicher Abgründe auf dem Theater gelegen ist, dem sei Woyzeck empfohlen. Büchner konnte das bereits besser als Stephens.

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"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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