Uwe Johnson: Jahrestage

Diese Notizen entstanden zwischen 2007 und 2009 und sind hier zur besseren Lesbarkeit in einer zusammengefasst.

Erster Band

Diese Romantetralogie gehört seit Jahren zu denjenigen “berühmten” Büchern, die ich erfolgreich vor mir herschob. In den letzten Wochen las ich nun das erste Viertel der Reihe. Der Roman ist in Tagebuchform gehalten und spielt auf zwei Ebenen. Der Hauptstrang beschäftigt sich mit dem Leben der Gesine Cresspahl und ihrer Tochter Marie in New York. Es ist sehr viel “Manhattan” in dem Buch, das sich damit in die Tradtion des modernen Großstadtromans stellt. Zusätzlich wird der Leser mit der Familiengeschichte der Cresspahls bekannt gemacht, die sich im ersten Band vor allem in den späten zwanziger Jahren und während des Dritten Reiches abspielt und überwiegend in einem fiktiven kleinen Ort in Mecklenburg angesiedelt ist. Schließlich spielt das Zeitgeschehen eine prominente Rolle (Vietnamkrieg), das via Zitate aus der New York Times einmontiert wird.

Ein abschließendes Urteil über das Buch will ich noch nicht fällen, es sei aber so viel gesagt, dass mir dessen Ästhetik bisher unplausibel erscheint. Die kalendarische Form wirkt nur bei Abschnitten plausibel, die den Ablauf dieser Tage erzählen. Bei Exkursen zu New York oder anderen Themen und bei den Rückblenden scheint diese Anordung komplett willkürlich zu sein. Dass manche der Rückblenden als Erzählungen der Mutter für das Kind angelegt sind, gleicht diesen Eindruck nicht aus.

Die Erzählperspektive ist oft diffus, was an sich kein Kritikpunkte wäre (könnte sogar ein Pluspunkt sein), aber vor dem Hintergrund des ziemlich biederen Erzähltons nicht konsistent wirkt. Die einzelnen Abschnitte sind auch sehr unterschiedlich. Manche sind brillant geschrieben und evozieren mit wenigen Sätzen Orte, Personen oder Stimmungen. Andere dagegen lesen sich uninspiriert, so dass ich den Eindruck hatte, einen Erzählungsband vor mir zu haben, der qualitativ stark unterschiedliche Texte enthält.

Gleich wohl imponiert mir die Gesamtanlage der Tetralogie nach wie vor. Ich werde also mindestens noch den zweiten Band lesen und weiter berichten.

Zweiter Band

Der erste Band ließ mich zwiespältig zurück. Einerseits fand ich das grundlegende ästhetische Konzept (Gegenwartshandlung in New York, Familiengeschichte in Mecklenburg, aktuelle Ereignisse anhand der New York Times) sehr gelungen. Andererseits war die Umsetzung teilweise fraglich und einzelne Abschnitte auch von sehr unterschiedlicher Qualität.

Ich begann die Lektüre des zweiten Teils also skeptisch gestimmt. Diese Vorbehalte verflogen jedoch überraschend schnell: Die Integration der verschiedenen Ebenen wirkte nun sehr plausibel und auch die erzählerische Dichte war deutlich höher. Über lange Passagen hinweg fängt Johnson die dunkle Seite des 20. Jahrhunderts furios ein. Während im Jerichow-Komplex die “Höhepunkte” des Dritten Reiches beschrieben werden, etwa die Reichskristallnacht, rücken in der Gegenwartshandlung die Grausamkeiten des Vietnamkrieges in den Mittelpunkt. Johnson geht hier sehr geschickt vor, in dem er z.B. die ikonographischen Fotos des Krieges beschreibt. Doch damit nicht genug, es wird auch noch das bedrückende Leben der Armen in New York überzeugend geschildert.

Das klingt nun so als sei das alles sehr dick aufgetragen, was durchaus stimmt. Trotzdem funktioniert es literarisch ausgezeichnet und hebt sich positiv vom Eindruck der Beliebigkeit des ersten Bandes ab. Ich werde nun sicher auch die restlichen beiden Bände der Tetralogie lesen.

Dritter Band

Langsam las ich den dritten Teil von Johnsons Tetralogie. Der ersten Band ließ mich skeptisch zurück, vom zweiten war ich sehr angetan. Dieser setzte nun das positive Leseerlebnis fort. Auf der Jerichow-Handlungsebene wird die unmittelbare Nachkriegszeit beschrieben, speziell der Beginn der russischen Besatzung und damit der neuen Diktatur. Cresspahl verliert die Gunst der neuen Macht, wird als Bürgermeister von Jerichow abgesetzt, und landet dann längerer Zeit im Gefängnis und in einem Gefangenlanger. Die Zustände im Lager beschreibt Johnson schmerzend realistisch, inklusive der sadistischen Spiele der (immer noch) deutschen Aufseher.
Die fiktiven Tagebuchaufzeichnungen umfassen den Zeitraum von April 1968 bis Juni 1968 und sind damit ausführlicher und deutlich länger als früher. Wie bisher wird der Leser via New York Times mit den politischen Ereignissen konfrontiert, wo erneut der Krieg in Vietnam und die Turbulenzen in der CSSR eine herausragende Rolle spielen. Letzteres Thema wird noch dadurch verstärkt, dass Gesine in Ihrer Bank mit einem Kreditprojekt für die CSSR beschäftigt ist.

Vierter Band

Gut ein Jahr haben mich die “Jahrestage” beschäftigt, da ich die vier Bände im Abstand von einigen Monaten las. Den ersten Band beendete ich noch skeptisch, erschien mir das Projekt doch eine Reihe formaler Mängel zu haben, speziell die Kombination der Tagebuchform mit den verschiedenen Handlungsebenen erschien zu gekünstelt. Mein Enthusiasmus stieg ab dem zweiten Band jedoch an und erreicht gegen Ende seinen Höhepunkt. Einmal mehr bestätigt sich, dass der vielgescholtene Kanon eine so schlechte Arbeit nicht leistet, wenn er Werke wie die “Jahrestage” als unverzichtbar vorschlägt.

Tatsächlich gehört diese Tetralogie, in der Suhrkamp Taschenbuch Ausgabe knapp 1900 kleinbedruckte Seiten, zu den Höhepunkten der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur. Die strukturelle und inhaltliche Dichte ist verblüffend, und man muss schon zu sehr bekannten Namen greifen, um einen vergleichbaren fiktionalen Kosmos zu finden. Die Realitätsdichte des Romans ist verblüffend und macht in Kombination mit der strukturellen Brillanz die hohe literarische Qualität des Textes aus.

Ich habe die Tetralogie zwar sorgfältig gelesen, aber das ist bei weitem nicht genug, diese ausreichend zu würdigen. Man müsste sie mehrmals lesen, alleine um allen Handlungssträngen adäquat folgen zu können, da ist von Feinheiten der Komposition noch gar nicht die Rede. Kurz: Zu einer sachgemäßen Würdigung fühle ich mich nach dieser ersten Lektüre gar nicht im Stande.

Die “Jahrestage” haben jedenfalls das Zeug, wie andere Meisterwerke der Weltliteratur, ein Leseleben dauerhaft zu begleiteten.

Uwe Johnson: Jahrestage (Suhrkamp Taschenbuch)

Eine Antwort auf Uwe Johnson: Jahrestage

  • emi sagt:

    Die Jahrestage empfahl ein Prof. auf der Germanistik während einer Vorlesung. Er meinte, das ist eines der besten Werke die je geschrieben wurden. Ich las das Buch noch nicht.

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"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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