The Mill and the Cross

Filmcasino 10.3. 2012

Polen / Schweden 2011
Regie: Lech Majewski

Ich komme eben aus dem Kunsthistorischen Museum zurück, wo ich eine knappe halbe Stunde Pieter Brueghels Gemälde Kreuztragung Christi (1564) mit ganz anderen Augen besah. Der Grund dafür war Lech Majekskis höchst ungewöhnlicher Film The Mill and the Cross, der eben dieses Bild verfilmt. Wir kennen Musikstreifen und Literaturverfilmungen, aber eine Bildverfilmung? Gut möglich, dass der polnische Regisseur hier ein völlig neues Genre ins Leben rief.
Die Ästhetik ist eine spannende Kombination aus Ultrarealismus und hoher Artefizialität. Ein ähnliches Prinzip verwendete Lars von Trier in Dogville. Realistisch deshalb, weil wir das Leben typischer Figuren beobachten, wie man sie aus Breughels Bildern kennt. Feistes, aus dem Leben gegriffenes Volk. Artifiziell deshalb, weil dieser Realismus meist in einer fantastischen Breughel-Szenerie stattfindet. Man sieht durch das Fenster einer naturalistischen Holzhütte den Bildausschnitt eines seiner Gemälde. Eine Handlung im klassischen Sinn gibt es nicht. Stattdessen sieht man visuell großartig komponierte Miniaturszenen, die am Morgen des Bildes einsetzen, und oft zusätzlich symbolische Bedeutung haben. Die Holzfäller schlagen die Bäume für das Kreuz, die „Statisten“ des Gemäldes gehen ihren Beschäftigungen nach, der Müller nimmt seine riesige Mühle in Betrieb usw. Alle diese Aktivitäten laufen auf den Zeitpunkt der Bildkomposition zu.
Sprache setzt Majewski sehr sporadisch ein. Einige niederländische und spanische Fetzen sind zu hören. Wenige Figuren bekommen Monologe in den Mund gelegt, die in schönstem britischen Schauspielerenglisch gesprochen werden. Der akustische Rahmen des Films ist ebenso brillant und plausibel wie der visuelle.
Die Niederlande waren damals bekanntlich von den Spaniern besetzt. Die rot uniformierten Besatzer übernehmen auf dem Bild die Rolle der Römer und ihre Grausamkeiten kommen im Film nicht zu kurz. Breughel spielt samt Familie ebenfalls mit. Wir beobachten ihn beim Skizzieren des Gemäldes, während dessen er einem Freund die Komposition erläutert. Das Ergebnis ist ein brillantes visuelles Gesamtkunstwerk.

2 Antworten auf The Mill and the Cross

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

  • RSS Feed for Posts
  • RSS Feed for Comments
  • Twitter
  • XING
  • Facebook

Kategorien

„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

Aktuell in Arbeit

Tweets