Reise-Notizen: Innsbruck

Ende Januar 2012

Immer, wenn ich an Tirol denke, fällt mir als erstes eine Stelle von Robert Musil ein, in der er von einer Depression berichtet, die immer dann einsetze, wenn er Tirol betrete. Ich fahre mit dem Zug vom schneefreien Wien in das kitschigste Wintermärchen hinein. Eine strahlend-sonnige Schnee- und Alpenvariation, angefüllt mit an Amüsierzwang leidenden Wintersportlern. Bisher war ich nur mehrmals kurz in Innsbruck und hatte keine Gelegenheit, die museale Seite der Stadt unter meine Kulturlupe zu halten. Um es vorweg zu nehmen: Ich war ausgesprochen positiv überrascht, was Tirols Hauptstadt für Kulturinteressierte zu bieten hat. Was Zahl und Qualität der Museen angeht, stellt Innsbruck etwa Salzburg weit in den Schatten.

Mein erster Weg führt mich ins Schloss Ambras, der westlichsten Zweigstelle des Wiener Kunsthistorischen Museums, wo ich den Genuss einer Einzelführung komme. Erzherzog Ferdinands II. (1529–1595) verdankt das Renaissancebauwerk den überwiegenden Teil der Sammlungen. Von teils sehr kuriosen Ritterrüstungen bis hin zu seiner Kunst- und Wunderkammer, wo viele seltsame Objekte heute ein Schmunzeln auslösen. Beeindruckend auch der riesige Spanische Saal mit seiner Wandbemalung und der Holzkassettendecke.

Die Hofburg bietet neben den üblichen Habsburger Zimmerfluchten, die man auch aus anderen Schlössern dieser Inzestenthusiasten kennt, ein höchst spektakuläres Deckenfresko von Franz Anton Maulpertsch im sogenannten „Riesensaal“. Es gibt dort mobile Spiegelwagen, um ohne Halsstarre das Fresko besichtigen zu können. Eine exzellente museumsdidaktische Idee, die ich bisher noch nirgends umgesetzt sah.

Große Kunst versteckt sich in der Hofkirche, nämlich das Grabmal Kaiser Maximilians I.. Dabei ist nicht nur der monumentale Marmorsarkophag mit den Reliefs beeindruckend, sondern vor allem auch die achtundzwanzig Bronzefiguren in Überlebensgröße, welche Spalier stehen, und die teils nach Zeichnungen von Albrecht Dürer gegossen wurden. Die Gesamtanlage ist ebenso frappant wie die Individualität dieser Zeitgenossen Maximilians.

Anschließend besichtige ich das Tiroler Volkskunstmuseum. Mein Interesse an Folklore hält sich in überschaubaren Grenzen, aber meine Führerin im Schloss Ambras war mit ihrer Empfehlung sehr hartnäckig. Tatsächlich war ich selten in einem Museum, das mit so viel Liebe zum Detail ausgestattet ist. Neben zahlreichen Exponaten sind nicht zuletzt die Zimmernachbauten interessant. Es gibt zahlreiche Wohn-, Wirthaus- und Arbeitsräume, die zum Teil im Original transferiert wurden, und die man alle betreten kann.

Etwas erschöpft betrete ich noch das Landesmuseum Ferdinandeum. Hier gibt es einerseits das antike Innsbruck zu bewundern, worunter Ausstellungstücke zum Mithraskult besondere Aufmerksamkeit verdienen. Andererseits eine überraschend hochkarätige Gemälde- und Kunstsammlung. Speziell die Galerien mit moderner Kunst hätte ich in dieser Form in Innsbruck nicht erwartet.

Innsbruck ist für Kulturreisende ein lohnendes Ziel. Zwei Tage sollte man einplanen, wenn man alles in Ruhe ansehen will.

Anschließend fahre ich für ein Wochenende nach München weiter, wo ich den Reisenotizen meines letzten Besuches jedoch nichts hinzuzufügen habe.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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