Joachim Meyerhoff: Alle Toten fliegen hoch

Akademietheater 25./26.2. 2002

Teile 1-6:

Amerika, Zuhause in der Psychiatrie, Die Beine meiner Großmutter, Theorie und Praxis, Heute wärst du zwölf, Ach diese Lücke, diese entsetzliche Lücke

Seit Joachim Meyerhoff Mitglied des Burgtheater-Ensembles ist, schätze ich ihn als großartigen Schauspieler. Ich gehe sogar so weit, ihn zu den besten Könnern seines Faches zu zählen, die ich je auf der Bühne sah. Während sich viele Schauspieler Spezialgebiete suchen, ist Meyerhoff von ungewöhnlicher Wandlungsfähigkeit. Sein Mephisto etwa war brillant.

Alle Toten fliegen hoch war ein am Burgtheater von Meyerhoff ins Leben gerufenes „Privatprojekt“, nämlich die Auseinandersetzung mit seiner Biographie in theatralischer bzw. literarischer Form. Als originelles Format wählte er eine Variante der szenischen Lesung. Ab und zu spielt Meyerhoff eine Szene oder greift zu illustrierenden „Requisiten“ aus seinem Leben. Den ersten Teil gibt es auch als Buch: Amerika. Das nächste Buch ist in Arbeit. Als Abschluss konnte man nun alle sechs Teile an einem Wochenende im Akademietheater sehen: Knapp 12 Stunden lang.

Das Ergebnis ist frappant! Meyerhoff ist nicht nur ein ausgesprochen begnadeter Erzähler, der über viele Stunden sein Publikum mit seinen lebenssatten Schilderungen fesselt, sondern auch ein Humorist ersten Ranges. Die Funken, die er aus seiner Biographie schlägt, sind oft hochgradig komisch. Es gibt freilich auch viele tragische und groteske Momente. Am Ende fühlt man sich fast als Teil seiner Familie. Seine scheinbar ausschließlich privaten Anekdoten transzendieren diese Privatheit, wenn er über die Krankheiten und das Sterben von Angehörigen erzählt.

Ich habe mich schon lange nicht mehr über so viele Stunden auf so hohem Niveau unterhalten gefühlt. Es bleibt zu wünschen, dass sich Joachim Meyerhoff weitere literarische Projekte vornimmt.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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