Tennessee Williams: Endstation Sehnsucht

Burgtheater 4.2. 2012

Regie: Dieter Giesing

Blanche: Dörte Lyssewski
Stella: Katharina Lorenz
Stanley: Nicholas Ofczarek
Mitch: Dietmar König

Das 1947 uraufgeführte Südstaaten-Drama ist ein höchst publikumswirksames Stück. Burgtheater-Direktor Matthias Hartmann, dessen Vertrag kürzlich verlängert wurde, setzt für die große Bühne des Hauses letzthin fast ausschließlich auf Publikumsmagneten und scheut sich auch vor schlechtem Boulevard wie Woody Allens Eine Mittsommernachts-Sex-Komödie nicht zurück. Im neuen Burgtheater-Magazin wird das Publikum um Geduld gebeten. Jeder wird es sehen können in den nächsten Monaten…

Der Fairness halber sei erwähnt, dass auf den kleineren Bühnen des Hauses (Kasino!) oft exzellentes Theater geboten wird. Mehr ästhetischer Wagemut wäre aber auch für das Burgtheater zu wünschen.

Endstation Sehnsucht ist ein packendes Psychodrama. Blanche Dubois kreuzt unerwartet bei Ihrer Schwester Stella auf, die aus dem vornehmen Familien-Gutshaus ins Bett eines Alpha-Proleten mit polnischem Migrationshintergrund flüchtete: Stanley Kowalski. Zwischen der (scheinbar) kultivierten Blanche und dem (offensichtlich) unkultivierten Stanley beginnt ein Konflikt, der am Ende in einer Vergewaltigung endet. Im Laufe der Zeit stellt sich heraus, dass Blanche alle belog, und sich seit einiger Zeit als eine Art bessere Prostituierte durchs Leben schlägt. Nicholas Ofczarek gibt einen so überzeugenden Proleten, dass die Grenze zur Karikatur ab und zu überschritten wird. Ein Hauch Ironie und Ambivalenz hätte nicht geschadet!

Das Stück wird handwerklich (Charakterdarstellung!) auf der für dieses tragische Kammerspiel eigentlich viel zu großen Bühne hervorragend heruntergenudelt. Die Inszenierung ist auf uninspirierte Weise klassisch. Am Ende fühlt man sich passabel unterhalten. Ein erstklassiges Theatererlebnis sieht anders aus.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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