Mein erster Kindle

Dieser Artikel wurde für „The Gap“ geschrieben.

Seit einigen Wochen bin ich im Besitz meines ersten Ebook-Readers. Nach einigen Recherchen kaufte ich mir einen Kindle. Das Gerät ist in meinem Bekanntenkreis am häufigsten vertreten und die Zufriedenheit ist hoch. Ich packe ihn in meiner Bibliothek aus, in der gut 5500 analoge Bücher stehen. Zerfledderte Taschenbücher, beanspruchte Leseausgaben und arrogante Werkausgaben beobachten interessiert den Neuling. Wie wird ihre Zukunft aussehen? Werde ich in einigen Jahren statt der 24 überfüllten Billyregale nur noch ein leichtes Lesegerät besitzen, auf dem viele tausend Bücher gespeichert sind?
Mein unromantisches Verhältnis zu Büchern beschrieb ich bereits anderen Orts Während manche Zeitgenossen beinahe in Ohnmacht fallen, wenn man ihre Schätze berührt, sind für mich Bücher in erster Linie Geisteswerkzeuge. Ich schreibe bei Bedarf hinein, behandele sie nicht wie rohe Eier und ersetze eines, wenn es zu stark lädiert ist. Warum also nicht pragmatisch auf Ebooks umsteigen? Amazon verkauft in den USA bekanntlich bereits mehr elektronische Publikationen als Bücher aus Papier.

Die mobile Bibliothek

Der Hauptvorteil des Kindle leuchtet mir sofort ein: Er ist mit 170g ein Fliegengewicht und so handlich, dass er in jede Jackentasche passt. Etwa 1500 Bücher kann man darauf speichern. Ab sofort trage ich also immer eine kleine Bibliothek ohne Aufwand mit mir herum. Das ist speziell auf Reisen praktisch, aber auch in Wien. Die Bedienung ist noch etwas umständlich, aber hier sind Verbesserungen nur eine Frage der Zeit. Der Kontrast könnte ebenfalls besser sein: Die Qualität eines gut gedruckten Buches wird nicht erreicht, da der Hintergrund nicht weiß, sondern hellgrau ist. Aber auch hier gilt: Die Qualität ist selbst für längere Lektüren ausreichend und bereits besser als bei schlecht gedruckten Taschenbüchern. Im Gegensatz zu den Geräten der ersten Generation wird beim Umblättern der Bildschirm nur noch für den Bruchteil einer Sekunde schwarz, so dass man es kaum bemerkt.

Die Technik

Für alle, die sich bisher nicht mit dieser Technologie auseinandergesetzt haben: Im Gegensatz zu Tablets und Notebooks verwenden E-Book-Reader eine „passive“ Technologie: E Ink. Es gibt keine Hintergrundbeleuchtung, sondern es wird eine Papierseite simuliert. D.h. man braucht auch Licht zum Lesen, wie bei einem normalen Buch. Die beiden Hauptvorteile: Die Augen ermüden nicht, da Lesen auf Papier nachgeahmt wird, und die Akkuleistung ist ausgezeichnet, da nur das Umblättern Energie benötigt.
Das Problem der Ausgaben
Die erste Überraschung: Bei Amazon bekommt man mehr als 15000 Bücher gratis. Dabei handelt es sich überwiegend um Klassiker, deren Urheberrecht abgelaufen ist. 5000 davon sind auf Deutsch, der Rest auf Englisch. Darunter die besten Bücher der Weltliteratur: Dante, Shakespeare, Cervantes, Goethe und Kafka – alle da!
Der zweite Blick ist freilich ernüchternder: Die Qualität der Ausgaben ist höchst unterschiedlich. So bekommt man nur alte Übersetzungen. Wer also Homer gerne in der Prosaübersetzung Wolfgang Schadewaldts liest oder Dostojewskij in der Swetlana Geiers, muss seine Ansprüche gleich einmal zurückschrauben.
Schlimmer noch: Manche Ausgaben sind so billig produziert, dass sie nicht einmal ein Inhaltsverzeichnis haben. Der Nutzen von Faust I am Kindle reduziert sich merklich, wenn ich nicht mal schnell eine Szene direkt anspringen kann. Bei längeren Texten ist das noch fataler. Laut Leserrezensionen gibt es auch Ebooks bei denen komplette Absätze fehlen. Selbst wenn man Bücher kauft, in meinem Fall die elektronische Penguin-Ausgabe von Thornton Wilders The Bridge of San Luis Rey, ist man vor Fehlern nicht geschützt: Man findet darin mehr orthographische Schlampereien als im Online-Standard. Das sind allerdings keine prinzipiellen Einwände gegen Ebooks. Verbuchen wir sie einmal großzügig als Anlaufschwierigkeiten. Andere, für mich unverzichtbare Bücher gibt es noch gar nicht, etwa die Werke Heimito von Doderers oder Robert Musils.

Die Navigation

Die Handhabung ist viel umständlicher als bei Büchern. Damit meine ich nicht die teils noch problematische Bedienung des Geräts, sondern die Navigation innerhalb eines Ebooks. Schnelles Vor- und Zurückblättern, ein paar Kapitel überspringen, einen Blick zwischendurch in den Klappentext usw.: Hier ist jedes Ebook der gedruckten Ausgabe weit unterlegen. „Gehe zu“ ist kein Ersatz für schnelles Blättern und Springen. Hier geht es nicht nur um Bequemlichkeit, sondern auch darum, sich schnell mit dem intellektuellen Gehalt eines Werks vertraut machen zu können. Konkrete Passagen wären dank der Suchfunktion freilich schneller aufzufinden. Allerdings ist die Eingabe ohne Tastatur ebenfalls keine ernst zu nehmende Option.
Überrascht war ich darüber, dass es keine Seitenzahlen mehr gibt: Der Lesefortschritt wird in Prozent angezeigt. Zusätzlich ist es ungewohnt, dass man dasselbe „Bücher-Erlebnis“ hat, egal ob man einen Essay liest oder einen zweitausendseitigen Roman.
Das Vor-dem-Regal-Stehen, um schnell mal ein Buch aufzuschlagen und hineinzulesen, lässt sich ebenfalls nur schlecht simulieren. Man muss auch nicht bibliophil veranlagt sein, um lieber ein schönes, in Leinen gebundenes Buch in Händen zu halten, als ein kleines Aluminiumgehäuse.
Der Bücherkauf
Bei aktuellen deutschsprachigen Büchern, sieht es derzeit noch düster aus: Das Angebot ist begrenzt und die Preise scheinen angesichts der geringen Produktionskosten überhöht. Der Programmleiter eines Verlags verriet mir den Grund: Die Taschenbuchverlage sichern sich rechtlich gegen niedrige Ebook-Preise ab. Mit anderen Worten: Ein Verlag kann sein Buch nur dann an einen Taschenbuchverlag verkaufen, wenn er zustimmt, dass er das Taschenbuch preislich nicht durch ein Ebook unterbietet.
Vor ein paar Tagen stand ich vor der Entscheidung, ob ich mir die gepriesene Dickens Biographie Claire Tomalins als gebundene Ausgabe für 19,95 Euro oder als Kindle-Ausgabe für 17,96 Euro bestelle. Angesichts des lächerlichen Preisunterschieds entschied ich mich schnell für das analoge Buch.

Der Alltag

Gebrauchsliteratur werde ich mir zukünftig wohl nur noch elektronisch kaufen. Damit meine ich beispielsweise schnelllebige Fachbücher. Ebenso Bücher, von denen absehbar ist, dass ich sie auf meinen Studienreisen benötigen werde. Was Belletristik und Klassiker angeht, hätte ich gerne beide Ausgaben. Eine schön gebundene Ausgabe für daheim und eine gute (!) elektronische Variante für den Kindle. Erste deutschsprachige Verlage kündigten bereits an, dass sie planen Ebooks als Gratiszugabe zu ihren Büchern anzubieten. Auf die Bequemlichkeit, die meisten meiner Lieblingsbücher unterwegs immer in der Tasche zu haben, werden ich jedenfalls nicht mehr verzichten.
Ebooks werden mittelfristig viele Taschenbücher, vor allem Unterhaltungsliteratur, und Fachbücher überflüssig machen. Schöne gedruckte Bücher wird es weiterhin geben.

Die Fortsetzung: Mein zweiter Kindle

8 Antworten auf Mein erster Kindle

  • Ute (Liedie40) sagt:

    Vielen Dank für diesen interessanten Artikel! Ich besitze seit einigen Tagen auch einen Kindle und hier wurden mir einige Fragen beantwortet. Ich lese sehr gerne die Klassiker und habe mich über das kostenlose Angebot bei Amazon schon sehr gefreut. Ich sollte wohl etwas genauer hinsehen, ob alle vollständig sind. Für mich werden E-Books auf jeden Fall eine gute Alternative ZUM Buch werden!

  • Lars Becker sagt:

    Der Kindle 3G hat für rund 60€ mehr eine Tastatur, die ich als recht nützlich empfinde, will man kurze Notizen schreiben. Der Hintergrund erscheint bei hinreichender Beleuchtung weiß, den grauen Hintergrund hab ich auf dem 3G nicht festgestellt.

  • Markus sagt:

    Spannend. Ich würde mich freuen hier weitere Infos über den Kindle zu lesen. Vor allem ob er wirklich in Zukunft das Buch ablösen kann oder eher nicht.

  • Werde weiter berichten.

  • Ganz interessant ist auch folgender Aritkel: „Adieu, Kindle“

    http://www.heise.de/tp/artikel/36/36328/1.html

  • Peter sagt:

    Bin gerade, wie es im „Netz“ eben üblich ist, zufällig hier gelandet und bitte zu entschuldigen, dass ich (noch) nicht den restlichen Inhalt dieser Seite kenne und dass mein Kommentar ein halbes Jahr nach Veröffentlichung dieses Eintrages erst erscheint.
    Als frischer Germanistikstudent habe ich nach den ersten Vorlesungen bemerkt, wie verstaubt mein Verständnis von Literatur eigentlich ist, was mich zu einer kleinen Recherche bezüglich unserer literarischen Zukunft verleitet hat. Was mich am meisten an dieser Ebook-Geschichte interessiert, ist, dass doch diese neue Form der Bücher einen erheblichen Einfluss auf den Inhalt derer haben wird, die gerade dafür geschrieben werden, elektronisch gelesen zu werden (Hypertext und Nichtlinearität, Einbeziehung des Lesers, Multimedialität). Haben Sie sich denn der Frage schon einmal gewidmet, ob in einiger Zukunft überhaupt noch Bücher, wie wir sie heute kennen, geschrieben werden, oder ob deren Nachfolger sich bis zur Unkenntlichkeit wandeln werden, dergestalt, dass sie möglicherweise gar nicht mehr klassisch lesbar wären, sodass es also auch keine Druckversionen von ihnen mehr gäbe?

    Natürlich sind alle Zukunftsspekulationen müßig (aber eben dennoch interessant); ob sie solche schon einmal angestellt haben, interessiert mich trotzdem.

  • Diese Frage beschäftigt mich auch schon lange. Für „Literatur und Kritik“ gab ich bereits 1999 das Dossier „Literatur und Internet“ heraus. Stelle eben fest, dass der Artikel hier noch nicht online ist. Das werde ich gelegentlich nachholen.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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