Joseph Roth: Rechts und Links

Dieser Roman aus dem Jahr 1929 zeigt viele der literarischen Qualitäten des Joseph Roth: Seine unnachahmliche Formulierungskunst, seinen scharfen Blick auf Menschen aller Schichten sowie seine Zeitdiagnosen, die sich aus heutiger Sicht oft wie Prognosen lesen.

Roth öffnet dieses Zeitpanorama am Beispiel der Bankiersfamilie Bernheim, deren verwöhnter Spross Paul im Mittelpunkt der Handlung steht. Als Jugendlicher gibt dieser einen glänzenden Vertreter des Schnöseltums ab, bis der erste Weltkrieg „korrigierend“ eingreift. Nach dem Krieg und dem Tod des Vaters droht der finanzielle Ruin, vor dem ihn schließlich eine glänzende Heirat mit der Nichte eines reichen Chemieindustriellen rettet. Paul Bernheim verdankt diesen Hochzeitscoup nicht zuletzt einem undurchsichtigen Flüchtling aus Russland, der sich aufgrund seines Geschickes schnell zu einem reichen Magnaten mausert. Auch in der Weimarer Republik gab es also bereits Neureiche aus dem Osten mit zweifelhafter Reputation.

Paul Bernheim ist weltanschaulich eine Fahne im Wind. Während des Kriegs etwa versucht er, sich einige Zeit als pazifistischer Agitator, was aber nur kurz andauert. Sein Bruder Theodor rutscht ins illegale Nazimilieu ab und muss bis zu einer Amnestie in Ungarn untertauchen. An diesem hier nur angedeuteten Handlungsgerüst entlang, entwickelt Joseph Roth einen furiosen Zeitroman. Die Komposition ist überzeugender (weil konziser) als in einigen seiner anderen Bücher. Mit einer Ausnahme: Der Schluss kommt zu abrupt und wirkt auf den Leser etwas aufgesetzt.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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