Judith Schalansky: Der Hals der Giraffe

Wie so vieles in diesem Roman ist der Untertitel Bildungsroman doppeldeutig. Der Roman ist personal aus der Perspektive der Inge Lohmark erzählt, einer Biologie- und Sportlehrerin an einem Provinzgymnasium in einer kläglichen Kreisstadt in Vorpommern. Die nach Charles Darwin benannte Schule steht kurz vor der Schließung, weil die Bevölkerung in Scharen aus der wirtschaftlich trostlosen Gegend flieht. Es ist also einerseits ein Schulroman.
Das Weltbild der Inge Lohmark wird schnell deutlich: Es ist das einer verbitterten Zynikerin mit sozialdarwinistischem Einschlag. Sie verachtet ihre Schüler und Kollegen und lässt das ihr Umfeld auch spüren. Spannend bei der Lektüre ist es nun, dass Lohmark trotz dieses unsympathischen Hintergrunds viele treffende Beobachtungen formuliert. Die Sätze des Romans sind von einer beeindruckenden Intensität. Nun gibt es in jedem gelungen Buch gelungene Sätze, aber mit wenigen Ausnahmen in der Gegenwartsliteratur (Thomas Bernhard!) gibt nur wenige Bücher, die nur aus gelungen Sätzen bestehen.

Zu Beginn war ich etwas skeptisch. Ich befürchtete die Durcharbeitung des Klischees „Autorin entlarvt kalte und boshafte Naturwissenschaftlerin“. Wäre die literarische Komposition nicht so brillant, hätte der Roman an diesem Thema sehr leicht scheitern können. Was Schalansky höchst beeindruckend gelingt: Sie integriert die Biologie auf mehreren Ebenen furios in ihren Text. Es gibt nicht nur jede Menge gelungene Vergleiche und Metaphern aus diesem Bereich. Selbst die erklärenden personalen Exkurse der Lohmark sind so „organisch“ und überzeugend eingearbeitet, wie ich das bisher selten las.
Der Hals der Giraffe ist selbstverständlich kein klassischer Bildungsroman. Es findet nämlich keine Persönlichkeitsveränderung durch einen Bildungsprozess statt. Allerdings wird Inge Lohmark massiv irritiert. Sie fühlt sich völlig unerwartet zur Schülerin Erika hingezogen, entwickelt während einer Autofahrt mit ihr seltsame Fantasien, was ihr emotionales Gleichgewicht ins Wanken bringt.

Die Kaltschnäuzigkeit gegenüber ihren Schülern rächt sich am Ende: Ihr Direktor kündigt ihr wegen des massiven Mobbings einer Schülerin unter ihren Augen disziplinäre Konsequenzen an.

Der Roman spielt überwiegend an der Schule. Abgerundet wird das Porträt der Inge Lohmark durch die Beschreibung der nüchternen Beziehung zu ihrem zweiten Gatten Wolfgang und ihrer seit vielen Jahren in den USA lebenden Tochter Claudia. Schließlich schildert Schalansky auch noch die Stimmung in Ostdeutschland nach der Wende mit diversen Rückblenden in die DDR Vergangenheit.

Abschließend sei erwähnt, dass sich die Autorin auch selbst der Buchgestaltung annahm. Das Ergebnis ist ein auch handwerklich perfekt produziertes Buch.

Judith Schalansky: Der Hals der Giraffe. Bildungsroman (Suhrkamp)

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"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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