Reise-Notizen: Waldviertel

Bevor ich im August einige Tage im Waldviertel unterwegs war, kannte ich Usbekistan besser als diesen Teil Österreichs. Zöge man um Wien konzentrische Kreise nähme – cum grano salis – mein geographisches Wissen zu, je weiter man sich von Wien entfernt. Die Nachbarländer Polen und Ungarn beispielsweise kenn ich bisher kaum.
Was das Waldviertel angeht, stellte sich meine Ignoranz als Fehler heraus, und zwar unerwartet in intellektueller Hinsicht. Es gibt nämlich für den Kulturinteressierten jede Menge zu besichtigen: Burgen  und Stifte.

Die zu einem Renaissanceschloss umgebaute Rosenburg kann innen und außen mit Hilfe eines passablen Audioguides besichtigt werden. Dabei erfährt man auch einiges über die Hobbys gelangweilter Aristokraten oder die Entwicklung der zeitgenössischen Mode. Sehr beeindruckend ist die südlich von Zwettl gelegene Burg Rapottenstein. Eine der best erhaltenen spätmittelalterlichen Burganlagen überhaupt, erlaubt sie einen interessanten Einblick in das waldviertler Ritterleben. Zugänglich allerdings nur im Rahmen von Führungen. Wie architektonisch abwechslungsreich die Gegend ist, zeigt das Schloß Rosenau. Heute als Hotel geführt, ist es ein gutes Beispiel für den Barockstil. Gleichzeitig beherbergt es das kleine, aber kompetent gemachte Freimaurer-Museum.
Die Renaissance betritt man wieder im Schloß Greilenstein. Selten bekommt man einen so guten Einblick in das Funktionieren des späten Feudalwesens, da Büro-, Gerichtsräume samt Akten noch erhalten ist. Faszinierend ist aber vor allem die Anlage insgesamt mit dem malerisch-heruntergekommenen Park, in dem man gerne einen ganzen Tag verbrächte. Sollte man unbedingt ansehen, wenn man in der Nähe ist.
Als Teil des österreichischen Kernlandes ist das Waldviertel natürlich mit Stiften gesegnet. Von Stift zu Stift fahrend, drängte sich mir die Frage auf, wie die damaligen nicht allzu zahlreichen Einwohner diese Luxusbauten dauerhaft finanzieren konnten. Heute werden die Anlagen als Wirtschaftsbetriebe geführt. Die Klosterläden verkaufen einen aparten Mix von Waren, beispielsweise viel Hochprozentiges und gleich einen geweihten Schutzengel dazu, sollte man sich nach dem Schnapskonsum doch noch ans Steuer setzen.
Eine der schönsten Klosteranlagen des Landes ist Stift Altenburg. Weniger berühmt als etwa Melk ist die Anlage ästhetisch überlegen, weil sich das Barockprinzip von der Struktur bis zu den einzelnen Gebäuden selten so einheitlich präsentiert. Die von Paul Troger mit einem grotesken Totentanz verzierte riesige Krypta zählt zu den faszinierendsten Kunsträumen, die ich bisher sah. Grandios auch Trogers Fresken in der Stiftskirche. Wer sich hinter den Altar schleicht, bekommt eine atemberaubende Perspektive des Deckenfreskos zu sehen. Ein barockes IMAX-Erlebnis.
Paul Troger begegnet man auch im Stift Zwettl, wo er die von Joseph Munggenast erbaute Bibliothek mit seiner Kunst schmückte. Seit dieser Reise gehört Troger zu meinen Barockfavoriten. Alleine seine Arbeiten lohnen eine Waldviertel-Tour. Deshalb sollte auch das vergleichsweise kleine Stift Geras im Norden nicht fehlen, wo Troger seine Kunstfertigkeit im furiosen Deckenfresko des Marmorsaals zeigt.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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