Friedrich Schiller: Der Parasit

Burgtheater

Regie: Matthias Hartmann

Narbonne: Udo Samel
Madame Belmont, seine Mutter: Kirsten Dene
Charlotte, seine Tochter: Yohanna Schwertfeger
Selicour: Michael Maertens
La Roche: Oliver Stokowski
Firmin: Johann Adam Oest
Karl Firmin: Gerrit Jansen
Michel, Kammerdiener: André Meyer
Robineau, Selicours Vetter: Dirk Nocker

Schiller als Autor zu nennen, ist eigentlich nur bedingt korrekt. Das Stück stammt vom heute weitgehend vergessenen französischen Erfolgsautor Louis-Benoît Picard. Schiller übersetzte und bearbeitete den Parasit für die Bühne in Weimar. Man muss Matthias Hartmann sehr dankbar sein, dass er diese Rarität ausgegraben hat. Es mit den großen Schillerdramen zu vergleichen (wie Hartmann in einem Text zur Aufführung), geht freilich zu weit. Der Parasit ist eine handwerklich perfekte komponierte Komödie, die das Favoritenwesen in einem Pariser Ministerium satirisch unter die Lupe nimmt.

Michael Maertens gibt brillant den zeitlosen Yuppie Selicour, der sich opportunistisch allen Vorgesetzten andient, gerne auch als Handlanger für Unappetitliches, und auf diese Weise erfolgreich seine Karriere befördert. Bis vor kurzem Helfershelfer eines korrupten Ministers, ist er bald auch für den neuen, rechtschaffenen Nachfolger unverzichtbar. Der Versuch, ihn durch diverse Machenschaften zu entlarven, scheitert scheinbar. Da es sich aber um zeitgenössisches Unterhaltungstheater handelt, gibt es natürlich ein happy end: Die Verdienstvollen werden belohnt, der Heuchler verstoßen.

Um diesen wirklichkeitsferne Schluss zu relativieren, greift Hartmann zu einem witzigen Regietrick: Er lässt das Ende mehrmals wiederholen – mit unterschiedlichen Ausgängen. Der berufstätige Zuseher kann sich selbstverständlich hervorragend mit dem Gesehenen identifizieren. In Sachen Bürointrigen hat sich scheinbar kaum was geändert in den letzten 200 Jahren, denkt man sich. Das Genre des Stücks kommt Hartmanns locker-komischen Regiestil sehr entgegen, den er ja leider auch bei „unpassenden“ Texten einsetzt. Eine klare Empfehlung.

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"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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